Spazierfahrt nach Arnstadt und auf Schloß Molsdorf . Teil 3 . Rückfahrt und Bockwindmühle

So trat ich aus dem Schloß, die Sonne war durch die feine Wolkendecke gebrochen und das Licht schlug durch die Parkeichen auf die Sandwege.

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Zeit für die Abfahrt

Nun ging es auf kleinen Landsträßchen parallel zur Autobahn über Waltersleben und Egstedt Richtung Schellroda. Das schmale Tal macht einen herrlich abgelegenen Eindruck, und als ich hoch auf die Ebene des Erfurter Steigerforstes kam, da überraschte mich noch eine althergebrachte Pflasterlandstraße mit dem früher üblichen Mittelstreifen aus Schlackesteinen in schwarz.

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Pflasterstraße der alten Zeit zwischen Egstedt und Schellroda

In Schellroda mußte ich dann zum gefühlten achten Mal auf dieser Fahrt eine Straßensperrung kreativ über Waldwege umfahren, bis ich schließlich in einem ruhigen Tal entlangrollte und auf einem spitzigen Höhenpunkt, an einer alten Linde, um die herum man wenden konnte, anhielt, um meine letzten Shortbread Fingers zu verspeisen, die neben meiner wöchentlichen Pizza meine Wegzehrung darstellten.

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Scottish Shortbread Fingers . 320g Mehl . 140g Butter . 70g Zucker . 170°C

Wie ich von diesem Höhenpunkt Ausschau hielt (leider habe ich ein Foto von dieser herrlichen Stelle versäumt), gewahrte ich auf der anderen Talseite eine Windmühle am Horizont. Das ist zunächst nichts besonderes und mein Weg führte nur zufällig auf der anderen Talseite empor, als ich sie sogar ausgeschildert fand. Nun war es schon recht spät und ich gedachte zunächst mir diese Bockwindmühle lediglich von außen anzusehen.

Es stellte sich jedoch heraus, daß jemand in der Mühle zugegen war. Und zwar nicht irgend jemand, sondern ein Müller. Ein Müller, der zugleich Maschinenbauingenieur und in diesem speziellen Falle der Restaurator des Objekts, zumindest des Elevators innerhalb der Mühle war und sich gerade anschickte, die letzten Handgriffe seines Arbeitstages auszuführen. Und so fachsimpelten wir eine ganze Weile über die Mühlentechnik. Ich erfuhr, daß die Lagerung der Mühlradachse als Metall auf Speckstein ausgeführt sei. Es waren ursprünglich zwei Mühlwerke mit verschiedenen Antriebsdurchmessern, also verschieden Kraftabnahmen verbaut. Aber auch der rustikale alte Herr konnte sich nicht erklären, wozu das gut gewesen sein könnte.

Er erklärte mir den Weg des Korns, das über mehrere Elevatoren über verschiedene Siebe und Häcksler vor- und nachbehandelt und so durch das ganze Mühleninnere transportiert wurde. Auch die Kraft hierfür wurde über Transmissionsriemen von der Hauptmühlenwelle abgenommen. Im Grunde wurde also mit dieser zentralen Kraftquelle innerhalb des Mühlenbaus bereits umgegangen, wie später mit den Antriebswellen der Dampfmaschinen.

Ich sehe hinauf in das komplizierte Antriebsgestänge und erblicke einen riesigen Fliehkraftregler. Ich bin recht verwundert, denn dergleichen Technik (wie auch das Transmissionsprinzip) erwartet man eher in der Zeit der Industrialisierung. Diese Mühle hier aber stammt von 1743 – also 100 Jahre vor der Premiere des Fliegenden Holländers. Sie wissen schon, der Wind, das Sturmmotiv, mit dem das Vorspiel beginnt.

Und wieder einmal wird klar, wie weit der Maschinenbau bereits vor der Dampfkraft entwickelt war. Ganz abgesehen davon, daß man nie im Leben darauf käme, eine tonnenschwere, aus Eiche gezimmerte Mühle mit ihrem riesigen Mühlenkreuz und der gewaltigen Antriebswelle, den Mühlsteinen und nicht zuletzt dem Haus selbst allen Ernstes zum Drehen der ganzen Chose schlicht auf einen gigantischen Hausbaum mit über einem halben Meter Durchmesser zu stellen, um das gesamte Konstrukt in den Wind drehen zu können. Man würde zuerst immer an eine Art Zahnkranz denken, auf dem der windanfällige Aufbau sicher steht. Aber nein…

Dafür ist die Zahnkranzvariante, wie ich im Nachhinein las, durchaus entwickelt worden, allerdings erst im 20. Jahrhundert, als sogenannte Paltrockwindmühle. Und ich kann mir nicht helfen, daß wir heute also für die Denkweisen früherer Jahrhunderte – sei es nun eine Notwendigkeit der verfügbaren Materialien oder doch eine reine Frage der Ideen – überhaupt kein Organ mehr besitzen. Wenn wir eine solche Mühle aus dem Nichts zu kontruieren hätten, sie würde eben ausfallen, wie eine Mühle, die man im 20. Jahrhundert tatsächlich entwickelt hat. Von unten her (auch durchaus im geometrischen Sinne) können wir Technik als spätgeborene Kenner aller möglichen technischen Lösungen des 20. Jahrhunderts gar nicht mehr denken. Wir sind technisch belastet.

