Zur Heidecksburg . Teil 2 . Die Repräsentationsräume und Rococo en miniature

Endlich in Rudolstadt angelangt und die architektonisch überaus reizvolle Stadt durchfahren, gelangen wir nach kurzem Anstieg auf den Sporn, auf welchem das die Stadt überragende Schloß gelegen ist.

Man naht dem Schloß von der Stirnseite, die mit einer sommerfrischen Terrasse abschließt. Der altertümliche Aufweg führt direkt von der Stadt hinauf. Diese Ansicht hat sich dem Fürsten nur dann geboten, wenn er von den Jagdgründen oder Weimar her kam. Seine Ehe mit der Schönburg-Waldenburger und Bentheim-Tecklenburger Tochter Anna Luise blieb kinderlos, sodaß der letzte Fürst des Deutschen Reiches von Schwarzburg-Rudolstadt (seit 1710) Günther Viktor 1919 das Schloß Heidecksburg an den neugegründeten Freistaat Schwarzburg vermachte und damit das erste freizugängliche Schloß in Deutschland schuf.

Schloß Heidecksburg
Schloß Heidecksburg mit einem kleinen Teil der Stallungen

Ebenfalls ungewöhnlich sind die erhaltenen Stallungen, die noch heute als Garagen genutzt werden. An das Hauptportal schließt sich eine erste kleine Terrasse an, von welcher aus der Blick über Rudolstadt und das Saaletal frei wird.

Schloßterrasse Heidecksburg.jpg
Rosenweg und Schloßfront gen Saaletal

Das Museum, dem wir uns zunächst widmen wollen, beherbergt Waffenkammer, Porzellanausstellung, ein Miniaturenmuseum, eine kleine Gemäldegalerie, sowie die fürstlichen Wohn- und Festräume. Die umfangreiche Waffenkammer wird erst im Sommer 2018 wieder zugänglich sein.

Ein ungewöhnlicher Teil der Ausstellung ist das Rococo en miniature. Zwei Grafiker haben in den letzten 50 Jahren aus Pappmache, Gips und wer weiß was noch, eine Vielzahl witziger Rokokowelten mit Figuren und Architektur geschaffen.

Das Ganze hat vor allem humoristischen Charakter, hält sich aber den Kostümen und der Architektur nach an den historischen Stil. Die Detailversessenheit ist recht liebenswürdig, wodurch sich in jeder Ecke etwas Witziges entdecken läßt. Hier etwa sehen Sie das Treiben im Musiksaal: Der Hund jault mit.

Vor der Sonderausstellung stehen diese putzigen Gefährte der Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt, die trotz der verspielten Anmutung keine Miniaturentwürfe, sondern bis auf den Kinderschlitten ausgewachsene Vehikel sind.

Nun wollen wir aber mit den Räumlichkeiten der Fürsten beginnen. Das Schloß wurde im Rohbau vom Dresdner Architekten Knöffel, dem Nachfolger Pöppelmanns erbaut – beide tragen, wie es der Zufall will, im Namen bereits den Knorpelstil des Barock –, nachdem das Renaissance-Schloß durch eine Feuerwerksrakete aus der Hand eines Kindes zu Großteilen abgebrannt war.

Der sächsische Architekt ließ sich jedoch selbst nie blicken und wurde aus Verärgerung wegen Bauverzögerungen durch den Thüringer Baumeister Krohne ersetzt, der auch Schloß Molsdorf bei Erfurt und Schloß Belevedere bei Weimar, Vierzehnheiligen bei Bad Staffelstein und die Orangerie in Gera erbaut hat. Er war infolge des Baufortschritts vor allem für den Innenausbau verantwortlich. Und das hat sich reichlich ausgezahlt. Denn was beim Eintritt in die Wohnräume schlagartig klar wird, ist die Außergewöhnlichkeit ihrer Ausgestaltung.

Der erste Eindruck dieser Räume ist romantisch. Man könnte meinen, es handle sich um einen heruntergekommenen, restaurierungsbedürftigen Saal eines verlassenen Schlosses. Denn derart erdige Farben sind für Barock und Rokoko völlig unüblich. Es läßt sofort an abblätternde Farbe, Schimmel und Moder denken. Aber diese phantastisch zurückhaltende Deckenfärbung in dreckigem Mintgrün, welche einen ausgenommen subtilen Kontrast zur rankenden Barock-Vergoldung bietet und von der dunklen Wandvertäfelung dezent komplimentiert wird, ist, möchte ich sagen, das schönste, das ich an Inneraumgestaltung des 18. Jahrhunderts je gesehen habe. Übrigens sind hier selbst die Kronleuchter im originalen Zustand.

Nun ist es freilich gut möglich, daß manche Farben erst im 19. Jahrhundert aufgebracht wurden. Ob also Krohne dafür verantwortlich zeichnet, ist nicht gesagt. Denn der heutige Zustand entspricht dem des Schenkungstages durch den Fürsten im Jahre 1919. Gleichwohl ist der Eindruck großartig.

