Soirée russe . 06 Juli 2017 . Die Ouvertüre vom Barock bis Beethoven und ins russische 19. Jahrhundert

Statt uns endlich der russischen Musik zu widmen, macht Kim den Vorschlag ein wenig Geschichte der Ouvertüre zu betreiben, da wir zuletzt ohne ihn Beethovens Leonoren-Ouvertüre gehört hätten. Wir fahren daher nach einigen einleitenden Worten Florians, wie es zur Ouvertüre und der Sinfonie überhaupt gekommen sei, zunächst mit dem durchaus melodischen und lustigen Vorspiel der Oper Armida von Jean Baptist Lully fort. Darauf Giuseppe Sartis Sabino, von dem ich sage, daß mich eine Passage an Alfred J. Quack erinnere. Das sei besser, als ich es für die Zeit erwartet hätte. Die musikalischen Einfälle seien so langweilig nicht.

Florian führt aus, wie Ouvertüren in der Art von Kofferarien gehandhabt worden seien. Dazu gehöre auch die mehrmalige Verwendung einer Haydnschen Ouvertüre im Finale der 53. Sinfonie sowie im Kopfsatz der 62. Haydn habe im Akkord Musik geschrieben und sich dadurch manche Erleichterung verschafft. Johannes bemerkt dazu, wie auch Bach häufig bereits aufgeführte Kantaten wieder als neu verfaßt aufgeführt habe, da dies in der Fülle der Stücke niemandem aufgefallen sei.

Ich sage, das alles zeige sehr schön, welchen Charakter diese Musik eigentlich habe. Es seien Unterhaltungsstücke ohne Anspruch auf Einmaligkeit. Die Ähnlichkeit zu den griechischen Dramen sei frappierend. Man habe diese Musik ein einziges Mal gespielt und sogleich wieder vergessen. Wenn man sie wiederholt habe, dann aus dem Wissen heraus, nicht dabei erwischt zu werden. Es handle sich tendentiell immer um Gelgenheitsstücke. Ich hätte den Vergleich ja bereits in KuI S. 455 ausgeführt. Wenn unter 100 Sinfonien ein und desselben Komponisten ein paar außergewöhnlich gelungen seien oder immerhin eine gewisse Besonderheit aufwiesen, dann sei das freilich völlig natürlich. Wir hätten es gleichwohl gewissermaßen immer mit Versehen zu tun. Dennoch habe jedes Stück aus der allgemeinen handwerklichen Meisterschaft heraus auch derart gängige Maße, daß keines als schlecht betrachtet werden könne. Es seien alles gute Handwerkstücke. Ausreißer nach unten gebe es nicht, jene nach oben, der Geniestreiche aber, seien ganz wenige darunter. Das gelte noch von Beethoven. Das sei es im Grunde, was Spengler mit Stil gemeint habe: das gute Immergleiche.

Darauf folgt Cherubinis Elisa-Ouvertüre, der ich eine zu ausgedehnte Introduktion der  Orchesterschläge unterstelle. Ansonsten sei hier nicht wenig des üblichen Cherubini-Schwungs enthalten.

Wir schließen die Coriolan-Ouvertüre Beethovens an, welche die Tradition der alleinstehenden Ouvertüre begründet habe. Denn es gebe keine Schauspielmusik dazu, sondern nur die Ouvertüre zum Drama von von Collin. Ich sage, dieses Stück sei mir im Zusammenhang mit der Fünften einmal von Karajan untergeschoben wurden, ich sei aber enttäuscht gewesen. Und mir werde nun auch klar, weshalb. Ja, sie habe durchaus viel mit der Fünften zu tun. Sie sei im Grunde exakt so geschrieben, wie ihre kurz zuvor verfaßte Schwester aus dem Sinfonischen.

Etliche Effekte kämen direkt aus der Fünften, die Gesamtanmutung sowieso. Allerdings fehle ihr alles Eigentliche, was die Fünfte ausmache. Denn das sei eben auch hier nicht das Handwerk, sondern die melodischen Ideen. Man könne gut und gerne sagen, die Coriolan-Ouvertüre sei die nochmals geschriebene Fünfte Sinfonie mit unzureichenden melodischen Einfällen. Sie sei deshalb ein wunderbares Beispiel dafür, wie lahm eine handwerklich ausgesprochen ähnliche Musik ohne die ganze Großartigkeit der beschwirrenden Motive wirke.

Da wir nun bei unserem Ziele angelangt waren und ich protestierte, nochmals die Leonoren-Ouvertüre, dazu in allen Fassungen! zu hören, schlug ich vor, mit einem Russen abzuschließen. Und so folgte Mussorgskis Chowantschtschina. Schon das Eingangsmotiv, das mich an irgendetwas erinnere, zeige eine unnachahmliche russische Färbung.

Wir beschließen beim nächsten Mal eine russische Oper vollständig zu hören. Ich frage, ob wir nicht eine andere als diese von Schostakowitsch nachbearbeitete Oper Mussorgskis hören könnten. Es wird Tschaikowskis Jewgenij Onjegin vorgeschlagen. Wir hören die kurze Einleitungsmusik. Auch hier komme mir das Hauptmotiv bekannt vor [wahrscheinlich in der 1939 Biografie-Verfilmung von Tschaikowskis Lebens als Musik verwendet]. Wir sind uns einig, daß es sehr an Griegs elegische Melodien oder ähnliches erinnere.

Wir schließen mit Tanejews Oresteja Konzertouvertüre und seinem Zwischenspiel Apollon-Tempel in Delphi ab. Beides sei mir allzu eintönig gewesen. Die verwendeten Motiv könne man sich vorhersehbarer und langweiliger in ihrem eintönigen Gang ja gar nicht vorstellen. Das allgemeine Urteil fällt sehr günstig aus. Aber es ist schon spät. Lassen wir es darauf beruhen.

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