Harry Graf Kessler: Mäzen der Moderne? Pazifist? Roter Graf? – Teil 2

Kurze Zusammenfassung des Vortrag:

Diesmal geht es nach einem kurzen Nachtrag zur Schlußszene von Jüngers Stahlgewittern zunächst noch einmal abschließend um die draufgängerischen Momente in Kesslers Kriegstagebuch und die wahre Ästhetisierung des Krieges, die nicht bei Jünger stattfindet (dem es nur aus politischen Gründen vorgeworfen wird), sondern bei Kessler, der in seinem Tagebuch ohnehin sein ganzes Leben ästhetisiert hat.

Die in breiten Bevölkerungsschichten aufkommenden sozialistischen Auffassungen betrachten wir zunächst historisch aus dem Kaiserreich herkommend und sodann am Beispiel Spenglers und des Grafen Brockdorff-Rantzau, der mit Kessler zeitweise in sehr vertraulichem Kontakt steht. So sind eines Abends beide in der Frage zusammengekommen, ob man sich an die Spitze einer bolschewistischen Revolution stellen solle. Man folgt der zu dieser Zeit weit verbreiteten Aufassung, daß eine in Deutschland erfolgreiche Revolution zwangläufig auch auf die Siegerstaaten Frankreich und England übergreifen müsse und damit dasselbe Schauspiel, daß die Russen im Krieg erlitten hatten, nun auch die Westmächte ergreifen mußte. Diese Strategie des Herabziehens aller feindlichen Nationen war deshalb trotz der Tatsache, daß Deutschland selbst davon betroffen sein würde, interessant, da Deutschland bereits am Boden lag und wenig Aussichten eines schnellen Aufstiegs haben konnte, zumal nach dem Bekanntwerden des Vertrags von Versailles.

Kessler folgt in seinem Pazifismus, den er in der vorherrschenden Situation als die einzige Möglichkeit erkennt, Deutschland wieder „Macht u. Kraft gegen außen gewinnen“ zu lassen, der Anschauung des Grafen Rantzau bzgl. des Vertrages von Versailles. Dieser hatte als erster Außenminister der Weimarer Republik und Führer der deutschen Delegation zu den Friedenverhandlungen seine Unterschrift verweigert und darauf spekuliert, daß bei einem gewaltsamen Raubfeldzug gegen das wehrlose Deutschland die Diskrepanz zwischen der moralischen Monstranz, welche die Siegermächte vor sich hertrugen, und andererseits der rücksichtslosen Machtpolitik gegen Deutschland, offenkund werden müsse und vor der Weltgemeinschaft nicht mehr zu rechtertigen gewesen wäre. Schließlich wird er vom Kabinett überstimmt und tritt zurück.

Kessler führt einen ähnlichen Gedankengang, indem er durch Zustimmung zum Pazifismus die Siegermächte ihrerseits zu einer fairen Behandlung Deutschlands zwingen will. Zugleich ist er der Überzeugung, daß Deutschland, wenn es gleiche wirtschaftliche Chancen erhält, über kurz oder lang wieder zur führenden europäischen Wirtschaftsmacht heranreifen wird, wie schon in der Belle Epoque und überhaupt vor dem Krieg. Hinzu tritt wahrscheinlich die Einsicht, daß Deutschland eben wegen dieser natürlichen Wirtschaftskraft von den übrigen Mächten immer scheel wird angesehen werden und im Zweifelsfalle in einem Krieg gegen den Zusammenschluß aller anderen nicht würde siegen können. Jedenfalls ist er überzeugt, daß der Revanchismus aus der gegenwärtigen Lage heraus unrealistisch ist (wobei er immer wieder führende Reichswehrgenerale zitiert, die derselben Auffassung sind) und für die Zukunft auch nur in einer Katastrophe enden könne. Das geht sicher auf den Gedanken zurück, daß die weltpolitische Lage sich durch die Kriegsergebnisse verfestigt hätten und eine andere als die schon im Weltkrieg relevante Konstellation nicht absehbar war und damit eine erneute Niederlage Deutschlands bereits feststünde und also nur noch mehr Schaden bringen würde. Hingegen hatte sich die wirtschaftliche Tüchtigkeit vor dem Krieg bereits als machtsteigernd erwiesen und würde es wieder tun.

Schließlich erkläre ich die Herkunft des Begriffs vom „roten Grafen“. Es handelt sich um eine Schmähbezeichnung der polnischen Nationalisten, die ihn als deutschen Gesandten in ihrer Presse als solchen beschimpfen. Kessler nennt es selbst „Hetze“, bezeichnet sie später als „Warschauer Verläumdungen“ [sic!] und macht damit unmißverständlich klar, was er von dieser Bezeichnung selbst hält. In seiner Verteidigung vor einem italienischen Generalkonsul verteidigt er die Absurdität der Vorwürfe Bolschewist zu sein auch damit, daß er Mitglied in der Deutschen Demokratischen Partei sei. Für diese Partei der Verständigung zwischen Bürgertum und Arbeiterschaft kandidiert er später auch erfolglos für den Reichstag. Der gegenwärtig leichtfertige Umgang mit dieser Bezeichnung ist freilich politisch motiviert, soll dem Zeitgeist schmeicheln. Tatsächlich ist es aber nach den eigenen Worten des Grafen Kessler nichts weniger als Hetze und Verleumdung.

