Mit dem modernen Krad historisch reisen . Teil 1 . Krad-Kluft

Woher kommt eigentlich die Begeisterung für das Motorradfahren? – so fragt man sich dann doch, wenn man nach Jahren der Abstinenz wieder auf die Maschine steigt und Feuer und Flamme ist wie eh und je. Und mir scheint, das ist eine interessante Frage. Die erste und einfache Antwort lautet: Natur und Technik. Der Naturteil ist dabei leicht erklärt: Es ist die Faszination, durch die Landschaft, vor allem auch die Kulturlandschaft reisen zu können. Man will nicht nur den kleinen Flecken Erde erleben, den man jeden Tag vor dem Fenster sieht – und mag er noch so schön sein –, sondern die ganze Mannigfaltigkeit der Landschaftserscheinungen, der Dorfanlagen, Architektur und Menschen und freilich der fein gewundenen Landstraßen und lustigen Alleen erleben, die es in einem dichten Kulturflecken wie Deutschland gibt.

Aber drgl. läßt sich natürlich auch erwandern, er-radeln oder mit dem Auto abfahren. Gegen das Auto spricht die starke Abgekanzeltheit gegen die Natur, vielleicht noch durch einen offenen Wagen gemildert. Und das Wandern – so gebe ich als Wanderfreud unumwunden zu – geht doch etwas langsam vonstatten. Aber wo liegt der entscheidende Unterschied zum Radfahren? — Es ist die Faszination des Kolbenmotors.

Man möchte wissen, welche Begeisterung in den Augen jenes mittelalterlichen Mechanikus funkelte, der erstmals ein Uhrwerk zum selbsttätigen Laufen brachte. Mehr noch, wie es den revolutionären Konstrukteuren des 18. Jahrhunderts unter der Haut gekribbelt haben mag, als die erste Dampfmaschine ihre selbsttätige Bewegung aufnahm. Es ist ein Faszinosum sondergleichen, wenn solch ein mechanischer Frankenstein zum Leben erweckt wird, Naturgewalt, aber vollständig unter der Hand des Menschen dirigiert und konstruiert. Es ist eine Art göttliche Gewalt, die der Mensch da entfesselt, sich die Natur Untertan zu machen, indem er selbst etwas Lebendiges, selbsttätig Laufendes erschafft.

Und wenn wir auch alle keine ersten Konstrukteure solcher Maschinen sind, nicht einmal überhaupt Konstrukteure von Motoren, so erinnere ich mich vergangener Jahre, in denen ich Mopedmotoren zerlegt, repariert und wieder zusammengesetzt habe, deren finales Anspringen ein ähnliches Erlebnis mit sich brachte. Und noch eine Stufe niedriger steht nun das bloße Starten eines Motors durch den Fahrer, das ebenfalls einen Funken dieses Zaubers enthält. Freilich, weil es arg artifiziell ist, einen Motor nur über einen Knopf anzuwerfen, sind alle, welche jene Bewegungsfaszination teilen, immer auch Oldtimer-Freunde. Denn dort, wo noch Chokes gezogen, Benzinhähne gedreht, Kompressionshebel betätigt und der Zündzeitpunkt eingestellt werden muß, wo also noch etwas „geleistet“ werden muß, um diese tote Masse zum Leben zu erwecken, da spürt der Motorbegeisterte doch einen kleinen Schatten dieser Schöpfung einer solchen selbsttätigen Maschine. Und so naiv es klingen mag: Daß diese Mechanik sich lautstark zu Wort meldet, und so den Erfolg des Anspringens akustisch wie ein jubilierendes Orchester bestätigt, gibt dem ganzen eine derartig urtümliche Kraft bei, daß jeder Motorist erfolglos gegen das breiteste Grinsen ankämpft.

Jener Motor, um dessen Faszination es also geht, das ausgeklügelte mechanische Spiel der beweglichen Teile zusammen mit all den technischen Problemen, die eine solche Konstruktion historisch schon behoben hat und in seiner Komplexität kaum ganz zu erfassen ist, dieser Motor also ist beim Motorrad derart exponiert und ständig, auch akustisch präsent, daß das Krad in ganz außergewöhnlichem Maße diese Begeisterung zu vermitteln weiß. Hinzu tritt natürlich die starke Unmittelbarkeit des Naturerlebnisses durch das direkte In-der-Welt-sein auf dem Zweirad (früher zumindest, als kein Helm getragen wurde) und die Fahrphysik selbst, was schon das Radfahren immer an sich hat – sprich, das Kurvenkreiseln.

