Der gute passende Herren-Anzug . Teil 4 . Varianten & sartoriale Details

Ich habe wie immer die Paßform als zentrales Problem der Eleganz und Bequemlichkeit vorangesetzt. Deshalb bleibt nun noch zu besprechen, welche allgemeinen materiellen Eigenschaften und Details ein Anzug besitzen kann und besitzen sollte. Darüber hinaus ist ein Anzug für sich selbstverständlich nur ein einzelnes Element der Garderobe, weshalb wir uns noch mit den Dingen auseinanderzusetzen haben, die eine Anzugsgarderobe vervollständigen.

In den vorangegangenen Teilen haben wir stillschweigend vorausgesetzt, daß der Herren-Anzug ein zweiknöpfiger Einreiher mit fallendem Revers ist. Oder sagen wir: Ich habe den Doppelreiher schlicht und einfach vergessen. Die hängen gewöhnlich etwas weiter hinten im Schrank. Und so ist es eben auch bei mir. Zu unrecht eigentlich.

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links anthrazitfarbener Flanell-Zweireiher mit Kreidestreifen . rechts hellgrauer Leinen-Doppelreiher mit dunkelgrauen Nadelstreifen (beide mit natürlichen Schultern)

Traditionsgemäß ist der Zweireiher für den fülligeren Herren da. Das war früher tatsächlich einmal der Fall. Heute aber tragen auch ausladende Männer Einreiher, weshalb die Assoziation lediglich noch historischen Wert hat. Und genau deshalb ist der Zweireiher auch seit Jahren wieder verstärkt in den Angeboten zu finden. In der Tat eignet er sich nicht nur für viel Bauch, sondern überhaupt für große Herren, da er die dann zu groß werdenden Tuchflächen durch die zweite Knopfreihe nochmals unterteilt und den Stoffmassen damit Struktur gibt. Deshalb ist der Zweireiher mit zwei eng stehenden Knopfreihen auch überflüssig. Darüber hinaus wird der Doppelreiher mit sehr breitem Spitz-Revers gefertigt, was ebenfalls besonders großen Herren proportionstechnisch entgegenkommt. Zugleich ist er in der Regel auch einen Tick kürzer, da er durch die gerade Saumlinie der optischen Luftigkeit des Zweireihers entbehrt und zum Ausgleich gern ein, zwei Zentimeter kürzer geschnitten wird, was die Beine etwas verlängert.

Der Nachteil des Zweireihers besteht darin, daß man ihn nicht so elegant offen tragen kann wie den Einreiher. Denn die viel längeren Schließflügel hängen dann unschön herab. Zudem liegt er geschlossen immer doppelt über der Brust, ist also recht warm und überdies schließt er höher. Auch das macht ihn weniger zu einem Sommeranzug. Dafür spart man sich die Weste in dieser Frage. Nicht nur wegen der doppelten Stoffschicht: Der Effekt der Kürzung der Krawatte durch die Weste, den ich beim letzten Mal beschrieben habe, ist hier von vorn herein gegeben. Der 70er-Jahre-Doppelreiher mit tiefem Ausschnitt erfüllt diese Gefälligkeit freilich weniger und ist mit seiner Hängeoptik ohnehin abzulehnen. Bis in die Dreißiger, z.B. hier getragen von Oswald Spengler, waren Doppelreiher noch höher geschlossen als heute.

Sollten Sie also zu einem Doppelreiher greifen? Als Standard-Anzug sicher nicht. Tendentiell fallen Sie nämlich mit einem Zweireiher immer auf, auch oder gerade weil er als konservativer gilt.

Apropos Zweireiher: Auch sehr schön ist die Kombination eines normalen Einreihers mit einer doppelreihigen Weste, wie sie hier Fred Astair trägt. Das gibt einen schönen Bruch der Symmetrie. Außerdem hat eine zweireihige Weste immer Revers, was leider bei den modernen einreihigen Westen nur selten der Fall ist.

Apropos Revers: Auch hier sollte man nicht den Moden hinterherjagen. Noch immer sind recht schmale Revers beliebt. Aber diese Sakkos halten keiner vernünftigen Proportionsprüfung stand. Es sieht einfach nicht ausgewogen aus. In den 70ern war es andersrum. Bleiben Sie immer bei der goldenen Mitte. Dasselbe gilt für die Krawatten und die Dicke des Knotens, der sich daran (und an der Stelle, an der man ihn knüpft) mißt.

