Fahrt nach Arnstadt und auf Schloß Molsdorf . Teil 2 . Schloßinneres

Nachdem ich beim letzten Mal mit Ihnen durch den Park schlenderte, geht es nun ins Museum. Die Haupträume sind leider nur in einer Führung zu besichtigen. Ich war trotz der zahlreichen Besucher der einzige, der sich das Museum ansah. Die übrigen Gäste saßen vor allem im Schloßcafé. So bekam ich also eine Einzelführung. So gut sich das allerdings anhört, war es nicht.

Zunächst einmal kommt man über den Seiteneingang ins Schloß. Aber die Konstellation im gedeckten Treppenaufgang gefiel mir aus irgend einem Grund. Die Deckenhöhe ist hier natürlich alles andere als zufriedenstellend, aber die gekonnte Akzentuierung der einfachen Architektur mit Mobiliar und der zurückhaltenden Nischenstatue, zusammen mit dem sanft einfallenden Licht des wandvertäfelten Treppenhauses, macht doch einen sehr heimlichen Eindruck.

Daß es sich hier auch historisch nicht um einen Dienstboteneingang handelt, veriet nun endgültig der Blick empor zum Deckengemälde des Treppenhauses. Der eher kümmerlichen Dimension des Aufgangs stellt sich dieses illusionistische Fresko ebenso entgegen, wie die Prononcierung der Umkehrpfosten durch große Schmuckvasen, statt der üblichen Knäufe. Man beachte auch die aufwändige Geländerfüllung durch eine sehr ungewöhnliche, bemalte Knoten- und Bändernachbildung aus Holz. Hier zeigt sich bereits, was wir oben noch ausführlich werden beobachten können: Jemand scheint hier auf wenig Raum soviel herrschaftlichen Tand angebracht gewollt zu haben, wie nur möglich war.

Und dieser Jemand war Gustav Adolf Reichsgraf von Gotter. Und Reichsgraf in Verbidnung mit Gotter deutet schon darauf hin, daß es sich um eine Standeserhöhung handelt. Denn eigentlich war Gotter der Sohn eines Kammerdirektors von Herzog Ernst dem Frommen, also bloß eines wenn auch gehobenen Bürgers Gothas. Mit seinem Vater, der auf diplomatischer Mission war, kam er mit 23 Jahren nach Wien. Und das scheint sein Parkett gewesen zu sein. Er schließt Freundschaft mit Prinz Eugen, dessen Portrait er im lebensgroßen Format für den Tanzsaal malen ließ, und erwirbt sich die Gunst des Herzogs Friedrich II. von Sa.-Gotha-Altenburg für seine diplomatischen Dienste.

Mit 32 wird er vom Kaiser in den Freiherrenstand erhoben, mit 48 erhält er die Reichsgrafenwürde. Zwischendurch wird er zum Geheimen Rat Friedrich Wilhelms I. in Berlin ernannt und verdient gutes Geld mit der Aushebung von Soldaten und einer Wollmanufaktur. Außerdem wird er Kurator der Königlichen Akademie der Wissenschaften, Kanoniker in Halberstadt und Generaldirektor der Oper in Berlin.

Bevor wir den Festsaal und damit die eigentlichen Repräsentationsräume betreten, wollen wir noch den Herren selbst ansehen, der dieses Kleinod geschaffen hat. Graf Gotter, ein Lebemann durch und durch, der in diesem Schloß an vielen Stellen sein Lebensmotto Vive la Joie hinterlassen hat, trank viel, liebte viel und hatte seinen Spaß an merkwürdigen Spielchen, wie etwa der Aufhängung von Kleidern und Kostbarkeiten hoch oben an den Bäumen des Parks, die er denjenigen Untertanen geschenkt, die nach dem Startzeichen des Grafen die Bäume erkletterten und sie sich zu holen vermochten.

Das war nicht die einzige „Großzügigkeit“, die ihn trotz reichlicher Ämter ständig in Geldnot brachte. Auch dieses Schloß, für das er drei Millionen Taler herausgeworfen hat, konnte er schon nach 14 Jahren nicht mehr halten. Und das trotz zweier Lotteriegewinne. Der sprichwörtliche Glückspilz. Wie gewonnen, so zeronnen.

