Noch einige Gedanken zum Realismus in historischen Filmen und Serien

Da ich zuletzt sah, wie groß das Interesse an historischer Kleidung auf Youtube ist, wo bis in die kleinsten Details hinein die historische Akkuratesse der Garderobenauswahl, der schneidertechnischen Ausführung und der Friseurarbeiten geprüft, gelobt oder verrissen wird, habe ich mich einer der besonders empfohlenen Serien angenommen – will sagen der 1. Folge –, um mir selbst ein Bild zu machen. Es handelt sich um Gentleman Jack. Aber es ist doch eine umfangreichere Betrachtung, mit der ich hier anheben will.

Die Serie erzählt das Leben einer englischen Landeignerin, der seinerzeit starke männlichen Eigenschaften und auch Äußeres nachgesagt wurden, übereinstimmend mit ihrer lesbischen Veranlagung, welche schnell ruchbar wurde. Solche Ungewöhnlichkeiten samt dem Vorhandensein eines ausführlichen Tagebuches sind natürlich häufig Anlaß für Verfilmungen, doch in unseren Tagen kommt freilich noch die Verliebtheit in solcherlei als modern und erstrebenswert angesehene Lebensläufe hinzu. Darum soll es aber nicht gehen. Vielmehr war meine Frage: Ist das Urteil der historischen Akkuratesse wirklich zureichend entschieden, wenn jene Garderoben-Aficionados zu solcher Konklusion kommen? Und die Antwort lautet, wie Sie ahnen: Nicht so recht…

Man wird schon mißtrauisch, wenn man weiß, daß unter den Freunden der sog. Vintage-Mode ein Spruch beliebt ist, der dem Zeitgeist so endlos unterwürfig ist, daß man es zunächst für einen ironischen Scherz halten möchte: vintage clothing – not vintage values (jeder zweite vintage Instagram-Account ist damit geschmückt). Nun würde ich ja sagen, lieber vintage values als vintage clothing, denn das würde jemanden wirklich interessant machen, man könnte unmittelbar Respekt haben, und am besten natürlich ist beides im Verein, aber… der Herr sei mit uns! Bis also der Gegenspruch hip wird, dürfte noch einige Zeit vergehen. Aber glauben Sie mir, das wird kommen. Es braucht nur noch ein wenig Reifung des Selbstbewußtseins und manche Lebenskenntnis.

Genauso also, wie man sich die (scheinbar) negativen Aspekte der Vergangenheit heranzerrt, um sie generell wenn nicht zu verteufeln, so doch scheel anzugaffen (vintage values… welch Ekel entströmet diesen Worten, ach!), so erfreut man sich gern der hohen Ästetik der Vergangenheit und schmückt sich mit ihr, muß sich aber tunlichst kümmern um Herrgotts willen mit all dem doch so unangenehmen Drumherum nicht assoziiert zu werden. Sie kennen ja das Problem der Kontaktschuld: Sieh aus wie eine feine Dame der Belle Epoque und die unterdrückerische Landlord- und Herrenreiter-Attitüde mitsamt ihren sozialen Bösartigkeiten klebt an Ihnen, wie man es gelegentlich von Pattex nur wünschen kann. Vintage Clothing also sehr verdächtig!

Folglich will man eigentlich nur so aussehen, und dieses Aussehen als Alleiniges, und zwar völlig abgelöst von seinen historischen Bedingungen, herauspicken und feiern. Freilich ist dergleichen absurd. Denn jene Garderobe ist eben ausschließlich und genau unter den Bedingungen dieser Zeit entstanden. Das ist kein Zufall. Nur diese Werte (und freilich andere Komponenten wie der Stand der Technik) haben genau diese Kleidung, dieses Verhalten, diese Sprache entwickelt. Wer es voneinander lösen will, verkleidet sich in irgendeiner Weise, hat aber den Zusammenhang des Lebens nicht verstanden. Das kontrastiert natürlich enorm mit dem historischen Interesse überhaupt, das bei diesen Reenactern mit ihrem Hobby einhergeht. Da man sich jedoch für die alten Werte gerade nicht einsetzen möchte oder mindestens nicht wagt, es auszusprechen, bleibt bei der ganzen Chose im Grunde nur Karneval in anderer Form dabei übrig. Das nennt man dann in gewissen Kreisen wohl Larping, also historical Cosplay usw.

