Spazierfahrt nach Arnstadt und auf Schloß Molsdorf . Teil 1 . Fahrt und Park

Für etwa eine Viertelsekunde blitzt auf der Autobahnfahrt von Dresden nach Frankfurt bei Erfurt rechter Hand eine ferne Barockfassade tief zwischen altem Baumbestand hervor in das Auges desjenigen, der den Kopf schnell genug wenden kann: Schloß Molsdorf.

Endlich war es an der Zeit, daß ich mir ein Bild machte, wollte es jedoch mit einem Besuch Arnstadts verknüpfen, das in meinen alten Vorkriegsreiseführern mit recht ausführlichen Beschreibungen bedacht wird. Und so ging es einmal mehr auf kleinen Sträßchen in Richtung Westen. Es sollte eine der letzten Fahrten in diese Richtung werden, da ich im letzten Jahr Ostthüringen recht vernachlässigt habe.

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zwischen Oberbodnitz und Großpürschütz

In Blankenhain habe ich für diesen stattliche Schulbau das erste Mal gehalten: eine Art burghafte Vogtei mit romanischer, gotischer und allgemein-historistischer Formensprache. Der Bau wurde 1898 vollendet und kostete 100.000 Mark. 10% waren staatliche Fördergelder, den Rest brachte die Bürgerschaft auf. Die beiden Eingänge trennten die Geschlechter. Früher hatte das Gebäude noch eine ganze Reihe Walmgauben. Der Architekt ist mir nicht bekannt, aber Sie sehen, daß jener Hang zu steilen Dächern und großen Quergiebeln dieser Zeit nicht allein ein Spleen Theodor Fischers war.

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Bürgerschule, heute Realschule Blankenhain

Arnstadt liegt nun gar nicht weit vom Riechheimer Berg entfernt, den ich bereits vor einigen Monaten besuchte, sodaß es auch ein kleines Déjà-vu für die alten Hasen des Blogs gibt, nämlich die herrliche, späterhin (für alle außer Wangenheim) gesperrte Allee unterhalb von Rittersdorf.

Allee zwischen Rittersdorf und Dienstedt.JPG
Allee zwischen Rittersdorf und Dienstedt

Und nach einer Stunde Fahrt und einer weiteren Straßensperrung bei Dienstedt, die ich über einen kurzen Feldweg umfuhr, machte ich im Tal des Mettbaches an einer Pferdekoppel Rast.

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Blick auf Dienstedt . rechts der Kalmberg, links die Muschelkalkhänge von Großkochberg

Manchmal halte ich auch bloß für eine besonders schöne Dorfkirche, die aus groben Feldsteinen gebaut und mit feinem Schiefer gedeckt ist, wie hier in Wüllersleben.

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Dorfkirche Wüllersleben

Aber nun zum eigentlichen Ziel: Arnstadt. Da ich nicht im Osten, von woher ich kam, sondern im Westen der Stadt parken wollte, kam ich nicht umhin, die Stadt zunächst zu durchfahren. Das ist ungewöhnlich für mein Vorgehen und hat die ganze Stadtbesichtigung ins Wasser fallen lassen. Denn wie ich so durch die Stadt rollte, mußte ich allein an den Hauptverkehrsstraßen ein ungewöhnliches Übermaß an Neubürgern wahrnehmen.

Nun hatte ich nicht nur eine wunderbare Fahrt hinter mir, die im rauen Kontrast zu dieser unerträglichen Erbärmlichkeit stand, sondern vor allem waren mir doch bisher dergleichen Ansichten gewissermaßen aufgezwungen worden, da ich bereits zu Fuß in der Stadt umherging und nicht sogleich wieder verschwinden konnte. Diesmal aber war es anders. Ich saß im Auto, rollte durch die Stadt und mein Drang, mich von dieser Abartigkeit sogleich wieder zu befreien besaß deshalb bereits Räder. Und so verspürte ich plötzlich nicht mehr den geringsten Anreiz, den Wagen anzuhalten. Im Gegenteil, so wie ich hineingerollt war, so rollte ich, als hätte ich zu halten nie die Absicht gehabt, wieder hinaus.

Nun werden Sie, insbesondere die Westdeutschen unter Ihnen, freilich mit dem Kopf schütteln, wenn ich Ihnen sage, daß es sich um etwa ein halbes Dutzend dieser dunklen Köpfe handelte, die sich bei der Durchfahrt auf die Steige verteilten. Dergleichen sehen Sie vielleicht etliche Dutzend oder gar hunderte Male am Tag. Aber als Ostdeutscher und strenger Ästhet habe ich andere Toleranzschwellen. Und warum in aller Welt sollte ich mir dieses Trauerspiel nun aus der Nähe ansehen? Wegen ein wenig Architektur, die am Ende dennoch von Schandflecken durchsetzt ist? Ich war froh, als ich die Stadtgrenze überschritten hatte.