1734, mit 42 Jahren, erwirbt er das Renaissanceschloß in Molsdorf, das auf einer alten Wasserburg aufgerichtet ist, und läßt es vom bedeutendsten Barockarchitekten in Thüringen, Gottfried Heinrich Krohne, zu einem Lustschloß umbauen. 1740 ist der Umbau beendet. Da blieben ihm noch acht Jahre bis er es wieder verkaufen mußte. Pedrozzi besorgte den Stuck (wie schon auf der Heidecksburg), die Wand- und Deckengemälde sowie die Portraits stammen von Kupetzky und Antione Pesne. Aber zunächst geht es ganz ohne Stuck in den überraschend kleinen Tanzsaal des Schlosses, der vollends mit eingearbeiteten Portraits vertäfelt ist und einen geradezu noch an die tiefste Renaissance erinnernden Eindruck macht.

Gotter hat hier als aus bürgerlichen Schichten stammender Bauherr nicht etwa seine Familie portraitieren lassen, sondern die Weggefährten seines Lebens. So sehen wir hier gewissermaßen seine eigens angedungene adlige „Familie“. An den anderen Wänden, ihrer Bedeutung für Gotter nach entsprechend größer, sind Prinz Eugen und Friedrich Wilhelm I., der Soldatenkönig, eingelassen. Hier werden gelegentlich Konzerte gegeben.

Nicht nur die Vertäfelung ist der Renaissance entnommen, auch die Deckenfresken atmen noch viel Konservatismus der Zeit. Aber ich denke, wir gehen nicht fehl, wenn wir Gotter einen gewissen Medici-Tick unterstellen.

Aber wie kann dies ein Speisesaal sein, wenn er schon als Tanzsaal recht klein geraten ist? Nun, wie schon im seitlichen Treppenhaus machte Gotter, respektive Krohne, aus der Raumnot eine Tugend und ließ den Saal doppelt nutzen. Aber wie! meine Damen, meine Herren! Wenn schon kein Platz für einen Tisch vorhanden war, dann mußte man erfinderisch werden. Schauen Sie sich einmal das zentrale Deckengemälde genauer an. Es ist – für den Saal nicht sonderlich verwunderlich – in eine Holzrahmung gefaßt. Ahnen Sie etwas?

Richtig, das Gemälde ist der Tisch. Die Tafel wurde tatsächlich im zweiten Obergeschoß vom Personal komplett gedeckt und schließlich zur vollständigen Konsternierung der Anwesenden herabgelassen. Damit nicht genug, der Generaldirektor der Berliner Oper Gotter engagierte zu dieser effektvollen Bitte zu Tisch eine Ballerina, die auf der Fahrt abwärts auf der Tafel tanzte. Nicht kleckern, sondern klotzen wäre auch ein angemessener Wahlspruch Gotters gewesen. Aber der Gentleman gab sich mit dem Lebehoch auf die Freude zufrieden.

Dieser Raum war übrigens völlig zerstört. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden hier Flüchtlinge einquartiert, also echte Flüchtlinge, nicht die Urlaubsflüchtlinge unserer Tage. Im Winter 1946 hat man die gesamte Vertäfelung und das Parkett verfeuert. Der einzige Raum, dem das erspart blieb, war das folgende Musikzimmer – eigentlich die Damenankleide, aber mit Musikinstrumenten auf der Vertäfelung bemalt –, wo man zuerst den Boden zu Feuerholz machte und sodann den Raum aufgrund der Deckenbeschaffenheit angeblich nicht mehr begehen konnte und so die Originalvertäfelung erhalten blieb. Nun, vielleicht hat man auch einfach noch ein bißchen mehr gefroren. Aus Respekt. Das soll bei Kulturmenschen ja vorkommen.

Sie sehen hier bereits einen ungemein, ja geradezu ekelhaften Deckenstuck in der Bildecke. Das Rankenornament – ob gotisch, barock/rokokohaft oder im Jugendstil – hat ja immer eine gewisse Giger-Komponente. Man weiß nicht Recht, ob schleimige Tentakel aus den Deckenecken ins Zimmer ragen oder wenigstens Schwämme und Moose sich ihren Weg bahnen.