Ich will nun gar nicht darauf eingehen, daß deshalb gerade die Frauen besonderes Interesse für die Suffragetten-Bewegung zeigen, um sich nach außen, aber auch gegenüber ihrer eigenen Erziehung, also ihrem eigenen Inneren so zu vergewissern, daß die Beschäftigung mit diesen düsteren, ja mittelalterlichen Zeiten doch zumindest auf Umwegen moralisch gerechtfertigt sei. Immerhin sammeln sie offenbar auf diesem zwar von braven Korrektheiten des Zeitgeistes durchsetzen Weg auch eine ganze Menge Korrekturen der allgemeinen historischen Anschauung auf, was zeigt, daß es doch sein Gutes hat. Aber das soll uns hier nur anekdotenweise interessieren. Was ich vielmehr durch diesen Abstecher deutlich machen will, ist die Tatsache, daß man sich trotz aller Bemühungen, die Vergangenheit in ein realistischeres Licht zu rücken, am Ende doch immer mit sehr ausschnitthaften Prüfungen und Korrekturen zufrieden gibt.

So kann sich Mancher bis in die Details der Stichweite gewisser Nähte historischer Kostüme in die Frage der geschichtlichen Sauberkeit hineinversenken, um zu zeigen, wie wenig akurat eine Garderobe für einen Historienfilm geeignet sei (wobei hier auch sartorial bereits auffallendere Fehler gemacht wurden, als er diskutiert), aber sich beharrlich weigern, die Tatsache auch nur auszusprechen, daß es im England des 19. Jahrhunderts selbstverständlich keinen schwarzen Aristokraten gegeben hat, wie die Serie zeigt, schon gar keine schwarze Königin (tatsächlich… das denke ich mir nicht aus, die englische Königin ist laut Wiki in dieser Serie eine Schwarze). Und was ist eine solche Analyse dann mehr als eine autistische oder wenigstens idiosynkratische Scheuklappenfokussierung auf vollkommen nachrangige Details, wenn selbst die offensichtlichsten Dinge nicht einmal im allerentferntesten Sinne historisch genannt werden, genannt werden können, genannt werden dürfen?

Und daran leiden sie nun alle. Wo also bleibt die Gesamtbeurteilung, ob es sich nun um eine gute, überzeugende, vor allem realistische Film-Wiederbelebung etwa der 1830er handelt oder nicht? Denn dazu gehört freilich mehr als akurate Kleidung, zeitkonforme Meuble, der richtige Kutschtyp und die zeittypische Sprache (woran es auch oft genug schon schwer mangelt). Und nun behaupte ich, daß ältere Historienfilme darin deutlich mehr Feingefühl gezeigt haben, als das heute der Fall ist, wogegen noch in einem der oberen Videobeispiele davon fasziniert wird, die letzten 10 Jahre hätten mehr Realismus auf den Bildschirm gebracht. Das mag in eben diesen letztlich wenig entscheidenden Details handgenähter Knopflöcher von mir aus der Fall sein. Das konnte man früher ohnehin aufgrund der fehlenden Filmauflösung und den seltenen Detailkameraeinstellungen kaum erkennen. Aber nochmals: Was nützt das richtige Detail, wenn die Gesamtkomposition ein einziger Schuß ins Ofenrohr ist? Nun, Schuß ins Ofenrohr ist freilich zu viel gesagt. Aber lassen Sie uns dergleichen Feinheiten anderer Art, die sonst gern übersehen werden und doch einen fundamental falschen Eindruck von der Vergangenheit vermitteln, einmal näher betrachten.

