Fortschritt und Ordnung . Teil 3 . Der Ordnungsdrang des Autisten

zum Video: https://youtu.be/ayTYhzhW_sc

Im dritten Teil befassen wir uns mit der Frage, warum Ordnung ein wesentliches Alleinstellungsmerkmal der Zeit zwischen 1850 und 1950 ist und weshalb diese Ordnung erst ein Klima grundlegender Neuerungen schafft. In diesem Zusammenhang spielt der Austismus (d.h. Menschen mit austistischen Zügen) eine entscheidende Rolle.

9 Gedanken zu “Fortschritt und Ordnung . Teil 3 . Der Ordnungsdrang des Autisten

  1. Thomas Beck

    Es wird mir der immense zeitliche Aufwand bewusst, um auch den Teil 3 mit 35:09 Dauer „im Kasten“ zu haben. Meinen Dank an Herrn Wangenheim an dieser Stelle.

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  2. Sehr geehrter Herr Wangenheim,

    danke für Ihre interessanten Gedanken. Ich will wieder einige Anmerkungen machen und habe diese einfach ein bisschen gegliedert:
    1.) Falls Sie sich für das Thema „Autismus und Genie“ vertiefend interessieren, dann empfehle ich Ihnen einen Blick ins das intellektuelle Werk von Simon Baron-Cohen zu werfen. Dieser hat sich ausführlich mit dem Thema Autismus befasst und sogar Bücher über Autismus oder autistische Züge bei genialischen bis genialen Menschen verfasst. Darunter Newton (dessen Exzentrik nicht in Abrede gestellt werden kann), Hilbert, Erdös usw.
    Dass L. Wittgenstein autistische Züge gehabt haben soll, ist heute allgemein verbreitet, aber selbst Russell wird ein schizoider Zug nachgesagt.
    2.) Was das bereits angesprochene Verhältnis zwischen Genie und normalem Talent, bzw. intellektueller Produktivität angeht, so bildet sich in meinen Kopf unverstehtlich die Vorstellung:
    Die Geistesblitze des Genies, die auf Außenstehende fast zufällig (eben „Blitz“) wirken müssen, befruchten die Arbeit der „rangniederen“ Intelligenze nicht in dem Sinne, dass sie dann später eine Frucht hervorbringen, sondern sie sich Kristallisationspunkt anbieten oder gar vergleichbar mit den Dreckkrümel, der den Ausgangspunkt für die Bildung einer Perle aus Perlmut bildet. Sprich: Die Geistesblitze werden dann von Ableitungen und theoretisch abhängigen kleinen Erkenntnissen umrahmt.
    Das grundlegend Neue dagegen komme dabei nicht zu stande.
    Wenn dieses Bild stimmt – wenn es also Beschreibung eine Berechtigung hat – , dann bedeutet das aber auch: Der Geniestreich ist niemals die Antwort auf eine vorab gestellte Frage, sondern der Anlass für eine Reihe von Folgefragen.
    Einstein als Genie bringt die Relativitätstheorie hervor. Daraus ergibt sich dann die Frage der Konsequenz dieser Idee für die Kosmologie, die ihre Antwort in Friedman-Modellen, dem Gödeluniversum und letztlich der Urknalltheorie findet.
    Will man es so ausdrücken, dann handelt es sich bei der Relativitätstheorie um eine primäre, bei der Urknalltheorie um eine sekundäre Erkenntnis.
    3.) Ihre Behauptung, Gödels Resultat sei das letzte bedeutende Ergebnis der Mathematik, möchte ich doch in Frage stellen.
    Meine Kenntnisse der höheren Mathematik erlauben mir kein Urteil. Allein was ich über den heute auch schon aufs Unüberschaubare gewachsenen Bereich der mathematischen Logik sehen kann, gab auf diesen Gebiet einige nicht unbeachtliche Entwicklungen. Nehmen wir als Beispiel nur die Entfaltung der Fuzzylogik (mehrwertige Logik gabs natürlich schon vorher, aber unendlich viele Pseudowahrheitswerte, das ist etwas neues).
