Der Historienmaler Hans W. Schmidt . Teil 2 . Eine Ausstellung in der Harry-Graf-Kessler-Kunsthalle Weimar

[Die Fotos wurden entfernt.]

Der ziemlich lächerliche Einleitungstext der Ausstellung gab sich absurde Mühe, den gezeigten Bildern eine Verbindung mit dem Reformationsjahr 2017 zu verleihen… weil die Herrscher in Weimar Protestanten gewesen seien. Gott, sind die verzweifelt.

Immerhin ist tatsächlich eine (!) Reformationsszene zu sehen, nämlich die Einkehr Johann Friedrichs des Großmütigen in Weimar. Das ist der Hanfried, der in einem Standbild des 19. Jahrhundert (noch mehr Historienkunst) auf dem Jenaer Marktplatz steht, jedoch seine eigentliche Rückkunft in Wolfersdorf feierte, als ihn an der noch heute danach benannten Kurfürsten-Brücke vor dem Schloß „Fröhliche Wiederkunft“ nach fünfjähriger Gefangenschaft seine Frau empfing.

Kurfürstenbrücke Wolfersdorf.JPG
Kurfürsten-Brücke XV.IX.MDLII / eingebaut 9.10.1913 . Wolfersdorf im Februar 2017 bei meiner Baedeker-Wanderung fotografiert

Noch in der Gefangenschaft ließ er das Schloß errichten, in welchem seine Frau seiner harrte: Fröhliche Wiederkunft, ein Wasserschloß, das ein im Schmalkaldischen Krieg zerstörtes Jagdhaus ersetzte.

Schloß Fröhliche Wiederkunft Wolfersdorf.JPG
Jagdschloß Wolfersdorf im Februar . im Vordergrund formschöner Metallstabzaun, damit ja niemand ans Ufer gelangen kann

Das war also die eigentliche Wiederkunftszene des im Schmalkaldischen Krieg gefangengenommenen Kurfürsten, der freilich nachher keine Kurwürde mehr besaß. Aber für die Weimarer Stadtgeschichte lag die Rückkunft freilich im Einzug Hanfrieds in der Stadt selbst, die er übrigens bis zu seinem Tode bewohnte.

Hier sehen Sie den Markt in Weimar mit Blick auf das Rathaus. Allerdings ist das heutige Rathaus ein neogotischer Bau, der die gesamte mittige Häuserzeile ersetzte, statt nur den markant hervorstehenden Renaissancebau zu erneuern. Interessanterweise wurde dieser aber erst 1583 errichtet. Zum Einzug Hanfrieds stand der alte Bau von 1396 zwar auch nicht mehr, der 1424 abbrannte (Wo tagte 150 Jahre lang der Rat der Stadt?), aber der hätte vermutlich und merkwürdigerweise wiederum Ähnlichkeiten mit dem neogotischen Bau der noch heute steht.

Erneut haben wir hier ein Spalier für den Betrachter des Gemäldes vor uns, wie Schmidt offenbar gern Versammlungsszenen komponierte. Im Zentrum der Fürst auf einem Schimmel, Ritter zu Roß neben ihm, das Volk um ihn herum, Banner flattern im Winde, die Stadtherren empfangen ihn, Hunderte auf dem Platz und Dutzende an den Fenstern der umliegenden Häuser.

Nun kommen wir zu den mittleren Bildern, die einen veritablen Qualitätsschwund bezeugen. Aber auch daraus lernt man nicht wenig. Zum einen ist da ein Konzert Bachs in der Schloßkirche der Wilhelmsburg im Jahre 1714.

Dieses Bild ist schon seiner flauen Lichtwirkung nach mittelmäßig. Die Ausleuchtung ist viel zu gleichmäßig und eine besondere Stimmung läßt die Szene daher gänzlich vermissen. Man weiß auch nicht, was die Figuren links im Vordergrund sollen, wo es doch nicht um das Kirchenambiente, sondern das musikalische Ereignis geht. Die Konzertstimmung ist in der Skizze, von denen zu jedem Werk Beispiele in Vitrinen ausgestellt sind, deutlich besser getroffen.

Außerdem, so bemerkt Florian, sei Bach hier als echter Konzertmeister dargestellt, während er im Gemälde dirigiere wie ein moderner Komponist. Erst hier sähe ich, wie ich anfüge, daß auch hinter den drei Sängern der Mitte Instrumente gespielt würden. Die ganze Stimmung sei durch die ausschließlich stehenden Figuren sehr erstarkt. Florian fällt die Wellenbewegung der Köpfe im Hintergrund auf. Die ganze Anlage ist dynamischer und gegenwärtiger. Einzig die drei Sänger im Vordergrund seien im Gemälde natürlicher in Haltung und Emphase.

Das nächste mittelmäßige Bild ist jenes der Tafelrunde Anna Amaliens. Zum Vergleich können Sie hier den Originalsalon sehen.

