Das Lend-and-Lease-Programm der USA für Rußland, und die verlorene Schlacht um Moskau

Im Komplex meiner erneuten Beschäftigung mit dem Kriegsverlauf ab 1940 blieb mir zuletzt noch eine Frage offen: Wie stark war der Einfluß des Lend-and-Lease-Programms, das Anfang 1941 von Roosevelt aus der Taufe gehoben wurde, auf den Ausgang des Krieges.

Meistenteils liest man, wie wichtig die Motorisierung vor allem mit LKW war, welche den russischen Bewegungskrieg der späteren Kriegsjahre möglich gemacht habe. Aber es handelt sich ebenfalls um gigantische Funkgeräte-Lieferungen, Stiefel für die russischen Soldaten, Rohstoffe und Lebensmittel und natürlich auch etliche Tausend Flugzeuge und Panzer, welche die amerikanische Produktion in das Kriegssystem Rußlands gepumpt hat. Das alles aber wird hauptsächlich für den Kriegsverlauf ab 1942 als bedeutsam herangezogen. Und immerhin: Es handelt sich dabei um etwa 14% der russischen Gesamanstrengungen, was als Zugabe eine durchaus enorme Größe ist, wo es doch bei Kriegsanstrengungen um jedes Prozent geht. Es ist auch oft technologisch (besonders Funk und Hoch-Oktan-Treibstoff) für die russische Wirtschaft ganz unmöglich gewesen, drgl. selbst herzustellen. Aber all das gilt eben hauptsächlich für die späteren Jahre. Hingegen habe die Abwehr des deutschen Angriffs auf Moskau im Jahr 1941 die russische Wirtschaft und Militärmaschinerie, so heißt es einstimmig, selbst geleistet.

Daran muß ich allerdings mittlerweile zweifeln. Denn eines ist klar, bei aller Verlegung der Produktion hinter den Ural (die allerdings erst etwa Mitte 1942 die Verluste der verlorenen Gebiete wieder ausgleichen konnte), bei allen frischen Kräften, die dann am 5. Dezember 1941 zum Gegenangriff herangezogen werden konnten, und bei aller Auslaugung der deutschen Kräfte Ende 1941 war doch keine Seite derart überlegen, daß man nicht sagen könnte, es ging doch recht knapp zu. Daß die Front vor Moskau nach dieser Entscheidungsschlacht dann jahrelang „stand“, ist beredtes Zeichen davon. Ebenso die nochmalige Möglichkeit einer Offensive im Süden im folgenden Jahr 1942.

Die Frage ist also: Wie groß waren die Lieferungen im Jahr 1941? Die Zahlen dazu sind nicht ganz leicht zu finden. In der Tat habe ich bisher nur eine einzige Quelle ausgemacht. Es handelt sich um die Arbeit von Mark Harrison von der University of Warwick (Coventry) aus dem Jahr 1993 mit dem Titel: THE SOVIET ECONOMY AND RELATIONS WITH THE UNITED STATES AND BRITAIN, 1941-1945. Es gibt sicherlich unzählige Arbeiten dazu, aber ohne eine Bibliothek zu besuchen, war das der erste und bisher einzige Treffer meiner unprofessionellen Suche. Immerhin: Hier gibt es eine Aufstellung der US-Lieferungen nach Jahr und den Gegenwert in US-Dollar.

Und in der Tat, 1941 ist hier im Vergleich zu dem, was in den Folgejahren nach Rußland geschifft wurde, erbärmlich wenig. Tatsächlich ist an Lend-and-lease-Verschiffungen 1941 lediglich Ware im Wert von 1 Million US-$ in Rußland angekommen. Das sind bei einem Standardwechselkurs von 1:4,2 also 4,2 Mio. RM. Tatsächlich soll der Kurs der Reichsmark zum Dollar 1940 aber bei 1:2,5 gelegen haben, daher werden wir beide Werte mitschleifen.

Um ein Gefühl dafür zu bekommen, was dieser Summe militärisch entspricht, benötigen wir Preise von Kriegsgerät. Ein guter Anhaltspunkt ist der Preis des damals wichtigsten Panzers in der Deutschen Wehrmacht, dem Panzerkampfwagen III. Sein Preis wird (ohne Waffen) mit knapp unter 100.000 RM angegeben. Die Hauptbewaffnung, die PaK 38, kostete nochmals 10.600 RM. Die zwei MG 34 waren mit 620 Mark vergleichsweise billig. Zusammen also etwa 110.000 RM. Die 1 Million US-Dollar entspricht also je nach Wechselkurs zwischen 23 und 38 Pz III Ausf. F-H. Diese 23-38 Panzer wären im Dezember 1941 gern gesehen gewesen, aber sie machen das Kraut nicht fett.