Und damit treten wir thematisch wie dem Rundgang nach in den Festsaal, wo dieser Stuck nun omnipräsent wird. Auf kleinstem Raum haben wir hier den Thüringer Barock in Konzentration und Hochform vor uns.

Über dem Marmorkamin sehen Sie Graf Gotter selbst im Jagdkostüm, der sonstige Marmor ist aufgemalt. Rechter Hand liegen die Fenster in den Garten, mit zentraler Sichtachse einst in den Thüringer Wald. Das Deckengemälde zeigt den Sonnenwagen Apolls oder der Aurora mit der einziehenden Nacht von links.

Der Herr, der den Rundgang durchführte, war leider darauf beschränkt einen bis ins Detail, nämlich bis hin zu den Scherzen, auswendig gelernten Text vorzusagen, wogegen ich generell nichts einzuwenden hätte, wenn er nicht zugleich eine ausgeprägte Angst vor der Stille bewiesen hätte, sodaß ich kaum mit fotografieren hinterherkam, geschweige denn vor dem Rausch der Formen und Farben kontemplieren konnte. Sie sehen, ich rekapituliere all das in erster Linie für mich selbst, der ich bei der Betrachtung nicht zur Ruhe kam.

Durch den etwas unruhigen, aufgemalten Marmor kommen die Supraporten leider nicht wie auf der Heidecksburg zur Geltung, sind aber auch malerisch nicht so qualitätvoll wie dort. Dafür ist der Stuck hier noch eine Größenordnung pompöser. In den Ecken die Jahreszeiten. Dagegen ist das Barockporzellan aus Meißen geradezu spartanisch dekoriert. Oder sagen wir, es würde sich noch gerade so einpassen. Was meinen Sie, Johann?

Gleich nebenan findet sich der Schlafsaal Gotters. Hier soll es toll zugegangen sein. Gewahren Sie die beiden Geheimtüren rechts und links vom Bett. Dort gingen die Damen ein und aus, wenn dergleichen nicht jedem Bediensteten bekannt werden sollte. So hängt dann auch das Zimmer voll von wenig züchtigen Portraits. Etwa Gotter selbst mit einer Bäuerin aus der Loge, welche man zu Zwecken standesübergreifender Liebschaften gründete – mal eine ganz andere Erklärung für die aufgehobenen Stände in den Geheimgesellschaften.

Oder auch dieses außergewöhnlich beleuchtete Portrait einer offenbar leichten Dame. Das hat etwas von gewissen Postern in Arbeiterspinten. Immerhin handelt es sich wenigstens von der Lichtwirkung her um ein ausgesprochenes Meisterwerk. Und wer wollte sagen, daß das Beleuchtete nicht schön anzuschauen wäre.

Schließlich gelangen wir in den roten Saal, der ebenfalls größtenteils aus Erinnerungen rekonstruiert werden mußte. Vom Tapetenstoff fand man Reste. Dieser ist also akurat. Ich erinnere mich kaum, aber ich nehme an, es handelt sich um einen privaten Konversationsaal des Grafen.

Das Deckengemälde, für welche Gotter offenbar, wie schon am Eingang deutlich war, eine ganz besondere Vorliebe basaß, zeigt eine Allgeorie auf seine Studienzeit in Jena und Halle, u.a. Astronomie und Architektur – eigentlich das Jus. Aber offenbar ging man auch vor der Ankunft von Hegel und Fichte in Jena gern in die interessanteren Vorlesungen, statt jene des eigenen Studiengangs. Das erinnert mich doch sehr an meine eigene Studienzeit. Merkwürdig, dieses Jena.

Mit einer letzten Impression des Deckenstucks aus dem Schlafgemach entlasse ich Sie nach diesen zwar wenigen und recht kleinen, aber doch ausgesprochen eindrucksvollen Repräsentationsräumen. Im dritten Teil wenden wir uns modernen Stillleben und einer Windmühle zu. Schlafen Sie wohl.

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