Mit Goethe und Novalis nach Jena

Die nachhaltigsten Neuentdeckungen macht man nicht in der Ferne, sondern vor der eigenen Haustür. Das ist freilich trivial und doch ein besonderes Erlebnis. Denn heute geht es mit Goethe und Hardenberg zum Auszugholen. Was ist Auszugholen, werden Sie fragen! Ja, Bankauszüge holen, meine ich. Was das mit Goethe und Hardenberg zu tun hat? Wir hatten denselben Weg.

Vielleich wissen Sie ja, daß Novalis, als er in Jena studierte, regelmäßig in die Universitätsstadt wanderte, vornehmlich, um sich Bücher in der hiesigen Bibliothek zu holen, und dies vom Gut seiner Eltern aus tat, das sein Vater vier Jahre vor seiner Geburt in Schlöben – südöstlich von Jena – erworben hatte und sich mit seiner Familie oft zur Sommerfrische dort aufhielt. Das Schloß soll eine Bibliothek von 30.000 Bänden umfaßt haben. Warum der gute Hardenberg da noch nach Jena mußte, um sich Bücher zu holen, weiß der Geier! Na, vielleicht waren es die Liebschaften. Kurz: Er tat es. Und wenn man denselben Weg hat, soll man gemeinsam gehen.

Das Schloß Schlöben wurde – wie auch in Drackendorf, das wir später durchfahren werden und wo Goethe zusteigt – 1948 abgerissen. Ja, Sie haben richtig gelesen. Man schlägt sich die Hand vor den Kopf. Da waren die Kommunisten ganz schnell. Hauptsache alles austilgen, was an die Aristokratie erinnert. Für die in den Außenmauern unbeschädigt gebliebene Universität in Leipzig haben sie bis 1968 gebraucht, bis auch dort die Abrißbirne geschwungen wurde. Aber ein Gut, also Wohnraum! kurz nach dem Weltkrieg! Und noch dazu wertvolle Architektur. Das sind die Blüten von haßerfüllten Ideologien, wie sie heute auch wieder oder immer noch zerstörerisch durch‘s Land ziehen. Doch wem sage ich das?

In Schlöben gibt es daher verhältnismäßig wenig zu sehen. Der alte Gasthof steht noch, ist aber als solcher nicht mehr in Benutzung. Gutshaus und Schloß sind passé, aber ich hoffte auf die kleine Nebenstraße nach Rabis, die ich aus alten Radfahrten als schöne Pflasterstraße, einseitig Baumbestanden in Erinnerung hatte. Leider erwies sich das als ein Irrtum. Die Straße war mit Split versehen, also schon als Asphaltstraße in bereits nicht dem besten Zustand gewesen. Aber meine Erinnerung könnte 25 Jahre zurückreichen. Vielleicht habe ich ja doch recht? Oder ich verwechsle etwas. Jedenfalls ist der Ortskern Rabis gepflastert und ich hielt an der Kirche für ein schönes Motiv des etwas morbiden Putzes am Kirchturm.

Ich stehe am Schild, der den Novalisweg kennzeichnet. Er geht von hier aus wandermäßig durch den Wald nach Drackendorf. Da müssen wir per Krad einen unbedeutenden Umweg nehmen. Außerdem steht ein letzter Zeuge des auch hier bestehenden Gutshofes nebenbei, der zum Schlöbener gehörte und nach dem Krieg in vier Neubauernhöfe aufgeteilt, dabei aber völlig entstellt wurde.

Nun geht es also hinauf auf die Landstraße, die nach Ilmnitz führt, und von dort einen Weg hinein, der heute asphaltiert ist, den ich aber mit meinem Vater auf dem Moped – übrigens dem Moped, das ich gerade mit meinem Vater wieder TÜV-fertig kriegen will – als Schlammweg befuhr, wenn wir… ich weiß gar nicht wohin wollten. Heute ist es ein schmaler Teerweg, der schließlich steil hinab nach Drackendorf fällt.

Auf der Hauptkreuzung stehen wir dann auch direkt an der Außenmauer dies hiesigen Gutes – das heißt wir stünden, wenn es noch vorhanden wäre. Immerhin ist das Eckhaus noch eine Verhunzung des Verwalterhäuschens (7) aus dem 18. Jh. – mit Plastebiberschwänzen und häßlichen Balkonvorbauten. Ja, Plastebiberschwänze. Man glaubt es nicht. Immerhin ist das Mansarddach erhalten geblieben.