Ausformung der Schulter: Es ist Ihnen vielleicht bereits in der Gegenüberstellung meines Sommertweed-Anzugs und jenes grau gestreiften Dreiteilers aufgefallen, daß die Erscheinung der Schulter zweier Anzüge sehr variieren kann. Hier stelle ich einmal drei Stufen des Phänomens dar.

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links starke Schulterpolsterung (leicher Tweed) . mittig durchschnittliche Polsterung (120er Wolle) . rechts geringe Polsterung (130er Wolle)

Obschon der Träger derselbe ist, erscheint die Schulter links wesentlich weniger zu fallen als ganz rechts. Außerdem läuft sie deutlich spitzer aus. Auch sind die Nähte, welche das V des aufgehenden Brustbereichs nach oben fortführen deutlich markanter. Wir haben es links mit einem englischen, mittig mit einem durchschnittlichen, rechts mit einem italienischen Schnitt zu tun. Und im wesentlichen rührt die Differenz von der Schulterpolsterung her. Auch typisch englisch sind übrigens die schräg angesetzten Taschen des Tweed-Anzugs, welche nicht nur bequem sind, sondern auch die uniformähmliche Taillierung unterstreichen.

Ein paar Worte noch zu einem Detail: Um 1800 wurden alle Schulterpartien zur besseren Beweglichkeit gerafft und geradezu Gelenkkugeln an die Schultern geschneidert. Auch eine dezente Raffung des Tuches, um die Bewegungsfreiheit zu steigern (wie im Falle der Bundfaltenhose und der besprochenen Bewegungsfalte der Hacking-Jackets) war weit bis ins 19. Jahrhundert hinein üblich. Heute finden Sie dergleichen meist ausschließlich in der Damenmode, die auch damals freilich in dieser Hinsicht weit extremer war. Wir haben gesehen, daß der konservative Stil in den letzten Jahren durchaus in die gehobene Herrenmode zurückgekehrt ist. Und so verhält es sich auch mit der Schulterraffung.

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Leinensakko mit leicht geraffter Schulter, sog. plissierte Schultern

Und damit sind wir schließlich beim Stoff angekommen. Zunächst einmal sollte klar sein, daß wie im Falle des Herrenschuhs und überhaupt aller Produkte, die man kauft, auf Kunststoffe verzichtet werden sollte. Beim Anzug bedeutet das: Keine Plastikknöpfe, sondern Viskose oder Horn, als Oberstoff kein Polyamid, kein Polyester, kein Acryl, sondern Wolle, Leinen, Seide oder Baumwolle (sowie Kombinationen davon) und Viskose, Azetat, Bemberg=Cupro (Kupferseide) oder Seide als Futterstoff. Nicht nur umwelttechnisch ist das um Klassen besser, sondern auch was den Tragekomfort und ganz entscheidend den Fall des Tuches angeht.

Viskose und Kupferseide sind dabei sogenannte halbsynthetische Fasern. Das ist eine verwirrende Bezeichnung, denn der Ausgangsstoff ist Zellulose. Er wird lediglich chemisch gesponnen. Sowohl Viskose als auch Bemberg können eine ganz und gar seidenartige Anmutung haben. Das kommt mehr auf die Webung an als auf das Material. Sie haben vielleicht auch schon einmal ein Seidentuch in der Hand gehabt, das sich nicht gerade seidenweich anfühlte. Auch das liegt an der Webart. So halte ich beispielsweise, um zu den Herstellern vorzugreifen, die Viskose-Fütterung der hochwertigen Anzugslinien und Mäntel von Charles Tyrwhitt für hervorragend (wobei meine Käufe schon ein paar Jahre alt sind). Das ist optisch wie haptisch ein Genuß.

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knöpfbare Ärmelknöpfe (Horn) und seidenweiche Fütterung (Viskose) an einem Charles Tyrwhitt Sakko (Luxus-Linie)

Beim Oberstoff gibt es im Grunde unter den oben genannten nichts falsch zu machen: Wolle, Leinen, Seide (als Beimischung). Zu Baumwolle kann ich nicht raten, die ist meist viel zu steif und fällt miserabel. Auch ist sie oft wesentlich zu dicht gewebt, um als Sommerstoff dienen zu dürfen. Daß der Leinenanzug der klassische Sommeranzug ist, darf man als Gewohnheit bezeichnen. Denn ein feiner, durchlässiger Wollstoff ist im Grunde kühler – schon deshalb, weil gerade die Hosenbeine viel leichter flattern als beim etwas steiferen Leinen. Das gibt mehr Luftaustausch und also mehr Kühlung. Allerdings ist die Leinenoberfläche auch rauer und macht gerade bei hellen Stoffen, die für den Sommer typisch sind, einen nicht so formalen Eindruck, wie ein feiner Wollstoff, weshalb er zu einem lässigen Sommerauftritt besser paßt.