Die gröbsten zumindest visuellen Fehler nämlich passieren nicht bei Innenaufnahmen, beim Umkleiden oder im Drawing Room, wo der historische Raumaustatter und Kenner alles bis in den letzten Winkel auswählen kann, sondern bei den Außenaufnahmen. Und zugegeben, es ist keine leichte Sache im Jahr 2020 eine Kameraeinstellung auf dieser Welt zu finden, die nach 1830 aussieht. Das nicht nur in Städten und Dörfern, wie Ihnen sofort klar wird, sondern auch in der sogenannten freien Natur. Dennoch, es scheint wenige Kenner der historischen Kulturlandschaft zu geben, die zur Beratung solcher Filme herangezogen werden könnten.

Zum ersten Mal fiel mir dergleichen bei Downton Abbey auf, als Bates mit jemandem im Wald spazieren ging, um Informationen zu erlangen, welche die Dienerin der Dame des Hauses bloßstellen konnten. Die Szene kam mir plötzlich unnatürlich, d.h. nicht zeitgenössisch vor. Und ich wußte nicht recht wieso. Man hatte das Gefühl, zwei Kostümierte liefen durch einen modernen Wald. Aber wie kam das? Woher wollte ich wissen, daß der Wald um 1900 anders aussah? Ganz einfach: Weil die beiden auf einem Weg entlangliefen. Und das ist nicht bloß Wald, sondern menschlicher Eingriff. Da setzte die Erkenntnis an, und zwar weil ich eine Ahnung hatte, wie es richtig hätte sein müssen: Ja, ich wußte und weiß heute noch, wie um 1900 ein Waldweg aussah.

Woher? Weil die Waldwege unserer Tage noch gar nicht so lang existieren. Der Ausbau der Waldwege für Autos und vor allem breitreifige Harvester hatte zumindest in der DDR nicht stattgefunden. Der Jäger und Förster lief noch per Pedes in den Wald (heute undenkbar!). Selbst Kraftfarzeuge hatten schmale Bereifung. Mehr noch wenn nur Kutschen fuhren: Die Wege hatten ein ganz anderes aussehen, nämlich nicht mit breiten Fahrstreifen und schmaler Grasnarbe in der Mitte, sondern immer wieder von Fahrrinnen der schmalen Kutschräder zerschnittener Grasnarben oder so weit zerfahren, daß nur noch schmale Streifen Grases zu sehen sind (zumindest wenn es sich um keinen ausgebauten Weg handelte, denn diese waren als Staubstraßen mit meist wassergebundener Decke ausgeführt, also in ganzer Breite feste Sandwege).

Ja, Sie können gar am Baumbestand des Waldes die Epoche ablesen. So ist im 18. Jahrhundert noch deutlich mehr Laubwald in Mitteleuropa verbreitet. Erst das 19. und 20. Jahrhundert bringen jenes Übermaß der Nadelgehölze in unsere Wälder, von denen man sich heute wundert, daß sie mit etwas größerer Wärme und Trockenheit im Sommer nicht zurecht kommen und verdorren. Nun, diese Bäume gehören hier ja auch nicht her! Aber das schneller wachsende Holz hat den Menschen veranlaßt, die Wälder damit zu verschandeln. Ja, zu verschandeln. Es ist kein Zufall, daß Gemälde des 18. Jahrhunderts so südisch aussehen, wenngleich sie gar nicht in Italien gemalt sind, sondern den Thüringer Wald zeigen.

Gehen wir vom Wald ins Dorf oder die Stadt: Ich erinnere mich einer Verfilmung von Anna Karenina, als man sich in einer vorstädtischen Ansicht historistischer Gebäude so sicher war, ein zeitgenössisches Bild gefunden zu haben, daß man übersah, wie die Einfahrt der fraglichen Villa mit modernen Kunstpflastersteinen ausgelegt war. Bumsvallera, und man ist aus dem 19. Jahrhundert katapultiert.

