Leserfragen zu „Kultur und Ingenium“ (FAQ) . Teil 2

Fragen zu konkreten Textstellen

Fortsetzung zu Teil 1

 

Auch hier bleibt mein Aufruf an alle Leser von KuI bestehen, bei neuauftauchenden Fragen, mir dieselben zukommen zu lassen, damit ich sie hier einfügen kann.

 

S. 5 – Es muß (auch im Folgenden) heißen: Amarna statt „Armana“.

 

S. 9 – Daß Sie mehr bieten wollen, als historische Zusammenhänge oder Fakten einfach zu „glauben“ leuchtet ein, aber wenn Sie anfügen, man solle es auch nicht einfach nur „wissen“, so ist das doch etwas merkwürdig.

Hier gilt, was ich bereits im 1. Teil der FAQ sagte und auch auf S. 9 vorangeht: Es ist ein Unterschied, eine Tatsache einerseits nur zu wissen, und andererseits ihre Herkunft zu kennen, sie also ableiten zu können. Der philosophisch denkende Mensch will den Grund erfahren.

 

S. 10 – Sie schreiben, in diesem Buch werde die Anleitung gegeben, Geschichte zu berechnen. Steht das nicht im Widerpruch zum Schlußkapitel, wo Sie die Vorhersagbarkeit (siehe Frage 9) zum Nebenproblem degradieren?

Das ist in der Tat nur eine vorübergehende rhetorische Figur, die lediglich beide Extreme, nämlich das der Vorhersagbarkeit und das der Unsicherheit, gegenüberstellen will. Denn auf S. 10/11 erfolgt ja sogleich die Relativierung dieser Berechenbarkeit durch das die Unsicherheit einführende Moment der Fraktalität.

 

S. 33 – In der Fußnote heißt es, Sklaven seien „stumme Werkzeuge“. Aber bezeichnet Varro die Sklaven nicht als „sprechende Werkzeuge“?

Das ist richtig. Außerdem nennt Varro den Karren als Beispiel eines „stummen Werkzeugs“. Zur allgemeinen Verständlichkeit habe ich mir erlaubt den Begriff des Sklaven beizubehalten, jedoch die noch schärfere Form der Abhängigkeit des Akademismus als stummer, gezogener Karren (bandwagon) zu charakterisieren.

 

S. 35 – Hier heißt es im Zusammenhang mit der Popperschen Theorie: „Allein die Tatsache, eine Widerlegung zu fordern, spricht das naive Gemüt einer logischen Bedingtheit von Wissenschaft aus[…]“. Aber sprechen Sie nicht selbst später immerzu von der Widerlegung des alten Zeitalters durch ein neues?

Sehr richtig. Allerdings spielt sich das – abgesehen von den verschiedenen Größenordnungen der Zeiträume – nicht auf logischer Ebene ab, sondern geschieht im Falle des aufkommenden Ingeniums gerade durch ein Aufgeben der Logik als Mittel der Kritik oder im umgekehrten Fall des Rückgangs in die Kultur durch Neuetablierung der Logik gegen das Gefühl.

 

S. 51 – Steht die Proklamation einer neuen Renaissance nicht gegen die Erörterungen des Schlußkapitels?

Ja, das tut sie. Diese Aussicht auf den kommenden Zeitgeist ist hier freilich ohne die Wendung des Schlußkapitels mehr als allgemeine Kritik an der Fehlinterpretation der Renaissance durch den gegenwärtigen Akademismus zu sehen. Im Allgemeinen gilt dagegen das Schlußkapitel als Referenz.

 

S. 63-65 – Manche Tafeln enthalten in der Auflistung der Eigenschaften der Stile Lücken, die durch bloße Anstriche gekennzeichnet sind. Was heißt das?

