Soirée russe . 04 Okt 2017 . Teil 1 . Ähnlichkeit und Entfernung der russischen und amerikanischen Musik von der europäischen

Im Dorf wird an der Straße gearbeitet. Fahrzeuge, von Rädern abgesehen, können nicht passieren. Und ich darf sagen, es ist ein Traum in einem Sackgassendorf zu leben. Ich dachte einst, ein wenig Lebendigkeit, wie eine mager befahrene Straße in Sichtweite, habe ihr Gutes. Aber die kolossale Stille, die nun eingekehrt ist, bringt eine derart tiefe innere Ruhe mit sich, daß es einen Sinn dafür vermittelt, welche Freiheit in solcher Abgeschiedenheit liegt. Je weiter weg, desto besser. Notiz für zukünftige Grundstückssuche.

In Weimar, das nun einhalb mal weiter entfernt liegt, beim Uhrmacher, wegen einer winzigen Batterie. Was für ein Fehler, eine Uhr ohne Aufzug zu besitzen. Woher ich die dünnen Handschuhe hätte, fragt die Dame, nachdem Sie mir unverschämte fünf Euro für die kleine Linse abgenommen hat. Das sei wohl Erbmasse? Ich erwidere: Ja, Erbmasse. So etwas bekomme man heute nicht mehr. Leider war keine Uhr darunter.

Bevor der musikalische Abend beginnt, spazieren wir auf den Friedhof. Unser Musikus hat das Grab Hans W. Schmidts, des Historienmalers, entdeckt. Sein schmuckloser Grabstein steht neben einem russischen Obelisken, der dem Vater seiner Frau angehört, und der, wie wir später erfahren, Pastor der russisch-orthodoxen Kirche in Weimar war, übrigens auch derjenigen in Karlsbad. Womöglich hat das noch die alte Goethe-Verbindung vermittelt. Das Grab wirkt merkwürdig, mit dem altehrwürdigen Obelisken patriarchalisch in der Mitte und den niederen, modernen Steinen zur Linken und Rechten, rechts ohne Gravur, vorn auf kleineren die Kinder. Dabei ist doch der bedeutendste Mann in der Familie der Maler. Es dauert ein wenig, bis wir sehen, daß der Name des Russen (Ladinsky) mit dem von Schmidts Ehefrau identisch ist und wir uns darüber klar werden, daß dem Monarchisten Schmidt im Jahre 1950 kein besonderes Grab zuteil werden konnte.

Grab Hans W Schmidt Weimar.jpg
Florian hat freundlicherweise das Grab nachträglich fotografiert

Weiter hinab das Grab Prellers mit einem wirklich großartigen Vierzeiler Goethes in altem, etwas unbeholfenem Satz des mittleren 19. Jahrhunderts eingemeißelt und ausgemalt (ich erinnere mich leider nicht). Die Portraitplakette von Donndorf 1883, gegossen in Dresden. Er war Schüler Rietschels, der das Doppelstandbild Goethes und Schillers auf dem Thaterplatz in Weimar geschaffen hat, und ist selbst der Schöpfer des Luther-Standbildes in Eisenach und des wohl bekanntesten Bismarck-Portraits.

Grab Preller Weimar.jpg
Auch dieses Foto hat unser Musicus nachgeliefert

Schließlich, nachdem es zunächst aufgelockert und sonnig geworden war, in strömendem Regen zurück. Einiges zur Wahl, diversen Reaktionen und Aussichten, einiges zum Börsengeschehen und meinen derzeitigen Nachforschungen. Dann bitte ich um Musik. Florian legt auf. Ich solle raten. Es ertönt folgendes Stück.