Dergleichen Dinge finden sich in fast allen modernen Produktionen. In Gentleman Jack ist ein Gartenweg aus großen, gleichmäßigen, grauen Steinplatten gebildet. Nein, solche Steine, d.h. Natursteine gab es nicht, oder besser, wären des Preises wegen nur eines Schloßaufganges würdig gewesen. Hier aber sind es Betonplatten des mittleren bis späten 20. Jahrhunderts. Die Tür eines recht historischen englischen Hinterhofes, welche verschlossen ist und die Heldin zum Übersrpingen der Mauer veranlaßt, glänzt derartig wie Speckschwarte, daß dies nur von der modernen Holz-Lackfarbe aus einer Baumarktdose der letzten 30 Jahre herrühren kann.

Aber nicht nur solche Kleinigkeiten – und es mögen das in der Tat Kleinigkeiten sein – lassen den feineren Beobachter sofort aus der Illusion fallen, vielleicht sogar den unbeleckten Zuschauer, der doch dumpf fühlt, daß hier etwas nicht stimmt. Selbst Ansichten, die völlig frei von modernem Klimbim sind, werden fehlerhaft gezeigt. So sind recht farbenfrohe Fräcke und Westen in der Biedermeierzeit durchaus modisch gewesen. Aber man sah dergleichen natürlich vornehmlich in der Stadt. Wenn der Gutsbesitzer über das Land fuhr und die Höfe besuchte oder sie zu Fuß erreichte, trug er natürlich erdigere, dunklere Töne. In Gentleman Jack erledigt aber der Hausherr seine Rundgänge (zusammen mit der richtigerweise schwarz gekleideten Lister) im Sonntagsspazieranzug mit purpurner Frackjacke und grüner Weste. Das sieht natürlich absurd aus. Und das ist es auch. Nein, so lief das nicht, meine Damen und Herren. Man wußte sehr genau, was wann zu tragen sei.

Und sogar ganz unabhängig von Kleidung, Menschen und Materialien werden grobe Fehler auf Film gebannt, die dem Kenner sagen: So ist das nicht richtig. Z.B. das Gehöft, in welchem der zu Beginn der Episode verletzte Junge wohnt und zur Genesung im Bette liegt. Sie werden fragen: Was kann unzeitgemäß sein, wenn nichts aus der Moderne, ja nicht einmal Kleidung, Gerät oder sonst etwas das Bild verulkt? Ganz einfach: Hohes, das Gehöft umstehendes Gras. — Wie bitte, Herr Wangenheim, hohes Gras? Was soll an hohem, lange nicht gehauenem Gras unhistorisch sein?

Bauernhof 100 II

Nein, nicht weil damals jeder Bauer so viel Ordnungssinn gehabt hätte, ist vor seinem Hof alles feinsäuberlich gesenst gewesen. Sondern, weil sie damals so ordentlich sein mußten. Denn jeder Bauer brauchte Stroh und Futter für seine Tiere. Da hat kein Bauer etwas auch nur annähernd verbuschen lassen, wenn es nicht eine gewollte Hecke zur Abgrenzung und zum Windbrechen war. Oder besser: Selbst wenn der Bauer ein fauler Hund gewesen wäre, der zu traumtänzerisch war, die Sense zu schwingen, um seinem Vieh Futter zu schneiden, so hätte die nächste Schafherde, die er über seine Wiesen laufen ließ, um sich ein Zubrot zu verdienen, oder seine Kühe selbst jeden noch so kleinen Rest in jener Ecke abgegrast.

Sehen Sie, in einer knappen Volkswirtschaft – und im Gegensatz zu unserer Überflußgesellschaft herrschte in dieser vergangenen Welt durchaus Knappheit – verkommt nichts: Ja nichts verkommen lassen, war das Motto unserer Vorfahren. Eben weil dies alles großen Wert hatte, was uns heute lästig ist und mit Motorsensen gehauen werden muß oder gleich von vorn herein gepflastert wird, damit man es nicht sensen muß. Noch bis in die 2000er-Jahre hinein wurde der Ilmpark in Weimar von Schafen abgegrast. Heute fahren stinkende und laute Kleintraktoren in dem historischen Park umher und bekommen bei weitem nicht jede Stelle gehauen. So auch hier: Große Erntemaschinen und Mähdrescher kommen in die kleinen Ecken nicht mehr hinein und so bleibt auch an sonst altehrwürdig erhaltenen Bauernhöfen, wie man sie für die Serie offenbar gefunden hatte, in den Ecken und um Bäume herum das hohe Gras stehen. Achtung: Moderne Ansicht, so früher unmöglich!