    Selbst wenn wir uns aber einigen, dies willkürlich zu ignorieren:
    Der 4-Farben-Satz und andere Erkentnnisse sind durchaus nicht unbeachtlich.
    Auf diesem Gebiet scheint es mir teilweise unmöglich, zwischen Grundlagenerkenntnis und praktischer Ausgestaltung zu unterscheiden; die Trennung zwischen Erfindung und Entdeckung ist sogar eine philosophische Frage.
    4.) Was den Niedergang der grundlegenden Erkenntnisse zugunsten von der Klärung von Detailfragen, bzw. den Erreichen praktischer Ziele angeht:
    4.1.) Ich empfehle hier als Lektüre Th. Kuhn. Der bezeichnet die „grundlegenden Erkenntnisse“ als Paradigmentwechsel und hat dem quasi sein Lebenswerk gewidmet.
    4.2.) Unter den akamdeischen Forschern wird allgemein bemängelt, dass das meisten Forschungsgeld heute nicht mehr in Grundlagenforschung geht, sondern in anwendungsorientierte Fragestellungen. Es muss sich absehbar rentieren können. Grundlagenforschung wird damit zum exzentrischen Hobby.
    4.3.) Ein Genie wie Einstein war im Patentamt beschäftigt und brachte quasi Nebenbei Arbeiten heraus, die die Sicht auf die Physik dauerhaft veränderten. Das war möglich, weil er auf Erkenntnissen anderer aufbauen konnte.
    Heute kann so ein „Privatgelehrter“ wie Einstein zwar neue Fragestellungen bearbeiten oder Ergebnisse neu interpretieren, aber er kann nicht beeinflussen, welche Experimente der Teilchenbeschleuniger in CERN durchführt. Das ist mglw. ebenfalls bedeutend.
    5.) Man darf sich auch nicht täuschen, was die Wirkung von Neuerungen in Kunst, Literatur und Musik angeht. Die größten Neuerungen des 20. Jahrhunderts finden nach meinen Dafürhalten eben keinen Wiederhall in der Massenkultur.
    Der Bewusstseinsstrom, irgendwelche kompliziertern Schreibregeln oder neuartige Erzähltechniken sind, falls überhaupt (!), nur in der Gruppe der Vielleser und professionellen Literaten zu finen. Also Leuten, die vom gewöhnlichen einen Überdruss haben.
    Sehe ich mir die Superhelden- oder andere neue Filme an, ich erkenne darin fast 100% uralte Erzählschemen. Auch die Themen wie Rache, Überwindung des Egoismus usw. sind nicht neu. Einigen Filmen würde ich trotzdem künstlerischen Wert, wenn nicht Genialität zuschreiben.
    Über Musik wage ich kaum mehr zu urteilen… doch erkenne ich, dass im Radio und Fernsehen Musik dominiert, die rythmisch extrem einfach gebaut ist. Im Vergleich dazu ist Bach oder eben auch Stockhausen eine andere Welt.
    Die strenge Scheidung der Welt der Kunst (Malerei, Architektur, Musik, Literatur inbegriffen) von der der Wissenschaft (Mathematik, Physik, Medizin, Geisteswissenschaften an der Stelle explizit ausgenommen) hat zumindest der Kunst nicht gut getan.
    Es gibt allenfalls noch eine gewisse Osmose zwischen Geisteswissenschaften, namentlich Geschichte, und Kunst, in dem Fall eben Literatur. Schon bei Philosophie hört es auf oder könnte jemand einen Literaten, Musiker oder so nennen, der von der analytischen Philosophie beeinflusst wurde und dessen Werk man das auch ansieht?

    Ich breche an der Stelle ab. Es ist wieder überlang geworden.

