Worin lag das Geheimnis der deutschen Panzerwaffe in der ersten Hälfte des Zweiten Weltkriegs?

Vielleicht trage ich ja heute Eulen nach Athen. Wenn Sie Panzerkenner sind, werden Sie vielleicht sagen: Langweilig, Herr Wangenheim, kennen wir alles schon! Aber die Fakten kennen und sich wirklich klar machen, was diese bedeuten, kann durchaus etwas verschiedenes sein. Meine Beschäftigung mit Panzern des 2. Weltkrieges geht als alter Panzergeneral-Spieler durchaus Jahrzehnte zurück. Da sammelt sich schon eine ganze Menge an (nutzlosem) Wissen über Details der Panzerkonstruktion an. Und doch ist mir erst jetzt, da ich wieder so manchen Tank-Chat sah, die die Panzermuseen der Welt durch die Corona-Schließung zu drehen Zeit haben, wirklich klar geworden, warum die deutsche Panzerwaffe eigentlich jenen obskuren Blitzkrieg führen konnte. Ausgesprochen gefunden habe ich es nirgends.

Denn es ist doch merkwürdig: Die deutschen Panzer des 2. Weltkrieges waren sowohl an Feuerkraft als auch Panzerung den französischen, auch britischen und russischen Panzern teils deutlich unterlegen, ja selbst in der Gesamtzahl im Hintertreffen, und dennoch schneiden sie von 1939 bis 1941 wie Butter durch die feindlichen Linien. So hat das Standardmodell der frühen Panzerdivisionen, der Panzerkampfwagen III (=Pz III), eine Frontpanzerung von 30mm, der T-60 35mm, der Renault R-35 43mm, die englische Mathilda II 60mm, der T-34 gar 70mm. Zudem stehen im Frankreichfeldzug 3400 Panzer auf alliierter Seite gegen 2400 auf deutscher (als überdies hauptsächlich noch die viel schwächeren Pz II und Pz I das Rückgrat darstellen), in Rußland gar das über Dreifache der deutschen Panzer (von Geschützen und Flugzeugen zu schweigen).

Das schreit nach einer Erklärung. Und es wird richtigerweise viel auf die verschiedene Taktik der Truppenkonzentration, Umfassung und des kombinierten Waffeneinsatzes (Panzer, Pioniere, Artillerie, Stuka), waghalsigen Vorgehens (ohne Flankenschutz weit hinter die Linien einbrechen und damit Panik beim Feind erzeugen) usw. hingewiesen und vor allem auch darauf, daß die deutschen Panzer allesamt (nicht nur die Befehlswagen) mit Funk ausgestattet waren, wodurch solches koordiniertes Vorgehen erst möglich war – mitsamt der Ahnungslosigkeit der Gegner, die sichere Verbindungen vermuteten, wo die tief eingedrungene Flanke mancher Gespensterdivision fast ausschließlich aus dem Funksignal eines einzigen Spähwagens bestand. Aber der Grund liegt darüber hinaus noch in einer anderen Sache, die man nur äußerst selten hört und doch viel simpler, vielleicht gar wirkungsvoller und zugleich ganz konventioneller Natur ist.

Eine Mathilda II bspw., die von deutscher Seite effektiv allein mit einer 8,8-Pak gestoppt werden konnte – wie später auch der T-34 –, hatte zwei (!) Besatzungsmitglieder, auch der Renault R-35 und selbst noch der T-70 kamen mit zwei Männern zu ihrer Bedienung aus. Die deutschen Standard-Panzer III, wie auch der ab 1942 mit größeren Panzerabwehrkanonen ausgestattete Panzer IV – der ursprünglich ein Infanteriepanzer war –, benötigten zur Bedienung dagegen 5 (!) Mann. Daher sind die beiden übrigens auch knapp einen Meter breiter als die obengenannten alliierten Panzer. Und deshalb kann ein Pz III bei gleichem Gesamtgewicht auch keine so starke Panzerung haben – einfach weil die Flächen größer sind. Aber es stellt sich freilich die Frage: Was sollte das? Warum drei Mann mehr mitnehmen? Kaffeefahrt nach Paris?