*

4 Gedanken zu “Harry Graf Kessler: Mäzen der Moderne? Pazifist? Roter Graf? – Teil 2

  1. Sehr geehrter Herr Wangenheim,

    ich nutze erneut die Kommentarfunktion, um einige eigene Gedanken einzubringen. Ich nummeriere sie mal durch:
    I.
    Die Assoziationen, die man mit dem deutschen Kaiserreich verbindet, oder eben mit dem Sozialismus, sind eben nicht vollständig rational. Man wird durch Medien, Lehrer und Überlieferung doch geprägt.
    Genau das selbe gilt natürlich von Versaile.

    Trotzdem erscheinen mit die Zeitgenossen da ein bisschen naiv. Die Eroberung des eigentlich neutralen Belgiens war formaljuristisch unzweifelhaft ein Rechtsbruch. Soweit ich weiß war eine klare Rechtsfolge war nicht definiert, aber es war auszumachen, dass die Sieger das auch als moralische Waffe einsetzen würden.
    Und völlig zurecht. Man stelle sich eine vergleichbare Situation vor, in der die deutsche Neutralität missachtet und Deutschland unfreiwillig zum Kriegsgebiet wird. Ein gewisser moralischer Groll dürfte doch verständlich sein, auch wenn man heutige Maßstäbe nicht einfach zurückprojeziert.

    Was allerdings aus heutiger Sicht extrem problematisch ist, ist die Kollektivstrafe. Deutschland wird für die Verbrechen der Regierung bestraft. Sowas ging heute in der Form nicht mehr, auch wenn UN-Sanktionen prinzipiell ja das selbe in Grün sind.
    II.
    Es bleibt Fakt: Die Revolution in Deutschland 1918 war eine der ersten Revolutionen, die wirklich authentisch sozialistisch war.
    Die russische Revolution war mehr ein Putsch und alle übrigen sozialistischen Revolutionen sind entweder aus dem Ostblock finanziert oder gescheitert.
    Die Revolution wurde in erster Linie militärisch niedergerungen.
    III.
    Okay, bei mir ist das Bild des „roten Grafen“ hängen geblieben.
    Das ist offenbar falsch, sowohl Pazifismus als auch rote Färbung ist wohl einer einer strategischen Entscheidung, zumindest teilweise Situationsgebunden.
    Es wäre allerdings durchaus denkbar, dass man den Bolschewismus fördern, um die andere Seite zu schwächen.
    IV.
    Deutschlands wirtschaftliche Dominanz ist auch nach dem 1. Weltkrieg nicht etwa gebrochen, sondern sie wächst weiter und grade auf dem geistig-kulturellen Gebiet war Deutschland oder korrekt der deutschsprachige Kulturraum massiv dominant: Einstein, Quantenphysik, die ganze sog. moderne Kunst, Logik, positivistische Philosophie, Fertigungstechnik, chemische Industrie usw.
    Die Wirtschaftszahlen sprechen indessen ebenfalls eine deutliche Sprache.
    Es gibt natürlich in der selben Zeit auch einige herausragende Vertreter in Frankreich, den britischen Königreich und Russland, im Gesamteindruck bleibt Deutschland ehrfurchterregend.
    Pikanterweise: Die Amerikaner scheinen in dieser Epoche so gut wie keinen Stich gelandet zu haben, trotz Tesla und Edison. Soweit ich das gelesen habe, hat man sich dort eher auf Massenproduktion per Fließband und dergleichen verlassen. Insgesamt waren die USA damals noch ein Bauernvolk und das kulturelle Leben war stark von Impulsen aus Europa abhängig. Was teilweise ja bis in die 2. Hälfe des 20. Jahrhunderts so geblieben ist.
    Das ist auch der Grund, warum hervorragende Intellektuelle wie Russell, Einstein oder Ökonomen zur Schlussfolgerung gelangt sind, dass die „Ausbeutung“ der billigen deutschen Waren mit zur Weltwirtschaftskrise beitrug. Überproduktion und schließlicher Einbruch der Nachfrage.
    Im Grunde ist es ja bis heute nicht anders geworden, Deutschland dominiert Europa ganz schön.
    VI.
    Philosophie des Zeitgeistes, dazu nur eine Anmerkung:
    Der Zeitgeist um 1920 war natürlich völlig verschieden von den Zeitgeist, den wir dann post-1968 oder heute bewundern können.
    Das war ja die Generation, die häufig noch in irgendwelchen Kaiserreichen, sei es jetzt China oder das britisch Empire oder Österreich-Ungarn, aufgewachsen ist und sich dann plötzlich einen Staat modernen Zuschnitts wiederfanden. Mit allen Konsequenzen.
    Im 19. Jahrhundert gibt es ja das das Gefühl des Fortschritts (siehe Ortega y Gasset zum Thema), das die Entwicklung nur in diese eine Richtung gehen kann. Das war, denke ich, zumindest ab diesen Zeitpunkt in Frgae gestellt.
    Es scheint auch so Wellen zu geben. Etwa eine Esoterikwelle (Okkultismus am Ende des 19. Jahrhunderts; New Age anno 1968; die gegenwärtige Welle) nach einer Wellt „erschütternder“ Fortschritte, Futurismus (Fortschrittsglaube im 19. Jahrhundert, naive Science Fiction im 20. JH) und „normalisierungen“ usw.
    Die „goldenen 20er“ waren wohl nach dem Abebben einer großen Dekadenzwelle am Ende des 19. Jahrhunderts, sowie während einer niedergehenden Eso-Welle und genau im Zenit einer Futurismus-Welle, die dann bis 1960er Jahren anhielt.
    Daneben gab es viele Kriegsteilnehmer, die verändert aus dem Krieg zurückgekehrt sind. Viele wurden brutalisiert.