Diese Dinge mögen Ihnen kleinlich vorkommen. Und doch steckt eine völlig andere Welt mit notwendigen Bedingungen solcher opto-aktustischer Folgen dahinter. Es ist ein großer Unterschied im Eindruck eines Gehöfts, ob es von mannshohem Gras umstanden ist oder alles kurzgeschoren. Das letzte kann es um 1800 und um 2000 gleichermaßen geben, das erste jedoch ist noch vor 100 Jahren unmöglich gewesen. Und nicht zuletzt macht es doch auch den Eindruck der Pfleglosigkeit und Verlassenheit, die mit dem Arbeitsalltag des Bauern und seiner Tiere in dieser Zeit nicht zusammengeht. Es erzeugt also wieder genau den Eindruck, daß man Menschen in Kostümen an einen Ort gebracht und gefilmt hat, zu dem sie nicht recht gehören können.

*

Aber all das ist in gewisser Weise wirklich nebensächlich. Nämlich wenn wir uns nun noch das Verhalten der Figuren vornehmen. Die meisten der Nebenfiguren machen sich dahingehend erstaunlich gut. Die Engländer haben dafür generell auch heute mehr Gefühl als die mittlerweile vollkommen proletarischen Deutschen in Babylon Berlin. Aber gerade die Hauptfiguren fallen heraus (wie auch in einem der obigen Videos an der oft falschen Gaderobe gerade und nur der Hauptfiguren bemängelt wird). Vermutlich, weil nur der Hintergrund den historischen Eindruck machen soll, und man bei den Hauptfiguren die Verbindung zum modernen Zuschauer herstellen will, also im schauspielerischen Vordergrund die Ideologisierung einsetzt.

Natürlich hat sich Anne Lister, auch wenn sie eine männlich wirkende lesbische Frau war, nicht so gebärdet, wie die Schauspielerin in Gentleman Jack. Denn die springt und rennt umher, wie ein 19-jähriger Halbstarker aus einer englischen Provinzstadt des Jahres 1990. Zumal in wohlhabenden Familien, wie hier der Fall, hat man sich im allgemeinen, d.h. in der Öffentlichkeit und teils sogar im familiären Umgang mit großspurigen Bewegungen und offensichtlichen Gefühlsausdrücken im frühen 19. Jahrhundert durchaus zurückgehalten. Daher wirkt diese Figur wie eine ständige Provokation in Gesellschaft. Und das ist etwas durchaus anderes als mit männlicher Art, wie sie um 1830 üblich war, also Gentleman-Haltung, als Frau durch die Straßen zu stolzieren, was realistischer gewesen wäre als der wiegende Gang eines männlichen Durchschnittsschauspielers unserer Zeit. Die historische Art der Bewegung und Haltung wird hingegen tatsächlich von den Nebenrollen gut repräsentiert. Aber die Hauptfigur – nicht nur hier – bekommt die Extrawurst der modernen Rebellin. Dabei war Rebellion zu dieser Zeit durchaus etwas subtiler als es sich Regisseure und Schauspieler des 21. Jahrhunderts vorzustellen vermögen.

Daran sehen Sie schließlich, warum frühere Verfilmungen den heutigen vielfach überlegen sind. Nicht nur hatte man selbst in den 60er-Jahren noch deutlich mannigfaltigere Möglichkeiten historische Ansichten aufzunehmen, die Regisseure und Schauspieler kannten meist sogar noch die Vorkriegswelt (und in den 30er-Jahren war Vielen noch die Zeit vor dem 1. Weltkrieg geläufig), die Schneider hatten selbst z.T. noch regulär die Verabeitungsmethoden der Belle Epoque gelernt usw., sodaß sowohl das äußerliche Erscheinen der alten Welt als auch das Verhalten der Menschen akurater nachgebildet werden konnte und auch nachgebildet wurde. Es bleibt also bei noch so vielen historischen Beratern in irgendwelchen Netflix-Serien oder BBC-Filmen doch immer dabei: Wenn Sie die historischen Zeiten wirklich realistisch dargestellt finden möchten, wenigstens realistischer als es heute je erreicht wird, dann müssen auch Sie die alten Filme des 20. Jahrhunderts heranziehen.