Übrigens sind die Pz 35(t) und Pz 38(t), die im Skoda-Werk in Pilsen gebaut wurden und der Wehrmacht durch die Besetzung der Tschechei in die Hände vielen, aus demselben Grund unterlegen und keineswegs der große Glücksfund für die deutsche Panzerwaffe gewesen, wie man gelegentlich kolportiert. Aus demselben Grund kam auch niemand auf die Idee, die französischen Panzer weiterproduzieren zu lassen. Aus dem Pz 35(t) wurden sogar große Teile der Munition entfernt, um Platz wenigstens für einen vierten Mann zu schaffen. Daß sich ganz nebenbei die Nietung der Panzerplatten bei Beschuß lösen konnte und dann durch die Gegend oder im Panzer selbst als Geschoß umherflog, ist eine andere Sache, ebenso die insgesamt hohe Störanfälligkeit der Modelle. Aber auch davon abgesehen, reihen sich also die tschechischen Panzer von ihrer Grundkonzeption her in die alliierten Modelle ein. Für die italienischen gilt übrigens dasselbe.

Apropos Nietung: Die deutschen Panzer sind geschweißt, was nicht selbstverständlich war. Dadurch waren sie sozusagen selbsttragende Karosserien, wodurch man kein Fahrgestell brauchte, auf welches die Panzerung dann wiederum erst appliziert werden muß. Das führt auch zu der besonders charakteristischen, kantigen, mechanisierten, scheinbar aus dem Vollen gefrästen Form der deutschen Modelle, mit scharfen Winkeln und „abgegrateten“ Ecken, während bei den Gegnern oft auch gegossene Formen zum Einsatz kamen, die eine rundliche Anmutung und grobe Textur aufwiesen, während die deutschen Panzer sehr akurat und präzise wirken (es auch waren, sog. technisches Überzüchten oder Overengineering – dazu später mehr). Ganz extrem wurde diese kantige Plattenabschrägung bei den Spähfahrzeugen, besonders dem 4-rädrigen Sonderkraftfahrzeug 223, dem 6-rädrigen Sd.-Kfz. 231, dem bekannteren 8-Rad-Panzerspähwagen Sd.-Kfz. 232 und natürlich den Truppentransportern Sd.-Kfz. 250 und 251.

Aber nun nochmals die Frage: Warum ist der deutsche Panzer ein halber Truppentransporter? Was sollen die fünf Mann in dem Tank? Es macht ihn groß, schwer, bei gleichem Gewicht schwächer in der Panzerung und schränkt den Einbau großer Kanonen ein. Es ist also die ganz profane Auslegung des Panzers, die Frage der Besatzungszahl vs. Panzerung vs. Feuerkraft – alles grobschlächtige Grundfragen der Konstruktion, worin die deutschen sich von fast allen übrigen Panzern in Europa unterscheiden. Ich habe schon gehört, wie man darüber gelacht hat und meinte, welche Verschwendung an Personal und schwache Konstruktion das sei. Aber das ist natürlich nicht der Fall.

Tatsächlich ist es eine der genialen Entscheidungen des Heereswaffenamtes, einen solchen Anforderungskatalog aufgesetzt zu haben. D.h., wer dafür verantwortlich war, kann ich gar nicht sagen, standen doch die Wehrmacht, das Heereswaffenamt und x andere Stellen im ständigen Konkurrenzkampf um die Entscheidungshoheit in solchen Fragen. Machen Sie sich diesen denkerischen Schritt klar: Man verzichtet zugunsten einer besseren Arbeitsteilung der Besatzung auf Panzerung und Feuerkraft… in einem Panzer! Das ist im Grunde grotesk, und gerade deshalb genial. Denn diese so völlig andere Grundauslegung der deutschen Panzer war ein ganz entscheidender Punkt: Während in den o. g. alliierten Panzern neben dem Fahrer nur ein einziger Mann im Turm sitzt und alles tun muß, was zum Betrieb eines Panzers nötig ist, sind die Aufgaben im Pz III (und den anderen dt. Panzern) auf mehrere Besatzungsmitglieder verteilt. Es gibt neben dem Fahrer: den Kommandanten, den Richtschützen, den Ladeschützen und den Funker.