    Gruß

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  3. Das will ich durchaus zugeben, daß sich an einen großen Gedanken immer eine ungeheure Masse an Anwendungen, also kleineren Folgeerfindungen knüpft. Nur der umgekehrte Schluß, daß deshalb keine grundlegenden Entdeckungen mehr möglich oder nötig seien, ist eben falsch.

    Die Fuzzy-Logik ist keine neue Logik, sondern eine Funktionenrechnung. Hier wird mit Scharen von Kurven gerechnet, also Analysis betrieben. Die Ausführung ist also ganz klassisch (kann auch gar nicht anders sein, sonst wäre das ganze nämlich nicht berechenbar). Und das Grundproblem, das hier parktisch umgesetzt wird, ist eben einfach analogischer Natur. Neu kann das schon deshalb nicht sein, weil es ja das unscharfe Abwägen des Menschen faßt. Ich sehe hier nichts als Analysis.

    Ihren Vergleich von Gödel und dem 4-Farb-Problem halte ich zwar für interessant aber vollkommen falsch. Hier kann sehr wohl ganz deutlich zwischen Grundlagenerkenntnis und Anwendungskleinigkeit unterschieden werden. Das 4-Farb-Problem ist eine einzelne Anwendung der Graphentheorie oder ein ganz konkretes Problem der Topologie. Der Unvollständigkeitssatz von Gödel ist dagegen keine Spezialbetrachtung, sondern die vielleicht allgemeinste Betrachtung, die man in der Mathematik nur machen kann, nämlich eine gehaltvolle Aussage aller nur erdenklichen mathematischen Beweise (unter die im übrigen auch ein echter Beweis des 4-Farb-Problems gehören würde!) zu tätigen. Dieser Satz macht eine gewichtige Aussage über die Beweisbarkeit in axiomatischen Systemen. Eine tiefgehendere, d.h. allgemeinere mathematische Aussage kann man sich kaum vorstellen. Denn in der Mathematik geht es praktisch ausschließlich um Beweise. Ein Beweis über allgemeine Fragen der Beweisbarkeit ist p.d. so ungefähr das großartigste, das man leisten kann. Ich weiß gar nicht, wie man auf die Idee kommen kann, daß ein Spezialproblem der Topologie irgend etwas mit der Fundamentalität des Unvollständigkeitssatzes zu tun haben könnte.

    Kuhn halte ich so ziemlich für das Oberflächlichste, was man zur Ablösung von Theorien untereinander sagen kann. Ich hatte gehoft, diesen Namen nie wieder zu hören.

    Wenn Akademiker Grundlagenforschung fordern, dann reden sie von fundamental anderen Dingen als ich. Ich habe ja deutlich gemacht, warum der akademische Betrieb damit nichts zu tun hat (etwa Mitte des 3. Teils). Daher ist das CERN-Beispiel auch belangslos. Niemand hat ein Experiment am CERN gebraucht um Neutronen vorherzusagen. All das braucht man deshalb nicht, weil das CERN selbst Ausdruck des akademischen Anwendungsdenkens ist, kein grundlegendes theoretisches Nachdenken in sich schließt. Es ist nichts als das Durchprobieren auf Grundlage bereits etablierter Theorien. Und jeder einzelne dieser Wissenschaftler ist nichts als ein Rädchen in einem bereits von klügeren Köpfen durchkonstruierten Räderwerk. Daher kann auch nur innerhalb dieser bestehenden Theorien anderes hieraus erwachsen. Dieses andere muß aber dann bereits in der Theorie stecken. Aus den bestehenden Theorien heraus findet man dort deshalb allerhöchstens durch experimentellen Zufall, nie durch den genialen Gedanken.

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  4. Dr. Caligari

    Gödel selbst hat nach 1950, soweit ich weiß, noch ein paar Arbeiten herausgegeben bezüglich Beweisbarkeit. Grade die sog. Beweisbarkeitslogiken wurden auch nach 1950 noch entwickelt.
    Ich bin leider nicht sattelfest, was das angeht, aber meines Wissens gab es auch in den Grundlagenfächern noch ein paar Innovationen wie Kategorientheorie.

