Wangenheims Literaturliste zur Gemütsbildung

Ich habe vor ein paar Tagen einmal mehr einen Brief mit der Bitte um Lektüreempfehlungen erhalten, die mir nicht nur die immer größer werdende Nachfrage nach guter Literatur bestätigte, sondern vor allem nun zu einer öffentlichen Empfehlung werden soll, da ich bemerkt habe, daß ich bei jeder Nachfrage solcher Art andere Werke angebe – was mir eben gerade einzufallen pflegt. Um dem ganzen etwas Einheitlichkeit zu verleihen, möchte ich die Liste hier noch einmal ganz in der Ordnung zusammentragen.

Dabei verzichte ich darauf, Sie mit einer Unzahl von Sachbüchern zu überschwemmen. Die einschlägigen Werke sind allgemein bekannt (ob nun Spenglers Untergang, Hegels Rechtsphilosophie, Manns Betrachtungen, Fichtes Wissenschaftslehre, Schopenhauers Wille, Treitschkes Dt. Geschichte, Herders Kant-Kritik u. w. dgl. m. ist) und auch nur für den sehr speziell Interessierten von Belang.

Darüber hinaus zweifle ich jedoch, ob dergleichen theoretische Literatur überhaupt wesentlicher Natur ist – was ebenfalls für die mehr oder weniger schwächeren Pendants von Autoren des 20. Jh. gilt. Ja, ich glaube sogar, daß diese Lektüre in Richtung Zeitverschwendung geht, wenn nicht auch ein ganz anderer Strang Bücher im Regal steht: derjenige zur Gemütsbildung nämlich.

Denn was wollen wir uns von „Preußentum und Sozialismus“, „konservative Revolution“, dem „Geist der Korporation“, politisch-historischen Abhandlungen jeglicher Art usw. eigentlich mitteilen lassen? Konservatismus, wenn er irgendetwas heißt, ist ein treulicher und wohlmeinender Blick auf das Gewesene, das Alte, Bewährte. Aber erzählen uns diese theoretischen Abhandlungen davon? Freilich nur sehr abstrakt. Sie heranzuziehen, um die alte Welt zu verstehen, das hieße ja ein recht absonderliches Zedieren der Aufgabe an die gänzlich Falschen.

Wer das Alltägliche erfahren und damit das Gemüt unserer Vorväter erschauen will, der muß sich von derlei Äußerlichkeiten, wo bloß noch ein gewisser sprachlicher Stil erhalten ist (so wichtig er für das Gemüt auch sei) und sonst im Grunde immer schon die allgemein-philosophischen Prinzipien des Weltbürgers über dem lebensweltlich Fühlbaren der heimatlichen Geborgenheit standen fernhalten und zu anderem Papier greifen: zu dem zwischen den Buchdeckeln der schönen Literatur. Und eben das, die Dramen, Romane und Novellen, die vor allem das 19. Jahrhundert in Fülle und von erstem Rang hervorgebracht hat, sind die eigentlichen Gemütsbildner des Menschen.

Freilich müßte es die Umwelt, die Heimat, die Architektur, die Menschen in der Umgebung eines Jeden sein, die solchen tiefen Eindruck auf die Seele haben sollten. Doch das ist ja offenbar jene verlorengegangene Tiefe des Alltags, die wir heute so schmerzlich vermissen. Die Kulturlandschaft ist agrarisch vereinheitlicht, die Architektur oft verunstaltet oder gänzlich verloren, von Heimat spricht kaum jemand und die Menschen sind selten Beispiel eines anständigen Auftretens und Lebens. Folglich ist diese Bildung nur durch Lebensbilder zu erlangen, die uns das letzte verwurzelte Jahrhundert noch hinterlassen hat, d.i. das Neuzehnte.

Lebensbilder finden sich jedoch nicht in politischen und historischen, gar philosophischen Abhandlungen – wenn es auch ausgenommen sporadisch vorkommen mag und auch die hier angegebene Prosa und Lyrik neben Lustigem, Tränenrührendem, Freiheitsliebendem, Verzweifelt-Kämpferischem, aber auch Verlorenem und Lebensglücklichem oft Tiefphilosophisches enthält. Es ist allein die schöne Literatur und darin die größte und höchste, die uns die Lebensart und Gedankengänge des täglichen Daseins und die Handgreiflichkeit, die Haltung, Umgangsformen, das Tätigsein, den Ton und die herrlichen Charaktere der alten Zeit nahebringen kann.

Und daher nun sehe ich es auch als die vornehmste Aufgabe einer gut sortierten Bibliothek an, diese feine, sprachlich fumlinante und seelisch tiefe Erzählung des Lebens, diese Reise durch ein verlorenes Land wieder lebendig werden zu lassen und damit die Anleitung für die zwanglose Einbettung des guten Alten zu geben, auf daß wir etwas davon wiederbeleben.