Der Panzerkommandant in den gegnerischen alliierten Panzern muß also sowohl das Schlachtfeld observieren und einschätzen, muß die Kanone ausrichten und sogar selbständig laden, und im Zweifel eines vorhandenen Funkgerätes auch noch die Kommunikation nach hinten organisieren – zu seinen Nebenmännern hat er ohnehin meist keine Verbindung. Jetzt stellen Sie sich vor, er kommt in ein Gefecht – der Mann wird ja verrückt! Wie soll er das alles gleichzeitig bewältigen, unter Zeitdruck, Bedrohung des Lebens, wie klaren Kopf behalten und x Spezialaufgaben bewältigen? Selbst wenn er ein solches Talent hat (was natürlich fast nie der Fall ist), braucht er ewig, das Ziel auszuwählen, zu laden und anzuvisieren. Die Feuerrate aus diesen Panzern war also denkbar gering. Hinzu kam noch, daß etwa die russischen Panzer miserable Richtoptik hatten, sodaß russische Beutepanzer als erstes mit deutscher Optik ausgestattet wurden, wenn man sie selbst einsetzen wollte.

Dagegen kommen die deutschen Panzer mit Aufgabenteilung auf das Schlachtfeld: Der Kommandant – in dichter Funk-Koordination mit den anderen Panzern seiner Kompanie (und den Besatzungsmitgliedern in seinem Panzer!) – übernimmt die taktische Supervision, gibt Befehle an Lade- und Richtschütze, an Fahrer und Funker. Der Fahrer fährt entsprechend, der Ladeschütze lädt entsprechend, der Schütze visiert entsprechend. In schnellster Folge geht es dann ratz-fatz: Fahren-Laden-Richten-Schießen-Peng, Laden-Richten-Schießen-Peng! Kein Wunder, daß die „Ein-Mann-Panzer“, die die Alliierten zu dieser Zeit auffuhren, keine Chance hatten. Blitzartiges Vorgehen war nur mit dieser Konzentration nicht auf Panzerung und Feuerkraft, sondern – so lustig das klingt – Bedienungsfreundlichkeit möglich.

Daran ersieht man, wie wenig letztlich Stahlwandstärken und Kaliber bedeuten, wenn man den Panzer nicht optimal bedienen kann. Weil die deutschen Besatzungen also immer den Zeitvorteil durch die spezialisierte und gleichzeitige Ausführung aller Arbeiten und damit die volle Initiative hatten (nämlich durch Arbeitsteilung), konnten sie die stärkeren Panzer auch meist recht gut auskurven, sich nahe genug und in den Sichtschatten heranmaneuvrieren, ja überhaupt viel häufiger und vor allem als erste schießen. Angesichts dieser auf hohe Initiative und Reaktionsfähigkeit ausgelegten Entwürfe ist es auch nicht mehr sonderlich verwunderlich, weshalb sich die deutsche Führung recht leicht dazu entschloß, diese Panzer auch in schweres Terrain, nämlich durch die Ardennen nach Frankreich zu leiten. Nicht nur taktische, sondern auch derartige operative Husarenstücke waren also wiederum an jene überlegene Beweglichkeit und Bedienbarkeit geknüpft.

Erst als die Panzer in der Mitte des Krieges überhaupt größer wurden und aufgrund der immer schwereren Geschosse sowieso gesonderte Ladeschützen benötigten, zugleich das Konzept der Deutschen natürlich auch kopiert wurde, war der Vorteil der Wehrmacht (abgesehen von Erfahrung) weitgehend verloren und es kam nur noch auf Massenproduktion an. Daher kommt die ausgesprochene Merkwürdigkeit, daß die Blitzkrieg-Panzer der frühen Kriegsjahre gegenüber den alliierten Feindfahrzeugen die zahlenmäßig und auch rein rüstungsmäßig schwächeren Panzer waren, daß man also mit scheinbar unterlegenem Material vorstieß, aber mit den schweren und überlegenen Panzern ab 1943, dem Tiger (Pz VI) und Panther (Pz V) vor allem, aber auch dem Rückgrat der späten deutschen Panzerwaffe, den StuGs, nicht Blitzkrieg, sondern nur langsamen Rückzugskrieg führen konnte.

