Der unvergleichliche Reiz gesperrter Straßen . Teil 1 . Das teilnehmende Gemüt

Wann haben Sie zum letzten Mal erlebt, daß Ihnen als Kraftfahrer ein Fußgänger übereilend behilflich war? Haben Sie drgl. überhaupt schon einmal erlebt? Es ist kurios, daß einem, sobald man sich (freilich nicht nur, aber doch auch auf Straßen) in einer gewissen Manier gibt, Dinge, von denen man glaubte, sie seien spätestens mit dem Untergang der DDR ausgestorben, plötzlich wiederbegegnen.

Ich fuhr zuletzt mit meinem gelben Postrad aus einer Kleinstadt, deren nähere Bezeichnung nichts zur Sache tut, auf einem recht steilen Berg hinaus in Richtung kleiner Dörfer. Auf einer Seite der Straße – es war noch in der Ortschaft selbst – stand ein Pritschenwagen und drei Arbeiter, die vermutlich etwas am Straßenrand reparierten, Genaueres habe ich nicht gesehen. Die schmale Straße erforderte nun natürlich, daß ich auf die Gegenfahrbahn zu wechseln hatte, und ich schwenkte, wie man es als Kradfahrer zu tun pflegt, kurz schwungvoll an den Rand der eigenen Fahrbahn, um bessere Sicht auf die leicht kurvige Streckenführung nach links und damit die Gegenfahrbahn zu erhaschen.

Einer der Bauarbeiter, der sich wohl schon nach dem Motorenklang meiner Maschine umgewendet hatte, bemerkte den Schwung, „schaltete“ unmittelbar und warf seinen Kopf zurück in Richtung meiner anvisierten Fahrt, reckte sich dabei fast theatralisch – so wie ja auch mein Schwungnehmen etwas elegant-übermäßig Ausholendes an sich hatte –, sah die Strecke für mich ein und winkte, als er „Bahne frei“ bemerkt hatte, kräftig mit dem Arme ausholend den herannahenden Kradler, welcher ich war, an dem Hindernis, welches er zu guten Teilen selbst war, vorbei.

Sowie ich der halb hilfsbereit-ergebenen, halb begeisterten Teilnahme gewahr geworden, hob ich ebenfalls die Hand von der Kupplung, um dem freundlichen Manne meinen Dank zu erweisen. Es war dabei vielleicht nicht bloßer Zufall, daß der gute Motorradfreund – und man wird entweder eine eigene Motorradgeschichte oder wenigstens eine große Begeisterung für das Zweiradfahren bei demselben zu unterstellen nicht fehlgehen – in seinem breiten Lachen nur einen einzelnen, oben links sichtbaren Zahn zeigte, was ihm eine ungeheuer ehrliche Verschmitztheit in dem sichtlich genossenen Dank des Kradlers verliehen hatte.

Was war hier passiert? Hatte ich diese Hilfe benötigt? Die leichte Neigung der Kurve war verschwindend gering und bei 40 Stundenkilometern leicht rechtzeitig einzusehen. Auch verlasse ich mich – zumal auf dem Motorrad – ungern auf solche Winkbewegungen, weshalb ich mich freilich erst selbst überzeugte, bevor ich dann wirklich etwas am Gasgriff drehend vorbeizog. Aber darum ging es freilich gar nicht. Jemand hatte nicht weniger als seiner ganzen Freude Ausdruck verliehen, daß etwas Besonderes in sein Leben getreten war, etwas, daß heute eigentlich nichts besonderes mehr ist: Ein Motorrad kam die Straße entlang. Und so wie drgl. in den 50er-Jahren noch eine Besonderheit sein konnte, so schien es am vorletzten Dienstag, woher ich diese Geschichte nehme, auf einer selten befahrenen Ortsverbindungsstraße des Jahres 2022 ebenfalls zu sein.