Hier handelt es sich lediglich um Lücken in unseren historischen Quellen und unserem historischen Wissen oder (wie im Falle der Musik) das Fehlen höherer Formen des angegebenen Kulturausdrucks zu einer gewissen Zeit. Wie leicht erkennbar ist, handelt es sich um je neun Anstriche der folgenden Inhalte: 1. Architektur, 2. politische Form, 3. Plastik und Malerei, 4. Philosophie, 5. Wirtschaft und Sozialstruktur, 6. Militärwesen, 7. Literatur, 8. Religion, 9. Musik.

 

S. 76 – Sie schreiben nach dem Limes der Summe 1/2i nicht =1 sondern ≈1. Die Summe mit n→∞ ist aber exakt 1. Was Sie schreiben ist falsch, auch wenn Sie im Folgesatz sagen, sie sei =1.

Wie der Satz vor der eingefügten Formel sagt, handelt es sich hier nicht um die Darstellung einer mathematischen Tatsache, sondern um die einer Erwartung. Ich habe hier lediglich formal ausgedrückt, was der Mathematiker als Grenzwert erwartet, wenn er sich die ersten Reihenglieder geometrisch aufgemalt hat (Fußnote 1). Daß der Limes der Summe eingefügt ist, hat lediglich erklärenden Charakter, soll also aussagen, daß man an dieser Stelle bereits das Prinzip erkannt hat, nach dem diese Reihe gebildet wird. Man hätte auch die physikalische Schreibweise !=1 für „soll gleich 1 sein“ wählen können. Das ist aber in der Mathematik unüblich.

 

S. 84 – Sedenionen statt „Sedinionen“

 

S. 88 – Ist das Kapitelzitat Wittgensteins zur Begründung philosophischen Unverständnisses nicht sprachphilosophisch zu verstehen und meint den positiven Erklärungsansatz in der Sprache zu finden, während Sie es zur negativen Bestimmung nutzen?

Das ist wahr. Das Zitat wird hier (mit Bezug auf die Einleitung S. 35) von mir zweckentfremdet, da die Anwendung auf Gödel und damit die Unbeweisbarkeit von Sätzen geschieht.

 

S. 121 – Ulysses statt „Ulyssus“

 

S. 126 – Woher stammen die Begriffe „Herrschaft über Bauern“ und „Herrschaft mit Bauern“?

Wunder, Die bäuerliche Gemeinschaft in Deutschland, 1986

 

S. 137 – „Sacra Conversazione“ statt “Sacra Conversatione“

S. 144 – Michelangelos statt „Michalangelos“

S. 151 – del Ferro statt „dal Ferro“

 

S. 168 – Stammt das Zitat „gewohnheitsmäßige Verbrecher“ bezgl. der ritterlichen Bischöfe aus Deschners „Kriminalgeschichte des Chritsentums“?

Nein, es handelt sich um Chamberlains „Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts“ II. Band, S. 827, V. Auflage, 1904

 

S. 170 – Aus welchem Gedicht stammen die beiden Strophen, die das Unterkapitel einleiten?

Die beiden Strophen sind eine eigene Pastiche auf Ludwig Uhlands „Bertran de Born“: „Droben auf dem schroffen Steine raucht in Trümmern Autafort…“

 

S. 175 – Woher stammen die Details zur Schlacht auf dem Marchfeld?

Aus „Die Schlacht auf dem Marchfelde. Historische Erzählung“ von L. Tarnowski, Breslau 1839, sowie „Erinnerungen an die Schlachten im Marchfelde“, 1809 und Staat- und Kirchengeschichte des Herzogthum Steyermarks, 4. Bd. 1786

 

S. 197 – Woher stammt das Carlyle-Zitat?

Carlyle, Geschichte Friedrichs des Zweiten, Übersetzung: G. Dittrich, 1. Bd, 1928, S. 14

 

S. 201 – Warum tauchen Dughet und Poussin im gleichen Satz auf, obwohl es doch ein und derselbe Mann ist?

Das hat rein rhetorische Gründe. Es handelt sich natürlich um denselben Maler.