Aus meiner eigenen, freilich beschränkten Kenntnis dieser großen Literatur gebe ich Ihnen jene, die ich für uneingeschränkt wertvoll und im besten Sinne für gemütsbildend erachte, in alphabetischer Ordnung an (Ergänzungen können folgen):

*

Anzengruber, Ludwig: Dorfgänge

v. Aue, Hartmann: Gregorius der gute Sünder

v. Auffenberg, Joseph Freiherr: Das Nordlicht von Karlsruhe; Humoristische Pilgerfahrt von Granada nach Kordova (Theil 1)

v. Chamisso, Adalbert: Peter Schlemihls wundersame Geschichte

Dahn, Felix: Der Kampf um Rom (Buch 1 & 2)

Dostojewksi: Die Gebrüder Kasamarow

v. Eichendorff, Joseph Freiherr: Aus dem Leben eines Taugenichts; Viel Lärm um Nichts; Das Marmorbild; Das Schloß Dürande

v. Eschenbach, Wolfram: Parceval

Fontane, Theodor: Irrungen, Wirrungen; Stine; Unterm Birnbaum

Franzos, Karl Emil: Der Stumme; Melpomene

Freytag, Gustav: Soll und Haben

v. Goethe, Johann Wolfgang: Faust I; Die Wahlverwandtschaften; Die Leiden des jungen Werthers; Stella; Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit

Hahn-Hahn, Ida Gräfin: Der breite Weg und die enge Straße

Hasenclever, Walter: Der Sohn

Hauff, Wilhelm: Zwerg Nase; Der Affe als Mensch

Hauptmann, Gerhart: Die Weber

Heine, Heinrich: Deutschland, ein Windermärchen; Harzreise

Herzog, Rudolf: Der alten Sehnsucht Lied: Novellen

Hoffmann, Ernst Theodor Amadeus: Die Fermate

Hölderlin, Friedrich: Hyperion

Kafka, Franz: Der Prozeß

Keller, Gottfried: Die Leute von Seldwyla; Das Sinngedicht

v. Kessler, Harry Graf: Tagebuch (1880-1937) (9 Bde.)

v. Kleist, Heinrich: Michael Kohlhaas; Der zerbrochene Krug; Prinz Friedrich von Homburg; Die Marquise von O.; Das Erdbeben von Chili

v. Kügelgen, Wilhelm: Jugenderinnerungen eines alten Mannes

Lessing, Gotthold Ephraim: Minna von Barnhelm; Die Juden

Mann, Thomas: Lotte in Weimar; Der Zauberberg; Buddenbrooks

Meyer, Conrad Ferdinand: Der Heilige

de la Motte Fouqué, Friedrich: Undine

Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra; Jenseits von Gut und Böse; Ecce Homo; Menschliches, Allzumenschliches

Paul, Jean: Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal

Rosegger, Peter: Sonnenschein

Roth, Joseph: Radetzkymarsch; Hotel Savoy

Rousseau, Jean-Jaques: Träumereien eines einsamen Spaziergängers

v. Scheffel, Joseph Viktor: Ekkehard; Bergpsalmen; Reisebilder

v. Schiller, Friedrich: Die Räuber; Kabale und Liebe; Wallenstein; Gedichte & Balladen

Schmidt, Hermann: Der Jägerwirth von München

Schnitzler, Arthur: Leutnant Gustl

Skowronnek, Fritz: Rittergut Hohensalchow

Spengler, Oswald: Ich beneide jeden, der lebt (Nachlaß)

Spielhagen, Friedrich: Das Sonntagskind (Bd. 3)

Stifter, Adalbert: Bunte Steine; Feldblumen; Der Hagestolz; Der beschriebene Tännling; Das Haidedorf; Der Hochwald

Storm, Theodor: Immensee; Pole Poppenspäler; Der Schimmelreiter

v. Straßburg, Gottfried: Tristan

Strittmatter, Erwin: Der Laden (Bd. 1)

Tolstoi, Graf Lew: Der Morgen eines Gutsherrn; Sollen die Bauernkinder bei uns schreiben lernen, oder wir bei ihnen?

Tschechow, Anton: Die Dame mit dem Hündchen

Tucholsky, Kurt: Rheinsberg

Turgenjew, Iwan: Aufzeichnungen eines Jägers

Uhland, Ludwig: Lieder; Balladen

Wagner, Richard: Mein Leben (Bd. I); Der fliegende Holländer; Lohengrin; Tristan und Isolde; Die Meistersinger; Parsifal

Wieland, Christoph Martin: Musarion; Idris und Zenide; Menander und Glycerion; Krates und Hipparchia

 *

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s