Soirée russe . 20 Juli 2017 . Teil 1 . Fahrt nach Weimar . verlassene Gehöfte und das Ilmtal

Schon länger wollte ich Ihnen ein Abbild meiner Fahrt nach Weimar vorlegen. Und da ich derzeit mit Fassadenmalern befaßt bin und meine Ausflüge daher rar sind, nehme ich diese Lücke zum Anlaß, Ihnen jene wöchentliche Fahrt einmal vorzustellen.

Es handelt sich um die kürzeste aber auch langsamste Strecke, die ich zur Auswahl habe. But that’s a feature, not a bug. Wir beginnen – um etwas altes Material zu verarbeiten – mit dem Gneuser Tal, das ich im letzten Jahr (rückwärts) vom Rad aus aufgenommen habe.

GneuserTal2.JPG
Gneuser Tal

Zwischen Großbockedra und Sulza gibt es dann im Vorbeifahren einen kurzen Blick ins einige Kilometer westwärts liegende Saaletal. Ich weiß nicht recht warum, als daß es ein nur bei geringerem Tempo auffalender Ausblick wäre und die Baumreihen und Talkulissen so schöne Parallaxen zeigten, aber ich empfinde diesen Moment des Kulissenverschiebens immer wieder als einen typischen Kutschausblick.

Bocker.JPG
hinter Großbockedra (Schluß des kurzen Filmausschnitts)

Den Talrücken entlang geht es dann tatsächlich über das Saaletal und ich fahre ein paar Kilometer Autobahn durch den Tunnel, aber sogleich wieder ab und lasse mich parallel zur Autobahn von Bucha (wo ich an einer Agrartankstelle Sprit fasse) langsam ins Tal rollen.

Zwischen Bucha und Göttern.JPG
leichtes Gefälle und vier Kilometer sanftes Rollen von Bucha nach Göttern

Von der Autobahn aus sieht man dieses weite Tal natürlich nicht. Sie verläuft links auf einer Aufschüttung, mit Sichtschutz in die Natur. Als ich letzte Woche nach dem Genuß des Historienmalers Hans W. Schmidt erstmals im Hellen von Weimar zurückfuhr, da der russische Musikabend ausfiel, war auch der Rückweg eine wunderbare Fahrt bei herrlich mildem Sommerwetter.

Von Göttern nach Bucha.JPG
leichter Anstieg von Göttern nach Bucha

Durch den kleinen Ort Göttern (wo es mich fast einmal dauerhaft hinverschlagen hätte) weiter einen Katzensprung nach Magdala. Dort ist die Ortsdurchfahrt derzeit gesperrt, aber man findet einen Weg durch die engen Gassen und ist dann umso mehr für sich, wenn es auf der verlängerten Richard-Wagner-Straße nach Mellingen geht.

Zwischen Magdala und Mellingen 2.JPG
Landgehöft zwischen Magdala und Mellingen

Hier kommt man an vier vereinzelt gelegenen Gehöften vorbei. Eines steht bereits vor Magdala und nun geht es fröhlich fort. Eines recht nah am Ort, eine Mühle etwas abseits der Straße, dann jenes auf obigem Bild, ein Chausseehaus auf etwa halber Strecke und schließlich, vorm Ortseingang von Mellingen ein völlig verfallener Hof, der kaum verbaut noch altertümliche Struktur besitzt.

Gehöft vor Mellingen.JPG
verlassenes Gehöft vor Mellingen

Der Ort selbst beginnt ebenfalls mit einem verfallenen Hof, der sich jedoch teils in Restaurierung befindet. Und hier ist nun besonders gut die alte, an das 18. Jahrhundert erinnernde Substanz zu erkennen, die einen Hauch von Märchendeutschland-Architektur verbreitet.

Gehöft vor Mellingen 2.JPG
alter, verfallener Hof am Ortsrand von Mellingen

Welche Details aber sind es, die diesen Eindruck erwecken? Zunächst einmal ist das Walmdach auf einem eingeschossigen Bau ein recht klarer Hinweis auf das 18. Jahrhundert. Sie erinnern sich vielleicht an die alte Posthalterei in Weimar? Dort handelt es sich um ein Mansardwalmdach mit vielen Gauben, was noch deutlicher nach der ornamentalen Verschwendung der alten Zeit aussieht. Hier im Bild rechts ist natürlich der Schornstein nachträglich eingemauert.