 

S. 221 – Die Fußnote 1 ist ein Druckfehler. Sie existiert nicht.

 

S. 258 – Wie ist der Hinweis auf Hegel im Zusammenhang mit Poincaré zu verstehen? Geht es nicht einmal um zwei widerspruchsfreie Interpretationen ein und derselben Datenlage, bei Hegel aber um eine Neuentdeckung, die seinem System widerspricht?

Das ist richtig. Hegel ist hier fehl am Platz. Der Satz ist an der falschen Stelle eingefügt.

 

S. 262 – Woher stammt der Schlußsatz des Kapitels VIII?

Aus Shakespeares “Twelth Night or What You Will”, Olivia in Szene 5 des 1. Aktes.

 

S. 272 ff – Die neueste Forschungsliteratur zur ägyptischen Geschichte, die Sie erwähnen, ist Eduard Meyer vom Beginn des 20. Jh. Ist das nicht völlig veraltet?

Im Vergleich mit moderner Forschungsliteratur hat sich mir gezeigt, daß alle relevanten Momente dort auch nicht anders zur Darstellung kommen, gleichwohl die moderne Literatur der Urteilskraft des großen Historikers entbehrt.

Zwar werden Sie immer wieder Akademiker vernehmen können, die das Gegenteil behaupten, allerdings geht das nach meiner Erfahrung ausschließlich darauf zurück, daß diese Meyer allesamt nicht gelesen haben und die moderne Forschungsliteratur gewissermaßen p. d. als überlegen betrachten.

Meyer hat durchaus nicht übertrieben, wenn er gelegentlich sagte, er schreibe seine „Geschichte des Altertums“ so, daß man auch beim Hinzutreten neuer Entdeckungen seine Arbeit nicht verwerfen müsse. Genau das ist schon zu seinen Lebzeiten geschehen, etwa durch die Öffnung des Grabes des Tut Ench Amun 1922: In der Neuauflage des entsprechenden Bandes war diese phänomenale Ausgrabung nicht mehr als eine kurze Fußnote wert, deren Inhalt zudem den betreffenden Text selbst, der Jahrzehnte vor der Ausgrabung verfaßt war, nicht änderte.

 

S. 272 – In Fußnote 2 fehlt: Bd. I, Abt. 2

S. 298 – Fußnote 1: „auch den Tyrannenmördern noch“

S. 349 – Fußnote: „heraus entstanden“ statt „heraus entstand“

 

S. 355 – Das Kopfzitat des Kapitels von Musil ist falsch. Was soll das bedeuten?

Die Variation dieses Satzes vom Beginn des Romans „Der Mann ohne Eigenschaften“ ist ein Verweis auf die spätere Diskussion des modernen Großstadtromans in diesem Kapitel. Es ist – etwas tendenziös – diejenige Stelle herangezogen, die gerade nicht modern genannt werden darf, sondern von Musil als geistlose Standarderöffnung des realistischen Romans persifliert wird.

 

S. 375/6 – Um welche Übersetzung des Streitgedichts von Raimbaut D’Aurenga und Giraut de Bornelh handelt es sich hier?

Übersetzung: Dr. Michael Heintze, Nachdichtung: Wangenheim

 

S. 392 – Die Fußnote, die nicht auftaucht, findet sich auf S. 391

S. 416 – 455 plünderten nicht die Goten, sondern die Vandalen Rom. Die gotische Plünderung fand 410 unter Alarich statt.

S. 425 – Woher stammt das Kopfzitat des Kapitels XIII?

Der Dialog wird erzählt in: Julius Kaerst, Geschichte des hellenistischen Zeitalters, Band I, Leipzig 1901, S. 253/4

 

S. 449 – Die abgeschnittene Fußnote endet mit: „Hannibal.“

 

S. 473 – Ihr Beispiel eines Liedes von Machaut steht einer großen Zahl sehr konventioneller Lieder aus seiner Feder gegenüber. Ist das nicht eine tendenziöse Auswahl?