*

11 Gedanken zu “Noch einige Gedanken zum Realismus in historischen Filmen und Serien

  1. JE

    In Videospielen sieht es noch deutlich schlimmer aus. So lässt sich in Battlefield zur Zeit des 1/2 WK eine Frau und Männer in bunten Kostümen spielen.

    Die Ideologie zerstört so einiges.
    Und zur Sparsamkeit und Nachhaltigkeit. Ich werde belächelt von Möchtegernumweltschützern, weil ich selbst meinen Kaffe nochmal aufwärme oder die Knödel aus alten Broten mache. Das hat bei denen ganz andere Gründe 😉

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  2. Rico

    Sehr interessant. Deshalb schaue ich wohl lieber Science Fiction, da sich gespielte Illusion einer zu möglich zu erwartenden Illusion immer noch realer erfassen lässt als mangelhaft gedrehte Kostümfilme.
    Auch bei „Babylon Berlin“ stieß ich mich nicht nur an Betonrinnsteinen die in jedem Baumarkt zu erweben sind. Eigentlich dürfte mittels heutiger Computertechnik all dies kein Problem darstellen? Doch hapert es wohl an Beobachtungsgabe.
    Nichts desto trotz gibt es ein paar Filme die durch weitestgehende Authentizität bestechen.
    Allen voran sei hier „Master & Commander“ genannt, wie auch „Once Upon a Time in America“. Wobei ich besonders bei ersterem die Schiffstechnik sowie den Umgang der Akteure als sehr gelungen dargestellt empfinde (ein Familienmitglied betreibt Scratch-Modellbau von exakt dieser Epoche https://www.segelschiffsmodellbau.com/t717f368-HMS-Pandora-scratch-16.html#msg69417 ) und bei letzterem die Atmosphäre.
    Über Zeitgenössisch getragene Kleidung mag ich mir kein Urteil erlauben, da haben Sie bei weitem den besseren Durchblick.
    Übrigens sehr schönes Themenfoto !

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  3. Ich kenne zwar Master and Commander nicht, aber sofern es vor allem auf Schiffen spielt, ist der Realismus in diesem kleinen „Studio“ natürlich leichter aufrecht zu erhalten.
    Das Foto stammt übrigens von einem Haus bei Zittau.

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  4. René Schneider

    Gehört fast zum Thema: Irgendwo hatte ich von Ihnen etwas in der Art gelesen, dass heutige Schauspieler Offiziere der alten Zeit (1870-1930) nicht mehr richtig darstellen können. Sie hatten das dort nicht weiter begründet, doch gerade das würde mich interessieren. Können Sie erläutern, was uns heute dazu fehlt, was die damals hatten? Steckte da mehr dahinter oder war das nur die viel größere (und von klein auf anerzogene) Autoritätshörigkeit?

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  5. Das habe ich wahrscheinlich in meinem Beitrag zu den Vorkriegsfilmen geschrieben.

    Nun, der Offizier zeichnet sich, wie andere Typenrollen auch, durch eine ganze Reihe von Eigenschaften aus. Zunächst einmal der Ton des Offizierskasinos (einerseits gewisses Vokabular, kurze abgehackte Sprache, andererseits auch Zoten), zweitens die Haltung (manchmal steif, manchmal galant, immer schneidig), dann eine gewisse Überheblichkeit gegenüber dem Zivilisten, die damit einhergehende Ehrbesonnenheit, die ihn vom zivilen Leben abtrennt, also der Offiziers-Ehrenkodex. Dann: So wie der Student einer anderen Gerichtsbarkeit als der Zivilist unterliegt, so auch der Offizier, daher läßt er sich tendenziell vom Zivilisten auch nichts sagen usw.