    Ich schöieße damit.

    Frohe Ostern

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  2. Verstehe nicht ganz, was Sie mit Naivität der Zeitgenossen meinen. Freilich war man sich darüber im Klaren, daß der Angriff auf das neutrale Belgien problematisch war. Aber man hat ja auch Frankreich den Krieg erklärt. Warum also nicht auch Belgien, wenn man sich ansonsten Gewinnchancen völlig verbaut hätte. Der Vorwurf richtet sich ja nicht gegen die Ausschlachtung der Neutralität Belgiens, sondern des angeblichen „Rape of Belgium“, so als hätten die Deutschen dort aus Dumdideldei Erschießungen vorgenommen (was schon daher absurd ist, da Vergleichbares in Frankreich und an der Ostfront nicht geschah – es war offenbar also ein Sonder-Problem Belgiens, nichts Deutschlands).

    Hingegen ist das, was Sie Kollektivstrafe nennen nun gerade das Normalste der Welt. Die Franzosen mußten ebenfalls Reparationen zahlen als sie 1871 verloren. Dabei hatte doch nur Ihre Regierung Krieg geführt. Wie Sie darauf kommen, daß das zu irgend einer Zeit problematisch sein soll, weiß ich nicht.

    Ich würde allerdings auch die Französische Revolution als eine sozialistische Bezeichnung, wobei man sich das durchaus streiten kann.

    Da haben Sie recht, daß diese wirtschaftliche Dominanz Deutschlands in Europa bis heute anhält, und daher Kessler mit seiner Fokussierung auf wirtschaftliche statt kriegerische Erfolge sehr vorausschauend war und letztendlich recht behielt. Aber ein Bauervolk waren die Amerikaner zu dieser Zeit keineswegs, sondern gerade dabei, die europäischen Wirtschaften langsam aber sicher zu überholen. Daß das vor allem in Massenproduktion mündete, ist schon dadurch unvermeidlich, weil auch damals die USA mit 100 Millionen Einwohnern schon signifikant größer waren als das Reich und sogar fast so groß wie Deutschland und Österreich-Ungarn zusammen, Tendenz enorm steigend.

    Ihnen ebenfalls Frohe Ostern!

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  3. Dr. Caligari

    Nunja, Sie haben einen guten Punkt.

    Was die Kollektivstrafe angeht, so war es damals normal. Ist es aber heute eben nicht mehr.

    Ich will jetzt nichts beschwören, aber die Amerikaner waren meines Wissens eben keinesfalls führend in Sachen Techologie oder Industrietechnik. Vieles ihrer weltweiten Dominanz verdanken die Amerikaner der Flucht mitteleuropäischer, vor allen Dingen auch Deutscher, Intellektueller in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Aus bekannten Gründen.
    Ich erinnere mich an Biographien, in denen amerikanische Denker entweder vorher nach Europa gereist sind oder dergleichen.

    Dass die Amerikaner dann massiv eingeholt haben, ist ja richtig. Wahrscheinlich hätten sie das auch so gekonnt.

    Danke übrigens.

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  4. Technologie… kann man sich streiten. Aber in der Industrietechnik waren die USA in jedem Fall sehr weit vorn mit dabei. Nicht umsonst sind sie nach dem 1. WK die führende Massenproduktionswirtschaft. Bis zum 2. WK bauen sie das so weit aus, daß sie sogar Schiffe am Fließband produzieren können und mehr von den Kolossen bauen als die deutschen U-Boote je versenken können. Dagegen wird z.B. der Panzer III niemals am Fließband hergestellt, sondern immer wie in einer Manufaktur zusammengeschraubt.

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