    Die Spieltheorie als wahrscheinlichkeitsrechnerische Bearbeitung von uralten Strategischen Problemen ist ebenfalls aus der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts.
    Das Lambda-Kalkül, Rosser.

    Was Ablösung von Theorien angeht: Haben Sie da eine andere Literaturempfehlung? Ich habe zwar einiges aus dem Bereich Wissenschaftsgeschichte gelesen (früher), aber kaum eine Theorie wie die von K. gefunden. In Dingler wollte ich zu geeigneter Zeit noch einen Blick werfen, allerdings kam ich an seine Schriften nicht heran. Jetzt, im Lockdown dürfte ja genug Zeit sein.

    Ich bin jedenfalls kein Freund der Hypothese, dass eine Idee sich durch aussterben durchsetzt. Ich denke, eine Idee setzt sich durch, wenn die Zeit reif für sie ist.

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  5. Es kommt natürlich nicht haarscharf auf das Jahr 1950 an. Es gibt aber einen so deutlichen Unterschied zwischen davor und danach, daß ein paar Entwicklungen, die erst in den 50er-Jahren stattgefunden haben (und in der Regel nur Ausformulierungen älterer Ideen sind), die allgemeine Aussage meiner Ansicht nach nicht ins Wanken bringen. Wenn Sie von großen Erkenntnissen in der „Beweisbarkeitslogik“ sprechen, dann müssen Sie diese schon konkret angeben. Das Kalkül allein ist noch nichts wert, es muß damit auch etwas Wesentliches geleistet werden (Frege hat auch ein Kalkül entwickelt, aber was hat’s gebracht? Nichts). Genauso wie die bloße Entwicklung einer Maschine oder Maschinensprache zunächst nichts ist, wenn man damit nicht irgend etwas Wesentliches und zuvor Unlösbares nun lösen kann.

    Die Spieltheorie ist letztlich nicht mehr als eine erweiterte Wahrscheinlichkeitsrechnung (die ja selbst als Theorie des Glücksspiels entstanden ist), geht also auf das 18. Jahrhundert zurück. Selbst wenn Sie das Nash-Gleichgewicht als wesentlich hinzufügen wollen, sind wir exakt im Jahr 1950. Alles übrige ist praktische Anwendung auf Alltagsfragen, keine fundamentale Neuentwicklung. Ganz davon abgesehen haben, da „Spiele“ und Verhandlungen generell zur menschlichen Gesellschaft gehören, Spieltheorien schon immer unbewußt Anwendung gefunden. Nur hat sich früher niemand die Mühe gemacht, das Ganze zu formalisieren – und ja, in der einen oder anderen Situation mag einen da die Intuition getäuscht haben. Aber das ist in der Stochastik ja auch so. Ich sehe da keinen Unterschied.

    Das Lambda-Kalkül ist eine Vorkriegsentwicklung.

    Ich kenne Kuhn aus einem Oberseminar, das sich mit diesem Fortschrittsproblem befaßt hat. Das ist aber schon 10 Jahre her, ich weiß nicht mehr, wer da noch auftauchte. Aber auch damals wurde Kuhn als besonders beachtenswert gehalten. Das hielt ich damals schon für absurd, da praktisch nur Allgemeinplätze ausgesprochen sind.

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  6. Nietzscheaner

    Aber, jemand hat gesagt, dass die Demokraten eigentlich keine neue Gesetze erfinden, sondern nur die alten abschreiben und trotzdem nach eigenem Belieben leben möchten („leben und leben lassen“). Goethe nennt sie Pöbel. D.h. Gesetz und Ordnung sind eher Hindernis auf dem Wege in die Anarchie. Es werden solche Gesetze abgeschafft die dem „Bürger“ im alten Sinne noch Privilegien verleihen.

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