Der unvergleichliche Reiz gesperrter Straßen . Teil 2 . Wiedergefundene historische Fahrwege

Als ich zuletzt für eine eigentlich nur 70 km lange Strecke geschlagene dreieinhalb Stunden brauchte, schüttelte Mancher, dem ich davon erzählte, verständnislos den Kopf. Und ich selbst hatte nur mit zwei gerechnet. 85 km sind es insgesamt geworden – der Tribut an die nicht kürzeste, sondern abgelegenste Strecke – und heraus gekommen sind bei der genannten Fahrzeit geschlagene 24 Stundenkilometer Durchschnittsgeschwindigkeit.

Das schafft mancher mit dem Fahrrad. Konnte man ernstlich so langsam fahren? Eigentlich war aber alles wie gehabt: insgesamt 6-7 Stunden für um die 150km. Diesmal war es aber nicht sonderlich vielen Pausen geschuldet, sondern dem Straßenzustand. Oder wollte ich sagen: dem Wegezustand? Denn von Straßen war da zum Teil nicht mehr zu reden. Gleichwohl waren sie als (weiße) Ortsverbindungsstraßen auf meiner 1:150.000 Karte verzeichnet.

Solche Fehlauszeichnung der Straßen in einer doch recht modernen Karte von 2002 (die heutige Auflage wird sich da nicht unterscheiden) hat aber einen recht interessanten Hintergrund. Denn hier handelt es sich nicht um einen bloßen Kategorisierungsfehler, sondern gewissermaßen einen chronologischen. Straßen nämlich sind das durchaus einst gewesen. Aber eben früher. Legt man nämlich zum Vergleich alte Meßtischblätter aus dem frühen 20. Jahrhundert daneben, so findet sich hier eine große Übereinstimmung: Die Straßen sind echte Straßen und die Feldwege sind Feldwege. Die Kartographen sind also offenbar allzu häufig von der recht arbeitsparenden Voraussetzung ausgegangen, daß Straßen nie zurückgebaut, sondern immer nur ausgebaut werden. Also konnte man das, was früher als Straße ausgezeichnet war auch heute als solche auszeichnen.

Und dieser kartographisch eigentlich fehlerhafte und für Automobilisten sogar ärgerliche Zustand, ist nun gelegentlich solcher altmodischer Touren, wie ich sie anstelle, ein regelrechter Glücksfall. Denn so trifft man bei vorzugsweiser Befahrung der kleinen, weißen Sträßchen häufig auf solche Straßen, die keine mehr sind, aber oft genug Zeugnis von ihrer ehemaligen Existenz geben. Wer also mit historischem Charme reisen will und ein feines Näschen hat, für den hält diese unbedarfte Kartographensparmaßnahme nette Überraschungen bereit. Freilich nicht für Autofahrer, denn diese Überreste an alten Landstraßen können oft kaum noch vierrädrig befahren werden – aber der Kradfahrer kommt eben überall durch.

Die hier häufig aufgestellten Sperrschilder hinter sich gelassen, taucht man dann mit etwas Glück in eine untergegangene Welt ein. Das kann sich zunächst recht unspektakulär ausnehmen, wie es bei meiner ersten Übertretung der Fall war, als ich bei Tonndorf ein Stück Bundes- und Landstraße unter gleichzeitiger Verkürzung der Gesamtstrecke zu umgehen suchte. Sie führte als Feldweg aus dem Ort auf einen flachen, bewaldeten Bergrücken, am Schloß gleichen Namens vorbei auf die dahinter gelegene Hochebene. Der Weg war zunächst nichts als ein ausgewaschener Fahrweg. Aber auch das bringt manchen Genuß. Erstens bin ich vielleicht doch ein heimlicher Geländefahrer, daß mir mit der Straßenmaschine auch zerfurchte Waldwege Spaß machen: Es ist eine interessante fahrphysikalische Aufgabe, eine Maschine mit Straßenbereifung, also recht wenig Haftung auf losem Grunde, sicher und nicht nur bei Schrittgeschwindigkeit, sondern im zweiten und dritten Gang dort hinauf zu bugsieren.

Andererseits liegt ein besonderes Gefühl im Wiederankommen in einer Ortschaft oder wenigstens auf festem Grund, nachdem man eine Weile so abgelegen durch die Wildnis zuckelte. Es hat etwas von dem Wandergefühl, nach langem Pilgern durch Wald und Wiesen in eine Stadt zu kommen und die Zivilisation nach ewig gefühlter Abwesenheit wiedergefunden zu haben. Auf denselben Wegen wie alle anderen Fußgänger plötzlich als Wanderer fast unerkannt zu sein und das Gepäck voll unstädtischer Erinnerungen – nicht beschwert, sondern beflügelt zu wissen – hat einen Reiz, den nur begreifen kann, wer drgl. ursprüngliches Reisen erlebt, diesen Wechsel von freier Natur und kleinstädtischer Geborgenheit einmal erwandert hat.

Das Waldstück – das man übrigens anders als es auch Google-Maps suggeriert, nicht mit einem normalen Auto befahren sollte – wurde aber schon am Waldgasthaus Stiefelburg etwas lichter und der Weg besser. Von der anderen Seite pflegen wohl die Gäste zu kommen. Denn als ich den Wald just verlassen hatte, zeigte die Straße nun ihren alten, noch erhaltenen, geflickten Asphalt. Zugleich hatte mich die Maschine auch einige Dutzend Meter hinaufbefördert, was nun den Blick in die Richtung Erfurts freigab. Doch unter dem dunklen Himmel schien die Stadt bedrohlich im Regen zu stehen oder doch wenigstens bald mit dem kühlen Naß von oben rechnen zu müssen.