Dieses Gut, dessen Hauptgebäude 1946 abgerissen wurde, hat nun literaturhistorisch eine noch größere Bedeutung als jenes in Schlöben, denn hier ist Goethe ein- und ausgegangen. Jene von Ziegesar besaßen zur Goethezeit das Gut – ein riesiger Vierseitenhof von fußballfeldartigem Innenhof – und waren häufig Gastgeber des Maestro aus Weimar. Der fuhr nicht nur gelegentlich seiner Fahrten nach Karlsbad hier vorbei und nächtigte noch einmal, bevor es ganz hinaus ging, sondern ist auch im Zusammenhang mit Jenaer Reisen oft hier heraus gefahren. Ein wenig hatte er sich auch in eine bezaubernde Tochter des Hauses verguckt.

Im Gut wurden nach dem Krieg Flüchtlinge (die echten!) einquartiert, vornehmlich aus Schlesien. Die wohnten auch in den 80er-Jahren noch dort. Weil wir mit diesen Leuten manches zu tun hatten, habe ich wahrscheinlich auch ein wenig schlesisches Gemüt in mir. Jedenfalls spürte ich auch als Kind, daß das andere Leute waren, obwohl ich von ihrer schlesischen Herkunft erst zuletzt erzählt bekam. Mir kamen sie etwas stumm und eigenbrötlerisch-verschlossen vor. Aber das sind natürlich ziemlich einfache Kindereindrücke.

Inmitten des riesigen Hofes des Guts, das schon kurz nach dem 2. Weltkrieg als solches nicht mehr erkennbar war, stand lt. obigem Lageplan auch um 1800 irgend ein kleines Gebäude. In den 1980er-Jahren waren das zwei Neubaugaragen vom Einheitstyp. Garagenkomplexe waren in der DDR ein vertrautes Bild. Sie können ja mal googeln. Die DDR-Garage scheint bereits historisch aufgearbeitet zu werden. Auch hier ging am Hang hinauf eine ganze Reihe weiterer Garagen, die man von der Straße nicht einsehen konnte, aber zwei standen wie gesagt ganz in der Mitte. Eine gehörte den beiden Brüdern, die in besagtem Verwalterhäuschen an der Straßenecke wohnten, die andere uns. Sie hatten einen weißen Dacia 1300 und wir einen gelben Moskvitch 2140.

Wenn wir vor unserer Garage standen und zu Rachuts hinüberschauten – ein mächtiges Haus mit Schweinestallgrundmauern – dann war das sozusagen der Blick Goethes auf das erste Nebengebäude des Guts. Draußen, vor dem Gutshof, beginnt der Park, in dem jener Goethepavillon steht, der heute – zusammen mit dem Park – schön wiederhergestellt ist (inklusive eines lächerlichen modernistischen Anbaus – man kennt’s).

Kurzum, ich teile einige verballhornte Kindheitserinnerungen mit Goethes Aufenthalten in Drackendorf. Mit dem Krad fuhr ich diesen Sonntag, obgleich ich kurz an der Kreuzung anhielt, mich umsah und einen Moment innehielt, schlicht geradeaus weiter, an den sich begrüßenden Wanderern und dem reich von Rentnern besetzten Biergarten der örtlichen Kneipe vorbei, wo noch immer jene Trauerweide steht und auch etliche Kastanien, an deren Erscheinungsbild und Erklärungen meines Vaters ich diese Baumsorten kennenlernte.

Auch das ungewohnte Überfahren von Kreuzungen hält besondere Gefühlslagen bereit. Es ist natürlich wieder im höchsten Sinne übertrieben, wenn ich davon ernstlich berichte. Aber das Gefühl existiert ja nun einmal. Ich kenne diese Kreuzung seit mindestens 30, ja 35 Jahren. Und doch habe ich sie so wahrscheinlich nie überfahren. Wir kamen entweder vom Pfaffenberg (unserem Garten) her und fuhren Richtung Jena (wo es nach 50m links in den ehemaligen Gutshof also unsere Garage ging), oder wir kamen von dort unten und fuhren durch. Diese Richtung mit diesem Ziel war nie vorgekommen. Und plötzlich fühlt es sich an, als sei man jemand anderes, ein Fremder am vertrauten Ort. Es hat dies eine große Verwandtschaft mit jenem anderwärts beschriebenen Gefühl des kurz auftauchenden Reisenden, der als schwindende Erscheinung ebenso schnell wieder fort ist. Eine sonderbare Melancholie liegt in solchen Durchfahrten. Sekundäre Sekundenemotionen gewissermaßen.