Und weil wir gerade dabei sind, über die Massierung der Panzer in Rußland, und ab 1944 natürlich auch an der Westfront, zu sprechen: Man hört ja immer wieder die Schlaumeierei vom sogenannten Overengineering der deutschen Panzer, wie dumm dergleichen gewesen sei, wenn man insbesondere den klapprigen und miserabel verarbeiteten T-34 dagegenhalte, der zwar typisch russische Qualität gehabt habe, aber eben im Minutentakt aus den Fabriken gepurzelt sei und damit Rußland den Sieg gesichert habe. Wie dämlich könne man sein, das nicht kopiert zu haben! Etwas ähnliches gilt vom Sherman, der alles andere als konkurrenzfähig, aber in riesigen Stückzahlen nach Frankreich geschifft wurde.

Wir hatten ja oben bereits gesehen, daß ohne jene technische Überzüchtung der frühen deutschen Panzer gar kein Blitzkrieg möglich gewesen oder doch arg erschwert gewesen wäre, da man mit denselben Konstruktions- und Auslegungsschwächen hätte kämpfen müssen wie die Alliierten, und also ein klassischer Zeitlupenkrieg das Ergebnis gewesen wäre. Erst die scheinbare Idiotie, einen noch recht kleinen, schlecht gepanzerten und mit mikriger Kampfwagenkanone bewaffneten Panzer bereits mit allen Notwedigkeiten größerer, späterer Panzer des Krieges ausgestattet zu haben, also völlige technische und konzeptionelle Überladung des Projekts, hat den entscheidenden Vorteil erbracht.

Aber auch aus viel grundlegenderen, wirtschaftlich-strategischen Gründen war eine Kopie des russischen Modells natürlich unmöglich oder besser: wäre absurd gewesen. Freilich, dieser in hohen Stückzahlen durchaus sehr wirklungsvolle T-34 ist tatsächlich zu Zehntausenden aus den russischen Fabriken gerollt. Doch war das für die deutsche Rüstungsproduktion eine Option? Natürlich nicht. Woher sollte das Material denn kommen? Nein, es waren ohnehin nur Rohstoffe für eine verhältnismäßig kleine Panzerarmee vorhanden. Wenn Sie damit einen Krieg gewinnen wollen, während der Feind ein Vielfaches an Stahl, Kupfer, Aluminium usw. zur Verfügung hat, dann müssen Sie dafür sorgen, daß Ihre eigene Tonne Stahl, jedes eingesetzte Kilogramm Kupfer eben den doppelten, dreifachen, ja den zehnfachen Kampfwert aufweist. Und wie schafft man das? Indem außergewöhnliche ingenieurstechnische Leistungen und strategische Überlegungen ein Gerät zu konstruieren und einzusetzen erlaubt, das sich bei gleichem Materialaufwand als höherwertig erweist. Daher waren teure Optiken von Zeiss eingebaut, daher war alles tip-top verarbeitet, daher baute man den Panzer für fünf Mann, daher entwickelte man neuartige Strategien und Taktiken, um das Beste aus dem Wenigen herauszukitzeln, das man zur Verfügung hatte. Freilich kam es nicht selten bei solcher technischer Überladung auch zu hohen Ausfallzahlen aufgrund der erhöhten Komplexität des Produkts. Aber das ist freilich eine Anfälligkeit aus höherer Kampfkraft heraus, nicht aus generell mangelhafter Konstruktion oder Verabeitung.

Gerade weil Deutschland das rohstoffärmste Land unter den großen Kontrahenten des Zweiten Weltkrieges war, ist auch hier notwendig die höchste Technologie im Krieg entwickelt worden. Das gilt nicht nur von den Panzern, sondern auch von den Flugzeugen, ganz besonders der Me 262, dem Komet und der A4, von Geschützen und Infanterietechniken (denn Mannstärke war natürlich ebenso begrenzt). Und freilich kam dies alles nicht mit dem Krieg, sondern ist einem rohstoffarmen Land von Grund auf in sein Volksleben einbeschrieben, indem der Ingenieursgeist mehr wiegt als das Ausbuddeln von Rohstoffen: Die Raketentechnik wird in den 20er-Jahren grundgelegt, wie auch das Schweißverfahren der dicken Panzerplatten, die Motorenentwicklung der 20er- und 30er-Jahre gehört dazu, ja sogar bildgebende Verfahren zur Steuerung von ferngelenkten Raketen.