Denn die Wehrmacht verfügte anfangs des Rußlandfeldzuges über knapp 1000 Panzer III und knapp 500 Pz IV. Allerdings blieben der Heeresgruppe Mitte bereits Anfang Oktober nur noch 30-40% ihrer Sollstärke. Zwei Drittel der Panzerverbände waren in der Heeresgruppe Mitte konzentriert (930). Gehen wir also im Oktober von 350 Panzern vor Moskau aus. Da wären 38 zusätzliche schon ein nettes Zubrot gewesen, aber ebenfalls nicht kriegsentscheidend. Kurz vor Moskau waren die Panzergruppe 3 und 4 zusammen allerdings nur noch 250 Panzer stark. Nun wäre eine Verstärkung mit 38 Panzern bereits eine Steigerung um 15% gewesen, also immerhin signifikant.

Allerdings sind das nur die reinen Lend-and-Lease-Shipments. Die Gesamtmenge des „Allied aid“ war deutlich größer. 1941 belief sich (lt. Table 1 des oben verlinkten Aufsatzes) die alliierte Hilfe für die UdSSR auf $20Mio. Oben hatten wir umgerechnet, daß $1Mio. 23-38 Pz III entspricht. 20 Mio. entsprechen demnach bereits 460-760 Panzern, also im besten Fall der Hälfte aller mittleren Panzer (schwere hatte die Wehrmacht zu diesem Zeitpunkt nicht), mit denen man am 22. Juni 1941 in das Unternehmen Barbarossa gegangen war. Das war mal eben die halbe deutsche Panzerarmee. Freilich muß so ein Panzer auch einsatzfähig gemacht werden und kostet daher weit mehr als das bloße Gerät ab Werk. Aber allein die Größenordnung von mehreren Hundert Stück zeigt bereits, daß wir hier angesichts der im Einsatz befindlich Stückzahl von nichts weniger als entscheidenden Größen reden.

Viel bedeutender ist aber die Menge des Materials, das durch Handel nach Rußland kam. Und dieser Handel geschah wesentlich mit geliehenem Geld. Am 16. August 1941 hatten Engländer und Amerikaner £10Mio. zur Verfügung gestellt. Am 30. Oktober kam $1Milliarde hinzu. Das dürfen Sie sich angesichts des oben angeführten Wertes des damaligen Geldes auf der Zunge zergehen lassen: Whatever it takes. Von diesem Geld kauften die Russen bereits 1941 fröhlich ein. Da Rußland schon Ende der 30er-Jahre fast autark war, sind die Handelswerte im Grunde fast alle als Hilfsimporte zu werten.

„Table 3“ zeigt aufgeschlüsselt nach Produktgruppen die „Principal commodities in United States total exports, cash and Lend-Lease, to the USSR“. Für 1941 ergibt sich hier eine Gesamtsumme von sage und schreibe $ 105 Mio. Wollen wir das noch in Stückzahl Pz III umrechnen? Es sind 2415 bis 3990, je nach Umrechnungskurs. Zum Vergleich: Von 1937 bis 1943 wurden in Deutschland insgesamt 5700 Pz III hergestellt. Aber den Gegenwert von tausenden Panzern deutscher Produktion war die Unterstützung, die der russischen Kriegsmaschine allein im Jahr 1941 (also in den letzten Monaten) aus US-Produktion zukam. Und was der Gegenwert von tausenden deutschen Panzern war, das wird ersichtlich, wenn man die Verlustzahlen auf dem Schlachtfeld im Jahr 1941 ansieht: 23.800 russische Panzer wurden von ihnen zerstört, bei 2850 eigenen Verlusten, also einem Verhältnis von über 1:8.

