Mit dem modernen Krad historisch reisen . Teil 3 . Streckenführung und Erlebnis

Keiner macht sich einen Begriff, wie viele Sträßchen und Dörfer – egal wo in Deutschland man wohnt – es in der näheren Umgebung gibt. Ich mache jede Wette mit Ihnen, daß Sie Ihre Umgebung von sagen wir 50 km nur ausgesprochen rudimentär kennen (nicht einmal die 20-km-Umgebung wird man sagen können). Das geht mir im Grunde genauso – und dabei bin ich schon einiges an Schnaufertouren gefahren – Sie wahrscheinlich nicht. Man kennt eben doch immer nur die großen, offensichtlichen Straßen. Und damit meine ich nicht Bundesstraßen, sondern durchaus Landstraßen. Aber die ganzen kleinen Ortsverbindungsstraßen und ausgebauten Landwirtschaftswege haben meist nur die Einwohner der angrenzenden Dörfer überhaupt gesehen.

Und wie viele Dörfer kennen wir nicht! Beim Wandern stelle ich immer wieder fest, wieviel es in den abgelegensten Orten zu entdecken gibt, die ich sicher schon manchmal durchfahren bin, aber eben nie durchlaufen, sodaß man sich mit den architektonischen Details der alten Dorfanlagen befassen kann. Und dann freilich diejenigen Orte, deren Name man noch nicht einmal gehört hat, obwohl sie in Spuckweite von zu Hause liegen.

Ich finde es faszinierend, daß doch in jedem Ort eine kleine Zahl Familien wohnt, deren Heimatort fast niemand kennt und doch für sie das Zentrum der Welt ist, also ihr Besitz, ihr Lebensmittelpunkt – selbst wenn natürlich heutzutage fast alle hinaus auf Arbeit fahren. Aber dieses Eindringen in eine eigene, abgeschlossene Welt, die sonst niemand kennt, das ist im Grunde die Faszination des Landstraßenreisens. Es hat viel mit dem großartigen Gefühl des Wegseins, der Einsamkeit zu tun, die einen so abgelegen Umherstreifenden ergreift und die man nur mit einigen wenigen Menschen teilt, die man noch nicht einmal kennt, mit denen man allerhöchstens das eine oder andere Gespräch führt, wenn man sich ihren Ort ansieht und als sonderbar Interessierter erkannt wird. Man wird mit einer kleinen Welt intim, die vom Rest der Welt übersehen wird. Das Gefühl, das man zum Beginn der Motorisierung hatte (und freilich auch zuvor als walzender Handwerker oder Radfahrer), allein in die weite Welt herausfahrend, ist in solchen Momenten, in solchen dörflichen Umgebungen noch voll und ganz spürbar. Es hat das Ganze einen Erkundungs- und Freiheitskitzel, den man in keiner Stadt, keiner Wüste, keinem Eismeer – mögen sie noch so weit entfernt sein – erleben kann.

Noch unmittelbarer mag dieses Gefühl vielleicht auf den einsamen Landstraßen selbst zu finden sein. Allein die Tatsache, daß man dort sonntags fast kein Auto trifft, kaum Radfahrer, vielleicht mal ein geführtes Pferd oder eine Kuh am Seil – ich warte auf den Tag, an dem mir mal ein Gänseliesel begegnet –, gibt einem das Gefühl, unerkundetes Gebiet zu durchreisen. Freilich ist das objektiv falsch, aber die Empfindung, die eine kilometerlange, leere Landstraße vermittelt, ist entscheidend. Nicht wie viele Fahrzeuge Montag morgen dort entlangsausen (und auch das sind wenige – zugegeben: das alles gilt vielleicht nur für den deutlich geringer bevölkerten Osten).

Wenn Ende der 30er-Jahre Filme gedreht wurden, in denen die Landpartie mit ihren Reisehindernissen Thema war, um dagegen die schnelle und unkomplizierte Reise auf der Autobahn zu bewerben, so ist gerade das heute alles derart exotisch und idyllisch, daß man sich nicht vorstellen mag, daß diese Fahrt hier als Problem aufgefaßt wird. Ja, genau dieses „Problem“ suche ich. Und gelegentlich scheucht man doch auch heute wie in den 20er-Jahren freilaufende Hühner an den Dorfstraßen auf, wie mir zuletzt fast gefährlich geschehen, als ich mit etwa 30 Sachen an einer Hofeinfahrt vorbeihuschte, vor der – von mir unerkannt – ein paar Hühner umhertapsten, von denen eine von meinem Kraftrad so aufgeschreckt wurde, daß sie mir knapp am Kopfe vorbeiflog und geradezu gefährlich wieder abstürtze, um elegant schlitternd neben mir wieder zu landen. Mehr als einen Schreck hat sie aber nicht abbekommen.