Und wenn Sie nun noch wissen wollen, warum auch die deutsche Entscheidung für Benzinmotoren und gegen Dieselmotoren keine Dummheit war, auch kein Idiosynkrasie Hitlers, wie man gelegentlich hört, sondern sehr gut überlegt und richtig, dann hören Sie sich ruhig einmal diesen Vortrag des Panzermuseums Munster über die Wahl des Panzermotorentreibstoffs an.

*

6 Gedanken zu “Worin lag das Geheimnis der deutschen Panzerwaffe in der ersten Hälfte des Zweiten Weltkriegs?

  1. martin

    Danke, sehr interessanter Artikel! Die Conclusio erinnert mich an meinen alten Bataillonskommandeur: „Siegreich ist, wer schneller schießt und besser trifft!“
    Und ja, das gute alte „Panzer General“. Jahrzehntelang unerreicht…

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  2. Michael Schlenger

    Alles wohlbedacht, doch ein in der Spätphase des Krieges entscheidende Punkt bleibt unerwähnt: Es hilft nichts, wenn man unter Materialknappheit leidend die bestmöglichen Geräte produziert, wenn die erforderliche Logistik zu deren wirkungsvollem Einsatz hinter der Front fehlt – also Kraftstoffnachschub und Bergepanzer. Die USA haben den Krieg im wesentlichen mit streng rationaler Logistik gewonnen (Stichwort „Liberty“-Schiffe), während Deutschland auf den Heroismus eines viel höheren Anteils an Frontkämpfern und punktuell überlegenes Material setzte. In meiner Zeit als Panzergrenadier bei der Bundeswehr (1988/89) habe ich im simulierten Häuserkampf gegen US-Einheiten (Hammelburg) selbst erlebt, dass disziplinierteres Vorgehen auf deutscher Seite am Ende an schlichtem Munitionsmangel scheiterte. Gleichwohl sehr verdienstvoll, diesen nur vordergründig militärhistorischen Aspekt näher zu beleuchten.

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  3. Selbstverständlich 1944/5 hat es dann an allem gemangelt, Betriebsstoff, Soldaten im besten Alter, Metallen, allgemeiner Herstellungsqualität usw. Aber daß die Logistik, also das direkte An-die-Front-Schicken daran schuld gewesen ist, wage ich zu bezweifeln. Da hatten sicher die Bombardierungen und pure Materialknappheit den ausschlaggebenden Einfluß. Ob es wirklich ein Bergepanzerproblem gab, kann ich nicht verifizieren. Am Beispiel PzIII/Panther und ihren Bergepanzerversionen zeigt sich allerdings kein Unterschied von der frühen zur späten Kriegsphase. Von beiden Panzern wurden ca. 6000 Stück hergestellt und je 300 Bergepanzervarianten.

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  4. Michael Schlenger

    Mit Logistik meinte ich in erster Linie die zur Sicherstellung des Einsatzes erforderlichen Tätigkeiten hinter der Front, insbesondere Benzinnachschub, Reparaturen und Materialersatz. M.W. mussten die Besatzungen von Tiger, Panther & Co. in sehr vielen Fällen Fahrzeuge wegen bloßen Kraftstoffmangels oder Defekten aufgeben, die eine Rückkehr hinter die eigenen Linien unmöglich machten. Anders gesagt: der Spitzenqualität der Gefechtsfahrzeuge stand eine unzureichende Qualität der zugehörigen Logistikfunktionen gegenüber (welche evtl. auch eine mangelnde Wertschätzung derselben auf deutscher Seite widerspiegelte) . Bei den US-Einheiten sah das ganz anders aus – oft sehr mäßiger Technik stand ein keinerlei Mangel kennender, exzellent gesteuerter Nachschub gegenüber (die Relation von Nachschubeinheiten und Kampfeinheiten war eine grundlegend andere). Angeblich waren die USA nicht imstande, bspw. das MG 42 nachzubauen, aber sie konnten jederzeit genügend Menschen und Material gezielt dorthin bringen, wo sie benötigt wurden, natürlich zuletzt auch dank der Luftüberlegenheit, die sich ebenfalls aus der schieren industriellen Leistungsfähigkeit der Vereinigten Staaten speiste, die nebenher auch noch zur Versorgung Russlands mit Rüstungsgütern ausreichte. Schon in der Zwischenkriegszeit hatte sich abgezeichnet, dass das deutsche Exzellenzdenken zu strukturell anderen (meist isolierten hervorragenden) Ergebnissen führte als dasjenige in den USA. welches auf eine breite Bereitstellung von Gütern und Funktionen abzielte, bei denen die Kosten/Nutzen-Relation stärkere Beachtung fand. Interessant erscheinen mir davon unabhängig die Überlegungen, die Martin Creveld zur unterschiedlichen Kampfkraft von Wehrmacht und Alliierten in seinem gleichnamigen Buch angestellt hat – Sie als sehr belesener Mensch kennen es vermutlich.