Nun werden Sie vielleicht sagen, Panzer haben die Russen ja verhältnismäßig wenig aus US-Produktion bekommen (allerdings immerhin 12.000). Also läßt sich auch zum Ausgleich, um das Alternativszenario ohne US-Unterstützung vorstellbar zu machen, dieser Vorteil durch Lend-and-Lease nicht mit deutschen Panzern aufwiegen. Aber es ist selbstverständlich gleichgültig, worin die Unterstützung liegt. Am Ende ist entscheidend, wieviel Produktionskapazität frei wurde, wenn die Amerikaner LKW oder auch nur Socken lieferten, um damit wieder anderes, z.B. Panzer selbst produzieren zu können. Will man das Alternativszenario ohne Lend-and-Lease abschätzen, ist das durchaus mit einer virtuellen gleichwertigen Unterstützung der deutschen Seite möglich, die es in Wahrheit nicht gegeben hat.

Dabei bleibt natürlich bestehen, daß die Rote Armee im Juni 1941 bereits über 20.000 Panzer verfügte. Die waren freilich da und zweifelsohne verdammt viele. Aber einer der Gründe, weshalb diese mit einem für Rußland derart desaströsen Abschußverhältnis bereits 1941 alle vernichtet wurden, war ja gerade, daß sonst nichts vorhanden war, um sie effizient einzusetzen. Es fehlte nicht nur den Panzern selbst, sondern der ganzen Armee an Kommunikationstechnik, allgemeiner Produktqualität, Taktik, Ausbildung usw., also Aufwendungen, die ebenfalls entscheidende Wirtschaftskraft kosten, welche die Russen aber zugunsten riesiger Panzerproduktionszahlen unterließen. Diese Additiva einer funkionierenden, erfolgreichen Kriegswirtschaft übernahm nun Amerika.

Schon bei der Verlegung der Waffenproduktion hinter den Ural ab 1941 konnte dadurch überhaupt eine vollständige Konzentration der Produktion auf Panzer (und freilich Geschütze) forciert werden. Denn Stiefel, LKW und Funkgeräte kamen ja ab sofort (oder überhaupt erst) aus Amerika. Auch aus dieser Perspektive relativiert sich die ungeheure Panzerproduktion der Sowjetunion. Hätte die russische Wirtschaft wirklich den gesamten Kriegsaufwand selbst liefern müssen – neben der Versorgung der Zivilbevölkerung – dann wären die T-34 eben auch nicht in solchen Massen aus den Fabriken gepurzelt.

Aber selbst wenn diese Zahlen aus welchen Gründen auch immer zu hoch gegriffen sind, bleibt die Schlußfolgerung bestehen. Denn ganz wesentlich ist überhaupt die Gewißheit gewesen, daß man nun beliebig viel Material bekommen werde und nur die kurze Periode überbrücken müsse, bis die Lieferungen im ganz großen Stil anlaufen würden (denn 1942 sind es nicht 105 Mio., sondern schon schwindelerregende 1423 Mio. Dollar). Dadurch konnte ohne Rücksicht auf Verluste Ende 1941 sowohl Produktion wie auch Militärapparat auf vollen Verschleiß gefahren werden. Etwas, das auf deutscher Seite freilich nicht möglich war. Man mußte auch Mitte 1942 noch kampffähig sein, ohne ein signifikantes Mehr an Nachschüben erwarten zu dürfen.

Nicht nur psychologisch also war es wesentlich, ein 130-Millionen-Volk an Produktionskapazität hinter sich zu haben, das auch noch technologisch deutlich dem eigenen voraus war. Sondern auch, indem die Russen zu jenem Zeitpunkt, von dem der deutsche Generalstab nicht ganz falsch dachte, hier werde sich durch das letzte Quentchen Einsatzes das Kriegsglück zur einen oder anderen Seite neigen, mit einer „Alles an die Front“-Philosophie den höheren Einsatz wagen konnten – eben weil ihnen der Rücken in Zukunft, wenn sich dieses Verschleißfahren rächen würde, freigehalten wurde.

Und das ändert nun die Einschätzung des Krieges und des Unternehmens Barbarossa doch erheblich. Denn wenn diese Zahlen nur halbwegs stimmen und ungefähr richtig interpretiert sind, dann hatte sich 1. der deutsche Generalstab und die deutsche Führung bei der Einschätzung der militärischen und wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit Rußlands eben doch nicht so kolossal getäuscht, wie es hernach angenommen wurde. Selbst Hitler wird 1942 gegenüber Mannerheim in jenem berühmten Gespräch, das am 2. Juni illegal per Mikrophon aufgezeichnet wurde, noch reflektieren, wie enorm man die Masse der russischen Panzer, d.h. die Rüstungskapazitäten Rußlands unterschätzt habe.