Ob nun hier langsamer oder schneller zu fahren ratsam war, um selbst nicht naß zu werden (übrigens ein guter Wink, sich einen alten Kradmantel aus gummiertem Stoff zu besorgen) – es treibt einen immer, die Fahrt zu forcieren und keine Zeit beim Fotografieren zu verplempern, weshalb mir hier ein Foto fehlt. Aber was Forcieren bei mir heißt, wissen Sie ja schon (Der Kradkurier). Hinzu kam, daß der Vormittag noch kühl war und ich mich trotz Nierengurts, gefütterter Handschuhe und fast schon komisch großem, schottischen Schal alles andere als warm befand. Das lag vor allem daran, daß mir die Luft verstärkt in die Brust zog, weil ich beim ersten Halt den obersten Knopf meines englischen Paraderocks verloren hatte (aber sogleich neben dem Krad liegend wiederfand – soll man etwa auch noch Nähzeug mitnehmen?) – Kurz, ich hielt nicht an – zugegeben auch weil mir das Motiv einmal mehr nur in Bewegung zu funktionieren schien.

Bei einem Zwischenhalt in Münchholzhausen, dessen Kirche recht idyllisch zwischen alte Bäume gepflanzt mich zum Stop brachte, fand ich die Kirchtür offen (was sonst in der Gegend nicht üblich ist). Ein mittelaltes Pärchen, das allerdings nicht zusammen zu gehören schien, schmückte das kleine Schiff mit Blumen für eine Taufe, die am Nachmittag stattfinden sollte, während ich das einzige, enge Treppchen hinauf zu den beiden reichlich barock ausgemalten Holzemporen nahm. Der Mann fragte mich – vor allem wegen meines merkwürdigen Aussehens – ob ich also so über die Dörfer reiste, worauf sich entspann, daß er selbst Moped und MZ-Fahrer war und mir gern mit einem Regenradar aushelfen wollte. Zu diesem kurzen Gespräch könnte ich nun durchaus eine Vergleichsstudie mit dem Arbeiter aus dem ersten Teil anstellen, vor allem was die Verhaltensunterschiede bei verschiedenem Alter angeht, aber dazu im Verbund mit weiteren Begegnungen im dritten Teil mehr.

Zwischen Vieselbach und Kerpsleben war ich dann abermals auf Abwegen. Zugegeben, dieser und die folgenden, sehr geraden und dann plötzlich abknickenden Wege über die weiten Felder östlich von Erfurt, sind auf meiner Autokarte nur gestrichelte Linien. Gleichwohl hatte ich mich hier im Voraus per Sattelitenaufnahme vergewissert, daß weitgehend asphaltiert war. Man kommt sonst von Osten her heute nur über große Straßen in die Stadt. Und das war freilich nicht immer so. Es stellte sich nämlich mit Blick auf die entsprechende alte Meßtischkarte im Nachhinein heraus, daß es sich bei diesen schnurgeraden, auf den ersten Blick modernen Landwirtschaftswegen schon Mitte der 20er-Jahre um vollwertige Straßen der Kategorie IIa und IIb handelte, letzteres eine nicht befestigte Staubstraße. Heute sind die Wege schmal und mit Buchten versehen für die Landwirtschaft reserviert. Doch dem geschulten Auge verraten sie mit ihrem schon in die Jahre gekommenen Belag und dem alten Baumbestand an der Südseite des Straßengrabens ihre alte Geschichte. So fuhr es sich recht beschaulich über die weite Felderlandschaft, die mit jedem Heraustreten aus einem Ort bereits den Kirchturm des nächsten Fleckens zeigt.

Kerpsleben wäre sogar lt. Dehio einen Halt wert gewesen, was ich auf meiner Karte bereits durch einen Bleistiftkreis angezeigt hatte, ja, mir fiel der große Kirchbau sogar merkwürdig auf. Und doch war ich so vom Fahrtendrang gezogen, daß mir im Ort der Gedanke an einen Halt wieder entschwunden war und ich den letzten Sprung nach Erfurt tat. Verpaßt habe ich dort ein Kreuzigungsrelief und einen „pomphaften Kanzelbau dreigeschossig, bis zur Decke aufsteigend“. Das konnte aber den sonstigen Genuß der ungewöhnlichen Ein- und Ausfahrten aus den Dörfern und den von Obstbäumen begleiteten, kantigen Verlauf der historischen Fahrwege nicht schmälern.

Besonders zwischen flachen Feldern sind solche schnurgeraden Straßen, die dann plötzlich in harten Winkeln abbiegen, früher nicht selten gewesen. Sie zeichnen damit die Fluren nach, die wie schmale Handtücher in Streifen zwischen den Ortschaften liegen, damit der Bauer in langer Gerade seinen Acker pflügen kann und nur selten umwenden muß. — Interessanterweise fehlt auch von diesem Streckenabschnitt die Fotografie. Ich glaube, hier störte mich das Umspannwerk ganz in der Nähe. Vielleicht bin ich aber auch doch noch nicht weit genug, was die Gelassenheit der Hinfahrten angeht. Denn die Strecke rückwärts, die noch vor uns liegt, ist besser dokumentiert.  

So saß ich also schließlich in Erfurt auf einer Royal Enfield 350 Classic, um zu sehen, ob mir so eine Maschine munden würde. Aber für’s erste steht jetzt ohnehin ein anderes Kraftrad zur Wiederinbetriebnahme an.

*

Werbung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..