Nun muß man diese kleine Anekdote scharf unterscheiden von sich umwendenden Jünglingen, die in einer Stadt den Fußweg abschreiten und auf Befehl eines ungeheueren Motorradheulens oder eines unverschämt dröhnenden Klopfens, das einen die Tiere des Waldes bemitleiden läßt, neugierig die Köpfe umwenden – um dann entweder anerkennend oder neidisch dem Krawallmacher nachzusehen, welcher gern um der Vervielfachung seiner imaginierten Bewundernswürdigkeit willen die Maschine noch mehr aufdreht.

Damit hatte meine Begegnung nichts zu tun, denn ich kam hier recht unbedeutend daher. Nicht einmal konnte meinem kurzzeitigen Gebetsbuch-Leser eine besondere Kleidung aufgefallen sein, denn ich hatte meine Motorradkluft gar nicht an – ich kam vom TÜV, den ich aufgrund der Wärme im kurzem weißem Hemd und einer langen, in die Strümpfe gesteckten (wohl grauen) Bundfaltenhose absolviert hatte. Zugegeben, das ist freilich immer noch ungewöhnlich für einen zeitgenössischen Motorradfahrer. Sagen wir, dies zusammen mit einer recht klassischen Maschine, einem verhaltenen Klang und einer spielerisch-altmodischen Fahrweise hatte in dem Manne so viel Freude geweckt, daß er mir durch eine weitgehend bedeutungslose, aber sehr gestenreiche Hilfsbereitschaft entgegentreten wollte.

Und das ist doch ungeheuerlich, oder nicht? Wenn wie gesagt 1957 gewesen wäre oder ein paar Kinder dort gestanden hätten – ich hätte es nicht als besonders vermerkt. In der Tat grüßen Dorfkinder mich als Motorradfahrer recht häufig, oft mit militärischem Gruß, den ich dann regelwidrig mit der linken Kupplungshand erwidern muß. Der militärische Gruß hat übrigens nicht viel mit dem englischen Rock zu tun, denn das habe ich schon regelmäßig früher erlebt, bevor ich in der braunen Dienstjacke zu fahren pflegte. Es scheint vielmehr ein natürliches Spalierstehen zu sein, das die Kinder intuitiv wählen, wie auch bei der Abfahrt jenes Mercedes 290 im Jahr 1938.

Aber ein Erwachsener? Noch dazu unter Beobachtung seiner (untätigen) Kollegen, die drgl. wahrscheinlich eher mit verständnisloser Skepsis betrachteten. Das war schon etwas wirklich besonderes und erinnerte mich sehr an die DDR. Ich möchte fast sagen, es wäre dasselbe im Westen kaum möglich gewesen – obwohl ich hoffe, mich damit zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Es steckt in diesem kleinen, nur wenige Sekunden dauernden Austausch (der sich als freudiger Gruß auf dem Rückweg wiederholte) eine ganze Menge des Charmes aller möglichen DDR-Erzählungen, die ich über die Jahre gehört und früher zum Teil selbst erlebt habe. So war man eben. Auch bevor es die DDR gab. Es gehört hierzu ein ganz gewisser, offener und freigiebiger, auch selbstloser und vor allem interessierter, ja begeisterungsfähiger Charakter, der, so scheint mir, den meisten in der Gegenwart abhandengekommen ist. Und es ist schade drum.   

Zum einen war also zu einer solchen Begegnung, die Sie vielleicht als unbedeutende Kleinigkeit ansehen mögen, ein ganz besonderer Typus Mensch nötig. Hochnäsig oder eigensinnig jedenfalls durfte er nicht sein. Sondern ein gewisses kindlich-herzliches Gemüt und ehrliche Freude über die kleinen Dinge im Leben war durchaus nötig. Und hier war es aufeinandergetroffen mit dem richtigen Motorradfahrer – eben keinem Integralhelmträger mit einer vollverkleideten Rennmaschine und Raumanzug, was alles für sich eine maximale Distanzierung von der Umwelt ausdrückt, auch keinem Gelegenheitsmopedfahrer, der eben nie Kombi trägt, sondern einem Kradler, der ein echtes Motorrad fuhr und dennoch tatsächlich in der Aufmachung, wie man sie in den 50ern für natürlich hielt, nämlich in Alltagsbekleidung, daherkam (und auch das wirkt freilich anders als der T-Shirt-Träger in kurzen Hosen auf seiner Sportmaschine beim Kurzritt).