Aber derartige Ungewohntheit heißt auch immer: Neues Land unter den Füßen und Rädern. An die Kirchhofsmauer von Drackendorf schließt sich zwar heute ein Einfamilienhaus-Neubaugebiet an, das früher nichts als Feld und Wiese war, aber ich kenne den Feldweg freilich, der hier hinüber nach Altlobeda führt. Ob Goethe, der ja nun mit uns reist, diesen Weg nahm, kann man aus den gewöhnlichen Aufzeichnungen Riemers oder Goethes selbst nicht entnehmen. Das hing wahrscheinlich von den damaligen Straßenzuständen ab. Es könnte auch gut sein, daß er auf der großen Chaussee aus Drackendorf hinaus und hinein gefahren ist, die Richtung Südwesten ausgeht und von der man auch heute aus der 70er-Jahre-Plattenbausiedlung Neu-Lobeda-Ost herkommt.

Novalis ist natürlich von Drackendorf quer hinüber nach Lobeda (Betonung Lóbeda! heute Alt-Lobeda) gelaufen, aber der Kutschpassagier Goethe mag den Umweg auf der Chaussee genommen haben, die bis zur heutigen Autobahnauffahrt reicht, wo er die Straße zwischen Roda und Jena erreicht hat, die im Winkel ebenfalls nach Lobeda führt. Man kann den Eindruck des freien Landes, auf dem sich diese Szenen abspielten noch aus Vorkriegsaufnahmen ablesen, die bis auf die Autobahnbrücke die Landschaft der Goethezeit zeigen. Die Häuser direkt unterhalb der Kuppe links bezeichnen die wenigen am Hang errichteten Gebäude oberhalb des Gutshofes.

Ich mußte also nun über Dreckwege, darunter eine steile Graspassage, in eine kleine Obstplantage hinab torkeln, bis ich auf dem alten Fußweg war, der direkt hinüberführt und die auch in Lobeda gebaute Plattensiedlung links liegen läßt.

Altlobeda ist ein netter kleiner Ort, der mir aus unerfindlichen Gründen ebenfalls recht gut aus Kindertagen bekannt ist. Ich erinnere mich des gotischen Langhauses der turmlosen Kirche, die man von der steil vorbeiführenden Dorfstraße als thronenden Dom wahrnimmt, und auch des merkwürdig gewundenen Marktplatzes, an dem die alte Straße vorbeiführte und der ein auf dem schiefen Pflasterplatz dunkel sitzendes Rathaus mit einer fest angeschmiegten, riesigen Linde und typischen alten Ratskeller-Rundbogenfenstern besaß. Thomas Mann spricht gelegentlich seiner 1946er Rede über „Die Deutschen“ in Washington zu jenem gotischen Gemüt der alten, mystisch-dunklen deutschen Städte, die er als Kind erlebt habe. Das ist so eine Stelle, von der aus ich weiß, was er meinte. Heute fehlt die Linde und die dunkle Fassade – die tiefdräuende Anmutung ist hin.

Gewisse Plätze und Räume haben sich mir eingeprägt, die ich generell selten sah. So auch die urige Industrieanlage der in den Felsen gehauenen Brauerei in Jena oder die rußgeschwärzten Gründerzeitbauten in der Lutherstraße hinter der Abbe-Bibliothek. Für beides finde ich leider keine historischen Aufnahmen.

Allerdings sind bei der Suche sehr schöne Werbeschilder aufgetaucht, die für das Jenaer Bier gezeichnet wurden. Ich kann mich für diese herrlichen Illustrationen im Plakatstil des frühen 20. Jahrhunderts sehr erwärmen. Willi Engelhardt hat das Schild entworfen, das stilistisch sehr an Ludwig Hohlwein erinnern – Sie wissen: der biertrinkende Franziskanermönch. Engelhardt hat stattdessen und dem Ort angemessen einen Jenaer Studenten mit roter Mütze ein Bierglas leerend vor der Silhouette der Stadt gemalt. Auch scheint er für die bekannte Persilwerbung der Vorkriegszeit, jene gehende Frau im weißen Kleid verantwortlich zu zeichnen, die Sie auch zu Beginn des Leipziger Straßenbahnfilms an der ersten Hauswand weit überlebensgroß sehen. Hier hat er noch für ein Café-Wein-Restaurant in München ein recht nettes Plakat entworfen. Offenbar war er sozusagen Konkurrent Hohlweins in den 30er-Jahren, da es auch etliche Kinderbuchillustrationen von ihm in diesem Stil gibt. Eine Menge Filmplakate der 30er und 40er-Jahre scheinen ebenfalls aus seiner Feder zu stammen.