Tatsächlich wurde diese Zahl unterschätzt, aber nicht aufgrund einer falschen Variable innerhalb der „Gleichung Rußland“, sondern indem man die Absichten und strategischen Interessen Amerikas unterschätzt hatte. Denn eines war klar: Würde Deutschland Rußland besiegen, so wäre eine Weltmacht instituiert, die den USA einen echten Rivalen gegenüber gestellt hätte. Ganz Europa und Rußland wäre der Wirtschaftsraum gewesen, den diese Macht umfaßt hätte. Das wäre eine ungeheure Bedrohung für die USA gewesen. Ganz schon wie im 1. Weltkrieg hatte also Amerika mit aller Gewalt einzugreifen, um das zu verhindern. Da dieser Eingriff militärisch nicht mehr möglich war, als das Kontinent praktisch vollkommen unter deutscher Besatzung stand, blieb nur, mit aller Kraft den Russen unter die Arme zu greifen. Und exakt das ist passiert.

Wenn das nun 2. keine beeindruckende Identität zwischen den wahren Verläufen der beiden Weltkriege ist, die man doch in der Regel gerade als entgegengesetzt ansehen möchte: Nämlich die Entscheidung des Ersten Weltkriegs durch den Eintritt der frischen Kräfte aus den USA an der Westfront, dagegen die Entscheidung im Zweiten durch das deutsche Scheitern an der Ostfront! Nein, die Grundvektoren und Massen des geopolitischen Kriegsspiels haben sich hier nicht verschoben. Sie sind über die paar Jahrzehnte dieser beiden Weltkriege – nicht einmal sonderlich erstaunlich – weitgehend konstant geblieben. Und daher werden beide Kriege auch von derselben Macht entschieden, den USA. Man könnte sogar tüchtig sarkastisch sagen: Rußland war in zwei Weltkriegen (zusammen mit Deutschland, das aber freilich auf der Gegenseite stand) der große Kanonenfutterlieferant, der Amerika in einer gigantischen geopolitischen Doppelrochade zur Weltmacht erhoben hat.

Diese Leistung Amerikas besonders hervorzuheben war freilich in niemandes Interesse. Die amerikanische Bevölkerung war 1941 verhältnismäßig abgeneigt, überhaupt in den Krieg einzugreifen, und ab 1945 hätte diese Information den Eindruck erweckt, als habe man sich hier den großen Gegner des Kalten Krieges selbst herangezüchtet. Auch auf Seiten der Russen gab es wenig Anlaß, diese Unterstützung zu würdigen. Schließlich konnte der Vaterländische Krieg nicht von amerikanischem Geld und Produktionskapazität gewonnen worden sein.

Die Tatsache, daß Stalin auf der Konferenz von Teheran sagte: „Dies ist ein Krieg der Motoren und der Oktanzahl. Ich erhebe mein Glas auf die amerikanische Autoindustrie und die amerikanische Ölindustrie“ ist bereits vielsagend. Noch deutlicher und auf unseren Zeitpunkt passender ist die Reaktion Maxim Litwinows, stellvertretender Volkskommissar für auswärtige Angelegenheiten, der, als er im September 1941 bei einer Besprechung im Kreml mit Roosevelts Sonderbeauftragten Harriman die Liste der zugesagten amerikanischen Hilfslieferungen vor Augen sah, vom Stuhl aufsprang und ausrief: „Jetzt gewinnen wir den Krieg!“

Insofern hat auch im Zweiten Weltkrieg – wie im Ersten – Rußland dem deutschen Heer nicht widerstehen können. Erst der Eingriff Amerikas hat – wie im Ersten (freilich erst nach Versailles) – Rußland gerettet. Und das ist schon starker Tobak. Hätten Sie mich vor zwei Wochen (oder 10 Jahren) gefragt, so hätte ich gesagt: Die deutsche Armee war vor Moskau derartig verausgabt… da war kein Durchkommen mehr gegen die frischen Truppen aus dem Osten. Und das ist auch richtig. Aber diese Frische und diese Massenproduktion, die da noch immer angerollt kam, obwohl Rußland auf sich alleingestellt schon längst am Boden gelegen hätte, war eben in dem letzten Quentchen, das nötig war, die Deutschen in den Halt zu nötigen, keine russische, sondern eine US-amerikanische. Und das heißt letztlich auf die Spitze getrieben: Die Wehrmacht hat vor Moskau nicht gegen die Rote Armee verloren, sondern gegen die Vereinigten Staaten von Amerika.