Das ist richtig, allerdings dürfen wir nicht vergessen, daß es auch etwa im Vergleich mit dem 19. Jh. noch Dutzende One-Hit-Wonders unter den Komponisten gegeben hat. Es reicht also durchaus, eine kleine Anzahl von außergewöhnlichen Stücken vorzuweisen, welche die besprochene Zeit anderen Epochen voraus hat.

 

S. 484 – Woher stammt die Geschichte der Wanderung nach Prag?

Aus: Richard Wagners „Mein Leben“ S. 23, Leipzig 1941.

 

S. 485 – Mendelssohn statt „Mendelsohn“

 

S. 495 – Sie behaupten, Wagner habe nach der Überwindung des Rezitativs in seinen mittleren Opern im Ring wieder einen (neuartigen) Rezitativ geschaffen. Der Rezitativ wird aber durch eine Singstimme bestimmt, während die Harmoniewanderungen durch die Tonarten, denen Sie den Charakter des Rezitativs zuschreiben, im Ring aus sich heraus wachsen.

Das ist für die Einordnung als Rezitativ nicht von Belang, da eine Gesangsmelodie eine Harmonisierung evoziert, so wie umgekehrt eine Folge von Akkorden eine Hauptstimme in sich trägt. Hier handelt es sich sogar im Schaffensprozeß um die identischen Arbeitsschritte. Machen Sie sich klar, wie so eine Rezitativpartitur eigentlich aussieht: eine Singstimme, die hin und wieder durch Stützakkorde harmonisch fundiert wird. Musikalische Skizzen, gerade auch aus der Spätromantik, haben exakt dieses Aussehen. Die Aufgabe des Komponisten ist bloß noch, den Übergang von Akkord zu Akkord auszuformulieren (was im Rezitativ durch die Singstimme geschieht).

 

S. 511/2 – Wo ist der Unterschied der Begriffskonstruktion, die Sie hier vornehmen, etwa zu Kant oder Hegel? Auch diese denken sich Begriffe aus und ordnen die Welt danach.

Hier besteht ein ganz wesentlicher Unterschied: Die Konstruktion entsteht nicht durch Setzung von Begriffen, sondern aus der Sondierung der Möglichkeit von Begriffen. Eine Bedeutungsgebung/Interpretation der Begriffe, ja sogar ihre Benennung erfolgt erst nach ihrer Konstruktion und der Notwendigkeit ihrer Struktur (nämlich ihrer Zweiheit und der Relation zwischen ihnen). Wie sie also heißen und was sie in der Welt bedeuten, ist hier noch nicht vorausgesetzt (wenngleich das Kapitel ja am Ende des Buches steht und auch als nachheriges, also spätingenes Verstehen betrachtet werden muß – aber in diesem Sinne kann keine Philosophie voraussetzungslos sein, wenn sie nicht frühe Religion ist).

 

S. 517 ff – Einerseits nehmen Sie im Schlußkapitel den kühl-distanzierten Standpunkt der Gleichgültigkeit gegenüber Ihrer eigenen Philosophie ein, andererseits findet sich hier die parteiischste Darstellung für das späte Ingenium in dezidiertem Bibelton. Widerspricht sich das nicht?

Ja, das widerspricht sich. Aber exakt das ist die Entwicklung, welche jeder Gedanke in der Geschichte nimmt. Auch die Gedanken dieses Buches sind Geschichte und changieren durch das gesamte Buch hindurch, um schließlich hier die extremsten Formen anzunehmen. Daß auf den letzten Seiten die höchste Diskrepanz aufleuchtet, ist also durchaus nötig, um die Zweischneidigkeit des Problems endgültig verständlich zu machen.

 

Advertisements

Ein Gedanke zu “Leserfragen zu „Kultur und Ingenium“ (FAQ) . Teil 2

  1. Pingback: Leserfragen zu „Kultur und Ingenium“ (FAQ) . Teil 1 – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.