Hier habe ich vergessen, die nötige pädagogische Detailaufnahme zu machen. Aber was nicht schön ist, fotografiert man nicht. Versuchen Sie bitte auch ohne diese nachzuverfolgen, daß Goethe (3. v. l.) und Karl August aneinander vorbeisehen. Aber nun achten Sie auf die Kleider: Im Vergleich zum Bild vor der Jenaer Universität ist es hier wieder genau andersherum gemalt… Goethe soll lt. Beschreibung der Mann im braunen Justecorps sein. In der Skizze jedoch:

ist es ein roter und damit eindeutig ein Anzeichen adliger Garderobe womit die Figuren einmal mehr umgekehrt sind. Goethe nun also in derselben Kleidung wie vorm Schloß in Jena als Werther, obgleich allgemein bekannt ist, daß er im dunkelblauen Frack in Gesellschaft ging. Die Sache ist noch nicht entschieden, wie Sie sehen! Jedenfalls handelt es sich um eine Reminiszens an das Werk von 1908.

In dieser Skizze schauen die beiden einander auch an. Einzig Anna Amalia (2. Dame von r.) hat im ausgeführten Gemälde Blickkontakt mit ihrer Gesprächspartnerin zusammen mit dem stehenden Herr, der sich herunter beugt (Knebel?). Das Paar im Hintergrund schaut ebenfalls aneinander vorbei – in der Skizze dagegen nicht. Man fragt sich, warum er in der Ausführung so nachlässig war.

Doch gibt es eigentlich in jedem Gemälde Schmidts auch bei allgemein mäßiger Komposition irgendein Schmankerl. In diesem Fall ist es der graziöse und ausgesprochen adrette Diener ganz links, der mir samt seines Porzellans ein Detail wert war.

Schließlich wird es lichttechnisch wieder etwas besser und wir kommen zu einem Dramenvortrag Schillers im Stadtschloß von Weimar.

Die Armhaltung Schillers ist recht unnatürlich und die Weste so kurz, daß man glaubt der Mann sei verwachsen – und das bei jenem Dichter, den die Weimarer Hofdamen mit preußischen Offizieren verglichen. Mir gefällt der lässig dreinsitzende Herr rechts im grünen Frack besonders.

Man bemerke, wie hier allein die ganz andere schneidertechnische Anmutung eines Fracks um 1800 ohne ein Anzeichen von Unsicherheit wiedergegeben ist. Die merkwürdig ineinander übergehende Kargen-Schulter-Partie dieser Zeit mit daraus resultierend stark ansteigenden Schultern ist trefflich modelliert, wie auch die Schöße. Der helle Hut übrigens verweist auf den Sommer. Es handelt sich um einen Strohzylinder. Angesichts solcher Bilder darf man sich nicht vergegenwärtigen, wohin wir Garderoben-technisch gekommen sind!

Dazu gehört auch diese Straßenszene vor dem Hause Goethes, die als Schulwandbild ausgeführt ist. Statt Karten zu zeigen, hängte der Lehrer also in der Literaturstunde dieses Gemälde auf. Darf ich nochmal um 1900 zur Schule gehen? Ich habe jedenfalls so anschaulichen Unterricht nie genossen. Wenigstens nicht in Literaturstunden, weshalb ich das alles für mich entdecken mußte und im Unterricht fast ausschließlich Blödsinn gelesen wurde.

Nun muß ich hier erneut ein wenig beckmessern. Denn die Kutsche hat freilich nicht vor dem Haus gestanden. Goethes Haus war mit Grund in einen vorderen und einen Hinterbau zweigeteilt und besaß zwei Tore, eins zur Ausfahrt, eins zur Einfahrt. Man konnte in einem Zug in den Hof einfahren und wieder hinaus, sodaß man lediglich an der verwendeten Kutsche ersehen konnte, ob Goethe oder ein Gast ausfuhr oder heimkam. Aber es sollte ja alles pädagogisch sichtbar sein: künstlerische Freiheit. Und es ist doch ein wunderbares Bild zur Anschauung im Unterricht. Übrigens hat hier Schiller gelbe Weste und Stulpenstiefel an. Sie sehen, meine Theorie stirbt nicht aus.

Zum Ausklang dieses zweiten Teils, den wir beschließen, um uns noch mindestens ein außergewöhnliches Gemälde für den dritten Teil aufzuheben, nehmen wir uns eine kleine, fast unscheinbare Skizze vor, die wie oben Schiller und Goethe vorm Eingang des Hauses am Frauenplan zeigt. Und vielleicht erraten Sie aus der Darstellung Schillers bereits, welcher traurige historische Moment in dieser Szene zur Anschauung kommt.

Es ist das letzte Auseinandergehen des Dichterfürsten mit „unserem Schiller“. Vergessen Sie für einen Moment, daß fälschlich einmal mehr Goethe größer ist. Denn: Was für ein grandioses Werk. Der schwankende Schiller, halb noch an der Tür sich stützend, völlig abgemagert und schal blickend, aufgelöst, desorientiert bald, wird von seinem Freund fest bei der Hand und führend an der Schulter gehalten, als er ihn so ungern entläßt wie nie zuvor. Der ergriffen bekümmerte Goethe blickt ihm innerlich bestürtzt ins Gesicht. Schillers zugewandter Blick, halb bittend, halb ratlos, scheint bereits abwesend zu sein. Er wird die Stufen hinuntersuchen, sich kaum umwenden und unsicher, wie ein alter Mann den Frauenplan hinablaufen. Und Goethe, der ihm nachsieht, lange, lange, wird ihn nie wieder sehen.

 

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