Freilich: Im Grunde war gerade das geopolitisch so klar wie Kloßbrühe. Die deutsche Seite hätte genau das einkalkulieren müssen. Spätestens im Frühjahr 1942 war das Lend-and-Lease-Programm mit seinen Liefer-Routen sogar Hitler durch ein Memorandum bekannt. Gegenüber Mannerheim schiebt er dennoch alles auf Rußland. Ob er es sich selbst eingeredet hat oder nur aus taktischen Gründen gegenüber dem finnischen Baron so auslegt, als sei das ausschließlich eine russische Leistung, ist nicht ganz klar. Denn noch in seiner letzten Radioansparche im Februar 1945 fantasiert er vom Kampf Europas (und Deutschlands an seiner Spitze) gegen den Bolschewismus. Dabei war es produktionstechnisch vielmehr ein Krieg gegen den amerikanischen Kapitalismus, wenngleich das Kanonenfutter Rußland geliefert hat.

Schließlich ist daher auch jenes ganz witzig-illustrative Dinosaurier-Meme über den Zweiten Weltkrieg (Titelbild des Beitrags), das ich vor kurzem entdeckte und dem ich auch vor kurzem noch zugestimmt habe, am Ende doch falsch. Es zeigt, wie sich der Durchschnittsamerikaner den Zweiten Weltkrieg vorstellt, nämlich als einen Kampf des großen amerikanischen T-Rex gegen die kleineren deutschen, italienischen und japanischen. Darunter hingegen: How it really was! Und hier strömt eine dichte Schar russischer Kleinst-T-Rexe auf den Deutschen zu und unter dem russischen Schwarm steht dann auch ein bloß durchschnittlich großer amerikanischer T-Rex (außerdem witzigerweise ein französischer Hahn). Offensichtlich ist das Meme gegen den patriotisch verklärenden Average-Joe gerichtet, der nicht begreifen wolle, daß Rußland den größten Anteil am Sieg im Zweiten Weltkrieg hatte.

Aber nach der obigen Betrachtung muß man nicht nur 14% der russischen T-Rexe mit den Stars and Stripes bemalen, sondern angesichts der Tatsache, daß die amerikanische Wirtschaft im entscheidenden Augenblick und mit den entscheidenden Mitteln zur Hand war, vielleicht sogar effektiv die Hälfte. Man darf also ruhig gestehen: Da hat Average-Joe zumindest in der Relativierung des russischen Beitrags nicht ganz unrecht. Denn auch 95% eines Angriffs abweisen zu können ist nutzlos, wenn der Angreifer mit den restlichen 5% den Sack zumacht. Entscheidend ist dann, wer diese 5% zusätzlich beisteuern kann, sodaß der Angreifer scheitert. Und dieses entscheidende Zünglein an der Waage war nicht Rußland, sondern Amerika.

*

9 Gedanken zu “Das Lend-and-Lease-Programm der USA für Rußland, und die verlorene Schlacht um Moskau

  1. Fjordor von Reußigk

    Sehr interessante Gedanken und Zahlen!
    Interessant ist es ja, dass die Vereinigten Staaten von Amerika – meiner Meinung nach – selbst garnicht den Elan in der Bevölkerung hatten, im 1. wie im 2., einen totalen Krieg zu führen. Man bedenke, welch massive Propaganda im 1. vonnöten war und dass man im 2. ohne die japanische Gefahr aus dem Osten die Bevölkerung nicht so einfach überzeugt hätte.
    Die Bevölkerung hätte auch Todeszahlen wie in Deutschland oder gar der Sowjetunion niemals hingenommen, also musste ein ausblutender Platzhalter her.
    Was mich nur immerwieder erstaunt ist, wie schnell sich die zirka 50% deutschstämmigen Einwanderer in den VSA so schnell assimilierten und höchstens am Anfang des 1. Weltkrieges noch eine handvoll Deutschtum in Amerika zu beobachten war, welchs dann allerdings schnell von Yankees (vielleicht auch deutscher Abstammung?) weggelyncht wurde.