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  5. Sie haben natürlich grundsätzlich recht, daß die bloße Tatsache, daß technisch hochgezüchteten Maschinen der Treibstoff fehlte, auf eine Fehlallokation von Ressourcen hinweist. Das gilt allerdings nur, wenn wir annehmen, daß die verschiedenen Felder aufwandssymmetrisch oder überhaupt tauschbar waren. Hätte also der Abzug von Ressourcen aus der Panzerproduktion oder – entwicklung zur Aufhebung des Betriebsstoffmangels geführt? Diesen Schluß bezweifle ich. Wann war der Sprit knapp? Immer? Nein. Offenbar nur in Ausnahmesituationen. Das wird vermutlich dann der Fall gewesen sein, wenn die feindliche Luftwaffe die Nachschubwege erfolgreich angegriffen hatte (was wiederum in Angriffssituationen der Wehrmacht verstärkt der Fall gewesen sein wird, z.B. Ardennenoffensive). Das lag aber an der alliierten Luftüberlegenheit. Die hätte vielleicht kurzzeitig gebrochen werden können, indem man statt 100 Panzer 200 Flugzeuge gebaut hätte. Aber dann wäre sofort die Front zusammengebrochen.

    Zweites Szenario: Leuna wurde bombardiert. Aber auch das hat mit dem Aufwand der Panzerproduktion nichts zu tun. Es sind zwei relativ unabhängige Felder. Der Verzicht auf 100 Tigerpanzer (die, wie gesagt, den sofortigen Zusammenbruch der Front bedeutet hätten) oder eine einfachere Panzerkonstruktion würde das Treibstoffproblem kaum signifikant beeinflußt haben, da hierfür ganz andere Produktionskapazitäten (hier Anlagenbau, Hochbau usw.) in Anspruch genommen wurden.

    Meine Einschätzung ist also: Man hat auf jedem Feld versucht, das Maximum herauszuholen, allerdings unter Berücksichtigung der Grenzkosten gegenüber den anderen Einsatzfeldern, also Opportunitätskosten. Diese Opportunitätsfrage gilt bereits für die Balance der verschiedenen Waffengattungen, ist aber um so problematischer bei verschiedenen Industriezweigen, die eben nicht einfach gegeneinander aufgerechnet werden können.

    Daß in den USA der Zwischenkriegszeit eine ganz andere Leistungsfähigkeit vorhanden war und man problemlos in die Breite gehen konnte, ist selbstverständlich. Nicht zuletzt waren es die Reparationszahlungen Deutschlands, die über die Kriegskreditrückzahlungen Frankreichs und Englands bei den westlichen Mächten zu einer Überflußsituation führten, während in Deutschland an vielem Mangel herrschte – auch durch die Beschränkungen des Heeres infolge des Versailler Vertrages. Aber gerade diese lange Beschränkung hatte ja die deutsche Konzentration auf verhältnismäßig wenige Panzer bedingt, die dann schon in den 30er-Jahren technisch überzüchtet wurden, was sonst nirgendwo geschah. Wir haben es also mit dem fundamentalen Unterschied zwischen einer Überflußgesellschaft zu tun, die kein Risiko eingeht, aber alles zur Verfügung hat, und einer Mangelwirtschaft, die in Deutschland zu dieser Zeit vergleichsweise immer herrschte und zugleich den Mut zum Risiko förderte, konstruktiv und strategisch/operativ. Gerade das ist also der Grund dafür, daß es überhaupt einen Blitzkrieg geben konnte, und spiegelt sich daher auch in der deutschen Gesamtaufstellung im Vergleich zu den USA, Frankreich oder Rußland wider.