Zurück nach Lobeda: Am Pfarrhaus des Ortes erinnert eine Tafel an den slowakischen Studenten und Dichter Jan Kollar, der hier 1817/19 Friederike Schmidt kennenlernte, welche er Jahrzehnte später heiratete. Nun hätte ich vom Pfarrhaus aus den Höhenweg nach Wöllnitz nehmen können, aber meine Frage an einen gerade das Auto entpackenden, jüngeren, beleibten Mann, quittierte dieser mit abratenden Äußerungen zu Schotter und Schlaglöchern, gespickt mit ständigen, bedeutenden Blicken auf meine glatte Straßenbereifung. Ich hätte nun von meinem furchtlosen Draufgängertum berichten können, beließ es aber dabei und nahm den Rat des guten Mannes an, wodurch mir nur der Weg darunten an der Saale blieb.

Aus dem Ort heraus ist allerdings wieder nicht mit Sicherheit zu sagen, wo Goethe entlangfuhr. Hardenberg dürfte weiter auf der Ostseite der Saale bis nach Jena gelaufen sein. Die oben verknüpfte, alte Karte aber zeigt, daß man hier über eine heute noch stehende, alte Brücke auch nach Burgau übersetzen konnte und also von Südwesten in die Stadt gekommen wäre – durch jenes Stadttor, daß Goethe wohl 1817 abreißen ließ. Vermutlich wegen der Ausdehnung der Stadt. Wir nehmen es ihm freilich trotzdem übel.

Nimmt man hingegen die Ostseite der Saale kann man erst auf der Camsdorfer Brücke in die Stadt einfahren, hat also ein paar hundert Meter Umweg. Auch das wäre aber für Goethe nicht ungünstig gewesen, da er ohnehin immer ins Schloß wollte, wo der Fürst ihm ein Zimmer überließ – und das 1908 abgerissene Schloß ist das heutige, von Theodor Fischer entworfene, berühmte Universitätshauptgebäude unweit dieser Brücke.

Noch sind wir aber am Ortsausgang von Lobeda. Hier ging schon um 1800 ein baumbestandener Pfad gerade hinüber, den ich am Sonntag auch mit dem Krad befuhr, immer weiter unter den immer enger an die Saale herantretenden Hängen der steilen Kernberge entlang nach Oberwöllnitz. Die Chaussee, die auf der Ostseite weiterläuft, befindet sich heute unter der vierspurigen Schnellstraße, die zu DDR-Zeiten gebaut wurde, um die Plattenbausatelliten mit der Zeiss-Stadt zu verbinden. Es blieb also nur der Hardenbergsche Fußweg.

Wöllnitz liegt eng an den Felsen geschmiegt und besaß schon im 19. Jahrhundert jenen Ober- und Unterweg, welche die beiden Ortsteile verbanden, wie man dem alten Meßtischblatt entnehmen kann. Heute sind es zwei Einbahnstraßen, von welcher oberen aus man sich die Barock-Haube des wunderschönen Zentralbaus auf Achteck-Grundriß näher besehen kann. Erst am Ende des Ortes kommt man auf diesem Weg von den Felsen wieder herab, kann dort tanken und feststellen, daß meine Fahrten 4 l/100km schlucken und dann auf dem niederen Weg zurück zur sehenswerten Kirche von Wöllnitz gelangen.

Ich führe die Begegnung mit einem etwas verwirrten Radfahrer nicht weiter aus. Er war zwar gewissermaßen ein etwas anhängliches Original, für welche ich einiges übrig habe, äußerte sich aber zum Schluß sehr medienbeeinflußt, was mir seine sonst ganz nette Schrulligkeit völlig zu zerstören schien und ich nahm schnellen Abschied. Die Ehrenrunde also nochmals um den auffallend erhabenen Kirchenbau, den ich mir schon seit Jahren genauer besehen wollte, da man ihn von der Schnellstraße aus immerzu sehnsüchtig platzgreifend gewahrt, und weiter Richtung Stadt.

Nun freilich ist die Fahrt auch schon kaum mehr ländlicher Natur, da Gärten und Einfamilienhäuser die Straße säumen und schließlich kommt man in Reichweite des Stadions und Sportkomplexes der Nachkriegszeit, wo der Weg vermutlich wegen eines Fußballspiels durchgängig beblecht war und trudelt in die gründerzeitliche Jenaer Vorstadt der Schneidemühle ein, die, soweit ich weiß, keine nähere Bezeichnung hat. Nun noch der Sprung über die damals nicht existente Brücke – Goethe mußte noch einen halben Kilometer weiter fahren, um übersetzen zu können – aber damit ist man dann auch schon fast direkt an der Stadtmauer und dem zu ihr gehörenden roten Turm, Auszüge inklusive.