Ich halte es jedoch nicht für zu unwahrscheinlich, denn auch sonst wirkt hier abgesehen von der reichen Ornamentik alles durchaus klassizistisch. Das betrifft nicht nur die Farbgebung der Deckengemälde und Wandkonsolen, sondern vor allem schreien die blanken Formen bereits nach dem neuen Stil. So etwa die Fensternischen, die lediglich eine leichte Krümmung am Sturz erhalten haben und im übrigen den Raum absolut klassizistisch wirken lassen (was für Knöffel durchaus typisch ist). Mir scheint also diese Raumfolge von dem seltenen Glück geprägt worden zu sein, am Übergang in die klassischen Formen zur Mitte des 18. Jahrhunderts bereits teilgenommen zu haben, wodurch wir die merkwürdige Verschwägerung klassizistischer Geradheit mit reichem Rokoko-Ornament bewundern dürfen.

Die Raumfolge ist französisch, die Spiegel groß an Zahl und Fläche, und der Lichteinfall am späten Nachmittag ein Hochgenuß.

Dieser Ausflug in die Zukunft endet jedoch abrupt im Festsaal, der im hemmungslosen Barockprunk schwelgt, all die Pastelltöne und Verspieltheiten der Zeit feiert und die sich hier mit besonderer Detailliebe und Akkuratesse ausgeführt finden.

Ich möchte dennoch behaupten, daß die Farbigkeit dieses Saales ebenfalls sonderbar ist. Rot, gelb und grün, wenn auch freilich hell-pastellen, ist innerhalb eines Raumes bereits eine merkwürdige Verspieltheit.

Hier ist ein Sattsehen vermutlich unmöglich. Die Feinheit des Stucks, der schon in den roten Sälen beein- druckend war, ist hier in Vergrößerung fortgeführt und scheint auch an der zwölf Meter hohen Decke um kein Tüttelchen abnehmen zu wollen. Krohne, der den ursprünglich rechteckigen Saal mit allerlei Rokoko-typischen Schwüngen versehen hat und sich hier als Meister der edelsten Verkröpfungen zeigt, dürfte sich damit, bei allem, was ich von ihm kenne, das Denkmal seines Lebens gesetzt haben. — Wir hören einen Satz des schwarzburgischen Hofkapellmeisters Erlebach.

Durch eine Tempelarchitektur auf einer illusionistisch bemalten unsichtbaren Tür, welche von malerisch feinschattierter Vergoldung auf Marmorgrund überwölbt ist, gelangen wir in die grünen Säle.

Auch hier regiert eine gemessene Zurückhaltung, die sich ganz in überragender Präzision des Stucks ergeht. Wie in den roten Sälen sind auch hier zahlreiche Gemälde in die Wand eingepaßt, die allerding von sehr verschiedener Qualität sind. Unsere Führerin weist darauf hin, daß der russische Kommandant sich 1945 wegen der Geschlossenheit des Ensembles entschloß, die Gemälde nicht zur Kriegsbeute zu machen.

Dieses Gemälde wäre vermutlich nicht zu demontieren gewesen, da ich annehme, daß es sich um eine Wandmalerei handelt. Sie zeigt den Baumeister mit seinen Auftragsgebern.

Auch die grünen Gemächer tragen die gedeckten Farben vom Beginn des Rundgangs und erinnern des Grüns wegen noch stärker an die bürgerliche Innenraumgestaltung des 19. Jahrhunderts. Und das ist es auch exakt, was uns diese Farbigkeit so vertraut und gemütlich erscheinen läßt. Sie macht keineswegs den Eindruck einer staatsmännischen Prunksucht, sondern eher den biedermeierlicher Zurückhaltung, einer bürgerlichen Wohnlichkeit mit durchaus angenehm erweiterter Deckenhöhe und ohne jede Konzession an unausführbare Details der Gestaltung. — Wann darf ich damit rechnen, einziehen zu können, Herr Verwalter?

Die Außenanlagen – ein weiteres Schmankerl dieses Schlosses –, sowie die Gemäldegalerie zu besehen, lade ich Sie auf das nächste Mal ein.

*

 

NS: Wußten Sie übrigens, daß der 1912 von Rudolf Herzer komponierte Marsch „Hoch Heidecksburg“ sich auf dieses Schloß bezieht? Herzer wurde 1878 in Rottleben/Harz geboren und leitete als Feldwebel seit 1908 das Musikkorps des III. Bataillons des 7. Thüringischen Infanterie-Regiments Nr. 96 in Rudolstadt. Hier schrieb er den allseits bekannten, vielleicht schmissigsten deutschen Marsch.

3 Gedanken zu “Zur Heidecksburg . Teil 2 . Die Repräsentationsräume und Rococo en miniature

  1. Pingback: Zur Heidecksburg nach Rudolstadt. Teil 1 – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

  2. Pingback: Nach Dornburg . Teil 1 – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

  3. Pingback: Fahrt nach Arnstadt und auf Schloß Mosldorf . Teil 2 . Schloßinneres – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.