Dabei relativiert sich dann auch, wie schön oder unschön die Landschaft, selbst wie idyllisch die Straßenführung ist. Sicher atmet man wonnevoll auf, wenn sich vor einem eine eng geschwungene, baumbestandene kleine Straße durch leicht welliges Terrain windet und die Sonne wohlig dreinscheint. Nicht nur deshalb, weil man als Kradfahrer das sanfte Kurvenschwingen liebt. Selbst die lange, recht trostlose, von wüstem Gras eingefaßte Betonstrecke übt allein in ihrer Einsamkeit einen sehr eigentümlichen Reiz aus. Ein ganz eigenes Gemüt geht auch von neblig verregneten Sträßchen aus, deren Ziel und eigentlicher Sinn geheimnisvoll umhüllt wird. Ja, erst in der Abwechslung von Postkartenbildern und öden Landschaften kann ja auch die Bilderbuchansicht ihre ganze Schönheit entfalten.

Praktisch wird man solche Zustände nur sonn- und feiertags und auf wirklich unbekannten Sträßchen erleben können. Daher plane ich meine Strecken präzise im Voraus. Jeder Abzweig muß getroffen, jeder kleine Weg auf den Kreuzungswirren selbst kleiner Ortschaften gefunden werden. Das ist meist mit einer guten Karte allein nicht zu schaffen. Ich behelfe mir hier während der Planung durch die präzisen Satellitenansichten auf GoogleMaps. Auch kann man erst dort sicher sehen, ob ein grauer Strich auf der Landkarte wirklich nur ein Feldweg ist, oder doch asphaltiert. Denn der wird natürlich in die Strecke eingebunden. Ob er mich dann vor Ort mit einem Sperrschild oder einer Anliegerscheibe noch abzuschrecken sucht, interessiert mich natürlich nicht. Der Straßenzustand also kann so immer recht genau geprüft werden. Auch läßt sich hier sehen, ob die Straße Mittelstreifen hat. Man sollte hier diejenigen ohne bevorzugen, da sie am schmalsten und am wenigsten befahren sind.

Als ich zuletzt aus dem eher kleinen Flecken Mylau hinausgefahren bin und den Abzweig einer kleinen Straße verpaßte, war ich – ohne noch abspringen zu können – plötzlich auf einer sächsischen Staatsstraße, will heißen einer autobahnähnlichen Monstrosität, von der ich erst nach geschlagegen zehn Kilometern wieder herunterkam, während ich von den landschaftsverschandelnden Brücken aus die lustig sich schlingenden Dorfstraßen nur sehnsüchtig betrachten konnte. Eigentlich freue ich mich über all diese dekadenten Umgehungsstraßen, weil sie den Verkehr von den kleinen Straßen, wo ich ungestört tuckern will, absaugt. Nur selbst draufkommen darf man freilich nicht. Also Vorsicht, kleiner Kradler!

Ganz allgemein lege ich natürlich bei der Planung vom Start zum Ziel ein Lineal und versuche die Strecke möglichst an dieser Luftlinie entlangzuführen. Im Gegensatz zum Auto nehme ich aber beim Motorrad auf gesperrte Straßen gar keine Rücksicht und fast jeden Umweg in Kauf, um keine großen Straßen fahren zu müssen. Denn gerade auf dem Motorrad ist ja der Weg das Ziel. Beim Feldweg passe ich dann allerdings, was man mit einer geländegängigen Maschine vielleicht anders handhaben könnte. Doch wird es dann schwer, dem Förster weißzumachen, daß man hier nicht absichtlich ist und sich verfahren hat. Mit einer Straßenmaschine ist das immer eine gute Ausrede, wenn man einmal doch an einer neuralgischen Stelle keinen Asphalt findet : ) Aber solang sich die Sache mit einem Umweg auf einer kleinen Straße abtun läßt, sollte man ohnehin auf Asphalt und Pflaster bleiben. Eine Ortschaft mehr irgendwo auf einer Nebenstraße ist eine Bereicherung der Fahrt, kein Umweg.