Gerade eine solche Tour für eine Alltagserledigung wie einen Bankbesuch zu unternehmen, hat besonderen Reiz. Nicht nur weil auch Radfahrer diesen umständlichen Weg nicht nehmen, wo doch ihre ausgebaute Bahn wenig entfernt parallel direkt an der Saale verläuft. Man kennt alles, und doch ist der Zusammenhang, vor allem der alltägliche einem nicht mehr gegenwärtig nach all den Jahren. Man fühlt sich wie ein wirklich Reisender, nicht wie auf einem profanen Erledigungsgang. Probieren Sie es einmal bei sich! Auch wenn vielleicht keine Größen wie Goethe und Novalis mitfahren.

*

Wenn ich sagte, wir wissen nicht genau, welchen Weg Goethe hier nahm und daß es wohl mit der Wegbeschaffenheit zu tun habe, so darf ich nicht verschweigen, daß wir bezüglich der Reisen, die Goethe vom Gut derer von Ziegesar Richtung Karlsbad unternommen hat, deutlichere Auskunft besitzen. Und diese wirft Fragen auf! Jeder Mensch mit Verstand hätte bspw. von Drackendorf aus die Chaussee nach Roda genommen, um in die fragliche Richtung zu gelangen. Goethe fuhr aber über Pößneck, was nur mit der Überwindung von Bergen und eher kleinen, also wenig ausgebauten Wegen geschehen konnte.

Vom teils recht steilen Niemandsland hinter Pößneck, wo weit und breit nur kleine Dörfer zu finden sind, gibt es Aufzeichnungen Riemers, daß man hier entlang gefahren sei und in einem Dorfgasthof gerastet habe. Aus derselben Gegend erzählen die Dorfchroniken von Bodelwitz, daß die Kutsche Goethes dort einmal im Dreck steckengeblieben sei. Ein Bauer hat ihn mit einem Doppelochsengespann herausgezogen und dafür vom Geheimrath einen halben Kursächsischen Thaler erhalten.

Was will ich Ihnen damit sagen? Daß Goethe den gebirgigen Weg vorgezogen hat, die kleinen Straßen, nicht die großen Chausseen, obwohl das auch seinerzeit in der Kutsche wesentlich komfortabler war. In Böhmen schwärmt er von Gemeinde-Prozessionen und Wallfahrten, die er mit großem Interesse und unter teilweise bedeutenden Umwegen mitnimmt, von den zahlreichen idyllisch-ländlichen Ausfahrten vom Kurort Karlsbad aus ganz zu schweigen.

„Morgen geh ich über Jena nach Waldeck,“ schreibt er schon 1775 an Lavater, „wilde Gegenden und einfache Menschen aufsuchen.“ Verstehen Sie? Goethe ist schon immer an den abwegigen Reisen interessiert, fährt umständliche, statt direkte Wege, sucht das einfache bäuerliche Leben statt der großen Städte auf. Kurz: Er reist damals wie ich heute. Freilich mit dem bedeutenden Unterschied, daß Goethe das Lebendige suchte, ganz im bekannten Duktus des alten Geheimraths. Ich hingegen, als Romantiker, suche das Tote — und doch nur, weil das, was Goethe noch lebendig erforschen konnte, heute – und auch das selten genug – nur mehr tot besehen werden kann. Was wir hingegen überhaupt sehen wollen, ist also durchaus dasselbe. Ich bin und bleibe eben doch im innersten Herzen ein treuer Goetheaner.

Frei nach dem alten Werbespruch „Katzen würden Whiskas kaufen“ darf ich also sagen: Goethe würde die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim lesen (und natürlich unabsehbar Vieles zu korrigieren haben).

*

4 Gedanken zu “Mit Goethe und Novalis nach Jena

  1. Thomas Beck

    Das Bild der Autobahnbrücke im Saaletal muss verm. jene Brücke sein, die ich in einer früheren Darbietung des werten Herrn Wangenheim kurz gesehen hatte: Da fuhr Erik Ode mit Begleiterin im KdF Volkswagen von Weimar nach Karlsbad, den Spuren von Goethe folgend.

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  2. Thomas Beck

    Was die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim immer wieder zum Lesevergnügen macht, ist das sorgsam ausgesuchte Kartenmaterial. So ist die „oben verknüpfte, alte Karte…“ ein besonderes Schmankerl aus einer Zeit, als Drackendorf nur mit k geschrieben wurde. Und so ein Blatt ist dann ein exzellenter Fundus für kleine Entdeckungen wie z.B. der Zementfabrik beim Bahnhof in Göschwitz.

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