Nun kann das hauptsächlich als Oberstoff verwendete Wolltuch ebenfalls durch Webart, Dicke und Qualität des Garns sehr verschieden ausfallen. Heute wird leider ausschließlich noch auf die Angabe der Feinheit des Fadens verwiesen: Super 100, Super 150 (also 1g Garn ist auf 150 Meter Länge ausgesponnen). Das ist aber, um ehrlich zu sein, eine ziemlich nebensächliche Angabe, obgleich es sicher verkaufswirksam ist.

Vor 100 Jahren etwa waren Anzüge in der Regel aus sehr viel gröberem Faden gewebt und gewirkt. Selbst die Fracks und Smokings waren keine federleichten, sondern schwere Garderobe-Stücke. Wenn Sie je einen solchen Anzug, einen Gehrock der alten Zeit o.ä. in der Hand hatten, dann wissen Sie wovon ich spreche. Das sehen Sie freilich auch auf Fotografien. Dieser Dreiteiler Harry Graf Kesslers beispielsweise ist ein typischer Vertreter nicht etwa eines Bauernjacketts, sondern eben des Anzugs eines (wenn auch konservativen) Lebemanns, wie es Kessler nun einmal war.

Sehen Sie sich an, wie großräumig der Stoff am Ärmel bauscht. Das entspricht eher einem heutigen Mantelstoff. Ähnlich werden heute ausschließlich noch Tweed-Stoffe hergestellt. Allerdings sind Tweed-Anzüge ausgenommen rar geworden. Außerdem ist dieser Stoff oft so kratzig, daß man am liebsten Unterhosen tragen möchte (oder sie komplett füttern lassen müßte). Ein recht günstiger Hersteller ist Walker Slater. Aber Achtung! Die Sakkos sehen taillierter aus als sie sind. Auch sind die Ärmelknöpfe nicht knöpfbar.

Ich hatte es im Anschluß an die Betrachtungen zur Paßform bereits erwähnt, daß durch einen solch groben Stoff freilich die Paßgenauigkeit deutlich einfacher herzustellen ist. Je feiner der Stoff, desto schwieriger wird es, ihn faltenfrei zu bekommen. Jagen Sie also nicht dem feinsten Tuch hinterher.

Passen Sie auch auf, mit welchen Tricks die Hersteller Ihre Materialangaben frisieren. Suitsupply beispielsweise – die wirklich schöne, nicht nur optisch sondern auch handwerklich schöne Anzüge anbieten – gibt an, seine Sakkos mit Bemberg zu füttern. Das ist nicht falsch, bezieht sich aber ausschließlich auf den Torso. Die Hosen (an deren Materialangabe man es erkennt) und die Ärmel der Sakkos (die das identische Futter haben) sind zu 40% mit Polyester (60% Viskose) gefüttert. Auch hier ist Anton Meyer ehrlicher, welche Hose wie Ärmel mit demselben Futterstoff aus Viskose und Acetat ausstatten.

Die Farbfrage ist dagegen schnell beantwortet. Ich selbst kaufe meine Anzüge nicht für einen Bankangestellten-Alltag. Aber wenn, dann würde sich der Dreiteiler, ein Leinenanzug oder Doppelreiher gar nicht zur Wahl stellen. Wenn Sie jedoch wie ich den Anzug auf Reisen und Ausflügen, beim Spazieren und zu Besuchen tragen, dann können Sie freilich auch ein wenig in die Farb- und Musterkiste greifen. Gleichwohl erwische ich mich häufig dabei, trotz einer recht guten Auswahl zu den dunklen Klassikern zu greifen. Im Sommer sieht das freilich anders aus, aber da trägt man unter Umständen ohnehin keinen Anzug.