Gleich nach den ersten Takten sage ich: eindeutig 20. Jahrhundert. Im weiteren Verlauf fallen mir starke Ähnlichkeiten mit der Filmmusik seit der Mitte des Jahrhunderts auf. Dann, im zweiten Teil, ertönen volkstümliche Klänge, russisch, pseudo-arabisch und fernöstlich (jetzt beim zweiten Mal höre ich zudem Schottisches). Es könne freilich auch aus den Dreißigern sein, sage ich, oder was dergleichen noch früher seinen Ursprung habe. Die Komposition selbst sei ziemlich zerklüftet, aus Effekten zusammengeschustert, funktioniere jedoch durchweg. Hin und wieder eindeutig Harmonieübergänge des 20. Jahrhunderts, aber im ganzen eine sehr konservative Arbeit. Das scheine mir ein witziger Russe zu sein und die Form laute offenbar Kopfsatz, langsamer Satz, Scherzo.

Florian löst auf: George Chadwick, einer der Boston five, eine sinfonische Dichtung auf Tom O’Shanter nach einem Geicht von Robert Burns. Florian erklärt den Zusammenhang der Einzelteile mit dem Gedicht.

Das sei ja erstaunlich, sage ich, nicht nur in Hinsicht der Verwechselbarkeit von Russen und Amerikanern in der Musik, wie wir sie schon öfter diskutiert hätten, sondern auch insofern hier dieselbe Volksmusik für das Sinfonieorchester herhalten müsse, wie bei den Russen: fernöstlich, arabisch und russisch selbst. Florian erinnert an Thomsons Louisiana Story, der der folgenden Komponistengeneration entstamme und bei welchem wir bereits dieselben fernöstlichen Töne beobachtet hätten. Dieser habe es aus einer Abneigung gegen alles Europäische (Deutsche) für die einzige verwendbare fremdländische Musik gehalten, während Chadwick der ersten Generation amerikanischer Komponisten entstamme. Diese seien durch die Bank Verehrer der deutschen Musik gewesen und hätten auch in deutschen Konservatorien die Schulbank gedrückt, u.a in Leipzig, wo auch Rudorff und Grieg gesessen hätten (letzterer habe bei den Amerikanern ebenfalls hoch im Kurs gestanden).

Und trotzdem die Russen wie die Amerikaner doch im Herzen des musikalischen Fortschritts studiert hätten, so sage ich, nämlich in Deutschland, hätten Sie beide die Irrwege der europäischen und besonders deutschen Musik im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert nicht mitgemacht. Florian erklärt, man hätte an den Konservatorien auch nicht die Neudeutsche Musik gelehrt, sondern den ganz klassischen Tonsatz. Insofern sei das nicht verwunderlich. Ich gebe zu bedenken, daß selbiges jedoch auch für die deutschen Komponisten gelte. Gleichwohl seien sie der Sackgasse, die mit der Zwölftonmusik geendet habe, entkommen.

Gleichwohl oder gerade deshalb hätte eine solche Musik, wie wir sie gerade von Chadwick gehört hätten, unter den meisten deutschen Komponisten der Zeit, also kurz nach 1900, Gelächter hervorgerufen. Florian pflichtet mir bei. Solche Musik sei, sage ich, für diesen Modernismus an Primitivität kaum zu überbieten gewesen. Etwas ähnliches gelte für die Masse der russischen Musik. Und das, obwohl die Russen wie die Amerikaner natürlich Wagner gekannt und verehrt hätten, der ja die Entwicklung mit dem Tristan angestoßen habe. Zwar kämen auch bei Chadwick ganz klar moderne Harmoniespielereien vor, aber so zurückhaltend und selten, daß es sich lediglich um ein weiteres Element musikalischen Ausdrucks handle. Im Gegensatz dazu habe sich die Spätromantik darin gefallen, nur noch an diesen Harmonisierungen zu hängen und darin den ganzen Sinn der Musik zu sehen.

 

 

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2 Gedanken zu “Soirée russe . 04 Okt 2017 . Teil 1 . Ähnlichkeit und Entfernung der russischen und amerikanischen Musik von der europäischen

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