Aber zurück: Ich frage also, was der monumentale Fliehkarftregler dort tue? Der recht aufgeweckte Müller erklärt mir, die sich am Fliehkraftregler hebenden Gewichte seien über ein Gestänge mit der Aufhängung des Mahlsteines verbunden. Erhöhe sich nun die Drehzahl der Antriebswelle, so werde der Mühlstein abgesenkt, der Mahlspalt verringere sich und die erhöhte Reibung bremse die Mühle ein. Damit werde eine zu große Drehzahl verhindert.

Das heißt, hier geschieht genau dasselbe, wie an der Drosselklappe einer Dampfmaschine, nur daß man den Energieeintrag (den Dampf, der hier ja der Wind ist) nicht regulieren kann und also den Widerstand vergrößern muß. Auch das ist verwunderlich, da ich annahm, daß der Mahlspalt präzise eingestellt werden müsse, um eine ganz gewisse Korngröße des Mahlergebnisses zu erhalten. Aber das Mahlgut ändere sich dadurch nicht, sagt der Müller und Mühlenbauer. Übrigens handelt es sich natürlich beim Fliehkraftregler um eine Regelkreisanordnung mit Rückkopplung, also eine fraktale Technik, wenn man so will.

Einen echten „letzten seines Standes“ (das heißt die Reihe des BR) scheint es nicht zu geben, auch keinen Müller, aber diese Sendung ist sehr ähnlich. Mein Mühlenbauer allerdings war uriger, so wie man sich das vorstellt. Ich wollte gern noch etwas über die Frage der Investition in eine solch gewaltige Maschine des 18. Jahrhunderts erfahren, da seine Eltern einst eine Mühle besaßen, aber davon wußte er nichts zu berichten.

Schließlich werfe ich meine zwei Obolen in den Spendenkasten und verlasse die Mühle, als ich draußen noch einen vereinsamten alten, mintgrünen BMW am Zaun stehen sehe. Ich wende mich um und besteige noch einmal die Feise: Ob das sein BMW sei? Ja. Das passe ja, sage ich. Ein 525e von 1985. Ich frage: Reihensechser? Er: Ja. Ich sage: Oh, da macht die Heimfahrt Freude! Er lächelt. Was fahren Sie? Ein ganz langweiliges Auto.

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Wiese oberhalb von Klettbach

Und so gehe ich die wenigen Meter zurück auf jene Wiese, da ich meine Zitrone abgestellt hatte, rolle davon und denke mir: Ein letzter seines Standes. Einen Kilometer später halte ich an und erinnere mich, kein einziges Foto geschossen zu haben. Es war zu interessant. Da denkt man an dergleichen nicht.

Auch solche Männer sind eine aussterbende Spezies. Die kann man mit Zweitausend von den armseligen Quacksalbern der Gegenwart nicht aufwiegen. Und wieder einmal zeigt sich mir, daß der Herrgott mich ins falsche Jahrhundert gesetzt hat. Aber das ist, wie Spengler sagen würde, Schicksal.

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Mühle bei Klettbach . höchstgelegene Deutschlands . 14 PS . bis zu 150kg Getreide/h

Dann kam ich nach Weimar, wir hörten Brahms. Ein ganz langweiliges Quartett. Darauf, da er verstorben ist, eine „Sinfonie“ von Killmeyer, Sie wissen schon, so eine merkwürdige moderne Musik, die aber viel böse Stimmen erregte, weil sie nicht, ja nicht atonal war. Das kam mir abwechslungsreicher vor als das ewig gleiche Gezittere der klassischen Quartettform. Aber um Brahms gerecht zu beurteilen, muß ich freilich seine Sinfonien hören, von denen ich tatsächlich nur eine kenne, die erste. Wenn ich mich allerdings recht entsinne, war diese im Grunde ebenso beliebig, wie jenes Quartettgesurre. Doch ich kenne ja keinen Schmerz, weswegen ich demnächst alle vier durchhören werde.

 

***

 

4 Gedanken zu “Spazierfahrt nach Arnstadt und auf Schloß Molsdorf . Teil 3 . Rückfahrt und Bockwindmühle

  1. Guten Tag Herr Wangenheim,

    falls Sie einen weiteren hochgebildeten, weit gereisten und herrlichen Müller und Mülerbauer und Restaurator kennen lernen wollen, dann besuchen Sie einmal Jochen Köhler in Buchfart.

    Die Felsenburg in Buchfart ist ein weiteres Kleinod der Thüringer Geschichte.

    Grüße aus Gernewitz
    KV

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