Man muß allerdings bei längeren Fahrten dafür auch die Gelassenheit entwickeln, daß bei diesen geringen Geschwindigkeiten so eine lange Strecke am Ende doch überwunden wird. Man neigt nämlich als „Anfänger“ dazu, erst am Ende der Fahrt, kurz bevor man wieder zu Hause ist, in die Ruhe zu kommen, die gemütliche Geschwindigkeit als ausreichend anzusehen, um noch heimzukommen. Man gerät zuvor in Zugzwang und meint, sich in der Zeit verschätzt zu haben. Das ist ein Irrtum, aber er führt dazu, daß man die Fahrt zu hektisch, ohne Genuß absolviert. Auch das will geübt und gelernt sein, um beruhigt jeden Kilometer zu genießen.

Und dieser Genuß ist im Grunde nur bis 60 Sachen möglich. Die Windgeräusche nehmen darüber deutlich zu, die Luft zieht unangenehm in den Helm, man muß sich deutlich mehr auf das Fahren konzentrieren usw. Am angenehmsten ist für mich alles unter 50 Stundenkilometern. Und das reicht aus. Man kann so an einem Sommernachmittag ohne weiteres bis in den Abend 150 km abspulen, wenn man nicht ganz so ausgiebig anhält und rastet auch 180.

Die geringe Geschwindigkeit ist es auch, die erst dazu einlädt, öfter mal – nicht nur in Ortschaften – anzuhalten. Wer aus großer Fahrt herunterbremsen müßte, der bremst eben nicht und fährt doch weiter, obwohl er eigentlich hätte anhalten wollen. Aber – schwupp – ist ja der Platz, um den es ging, auch schon wieder weit hinter ihm. Die Gewohnheit nicht zu bummeln, muß man sich erst abgewöhnen.

Überhaupt wird man öfter einen kurzen Halt machen, um die Landkarte zu konsultieren. Das ist schon deshalb nötig, weil niemand die Kreuzungsabfolge bei 100 km Fahrt über Kleinststraßen im Kopf behalten kann. Hier ist der englische Ausgehrock wieder in seiner Paradedisziplin: die unteren Taschen sind extrem groß und nicht abgerundet, sodaß sie sich wunderbar als Kartentaschen eignen – und sicher als solche konzipiert wurden (irgendwann um 1900). Denn sie haben auch keinen Schließknopf. Man kommt also schnell ran und steckt die Karte auch schnell wieder hinein. Ich falte übrigens ein Blatt des Maxi-Straßen-Atlas in 1 : 150 000 zwei Mal, sodaß er genau paßt. Meist brauche ich für eine Fahrt zwei Blätter.

Auf einer Strecke von 100 oder 150 km kommt es natürlich auch immer vor, daß irgendeine Straße gesperrt ist. Was für den Automobilisten ein großes Ärgernis ist und meist unschöne Umwege erzwingt, gewinnt dem Kradler nur ein müdes Lächeln ab. Er fährt – zumal sonntags – durch die Baustelle einfach durch. Respektvollere Gemüter (wie ich es bin), schalten den Motor vor dem Sperrschild aus und lassen sich hineinrollen, bis die Maschine steht und schieben den Rest. Angst muß man höchstens vor Anstiegen haben, die man das Kraftrad nicht hinaufschieben kann (das geht schon bei leichten Anstiegen los, wenn man 200 kg bewegen muß). Aber das ist mir bisher noch nie passiert.

Daß man freilich auf der Strecke auch mal für die eine oder andere Kirche, ein Denkmal, ein Bauwerk, einen Flohmarkt, einen kleinen Imbiß und Aussicht oder einen alten Bekannten anhält, der in der Gegend wohnt, versteht sich von selbst. Aber im Zweifel würde es all dessen nicht bedürfen, wenn man die allzu nahe Fremde ansich zu schätzen lernt.

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Ein Gedanke zu “Mit dem modernen Krad historisch reisen . Teil 3 . Streckenführung und Erlebnis

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