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zwei Sommersakkos aus reinem Leinen

Seien Sie sich natürlich immer bewußt, daß derartig auffällige Anzüge einen hohen Wiedererkennungswert haben. Ein strahlendblauer Sommeranzug oder ein solches Sakko sind allerdings eher unbedenklich. Überhaupt können sie bei Sommerkombinationen immer zu mehr Farbe greifen. Letztlich ist das aber eine Frage Ihrer Persönlichkeit. In den 30ern gehörten farbige und gemusterte Kombinationen und weiße Schuhe oder Spectators dagegen zum typischen sommerlichen Straßenbild.

*

Sie wundern sich nun vielleicht, daß ich all die vieldiskutierten Fragen zur schneidertechnischen Verarbeitung ausgelassen habe. Denn auch hier erleben wir in den letzten Jahren eine Wiederbelebung der Detailversessenheit. So gibt es immer häufiger knöpfbare Ärmelknöpfe, wie es noch vor zehn Jahren dem Maßschneider vorbehalten war, wir bekommen zunehmend immerhin half canvassed constructions, also ein halbes Brustplack – eine Roßhaareinlage, die locker vernäht die Formstabilität und den eleganten Fall des Tuches garantiert –, und auch die Kragen und Revers werden mit mehr Sorgfalt vernäht statt verklebt, wodurch sie besser rollen und über die Brust nicht knicken. Dergleichen Qualitäten finden Sie etwa bei den bereits erwähnten Herstellern Charles Tyrwhitt und Suitsupply und Anton Meyer. Letztlich ist dergleichen aber nebensächlich. Denn aus den Notwendigkeiten der Paßform ergibt sich, daß ein guter Anzug diese Qualitäten besitzen muß, sonst wird er in aller Regel die strengen Forderungen, die wir aufgestellt haben, nicht erfüllen. Und daher ist es nett zu wissen, wie all das verarbeitet wird, aber das Ergebnis kann den feinen Beobachter nicht täuschen.

Nun haben wir also geklärt, was ein guter, passender Anzug sein kann und muß. Daß er mit Krawatte getragen wird, versteht sich, obwohl es lässige Ausnahmen geben kann. Im Winter komplimentieren gut sitzende Handschuhe einen feinen Anzug recht galant, und auf meine analoge Reihe des guten, passenden Herrenschuhs habe ich in den vorangehenden Teilen ebenfalls schon häufig genug verwiesen.

Ein einziges Garderobenstück fehlt noch, um den gediegenen Herren zu komplettieren. Und das ist der Hut. Aber die Hutfrage ist derart komplex, daß wir sie auf ein andermal verschieben. Und auch wenn Sie jetzt sagen: Die Zeiten sind vorbei! Glauben Sie mir: Sie müssen nur wissen, wie.

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6 Gedanken zu “Der gute passende Herren-Anzug . Teil 4 . Varianten & sartoriale Details

  1. Pingback: Der gute, passende Herren-Anzug . Teil 2 . Wann paßt ein Sakko wirklich? – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

  2. Pingback: Der gute, passende Herrenanzug . Teil 3 . Hose, Weste, Hemd – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

  3. Magister

    Die Ärmellänge Ihrer Röcke, sehr geehrter Herr Wangenheim, erscheint mir doch etwas zu knapp bemessen zu sein. Zudem würde mich eine kurze Erläuterung zu Ihrer interessanten Aussage freuen, ein Dreiteiler käme Ihnen gar nicht in den Sinn (falls Sie Bankangestellter wären?).
    Vielen Dank und beste Grüße!

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  4. Wie kommen Sie darauf? Zugegeben, ich hätte mir für die Fotos die Mühe machen sollen, die Hemdsärmel ordentlich mit den Ärmelhaltern auszurichten. Mea culpa. Aber dort, wo die Hemdmanschetten in richtiger Weise vorlugen, dort scheint mir alles zu stimmen.

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  5. Das würde ich auch sagen, aber das gilt dann von der Ärmellänge der Hemden. Da die Manschetten aber etwas zu sehen sein sollten, muß der Jackettärmel jedoch kürzer sein. Nun kann man sich freilich um ein, zwei Zentimeter trefflich streiten, das ist dann eine Frage des persönlichen Stils – auch, ob es sich um Winteranzüge oder Sommeranzüge handelt, ist dabei zu beachten. Etwas Spielraum hat man dabei immer. Aber vor zu langen Ärmeln, gerade bei Sommeranzügen, muß man sich in Acht nehmen.

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