Der Historienmaler Hans W. Schmidt . Teil 1 . Eine Ausstellung in der Harry-Graf-Kessler-Kunsthalle Weimar

Ausnahmsweise sollte heute der Soirée russe erst am Freitag stattfinden, auf daß wir uns zuvor noch zu einer ungewöhnlichen Ausstellung einfinden konnten, derer wir uns trotz aller Vorfreude auf die einmalige Gelegenheit gerade noch eine Woche vor ihrer Schließung wieder erinnerten.

In Jena, genauer im Universitätshauptgebäude und im alten Gericht, hängen nach meiner Erinnerung drei Schmidts. Das am reichhaltigsten von uns diskutierte, zeigt dabei Karl-August und Goethe beim Verlassen des Schlosses in Jena, also jenes Gebäudes, welches vor der Errichtung der neuen Universität 1908 abgerissen oder vielmehr als Bauplatz vom Fürsten freigegeben wurde.

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Hans W. Schmidt . Goethe und Karl-August verlassen das Jenaer Schloß

Das ist ein grandioses Bild. Nicht weil es riesig ist, sondern seiner Nahbarkeit wegen. Alles ist in kaltes Braun getüncht, kein Glanz, keine Monumentalität. Ein verregneter, spartanischer Schloßhof. Aber wie gekonnt ist das Licht gesetzt, das in abendlicher Färbung, kurz nach dem Regenguß, den Himmelsglanz und das warme Ockerlicht von den Westgiebeln in den schmalen Pfützen des grauen Hofpflasters spiegelt und damit die Wetterstimmung später Aufheiterung am Abend mit dem angeregten Gespräch der zum Spatziergang gerüsteten Dilettanten zeigt, die auf die älteren Nachzügler warten, die noch auf der Schloßtreppe zugange sind. Das ist in seiner Unbedarftheit der Darstellung meisterhaft, wo wir ob der Teilhabe an einem geradezu bedeutungslosen Moment im Leben großer Männer nur gebannt staunen und interessiert schauen können – und umso mehr, je einfacher uns die abendliche Szene gegenübertritt, je mehr wir geradezu den Duft des eben niedergegangenen Regens schmecken und die Fußtritte im Schloßhof, die undeutlichen Stimmen hallen hören. Eine filmische Szene.

Ich dachte ursprünglich, wir sähen hier rechts Goethe und links Schiller. Daher machte das Gemälde auch einen ähnlich erhabenen Eindruck auf mich, wie das Doppelstandbild von Rietschel auf dem Weimarer Theaterplatz. Die Physiognomien bei Schmidt würden durchaus dafürsprechen. Daß Schiller Stulpenstiefel und gelbe Weste (sic!) trägt, hatte ich dabei als Projektion Schillers als Tragiker auf die Figur Werthers gedeutet. Aber man insistierte von allen Seiten, daß es sich um Goethe links und Karl-August rechts handle. Das ist auch für den Schauplatz des Schlosses überzeugend, insbesondere aber dadurch, daß der Richtige die Werther-Kleider trägt.

Dennoch wird die Lage durch eine Ölskizze im Rektorenzimmer verkompliziert, welche Karl-August in roter Robe zeigt. Diese weist freilich eindeutig auf den Fürsten hin. Daß Schmidt letztlich die bürgerliche Kleidung wählte, möchte ich allzu gern mit dem Bestreben zusammenbringen, beide Verhältnisse zugleich zu zeigen: dasjenige Goethens und Karl-Augusts, sowie jenes zwischen Goethe und Schiller. Aber das ist nur ein Spleen. Schließlich können wir meist den jungen Goethe vom jungen Schiller kaum unterscheiden. Und im Falle Goethens links, stimmen dann auch die Größenverhältnisse ausnahmsweise.

Wenige Meter weiter im Universitätshauptgebäude (übrigens von Theodor Fischer entworfen, der auch hier seinen Hang zu bedeutungsschweren und abgerundeten Giebeln auslebte) hängt ein zweiter Schmidt, der den Besuch des Kanzlers Bismarck in Jena zeigt. Ich müßte es bei Gelegenheit fotografieren (aber ich komme ja in die verhunzte Stadt nicht mehr). Diese Fotografie des Ereignisses mag als Anhaltspunkt dienen. Womöglich war es sogar die Vorlage für das Gemälde, das dieselbe Ansicht zeigt, aber in geschickter Verzerrung der perspektivischen Verhältnisse sowohl viele Burschenschaftler und Belustigte im Vordergrund zechend als auch den gut erkennbaren Bismark unter dem Baldachin aufs Bild bannt. Hier half dann freilich wiederum das ungeheure Format des Gemäldes.

Eventuell stammt noch das Bild einer aus einem alten Baumstumpf wachsenden Harfe auf einer griechischen Inseln samt einer leicht bekleideten Lyra-Spielerin antiker Provinienz dazu, das im alten Gericht hängt. Dessen bin ich mir jedoch nicht mehr sicher. Kurz: Uns war schon jahrelang klar, daß dieser sonst nicht aufzufindende Hans W. Schmidt ein ausgesprochener Meister seines Faches ist, aber dabei blieb es leider auch.

Glücklicherweise flatterte Florian die Ausstellungsankündigung zu und es konnte kein Zweifel sein, daß wir uns in die Harry-Graf-Kessler-Kunsthalle aufmachen mußten. Das ist nicht mehr als eine Halle mit Oberlicht in der alten Kusntgewerbeschule, die umbaut in einem Hinterhof übriggeblieben ist.