Das sportliche Fahren, das Erleben der Fahrphysik allein, ist dabei im Grunde bereits eine degenerierte Abart des Motorradfahrens, das den Genuß des Freiheitsgefühls bereits durch bloßes Getriebensein und Abreagieren aufgegeben hat. Unbewußt hatte ich daher bereits vor Jahren das zügige (nie rasende) Fahren aufgegeben und war ab und an sehr gemächlich kurze Runden gefahren. Damals noch mit Sport-Lederkombi und Integralhelm, also etwas lächerlich bei meinem neuen Schneckentempo – obwohl auch das etwas hatte. Aber der Wangenheim wäre nicht der Wangenheim, wenn er es nicht noch lächerlicher hinbekäme!

Die Kluft zum Genußfahren

Es braucht also zur Würdigung dieser motorischen Kulturabsichten die richtige Bekleidung zum Kradfahren. Im Zuge meiner Viertaschenrock-Manie, die ich nunmehr auch ausführlich in zwei Vorträgen durchgehechelt habe, kam mir nämlich auch ein englischer Parade-Rock ins Haus. Der hat zwar nicht die angegebene Größe, er ist nämlich deutlich zu lang, während die anderen Maße aber recht gut stimmen, sodaß er gerade für’s Motorradfahren, wo – durch die Haltung auf dem Bock bedingt – die Ärmel etwas länger sein müssen, geradezu perfekte Maße hat. Steigt man ab, kann man die Ärmel recht einfach nach innen stülpen.

Yamaha XJ 600 N (1994) mit komischem Kradler

Welche Hose nimmt man dazu? Nicht nur des einheitlichen Stils wegen, sondern vor allem, weil sich herumschlingernde Hosenbeine an den Fußrasten verfangen und einen beim Absteigen zu Fall bringen können: Knickerbocker. D.h. genauer: irgendeine Bundfaltenhose, die man ebenfalls nach innen krempelt (und mit je zwei Sicherheitsnadeln fixiert), um so etwas wie eine Plus four oder eben eine längere Knickerbockerhose nachzuahmen. Lang deshalb, weil durch den starken Kniewinkel auf dem Krad die Hose eine starke Verkürzung erfährt. Im Sitzen geht sie dann also bis knapp unters Knie. Und drunter trägt man freilich Kniestrümpfe.

Eine Variante, wie auf dem Foto zu sehen, sind Stiefel oder wie hier Stiefelschäfte (und dazu normale Herrenschuhe), wo die lange Hose drunter bleiben kann. Nachteil: wird schnell zu warm – so etwa ab 25 Grad. Selbst dicke Kniestrümpfe sind weitaus kühler. Weitere Variante: Vollschuhe, also Stiefeletten. Die habe ich zwar erworben (da ich sonst nur Halbschuhe besitze), sind aber im Moment beim Schuhmacher, um eine dünne Gummisohle aufgeklebt zu bekommen. Motorradfahren mit Ledersohle dürfte nämlich keine gute Idee sein. Nun braucht es nur noch ein paar klassische Handschuhe und einen sog. Halbschalen- oder Jethelm, und fertig ist die klassische Motorradkluft. Natürlich nicht ganz, denn klassisch trug man keine Helme.

