Der gute, passende Herrenanzug . Teil 3 . Hose, Weste, Hemd

Nun ein Wort zur Hose. Länge und Weite sind die offensichtlichen Kriterien der Paßform. Der Hosensaum sollte auf dem Fußspann zum Liegen kommen und einen leichten Knick in der Bügelfalte des Hosenbeins verursachen. So lautet die Regel. Sie gilt auch für engere Hosenbeine, wie sie heute Mode geworden sind. Allerdings wird derselbe Knick-Effekt bei ihnen schon mit geringeren Beinlängen erreicht, weil der Stoff höher am Spann aufsitzt. Gehen Sie also nicht nach der Regel: Bis hinunter, einen Zentimeter oberhalb des Absatzes (am Schuh). Denn diese Regel ist Beinweiten-sensitiv (d.h. mit engem Hosensaum gar nicht erreichbar).

Ob Sie Hosen mit Aufschlag oder ohne wählen, ist Geschmackssache. Der umgeschlagene Saum fördert wegen des Zusatzgewichts einen guten Fall des Tuchs, aber das kann bei weiten Hosen zu schaukelnden Säumen führen.

Die Weite ist auch recht leicht zu bestimmen. Die Hose darf offensichtlich nicht rutschen und nicht einschnüren. Aber achten sie darauf, daß der Hosenbund nicht auf der Hüfte sitzt, sondern in der Taille und auch dafür gemacht ist (was bei allzu modernen Kaufhausanzügen nicht der Fall ist). Die Bundhöhe soll also verhältnismäßig groß sein. Das ist etwas altmodischer, aber es verhindert, daß Ihr Hemd zwischen Weste und Hosenbund hervorlugt. Die Überdeckung ist einfach beruhigend. Außerdem sitzt so eine Hose definierter, sodaß Sie nicht überlegen müssen, ob die Hose noch hochgezogen werden muß oder tiefer zu sitzen hat, wenn Sie sie anziehen.

Der Schritt sollte nie so eng sein, daß – insbesondere im Sitzen – der Badehoseneffekt eintritt, aber auch nicht so weit, daß man vor Ihnen stehend das Gefühl hat, Sie könnten Ihre Hose eigentlich noch 20cm höher ziehen. Das ist also eine Abwägungsfrage, die jeder nach Empfinden beantworten muß. Da aber in den letzten Jahren teils deutlich zu enge Hosen im Kommen sind, die nicht mehr gerade fallen können, sondern immer Falten schlagen, empfehle ich in einem solchen Fall eher eine Größe oberhalb zu wählen (sofern nicht Sakko und Hose in der gleichen Größe bestellt werden müssen), sodaß die Beine etwas geräumiger ausfallen – auch beim Sitzen – und später vom Schneider den Bund etwas verengen zu lassen. Das trägt sehr zum Komfort bei und verleiht etwas mehr Lässigkeit. Im Regular Fit kann man sich den Umweg üblicherweise sparen.

Unbedingt zu empfehlen sind Bundfaltenhosen. Und zwar schlicht deshalb, weil sie vielleicht doch gern die Hände in die Hosentaschen stecken oder wenigstens bequem ein Taschentuch herausziehen wollen. Bei den heute üblichen Slim-fit-Hosen ist das oft sehr unbequem – insbesondere im Sitzen. Die Bundfalten weiten aber bei Bedarf die Hose auf Höhe der Taschen derart, daß sie ganz lässig Ihre Hände in die überaus ergonomisch geschnittenen Taschen der Anzugshose gleiten lassen können – so waren die bequemen Taschen ja einmal gedacht. Als Gentleman braucht man das. Sie können nicht dasitzen und ihre Finger in die Hosentaschen krallen, wie eine Frau in Skinny-Jeans. Wählen Sie allerdings dann die Hose im Allgemeinen nicht zu weit, denn die Bundfalten sorgen ja bereits dafür, daß der Stoff sich auffalten kann, wenn Sie mehr Raum benötigen.

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klassische Bundfaltenhose (Doppelfalte)

Daß Bundfaltenhosen einen sehr lässigen, aber für Manchen auch altherrenmäßigen Eindruck machen, ist dann sicher Geschmackssache. Allerdings sollten Sie es immer in einer guten Paßform an sich selbst ausprobieren. Denn oft sind solche negativen Erinnerungen an die 80er und 90er-Jahre einer nicht sonderlich gut gewählten Paßform einzelner Träger dieser Zeit geschuldet, nicht dem Schnittmuster ansich.

Übrigens ist die Bundfaltenhose – ganz abgesehen von der Kombination mit einem Anzug – eine sehr bequeme und doch elegante Feierabend-Hose. Die Bundfaltenhose ist gewissermaßen die Jogginghose des gediegenen Herrn. Sie ist genauso bequem – wenngleich ich mangels Erfahrung nicht sagen kann, wie bequem eine Jogginghose ist, setze sie aber mit einer weiten Unterhose gleich – dennoch zweifelsohne wesentlich eleganter. Und dabei vintage nicht einmal teurer als irgendeine baumwollne China-Klamotte, dafür aber aus feinem Tuch, gefüttert und mit einem angenehmen Hautgefühl. Zuhause können Sie also beruhigt den Ewiggestrigen heraushängen lassen, indem Sie lässig eine weite Bundfaltenhose spazieren tragen.

