Harry de Kessler wandert mit seinem Vater in Bad Ems (Juni 1880)

Als ich von niemandem gezwungen werde, mich auf diesem Medium allein tiefgründig zu bewegen, fröne ich heute einem kurzem Ausflug in meine neu erworbene Ergänzung des Kesslerschen Tagebuches. Es ist der Erste Band. Hier beginnt der gerade zwölfjährige Harry Graf Kessler sein Tagebuch (in englischer Sprache bis Januar 1891) und begleitet die Ankunft und den Aufenthalt seiner Familie in Bad Ems zum Kaiserbesuch.

Freilich geht es um die Straßentoilette, über die sich der Zwölfjährige ungeheur altklug ausläßt – die Kleider sind ihm mal zu eng, mal zu weit, die Schminke zu knallfarben, die Übermäntel zu assyrisch, die Farben der dreckigen Palette eines unerfahrenen Malers entnommen, kurz: der Knirps ist von undistiguiertem Fußvolk umgeben –, es geht um die Begegnung der Mutter mit dem Kaiser usw., aber eben auch um Unerwartetes. Oder vielleicht ist es das gar nicht, denn ohne dies könnte Kessler nicht sein, der er später ist: Die Wanderungen mit dem Vater.

Nun traut man dem alten Adolf von Kessler mit seinem mächtigen Kaiserbart drgl. vielleicht dem Ansehen nach nicht zu, aber die beiden sind vom ersten Tag an ohne Unterlaß auf Achse, d.h. auf den Wanderfüßen. Es geht nicht übermäßig weit, aber dafür steil hinauf. Das wäre alles nicht bemerkenswert, wenn ich nicht das Gefühl hätte, dieser reiche Bankier habe so etwa den Wanderstil gehabt, den mir auch mein Vater beibrachte. Denn keineswegs geht es die Wege hinauf auf den Malberg, sondern „without taking the way up but by climbing straight up the mountain“. Das rächt sich denn auch sogleich, da die Hitze unerbitterlich ist, damit, daß „we are soon as if we had been dipped in a bath“.

Wären die beiden Kraxler sieben Jahre später gekommen, hätten sie die Seilbahn hinauf nehmen können. Aber Sie sehen schon, diese hätte die beiden natürlich schnöde links liegen gelassen und genau dasselbe getan wie 1880. Von oben sehen Vater und Sohn den Concordiathurm gegenüber der Lahn, den sie am Tag zuvor bestiegen hatten, und auch ihr wenig später aufgenommenes Ziel: Kemmenau.

Zuvor geht es aber ein zweites Mal auf den Concordiathurm, diesmal wegen der Heinzelmännchenlöcher. Einen Tag pausiert Harry, weil es ihm nicht gut geht und fährt mit den Damen und dem Baby nach Dusenau, wo er sich wieder mächtig altklug gibt, um am folgenden Tag – darauf will ich hier einzig hinaus – mit dem Vater nach Kemmenau wandert.

Bad Ems, Karte im Baedeker Rheinlande (1925)

Hier hat mich der kleine Kessler bei meinem Nachvollzug der Wanderung auf der Karte des 1925er Baedekers Rheinlande lang auf die falsche Fährte geschickt, denn er scheint in diesem Alter eine Rechts-Links-Schwäche gehabt zu haben. So schreibt er „The beginning of the road is very sunny, but soon one has to turn to the left and then one is in the forest“. Da er auf dem Rückweg (der aus unschönen Gründen der gleiche war) von den silverworks spricht, also der auf älteren Karten eingezeichneten Silberschmelze, kann es aber auf diesem Weg heraus aus Ems nach links niemals nach Kemmenau geganen sein. Daher suchte ich zunächst den von Kessler beschriebenen Weg nach Südosten aus dem Ort hinaus, wo sie doch tatsächlich nach Norden gingen.

Kurzum, sie bogen also rechts ab, dann wieder links (?), blieben aber erneut nicht auf den Wegen, sondern „cut across a forest“ und landeten auf einem Steinfeld, das heute nicht mehr auszumachen ist – auch auf alten Karten nicht. Wieder im Wald stürzt Harry über eine Wurzel und fällt, der Vater wenig später. Als sie nun oben auf der Kemmenauer Höhe oder Schönen Aussicht anlangen und sich mit Schinken und Wein (der Sohn auch?) verköstigen lassen, da fragt der Vater den Sohn nach dem Podomètre, daß er tragen sollte.

Was ist ein Podomètre, werden Sie fragen! Manche Menschen klemmen sich heute eine Uhr ans Handgelenk und lassen sich dort nicht nur den Puls, sondern auch die Wegstrecke anzeigen, die sie gelaufen sind. Das geschieht i.d.R. durch einen sog. Schrittzähler. Und exakt das ist das Pedometer – eine Art Taschenuhr, die aber keine Unruhe in sich trägt, um die gleichmäßige Zeit fortzumessen, sondern auf Erschütterungen mit einem Zählwerk reagiert, das letztlich die Laufstrecke anzeigt, nachdem man die Schrittlänge gemessen und eingestellt hat.

Der Vater also hatte dem Jungen das Gerät anvertraut, und als dieser auf Verlangen das feinmechanische Werk aus der Tasche ziehen will, in die er es gesteckt, greift er – Sie ahnen es – ins Leere. „I look in my other pockets, in the lining of my west on the ground, it is not there neither, : I had lost it“ Der Vater aber scheint es gelassen genommen zu haben, denn nun ging es erst einmal ans Mittagessen und den feinen Blick auf das Rheintal „and the scenery“.

Mir ist die Szene vor allem deshalb so anrührend, weil ich als Verlierer von allem Möglichen (vielleicht sogar vom Dienst) solche Erinnerungen zuhauf habe – glücklicherweise aber auch einen Vater, der ebenso oft Dinge verliert, was bei Harrys Vater genauso gewesen zu sein scheint, denn von einer Standpauke berichtet der Zwölfjährige nichts. „Today is the first day since we have been here that it has been really fine“ – was vielleicht nicht nur dem Wetter galt.

Stattdessen nimmt man nun freilich – wie sicher nicht geplant – denselben Weg zurück, den man gekommen, um an jener Stelle, wo Harry gestürzt war, nach dem Podomètre zu suchen. Und hier unterscheiden sich dann wenigstens in einigen Fällen meine Erinnerungen an die Kindheit, weil wir doch ab und zu auch etwas wiederfanden. Nicht so im Jahre 1880 über Bad Ems. Das Pedometer war verloren.

Wirklich, bei diesem Vater hätte ich drgl. nicht angenommen. Es ist ein wundervolle Beobachtung, die beiden in den Wäldern querfeldein begeleiten zu können und zu sehen, daß Kesslers Liebe für die Natur, das Wandern, für die Wetterereignisse und überhaupt das freie Reisen hier ihren Anfang und Ursprung nahmen. Daß der etwas überhebliche, bald in Ascot zur Schule gehende und schon mit zwölf Jahren enorm gebildete kleine Comte also die Nähe zu den einfachen Dingen nicht etwa später wiedergefunden hat, sondern seiner Erziehung nie fehlte, das ist vielleicht die anheimelnde Pointe dieser ersten Seiten seines bald Jahrzehnte, Gesellschaften, politische Zerwürfnisse und Weltzeitalter überspannenden Tagebuches.

Meine Kessler-Vortragsreihe auf Youtube

*

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.