Nun war ich im Grunde vorbereitet vor allem Bilder zu sehen, die ich schon kannte, daß man also die Jenaer Bilder herankarren würde und das Gemälde aus dem Weimarer Theater, das in jenem doppelgeschossigen Saal wieder jenen Saal zeigt, in welchem – ja was eigentlich? – vorging… die Einweihung des Theater? Jedenfalls sind Wilhelm-Ernst und Wilhelm II. anwesend.

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Hans W. Schmidt . Saal im Theater zu Weimar

Aber wie! Im Hintergrund, zwar in rot, jedoch recht unscheinbar am Ende des Spaliers, das nicht für ihn, sondern für das Gemälde gebildet wird, der deutsche Kaiser, einen Knicks entgegennehmend. Durchaus zentraler, die Brustseite dem Betrachter zuwendend, in blau, Wilhelm-Ernst, die Honoratioren der Stadt begrüßend. Damit ist die regionale Perspektivität des Gemäldes unmißverständlich kund getan.

Rechts im Vordergrund der preußische (blau), russische (verdeckt) und sächsische Gesandte (grün). Letzterer residierte in der grandiosen Villa im Südviertel, die Sie hier als zweites Haus von rechts betrachten könne. Ganz rechts im Gemälde, den Chapeau claque auf den Tisch gestützt, der Maler selbst. Links die Honoratioren der Universität Jena.

Aber um welche Art Gemälde handelt es sich hier? Es ist tatsächlich gar nicht für das Theater gemalt, sondern eines von zehn Bildern, die Schmidt für die Weimarhalle, den ursprünglichen Bau von 1931, als Zyklus der Stadtgeschichte Weimars gemalt hat. Das Ganze hing in einem den Konzertsaal umlaufenden Foyer, das ein Restaurant beherbergte. Und ebendiese zehn Gemälde gab es heute zu sehen.

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Hans W. Schmidt . Stadtgründung Weimars . 3. Juni 975 n. Chr.

Das erste Bild stellt uns die Gründung der Stadt in der Burg Wimares vor. Otto II. hat jedoch vermutlich nicht Weimar, sondern Wechmar besucht. Otto und der Graf Wilhelm II. sind hier in einer hochmittelalterliche Burg zugegen (es findet sich sogar ein gotischer Turm), offenbar im Thronsaal, der, wie ich sage, den Steinboden von Uhdes „Lasset die Kindlein zu mir kommen“ geliehen habe. Thüringer und deutsches Wappen dürfen nicht fehlen, und auch der Hörnerhelm sowie der goldene Flügelhelm links neben Otto vorm Bauch getragen. Schilde und Helme sind nach meinem Kenntnisstand für das 10. Jahrhundert viel zu modern. Auch dürfte die Burg eher nicht steinern und um einiges kleiner gewesen sein.

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Hans W. Schmidt . Stadtgründung Weimars (Detail) . Kaiser Otto II. und Graf Wilhelm II.

Dennoch sind die Licht-Stimmung und das Figurenarrangement ausgezeichnet gewählt. Rechts haben wir eine dreistufige Tiefenreihung, die mit ernsthaften Figuren besetzt ist, links die perspektivische Reihe mit den tuschelnden Rittern und einem, der noch nicht einmal sein Schild ruhig absetzen kann. Zugleich weist dieses Schild in die Richtung des Throns, in die Wilhelm den Kaiser leitet. Zudem ist die unrealistisch luftige Fensterreihung ringsum für eine recht gute Ausleuchtung verantwortlich.

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Hans W. Schmidt . Gründung des Marktplatzes Weimar

Das zweite Motiv zeigt die Erbauung des Marktes um 1250, d.i. der Herderplatz. Links steht der Vorgängerbau der Herderkirche mit viel zu steilen, nämlich gotischem Dach, rechts die Burg Weimar, ebenfalls mit einem gotischen Turm. Das gab es 1250 in Deutschland noch nicht, als die ersten zarten Anfänge der gotischen Kathedrale in der Île de France sprossen.

Ein ganzer Straßenzug aus Fachwerk entsteht im Hintergrund. Das war die einziehende Moderne, wenn Sie so wollen. Denn die übrigen Häuser sind reetgedeckte Bauernhäuser. Gründerzeit gewissermaßen.

Vorn stehen Arbeiter um eine Zeichnung, im Mittelgrund, vom Pferd herab, gibt der Graf Anweisungen. Die Begleittafeln zweifeln an der planmäßigen Anlage von Städten im Mittelalter. Aber wie viel Plan, wieviel natürliches Wachstum in der Begründung alt-mitteleuropäischer Städte liegt, das ist und bleibt wohl eine offene Frage.

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Hans W. Schmidt . Erbauung des Marktes in Weimar (Detail)

Auch dieses Gemälde ist in seiner Alltäglichkeit, wie sie jene Szene vor dem Schloß in Jena ebenfalls besitzt, durchaus anrührend, ich möchte sagen, es vermittelt das herrliche Gefühl des Zeitsprungs. Man möchte es glauben und als Fotografie verstehen, so selbstverständlich liegt das Treiben vor uns. Ein alltäglicher Sommerhimmel, helle Sandfarben versprechen den heitren Tag und just kommt der Graf vorbei und neigt sich vom Roß herunter. Ebenfalls filmische Qualitäten.

Gleichwohl fehlt dem Bild freilich alle Bedeutungsschwere jener Burgszene. Man könnte sagen, es sind dies die beiden Aufgabenfelder der Historienmalerei: Das Alltägliche so gegenwärtig wie möglich machen, das Besondere so erhaben wie zulässig.

 

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2 Gedanken zu “Der Historienmaler Hans W. Schmidt . Teil 1 . Eine Ausstellung in der Harry-Graf-Kessler-Kunsthalle Weimar

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