Außerdem sehen Sie hinter dem abgebröckelten Putz eine Schwertung, deren Gefach mit Feldsteinen ausgemauert ist. Dazu gesellt sich das Feldsteinfundament und die uneinheitlichen Fenster, sowie die Deckung mit geraden Biberschwänzen – allesamt Zeichen guter alter Bausubstanz, leider in desolatem Zustand und mit Schildern, Verkehrsbaken und Leitplanken verschandelt.

Vor Taubach
das Ilmtal vor Taubach bei Gewitterstimmung

Dann folgt eine meiner Lieblingsstellen, die Aue vor Taubach, wo von der leichten Höhe der Straße aus, dieser Park-ähnliche, ferne, aber faszinierende Einblick in einen Ilmmäander erscheint. Und er sieht bei einem Wetter schöner aus als beim anderen. Hier ganz besonders effektvoll: die erhellte Aue vor schattigem Getreide.

Vor Taubach.JPG
die baumbestandene Ilm im Abendsonnenschein

Fahre ich über Jena, so führt eine ebenfalls recht abgelegene Straße bis nach Mellingen.

Zwischen Kleinschwabhausen und Lehnstedt.JPG
zwischen Kleinschwabhausen und Lehnstedt

Diesmal kam ich über jene Strecke, hatte zwei Kilometer zuvor einen recht flotten Radfahrer überholt, der aber, als ich für dieses Foto ausstieg, wieder an mir vorbeizog. Erst am Ortseingangsschild Weimar habe ich den Raser allmählich wieder eingeholt.

Da noch etwas Zeit war, lief ich in die Stadt, genoß wieder einmal die reiche Gründerzeitarchitektur des Südviertels und einiger Innenstadthäuser und las zur Abwechslung kurz die Zeitung, als ich Herrn Costadura, einen meiner ehemaligen Romanistik-Professoren bereits im zentralen Lesesaal sitzen sah (Italiener mit ausgezeichnetem Deutsch). Guter Mann.

Ich schlug die Züricher auf und sah in einen offenbar zum Ausgleich gedachten Beitrag zur starken Polarisierung des politischen Gefüges. Kaum hatte ich aber den Artikel begonnen, der mit Selbstverständlichkeiten erst einmal einen gemeinsamen Boden zu gewinnen trachtete, da las ich: Wer möchte vernünftigerweise leugnen, dass es schlecht ist, Menschen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Religion oder ihrer ethnischen Zugehörigkeit zu diskriminieren, wobei diese Diskriminierungen in der Geschichte tatsächlich stets mit verbalen Herabsetzungen einhergingen?

…und hob also für Jedermann ersichtlich die Hand: Hier! Hier! Ich möchte! Ich möchte bestreiten.

Und so hatte die Züricher – die konservativste Zeitung des Mainstreams, d.h. also vielmehr das am wenigsten linke Blatt desselben – bereits nach nur einer Handvoll noch gerade akzeptabler Sätze den Wangenheim wieder verloren. Ich sah zum Dachfenster hinauf und die Wolken auf blauem Grunde vorüberziehen, als ich mir dachte: Dieses Progressions-Lüftchen könnt ihr vielleicht manchem degenerierten CDU-Wähler als frischen Wind verkaufen. Ich sehe darin immer noch die Geißelung der bürgerlichen Welt. Aber bürgerlich heißt ja heute lieb-traut-fein und ja kein ernstes Wörtchen. Ich lebe eben in überholten Zeiten. Zum Glück.

Ein Gedanke zu “Soirée russe . 20 Juli 2017 . Teil 1 . Fahrt nach Weimar . verlassene Gehöfte und das Ilmtal

  1. Pingback: Soirée rusee . 03 Aug 2017 . Weber, Mendelssohn-Bartholdy und Parsifal – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

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