Die Weste. Ich empfehle grundsätzlich den Dreiteiler. Die 100-200€ für die zum Anzug passende Weste sind immer gut investiert. Nicht nur, daß Sie Variationsmöglichkeiten mit demselben Anzug schaffen: nämlich indem Sie ihn formaler, klassischer mit Weste tragen können, auch Hose und Weste mit einem abweichenden Sakko kombiniert sich gut, selbst Sakko und Weste mit einer abweichenden Hose kann wirken, und dennoch bleibt Ihnen der bloße Zweiteiler erhalten, indem Sie die Weste zuhause lassen. Darüber hinaus hat es auch ganz praktische Vorteile: vor allem den der Zwiebelschichtung.

Kommen Sie in der noch kühlen Übergangszeit in ein Gebäude, so legen Sie Mantel, Schal und eventuell Hut ab. Es bleibt der Dreiteiler. Ist aber im Haus nun gut geheizt, kann es zu warm werden. In diesem Fall, müßten Sie sich bis auf das Hemd entblößen. Mit der Weste sehen Sie jedoch immer noch angezogen aus. Trotzdem haben Sie im Zweifelsfall die Möglichkeit auch die Weste noch abzulegen.

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Innenraum-Garderobe . Doppelreihige Weste mit Spitzrevers . frz. Manschetten & Ärmelhalter

Auch im Frühling kann es draußen oftmals schon recht warm sein, sodaß Ihnen das Sakko unangenehm wird. Die Weste darunter sorgt aber dafür, daß Ihnen der Wind nicht direkt ins Hemd bläst, wenn Sie das Jackett ausziehen. Auch das ist eine elegante Garderobe für kurze Aufenthalte im Freien.

Übrigens sollten sie darauf achten, daß die Weste unter dem Sakko immer gut sichtbar ist. Irrwitzigerweise ist das nicht selbstverständlich. Hier z.B. sehen Sie, wie die Weste unter dem geschlossenen Jackett praktisch verschwindet. Das ist natürlich ästhetischer Nonsense. Die Weste muß auch bei geschlossenem Sakko sichtbar sein. Schon deshalb, weil sie ja Ihre Erscheinung etwas formaler machen soll und dies nur tut, wenn sie höher schließt. Außerdem hat die Weste noch ein ganz anderes ästhetisches Schmankerl in petto, nämlich die Kürzung der Krawatte.

Sie kennen das: Es ist windig, Sie laufen mit offenem Sakko umher und die Krawatte wedelt was das Zeug hält – womöglich sogar anderen Passanten ins Gesicht. Um das zu verhindern und überhaupt die Krawatte schön mittig im Revers-V herabfallen zu lassen, erfand man die Krawattennadel. Das heißt im 19. Jahrhundert war das eine echte Nadel, mit der man den feinen Seidenstoff der Krawatte fixierte – das war ein sehr feines Tuch, wie es heute nur noch für Sommerseidenschals Verwendung findet und im frühen 19. Jh. zu große Fliegen gebunden wurde. Denn eine lange, im Vergleich dazu recht steife Krawatte gab es im Grunde erst seit den 1930er-Jahren zu klammern. Vorher trug man überwiegend Weste. Und da die Krawatte selbstverständlich unter der Weste liegt, ist auch der Binder fixiert. Vor allem aber verkürzt man die Krawatte und ihre Farbwirkung damit auf ein Maß irgendwo zwischen Fliege und üblicher Krawattenlänge. Und das macht schlicht einen sehr zurückhaltenden, gediegenen Eindruck.

Zudem hat es den Vorteil, daß weniger vom Hemd zu sehen ist, also auch weniger von eventuellen Knitterfalten oder einem bauschenden Hemd. Merken Sie, was das für Arbeit spart! Ganz ehrlich: Ich muß meine Hemden eigentlich nie Bügeln (vom Theaterbesuch abgesehen).

Abschließend noch der Hinweis: Eine Weste ohne Revers sieht immer etwas dürftig aus. Zwar bekommen Sie selten Dreiteiler mit einer Weste, die Revers besitzt, doch wenn Sie die Möglichkeit erhalten: Greifen Sie zu! Enthält der Dreiteiler eine doppelreihige Weste, dann ist das Revers eigentlich garantiert.

Und damit kommen wir zum Hemd. Man trägt sie heute immer enger. Aber das ist ein ganz unnötiger Verzicht auf Komfort. Man tut es einerseits um es im V-Ausschnitt des Sakkos glatt präsentieren zu können (was allerdings meistens nach hinten losgeht, weil Zugfalten entstehen, statt Bauschfalten), andererseits damit auch ohne Sakko nicht mächtig Stoff um den Körper wedelt, sondern die Silhouette gewahrt ist. Genau das besorgt aber auch eine Weste.