Hier spielt jedoch weniger das Altmodische hinein als vielmehr die Herablassung, ja, meine Herablassung. Sich herablassen heißt heute hochnäsig sein, sich also höher Stellen, um dann herabsehen zu können. Der alte Gebrauch (noch vor 100 Jahren) war umgekehrt: herablassend war, wer höherstand und freundlich sich auf die Stufe des Anderen herabstellte, um Gleichheit in die Begegnung zu bringen. Als Motorradfahrer steht man rein von der bewegten Masse her zwar unter den Automobilisten (weshalb man sich vor ihnen in Acht nehmen sollte), aber eben auch über Radfahrern und Fußgängern. Es ist also als Ehrenmann geboten, sich herabzulassen. Und das geschieht gerade durch den Verzicht auf jedwede Abgrenzung (schon der Helm ist da ein ungünstiges Erfordernis), durch angemessene Geschwindigkeit, gemäßigte Geräuschkulisse und das warnende Anzeigen der eigenen Absichten – ein kluger Kopf sagte zuletzt zu dieser „therapeutischen Reiseform“, man müsse den Menschen auch erst einmal die Chance geben, teilzuhaben. Und nur durch diese Nähe können sie es. Es macht dies zugleich einen besonderen Eindruck auf die „schwächeren“ Verkehrsteilnehmer, wenn sie sehen, daß jemand das ihm zu Gebote stehende Potential nicht ausnutzt, sondern sich seiner Kraft ohne weiteres Beweisen bewußt genug ist, sprich: sich herabläßt. Freilich wissen diese Fußgänger, Dorfbwohner, Arbeiter usw. nicht, daß ich das Potential des Motorrads auch ohne sie nicht nutze. Aber das ist für diese Betrachtung gleichgültig. Ein Großer macht sich klein, sichtbar klein. Und das wirkt immer sympathisch, auch wenn es nicht mehr „herablassend“ genannt wird.

So kam also jenes offene Gemüt des Bauarbeiters und der altmodische Kradler zusammen – und plötzlich zeigte sich, daß es doch diese unmittelbare Verbundenheit völlig fremder Menschen noch gibt, dasjenige, was oft genug das verlorengegangene Zusammengehörigkeitsgefühl genannt wird, die Offenheit unter Fremden, die nur in einer homogenen Gesellschaft möglich wird, in der auch die Fremdheit noch so viel Gemeinsames birgt, das einem Annähern nicht ein Steinchen im Weg liegt. Denn wie sonst sollte sich eine solche solidarische Gemeinschaft („solidarisch“ im alten, nicht heute ubiquitären Sinne) äußern, wenn nicht über die spontane Anteilnahme am Tun des anderen. Ich möchte sagen: so, als kenne man sich. Daher ja auch jenes Überbleibsel alter Zeiten, daß Motorradfahrer sich gegenseitig grüßen, ohne sich je im Leben gesehen zu haben – was heute kaum mehr als eine sehr dürre Mumifizierung des alten Motorradfahrergemüts darstellt. Hier hatte es, ohne daß beide auf zwei Rädern saßen, seinen selbstverständlichen Ausdruck gefunden.

Warum breite ich diese kleine Erzählung so ungeheuer aus, werden Sie fragen. Weil es ein so wunderbares Beispiel ist, wie wenig es bedarf, alte Tugenden wiederzubeleben, daß es keiner Worte oder gar sonderlichen sprachlichen Feingefühls und gesellschaftlicher Gewandtheit unter Berücksichtigung Dutzender Benimmregeln bedurfte, solche Gemeinschaft wiederherzustellen. Und freilich war das nur ein erster Aufhänger, eines von einer ganzen Handvoll Beispiele, die ich von einer einzelnen Fahrt erzählen kann und uns in eine breitere Betrachtung führen mag, die im nächsten Teil auch etwas mehr mit dem Titel gemein haben soll.  

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2 Gedanken zu “Der unvergleichliche Reiz gesperrter Straßen . Teil 1 . Das teilnehmende Gemüt

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