    Schöne Grüße und vielen Dank,

    Ihr FvR

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  2. Hier gibt es einen denke ich recht guten zusammenfassenden Aufsatz über die militärischen Überlegungen und Kriegspläne auf seiten der Roten Armee vor dem Unternehmen Barbarossa (Moldenhauer, 1996 [MGM 55]), der Ihr Dokument bestätigt: https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&cad=rja&uact=8&ved=2ahUKEwj3_rO7xPvwAhUCgf0HHYWkBv0QFjAAegQIAxAD&url=https%3A%2F%2Fwww.degruyter.com%2Fdocument%2Fdoi%2F10.1524%2Fmgzs.1996.55.1.131%2Fpdf&usg=AOvVaw3loh9W858FZzjWM33emgpv

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  3. René Schneider

    Ohne die frühzeitige Rasputiza bzw. Mussolinis Ego-Trip (welcher Barbarossa wohl um mindestens 4 Wochen verzögerte), hätte D. wohl Moskau besetzt und die Chance des Zerfalls der vor allem durch Gewalt und Angst zusammengehaltenen Vielvölker-UdSSR wäre ziemlich hoch gewesen; selbst wenn nicht, dann hätte D. den ganzen Winter Zeit zur Konsolidierung gehabt, denn im russischen Winter war militärisch damals nicht viel zu machen. Roosevelt und seine Hilfen wären dann zu spät gekommen. Ab Dezember 1941 war der Krieg für Deutschland nicht mehr zu gewinnen, außer Japan hätte einige Kräfte an den Ostrand des Sowjetreiches geschickt. Genau deshalb war die allenthalben verrissene Kriegerklärung an die USA im Dezember 41 mE kein dumm-emotionaler Fauxpas von Hitler, sondern ein Versuch, die Japaner evtl. dafür zu gewinnen, doch ihrerseits in den Ostkrieg einzugreifen, Stichwort: Reziprozität, oder zumindest Stalin zu verunsichern und zu verleiten, doch einige Divisionen mehr im tiefen Osten zu lassen, die dann an der Ostfront fehlen würden.

    Ironie des Schicksal: hätte D. Barbarossa gewonnen, dann wäre uns der Holocaust erspart geblieben, denn es ist kein Zufall, dass das großflächig-systematisch Ausradieren der Juden & Slawen just begann als der Krieg für D. ungewinnbar wurde, wobei ich auch hier nicht nur den wütenden Zorn einer kommenden Niederlage als Ursache sehen würde, sondern die Hoffnung, den Holocaust als Erpressung einsetzen zu können („wenn ihr Amis so weitermacht, dann werden eure Judenfreunde alle sterben“).

    Disclaimer: Das sind meines Wissens alles unfundierte Spekulationen. Mir sind allerdings auch keine Dokumente o.ä. bekannt, welche diese Spekulationen widerlegen.

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  4. Nun, ich glaube nicht, daß ein früherer Beginn von Barbarossa daran etwas geändert hätte, denn entsprechend früher hätte man das Lend-and-Lease-Programm angefahren.

    Die Kriegserklärung an die USA war natürlich nicht emotional bedingt, sondern hat nur offiziell gemacht, was übrigens genau durch Lend-and-Lease Tatsache gworden war. Churchill hat den Beginn des Lend-and-Lease-Programms zurecht eine inoffizielle Kriegserklärung der USA an Deutschland genannt. Hitler hat es dann bloß – vielleicht tatsächlich auch unter dem von Ihnen genannten Aspekt – „zu Papier“ gebracht.

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  5. René Schneider

    Nun, Lend-and-Lease hat der Sowjetunion in den ersten 5 Monaten des Krieges nichts gebracht. Die deutschen Truppen marschierten durch’s Land wie ein Messer durch warme Butter schneidet. Nicht umsonst verkündeten hochrangige Militärs und sogar Hitler (ich glaube, es war seine alljährliche Rede am 9.11.), der Feldzug im Osten sei gewonnen; das spricht ja Bände, selbst wenn da eine gewisse Hybris sichtbar wird.

    Wäre Barbarossa schon Ende Mai/Anfang Juni gestartet worden, dann wäre schätzungsweise alles einen Monat früher passiert, d.h. man wäre bereits Anfang September vor Moskau gestanden, man hätte einen Monat mehr!!! ohne Schlamm und Kälte Zeit gehabt, gegen einen zur damaligen Zeit überforderten Gegner. Moskau wäre gefallen, das ging zu schnell. Lend-and-Lease hätte mE sowenig gegriffen, wie eine Portion Traubenzucker 10s vor einem Unterzuckerungsanfall den Diabetiker rettet.