Bei der Gelegenheit merke ich an, daß Sie die Weste meist nachtaillieren lassen müssen (das geht ganz bedenkenlos, denn sie ist im Wesentlichen gerade geschnitten, womit all die Probleme des Sakko-Taillierens entfallen). Der verstellbare Gurt am Rücken ist mehr oder weniger Schmuck. Indem Sie ihn zusammenziehen erhalten Sie keine gute Silhouette.

Nun nehmen Wir also an, Sie tragen eine gut passende Weste über dem verhältnismäßig weiten Hemd. Die Weste hält das bauschige Hemd an Ihrem Torso, wie ein Slim-Fit-Hemd. Allerdings haben Sie an den Ärmelansätzen volle Bewegungsfreiheit. Außerdem kennt das jeder, der schon einmal enge Hemden getragen hat: Der Schweiß wird teils von der Achselnaht des Hemdes aufgesogen und berührt den inneren Oberarm, sodaß Sie das unschöne Feuchtigkeitsgefühl dauernd mit sich herumtragen. Nicht so beim weiten Hemd, das von der Weste an den Körper angelegt wird, sonst aber – d.h. bereits unter der Achsel – luftig bauscht.

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Westen mit weißem und rotem Rücken(futter) und weißem und blauem Hemd

Und darüber hinaus sieht es auch noch wesentlich besser aus. Denn die Weste schmälert die Taille optisch, weitet aber durch die puffenden Ärmel die Schultern und Arme auf. Also exakt das, was männliche Proportionen ausmacht. Das wird noch dadurch verstärkt, daß das weiße Hemd sich schon der Helligkeit nach in den Vordergrund rückt. Selbst bei einer weiß gefütterten Weste und weißem Hemd ist der Effekt (s. Foto) nicht zu übersehen.

Und ganz ehrlich, selbst ohne Weste sieht der vom eng anliegenden Hosenbund hinweg aufgebauschte Rücken eines passenden, aber nicht ganz engen Hemdes meiner bescheidenen Meinung nach deutlich gelassener und eleganter aus als diese nervös puritanischen Slim-Fit-Hemden.

*

Zum zweiten wird Ihnen aufgefallen sein, daß ich Ärmelhalter trage. Das sieht altmodisch aus, ist aber ebenfalls – wie all die anderen altmodischen Dinge – meist nicht einfach eine Mode, sondern macht praktisch Sinn. Denn sobald Sie Ärmelhalter tragen, können Sie auf eine präzise Abstimmung der Hemdsärmellängen mit den Sakkoärmeln verzichten. Sie ziehen die Ärmelhalter über, bringen die Ärmel in die Länge, die zu Ihrem Sakko paßt und haben das Problem der exakt nach Ihrem Wunsch sichtbaren Hemdsmanschetten gelöst. Sie können die Ärmellänge jeden Tag anpassen wie Sie mögen, je nach Ärmellänge des Sakkos, das Sie tragen, je nach Wetter, je nach Art Ihrer Hemdsmanschetten, ganz nach Ihrer Präferenz.

In diesem Zusammenhang möchte ich noch darauf hinweisen, daß Sie auch die Ärmellänge des Sakkos mit Bedacht wählen und daher immer ein Hemd beim Änderungsschneider tragen sollten, das zum Sakko paßt (nicht der Länge, sondern der Manschette und dem Einsatzgebiet nach). Wollen Sie nämlich die Ärmel eines Theateranzugs anpassen lassen, dann bedenken Sie, daß es zur Theatersaison meist kalt ist. Die Ärmel dürfen also einen Tick länger sein als für ein Sommerjackett. Und dank der Hemdsärmelhalter können Sie die Hemdsärmel leicht anpassen. Zudem ist hier ein Hemd mit Doppelmanschette (franszösischer Manschette) und Manschettenknöpfen zu wählen, damit die Ärmelbünde des Sakkos gut ausgefüllt sind und Ihnen nicht der kalte Wind um das Handgelenk bläst. Auch die Hose sollten Sie hier in der Länge großzügig kalkulieren. Ein Sommerjackett dagegen wollen Sie eher mit etwas kürzeren Ärmeln ausstatten und Sie werden es bevorzugt mit einfachen Sportmanschetten tragen wollen, damit der Wind ihre Handgelenke angenehm kühlt. Etwas ganz Ähnliches gilt freilich auch bei der Hosenlänge. Im Sommer ist italienische Kürze nicht verboten.

Auch die Stoffwahl und die Schnittart des Sakkos sollte man der Jahreszeit anpassen… aber über das Materielle sprechen wir im vierten Teil.

 

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2 Gedanken zu “Der gute, passende Herrenanzug . Teil 3 . Hose, Weste, Hemd

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