Damit sind wir in diesem Blog auch an dem Punkt angelangt, der mir klar machte, daß ich in deutschen Städten, selbst kleinen, keine Freude mehr haben kann, wie schon die letzten Besuche der Städtekette im Orlatal gezeigt hatte, und daher dergleichen Reisen hiermit auch offiziell der Vergangenheit angehören. Damit fällt durchaus ein wesentlicher Teil dieses Blogs überhaupt aus und es bleibt nur übrig, was ich an diesem Tag außerdem noch vorhatte, nämlich auf ein Schloß zu fahren, das nicht in einer Stadt, sondern am Rande eines Dorfes liegt. Dergleichen Ziele sind natürlich noch white-middle-class-only, daher sie auch in Zukunft in meinen Reisekreis fallen, allerdings der Zahl nach nicht sonderlich üppig, wie sie sich vorzustellen wenig Schwierigkeit haben werden.

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der Autobahnblick auf Schloß Molsdorf . Sichtachse des Parks

Hier war es nun ausgesprochen schöner. Zu meiner Verwunderung war der Parkplatz für die Zeit recht gut gefüllt, wenngleich vor allem aus Erfurt und wie ich später erfuhr nicht so sehr des Schlosses als vielmehr des Kuchens wegen.

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Hauptportal des Parks von Molsdorf . rechts im Hintergrund die Schloßkirche

Der Park war ursprünglich barock angelegt, erfuhr jedoch im frühen 19. Jahrhundert eine Umgestaltung, in dessen Ergebniszustand er sich noch heute befindet. 100 bis 150 Skulpturen und Ziervasen schmückten den Park einst.

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Park des Lustschlosses zu Molsdorf

Auf dem Rasenparterre hat man sich die barocken Boskette in geometrischen Formen vorzustellen, sowie deren Eck-Akzentuierung durch Stelen, wie jene hier im Vordergrund. Ebenfalls in der Sichtachse befand sich ein großer Herkulesbrunnen am Abschluß der Zierbeete auf etwa halbem Weg bis zum Ende der Rasenfläche.

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Teich im Park des Schlosses Molsdorf und sogenannter Aha, der Ausblick nach Süden

Im Süden, als Abschluß des nicht allzu großen, langgestreckten Parks findet sich ein Teich, sowie eine turmähnliche Eremitage, etwa wie der Rückzugsort jener Ruine im Park des Schlosses von Großkochberg. Von dieser aus schaut man nun nicht mehr in die Tallandschaft der Gera hinaus und auf die fernen Höhenzüge des Thüringer Waldes, sondern auf einen aufgeschütteten Wall als Schutz vor dem Autobahnlärm. Man hört die Straße natürlich trotzalldem.

Wie ich so vom Turmstumpf hinabsehe, fällt mir eine Plakette auf, die an der Turmwand angeschlagen ist. Von unten jedoch führt kein Weg heran, es ist Wildnis darunter. Da die jahrhundertealte Parkmauer allerdings an einigen Stellen bereits eingebrochen ist, springt der Wangenheim für Sie übers Stöckchen, um der Sache auf den Grund zu gehen.

Mauersprung Molsdorf 320.gif
eindeutiger Verstoß gegen die Parkordnung . immer wieder

Bei der Plakette, die man von oben zu lesen nicht imstande ist, handelt es sich um eine Gedenktafel für die gefallenen Preußen von 1813:

1813 # 1913

Zum Andenken an die in hiesigem Lazarett in der Zeit vom 2. Dezbr 1813 bis 3. Jan 1814 verstorbenen 148 preußischen Krieger.

—*—

gewidmet von dem Landwehrverein.

Molsdorf den 18. Oktober 1913

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eiserne Gedenktafel zur Schlacht bei Jena und Auerstedt

Außerdem gibt es an der Westseite des Parks ein nettes Gartenhäuschen, allerdings für meinen Geschmack zu nah am Hauptbau, der keine 100 Schritt entfernt liegt.

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Gartenhaus im Park des Schlosses Molsdorf

Und beim nächsten Mal begeben wir uns ins Innere des Barockschlosses. Bis dahin müssen Sie mit dieser Außenansicht der doch für meinen Geschmack etwas zu zergliederten und nicht ganz stimmig ornamentierten Fassade vorlieb nehmen, die auch vielleicht nicht in den günstigsten Kontrasten getüncht wurde. Die ungewöhnliche Quervergiebelung der Außenseiten, welche keine Einheit mit der Ballustrade auf dem gerade abgeschlossenen Mittelrisalit bilden, gehören ebenso dazu, wie die chinoisen Ranken in den Außengiebeln, die zwar eine gewisse Ähnlichkeit zur Barockornamentik zeigen, aber letztlich doch mehr Drachenschwänze als Rokokoranken sind. Das ist vielleicht nicht das Glanzstück Gottfried Heinrich Krohnes, was die Außengestaltung angeht, aber wir wollen ja noch hineinschauen.

Schloß Molsdorf.JPG
Schloß Molsdorf

 

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Ein Gedanke zu “Spazierfahrt nach Arnstadt und auf Schloß Molsdorf . Teil 1 . Fahrt und Park

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