    Hitler hat sich in den Borrmann-Diktaten genau in diese Richtung geäußert (es folgt copy and paste): „[Schimpftirade gegen die Italiener und ihre eigensinniges Vorgehen im Frühjahr ’41] Gegen unseren Willen waren wir dadurch gezwungen, mit Waffengewalt in die Ereignisse auf dem Balkan einzugreifen, woraus sich die unheilvolle Verspätung des Aufmarsches gegen Rußland zwangsläufig ergab. Außerdem wurde die Schlagkraft einiger unserer besten Divisionen unnötig abgenutzt.“

    Meine Theorie steht und fällt natürlich mit dem Wetter im Mai/Juni ’41 in Russland. Ich habe da nie konkrete Aufzeichnungen gesehen, aber die statistischen Mittelwerte hätten für einen Feldzug gut gepasst: warum und trocken.

    Kurzum: Für mich wirkt Lend-and-lease erst ab Mitte November/AnfangDezember, in Kombination mit Rasputiza, Kälte und ersten Erfolgen der Russen. Vorher hat es sich nicht ausgewirkt, siehe die anfänglichen Erfolge der Deutschen. Für die Amerikaner war das natürlich wie gemalt: die Russen schlagen den ernstzunehmenden Gegner Deutschland, aber nicht gleich im Sommer ’41 durch Zurückwerfen der Offensive, sondern erst nach hartem entbehrungsreichen Kampf „auf dem Zahnfleisch“.

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  6. Nur weil ein Vormarsch zügig vorangeht, heißt das nicht, das nicht wesentliche Unterstützung auf der Gegenseite stattgefunden hat. Was ist das für ein absurder Schluß? Und die ersten fünf Monate waren bei weitem kein Butterschneiden. Die Rüstpause von Smolensk hat nicht nur mit der Schlammperiode zu tun, sondern damit, daß man die bereits arg geschwächten Divisionen erst einmal auffüllen mußte. Vor Moskau waren die Kräfte dann abermals erschöpft. Ihre Vortstellung des Vormarsches ist schlicht falsch.

    Die Eroberung des Balkan war auch keineswegs allein Folge einer Mussolinischen Dummheit. Die Engländer hatten bereits Absichten in Griechenad zu landen und drei Divisionen zugesagt. Damit wäre eine Südfront errichtet gewesen, die Barbarossa völlig unmöglich gemacht hätte. Der Balkanfeldzug war also notwendige Voraussetzung der Rußlandoperation und keine ungewollte Ablenkung davon.

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  7. René Schneider

    Mein Schluß lautet: Aus dem zügigen Vormarsch der ersten Monate folgt, dass die amerikanische Unterstützung nicht wirkte (falls sie schon stattfand).

    Dass mit dem Balkanfeldzug als Voraussetzung für den Russlandfeldzug klingt freilich plausibel, insofern kann es leicht sein, die Ausrede des verspäteten Barbarossa ist nur eine weitere „Dolchstoßlegende“.

    Kennen Sie seriöse Quellen, nach denen der Russlandfeldzug ’41 – wenn auch hochriskant – so doch gewinnbar war? Bzw. was wäre Ihre Meinung (aus rein militärtaktischer Sicht)?

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  8. Freilich wirkte sie frühestens ab September. Sie können aber dennoch nicht aus einem schnellen Vormarsch schließen, daß keine Unterstützung wirkte. Dafür müßten Sie wissen, wie der Alternativverlauf ohne Unterstützung vonstatten gegangen wäre.

    Sie meinen, daß er ohne die US-Hilfe gewinnbar war? Nein, soetwas kenne ich nicht, und ich denke vor allem deswegen, weil es bisher noch niemandem eingefallen ist, diese Frage zu behandeln. Daher ja diese kleine Untersuchung. Wie ich zu Beginn dieses Blog-Eintrags sage, scheint man sich ja allgemein einig, daß der Vorstoß 1941 von den Russen allein abgewehrt wurde. Aus den im Artikel aufgeführten Gründen halte ich diese Vorstellung nicht für stichfest und muß nach diesen Recherchen sagen, daß es ohne die US-Hilfe für Rußland jedenfalls verdammt eng geworden wäre. Wenn man den Zahlen sogar vollen Glauben schenken darf, dann hätten sie ohne diese Hilfe keine Chance gehabt.

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