    Ob in den kleineren Organisationsstrukturen, auf Divisions- oder Regimentsebene eine falsche Allokation des Personals geherrscht hat, weiß ich zwar nicht, aber ich nehme an, daß man bei fünf Jahren Kriegserfahrung zu dieser Zeit ziemlich genau wußte, was man tat. Und das ist im Übrigen der Grundsatz, von dem man viel häufiger ausgehen sollte als man gemeiniglich tut: Die historischen Akteure kannten die Umgebungsbedingungen meist viel besser als wir und haben jeden Fehler mit ihrem Leben bezahlt. Man darf daher davon ausgehen, daß auf keiner Seite absolut eklatante Fehler gemacht wurden. Selbst wenn die Russen ihre Soldaten mit einer Handvoll Munition statt eines Gewehres gegen deutsche Maschinengewehre anrennen ließen, dann fußte auch das auf der Gewißheit, über ungeheure Mengen von Soldaten zu verfügen. Die Entscheidungen der historischen Akteure sind viel häufiger stur rational als man sich das heute, wo häufig Ideologie oder irgend eine Art Beschränktheit angenommen wird, vorstellen mag.

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  6. [Mir ist Ihre Antwort nur per E-Mail zugegangen, aber sie erscheint hier im Blog nicht, sodaß ich sie nicht freischalten kann. Aber ich will so antworten, daß Ihre Argumentation nebenbei klar wird.]

    Ich stimme Ihnen durchaus in der Einschätzung zu, daß eine andere Mentalität in der deutschen Armee geherrscht hat, deren Augenmerk generell weniger auf der Logistik lag. Daß sich bspw. Rommel an der Spitze seiner Geisterdivision nicht um Dinge wie Flankenschutz und Verbindung zu den rückwärtigen Truppenteilen kümmerte, ist ja offensichtlich. Das schließt auch Nachschub und Logistik ein, die natürlich noch weniger aufrecht erhalten werden können, wenn nicht einmal mehr eine richtige Front vorhanden war. Allerdings ist das eben eine notwendige Folge aus der ganzen Vorgehensweise des Blitzkrieges, also gewissermaßen Blitzkriegmentalität (was natürlich im 20. Jahrhundert nichts Neues ist, aber nun einen besonders griffigen Namen erhalten hat).

    Damit hängt auch die Fokussierung nicht nur auf das Genie auf dem Kampfplatz, sondern auch im Ingenieurbureau zusammen. Das Beispiel Porsche ist freilich ungünstig, aber es hat eben auch eine ganze Reihe sehr erfolgreiche Denker in den Zeichnungsbureaus gegeben. Daß dort auch viel schief ging, halte ich für so verwunderlich nicht. Das ist bei hoher Innovationsfreudigkeit immer so. Das Scheitern gehört neben dem Erfolg zu jedem risikoreichen Denken und Handeln.

    Was die nicht immer besonders sinnvolle Entwicklung von Hochtechnologie zum Kriegsende betrifft, so muß man hierbei auch bedenken, daß das meist Grundkonstruktionen aus der Vorkriegszeit waren, die natürlich einige Jahre Entwicklungzeit benötigten. Man hat jedoch 1938 natürlich nicht gezielt Flugzeuge zur Bomberabwehr entwickelt, was dann 1944 bitter nötig war. Und auch wenn Flugzeuge, wie die Me163, vielleicht letztlich nicht viel bewirkt haben, so war doch die Grundidee eines schnellen Abfangjägers mit geringer Reichweite eigentlich ziemlich effizient für die neue Aufgabe. Auch hier war es dann die desolate Gesamtlage und der späte Einsatztermin, der größeren Erfolg verhindert hat.
    Die vielen Parallelentwicklungen auch in der Panzerkonstruktion hingegen sind ein sehr effizientes Vorgehen gewesen und ich muß mich sehr wundern, daß das immer wieder als Ressourcenverschwendung gebrandmarkt wird. Wie überall wurden Prototypen und erste Serien doppelt vergeben, nicht weil Planwirtschaft herrschte, sondern weil man damit Konkurrenz erzeugte. Und das führte erst dazu, daß man eben nicht bloß die Kopie eines T-34 angeboten bekam (wie von Porsche), sondern auch die Henschel-Konstruktion des Tigers, die schließlich favorisiert wurde.