Mein Großvater und seine NSU 501 S (1929) mit Beiwagen

Mein Großvater, hier nach dem Krieg mit einer alten NSU 501 S von 1929, hat lediglich eine Bergmütze auf. Hier sehen Sie auch, wie man das Problem der zu kurzen Ärmel auf dem Krad löste: nämlich durch Handschuhe mit sehr weiten Stulpen. Im Sommer ließ man sich den Wind freilich schön um die Hände und vor allem schön durch die Haare pfeiffen. Mein Vater wurde in den 70er-Jahren auf seiner MZ (die AWO hatte nach über 200.000 km ausgedient) vom lokalen ABV angehalten, er habe keinen Helm beim Motorradfahren auf (die Pflicht wurde gerade eingeführt und mein Vater wußte davon nichts). Das sollte – was weiß ich – 20 Mark kosten. Da mein Vater so tat, als habe er kein Portemonnaie dabei, mußte der ABV anschreiben lassen. Aber auch seine Versuche, das Geld zuhause einzutreiben, schlugen fehl, da mein Vater wußte, daß sich im Arbeiterheim niemand beim Pförtner anmeldete, außer eben der ABV – und: „Dann war ich eben nicht da“. Später hatte auch der ABV es vergessen und mein Vater hat die Strafe nie bezahlt. Aber solche lustigen Zeiten sind längst vorbei.

Zurück zur Garderobe: In Anzug und klassischen Herrenschuhen, mit Knickerbockern, Gamaschen oder Reitstiefeln, eventuell im Staubmantel Motorrad zu fahren, war in den 20er-Jahren und bis in die 50er gang und gäbe. Selbst in militärischen Viertaschenröcken kurvten die Sportsmänner herum, so z.B. Lawrence von Arabien, der auf seiner Brough Superior fast den gleichen Anzug trägt wie ich (auch hier mit riesigen Stulpenhandschuhen). Aber nicht nur er hat so ausgehen. Letztlich ist man so Motorrad gefahren, wie man auch offene Wagen fuhr, von den Stiefeln abgesehen.

Daß man Lederjacken auf historischen Fotografien recht selten sieht, hat sicher auch damit zu tun, daß die Fotos meist bei gutem Wetter gemacht wurden. Bei Sonnenschein ist jedenfalls fast niemand mit Lederjacke gefahren, während heute bei Oldtimertreffen fast nur Lederjacken getragen werden, bei Kaiserwetter. Wahrscheinlich liegt das daran, daß die meisten Oldtimer-Fahrer in den 60ern sozialisiert wurden, wo die Lederjacke zu den „harten Jungs“ gehörte. Mit der Vorkriegszeit hat das aber nicht viel zu tun.

Denn bis wenigstens in die 50er hinein war das Motorrad kein Spaßmobil oder Halbstarken-Accessoire, sondern in den meisten Fällen nichts anderes als ein erschwingliches Transportmittel – freilich auch für den Sonntagsausflug. Mein Großvater gehörte zu der kleineren Gruppe der echten Motorrad-Enthusiasten, obgleich auch er die Maschine für sein Steinmetzgeschäft, d.h. zum Transportieren von Stein und Terrazzo brauchte, nämlich als Maschine mit Lastenbeiwagen – eine schöne Ausrede, immer schwere Maschinen kaufen zu müssen, die seitenwagentauglich waren.

Zurück in die Gegenwart: Man könnte ja angesichts der Tatsache, daß ich selbst diese klassische Motorrad-Garderobe zu einer modernen Reisschüssel trage, in Gelächter ausbrechen. Denn das scheint doch nicht zu passen. Nun, vielleicht nicht. Aber die Dinge liegen tatsächlich überraschend anders. Denn nicht meine Garderobe ist alt und mein Motorrad neu, sondern – ja! – umgekehrt. Der englische Paraderock hat nämlich das Produktionsdatum 2016, die Stiefelschäfte, Handschuhe und Hose sind zwischen zehn und zwanzig Jahren alt und die Schuhe vielleicht fünf bis zehn. Das ist alles nicht gerade historisch zu nennen. Die Maschine hat mein Vater aber 1994 neu gekauft. Und das heißt, daß sie in zwei Jahren ein H-Kennzeichen kriegen könnte (was allerdings nichts bringt). Dann handelt es sich also offiziell um einen Oldtimer.

Dennoch haben Sie natürlich recht, wenn Sie sagen, die Maschine wirke aber modern. Und das ist auf den ersten Blick durchaus richtig, doch auch hier lohnt sich ein genauerer Blick… im nächsten Beitrag!

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Ein Gedanke zu “Mit dem modernen Krad historisch reisen . Teil 1 . Krad-Kluft

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