Richard Wagner . Die Hochzeit . Ein Fragment . 1832

Als ich im Jahr 2004 wöchentlich nach Weimar fuhr, um Vorlesungen zur Musik zu hören, da „dirigierte“ und zugleich sang ich in meinem Stübchen wahrscheinlich im Schnitt täglich zwei Stunden Wagner. Und zwar nicht bloß Baß und Bariton, die meiner Stimmlage entsprechen, sondern auch die Soprane und Tenöre (freilich meist eine Oktave tiefer). Meine Stimmbänder scheinen also in Form gewesen zu sein.

Aus dieser Zeit stammt auch das Portrait Wagners, das ich aus einem winzigen Internetbild zeichnete und dem Artikel vorangestellt habe. Es ist ein interessantes Beispiel dafür, wie man beim Zeichnen Details hinzuerfindet, ja, die sich aus der unscharfen Vorlage geradezu ergeben. Heute ist das Portrait sehr groß verfügbar, an dem man nun sieht, daß ich ihn älter gemacht habe, als er wenigstens auf diesem Photo ist. Aber das nur nebenbei.

Ohne daß ich mich genau erinnern könnte, wie ich zur „Hochzeit“ kam, so muß es doch aus dem Stöbern in der Wagner-Gesamtausgabe gekommen sein, denn als ich die ersten Takte in Sibelius (einer Notensatz-Software) übertragen hatte und im Zug heimwärts den verbleibenden Akkustrom nutze, um mir das Abgeschriebene anzuhören, da war ich überglücklich einen echten Wagner gehoben zu haben. Denn das klang zweifelsohne ganz nach Wagner.

Das dürfen Sie nun ebenfalls erleben, denn ich habe mich beim letzten Suchen nach der „Hochzeit“ doch verwundert, wie viele Menschen sich mit diesem Fragment befassen und es gern hören wollen. Mögen einige nun mein Youtube-Video der „Hochzeit“ finden und nicht allzu enttäuscht sein, daß es sich um eine Midi-Intonation handelt. Ich habe es mit einem Hall versehen, um das ganze wenigstens einen Tick realistischer wirken zu lassen.

Jahre nach meiner Entdeckung bekam ich die Aufnahme eines Teils des Fragments von Freunden, die alles Mögliche aus Internettauschbörsen sogen und wo auch diese, wie mir scheint, einmalige Einspielung verfügbar war, die jedoch nicht das komplette Fragment wiedergibt.

Freililch hört man die Beethovensche Art des frühen Wagner, aber etliche Wendungen und Harmonisierungen schreiben sich durch das ganze Werk fort. Darunter besonders jene vier Noten aus dem Frauenchor des Beginns, der dieses nur um einen Halbton transponierte Motiv aus dem Ring vorausdämmert, wenngleich es ganz anders harmonisiert ist.

Auch das Libretto zeigt den Wagnerschen Stil schon allzu deutlich. Preis dir, dem Edelsten der Edlen! will dem „Lohengrin“ entsprungen sein, Mein Gatte sprich, wer ist der fremde Mann? kommt im „Fliegenden Holländer“ wieder (Mein Vater sprich, wer ist der Fremde?).

Was in der einzigen verfügbaren Aufnahme nicht gespielt wird, ist das Septett. Und ich halte dies für eines der schönsten mehrstimmigen Vokalstücke, die Wagner je geschrieben hat. Sie kommen in den frühen Opern Wagners noch als Durcheinandergerede der Protagonisten vor, in welchen Keiner hört was die Anderen singen und sie deshalb ganz ungeniert aus ihrem Herzen sprechen. Dumm nur, daß auch der Zuhörer meist nicht verstehen kann, was gesungen wird. Aber auch das ist eine Frage guten Singens und Dirigierens.

In starker Konkurrenz dazu steht freilich das Quintett aus dem ersten Akt des Lohengrin in Vorbereitung des Gotteskampfes. Auch das muß man singen können. Hier sind es der göttlich brummende Baß Kurt Molls und Jerusalems brillianter Tenor, beide mit enormer Beherrschung in Intonation, Haltung, Ausklang.

Aber was ich immer häufiger feststelle ist, daß man neben aller qualitativen Schwäche auch kaum noch Aufnahmen findet, in denen Deutsche singen. Dabei ist es wirklich eine Zumutung Domingo als Parsifal oder Chinesen als Holländer anhören zu müssen. Die Akzente zerstören alle Atmosphäre. Da gibt es nur sehr wenige Ausnahmen. Amerikaner und Engländer sind meist noch unproblematisch, wenn sie sich ein wenig zusammenreißen. So etwa dieses Duett zwischen Holländer und Daland oder jenes zwischen Holländer und Senta, die ebenfalls in diese Kategorie gehören.

Daß es sich um ein Fragment handelt, haben wir übrigens Wagners Schwester Rosalie zu verdanken, die das Libretto als zu grausam befand. Daraufhin verbrannte der gute Richard es. Die Musik scheint das zu sein, was er bereits komponiert hatte… und glücklicherweise nicht ins Feuer warf. Das habe ich allerdings auch nur selbstreferentiell aus diesem Buch hier abgeschrieben.

Das größte und fantastischste Vokalstück Wagners aber ist und bleibt natürlich das Liebesmahl der Apostel. Und zu dieser Vorarbeit des Tannhäuser und der Oper selbst hat es dann doch noch eines gewissen Weges künstlerischer Reife bedurft. Nichtsdestoweniger ist ein so frühes Werk in seiner anrührenden Voraussicht ein besonderer Genuß für jeden Wagnerfreund.

 

 

 

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