    Kurz: Daß die Grundlagen wirtschaftlicher und strategischer Ausrichtung, die im 2. Weltkrieg die deutsche Armee ausmachten, sich natürlich auch in den Gemütern der Soldaten und Generale niederschlugen, sodaß auf kühnes Vorgehen mehr Wert gelegt wurde als auf ausgefeilte Nachschubsysteme, das will ich durchaus für plausibel halten. Was ich hingegen nicht glaube, ist die Schlußfolgerung, daß sich daraus eklatante Nachteile an der Front ergeben haben, die durch eine andere Grundeinstellung der Taktiker oder Organisatoren hätten vermieden werden können. Daß das Mancher stark kritisiert haben mag, ist mir auch völlig einleuchtend. Die Vorgesetzten Rommels waren ja auch außer sich, als dieser in Frankreich so tollkühn vorging (übrigens wie die Generale im 1. Weltkrieg, die sodann die Front zurücknahmen). Und sicher war das 1940 in Frankreich nicht unproblematischer als 1944 in Rußland. Wir lassen uns durchaus täuschen, wenn wir dem einen die Kühnheit zugestehen – denn er hat ja gewonnen –, dem anderen aber anlasten, denn er hat ja verloren.

    Nicht nur Clausewitz sagt, daß generell die Einschätzung an der Front zu vorsichtig gerät und Kühnheit oft über Erfolg und Niederlage entscheidet, daher zu viel Rücksicht auf übermäßige Absicherung (und Nachschub) den entscheidenden Nachteil ergeben kann, sondern: Für mich ist der reine Kriegsverlauf schon Beweis genug, daß die deutschen Heerführer militärisch exakt das richtige getan haben, auch im Rückzug (wohlgemerkt militärisch… ob die Fortführung des Krieges selbst nicht vollkommen sinnlos war, steht auf einem anderen Blatt):

    Denn sie haben mit deutlicher Unterlegenheit nicht nur den Angriffskrieg im Blitztempo geführt, sondern – was man oft vergißt oder strategisch/taktisch nicht genügend würdigt – mit einer Unterlegenheit von teilweise 1:10 auch den Abwehrkampf geführt. Mit anderen Worten: Die ach so gut organisierten, abgesicherten, brillant versorgten Alliierten haben ihre durchaus zügigen Vormärsche nicht etwa gegen einen überlegenen Feind geführt, wie es die deutsche Seite einst tat, sondern gegen eine zahlenmäßig absurd unterlegene Armee. Das war also keineswegs der Blitzkrieg in die Gegenrichtung, wie man oft behauptet. Niemand hat seit 1943 je wieder Blitzkrieg geführt, denn das hätte ein Vorrücken mit unterlegenen Kräften in hohem Tempo sein müssen. Das hohe Tempo aber war den Alliierten nur möglich, weil sie (wie etwa bei der Zerschlagung der Heeresgruppe Mitte 1944) 10 mal so viel Geschütze, 10 mal so viele Panzer und 10 mal so viele Flugzeuge hatten. Ist da ein schneller Sieg eine große Leistung? Nein. Ähnliches gilt für die Westfront. Wer aber auf der anderen Seite mit einer derartigen Unterlegenheit mental und strategisch in der Lage ist, noch irgendeine Integrität der Front zu gewährleisten, ja sogar dann und wann Gegenangriffe zu starten… dem soll ich nun irgend einen bedeutenden Mangel seiner Organisation vorwerfen? Die Realität scheint mir vielmehr für die Überlegenheit der deutschen Organisation zu sprechen, nicht für ihre Unterlegenheit.

    Es gibt überhaupt keinen Grund als den der bloßen industriellen Überlegenheit, der alliierten Kriegführung den Vorteil zuzuerkennen (die schlicht aufgrund der vielfachen Übermacht der arbeitenden Hände und Rohstoffquellen in den alliierten Staaten zustande kam). Aber ist das ein organisatorischer Vorteil? Genau das bezweifle ich. Denn dann hätte man sich vorderhand vom Blitzkrieg nie überrumpeln lassen dürfen und spätestens im Frühjahr 1944 in Berlin stehen müssen.

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