    Was Sie vorbringen, also der blinde Gehorsam (für den der historische Offizier heute ausschließlich steht), ist auf der Bühne, in der Literatur und im Film aber nur eine von vielen Facetten. Es gibt sie natürlich auch. Viel häufiger aber ist das Gegenteil, nämlich der Offizier, der den Befehl zu umgehen versucht, den andere Motive zum Ungehorsam drängen. Allerdings hat das natürlich mit dem Offiziersalltag nicht viel zu tun. In der Literatur werden aber ja die besonderen Situationen verarbeitet, und daher kommt es hier eher zu den „Befehlsverweigerungen“ aus militärischen oder anderen Gründen, die allerdings selten offen geschehen, sondern eher durch die Hinterhand. Dann kassiert er die Strafe oder wird bei Erfolg sogar belohnt.

    Und das sind natürlich nicht nur Fragen, die den Schauspieler betreffen, sondern vor allem das Drehbuch.

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  6. Dr. Caligari

    Hallo,

    ich nummeriere es mal, um meine Gedanken zu ordnen:
    I.
    Meinen größten Respekt vor dieser Fleißarbeit, die die Beobachtung genauso wie historische Kenntnisse und heute im Grunde untergegangene Künste fordert.
    Mir selbst wären viele Kleinigkeiten entgangen, was einerseits meiner mangelnden Bildung, andererseits aber auch schlichter Dummheit zu verdanken ist.

    Ich selbst spotte noch über Menschen, die heutige Wälder mit freier Natur statt mit Parks assoziieren. Dabei gibt es keine Wälder mehr.
    II.
    Was denken Sie über Kubriks „Berry Lyndon“?
    III.
    Ich stimme Ihnen natürlich inhaltlich vollständig zu. Altmodische Kleidung anzuziehen und sich darauf zu versteifen, aber die alten Werte abzulehnen, das ist Cosplay. Da kann man sich genauso wie ein Vulkanier aus Star Trek verkleiden.
    Dass einen gewisse politisch korrekte Fehler ebenfalls nicht auffallen, ist ebenfalls geschenkt. Selektive historische Richtigkeit ist letztlich willkürlich, nicht weniger künstlich als irgendwas anderes.
    IIII.
    Woran ich mich tatsächlich stoße, das ist etwas völlig anderes.
    Kleines Beispiel: Böhmen liegt am Meer.
    Schwachsinn? Nein, das Werk eines der größten Dichter des letzten Jahrtausends, auch wenn dieser schwer vom späteren Empire profitiert hat und vom Buchdruck.
    Die Menschen der Vergangenheit haben sich auch relativ wenig um historische Korrektheit gekümmert, wieso sollten die Menschen der Gegenwart dadurch herausstechen?
    Dort, wo es lebendige Traditionen gibt, ist es natürlich sichtlich Schwachsinn, diese zu ignorieren und dennoch wird das einfach getan. In Hollywoodfilmen über die katholische Kirche tauchen Aussagen auf, die klar falsch sind. Genauso bei den formalen Regeln der englischen Aristokratie, die niemals außer Kraft gesetzt worden sind.

    Die Darstellung in Filmen, Romanen und Serien stimmt nur selten mit dem überein, wie es tatsächlich war. Das ist eben „Künstlerische Freiheit“.
    Was zum Beispiel regelmäßig falsch dargestellt wird, ist Zensur, Folter usw.
    V.
    Was vielleicht auch fehlt oder heute nicht verstanden wird, sind solche Dinge wie Satisfaktionsfähigkeit, Ehrenhändel und dergleichen. Da wir heute so etwas im Allgemeinen gar nicht mehr haben, fällt es uns schwer, uns so etwas auch nur vorzustellen.
    Das ganze Gerede von „Ehre“ soll uns da nicht täuschen und stammt in der Regel auch aus einem Milieu, das bei dieser Epoche der europäischen Geschichte keine Rolle spielte.
    Falls sich jemand dafür interessiert, in Schopenhauers Aphorismen zur Lebensweisheit kann man dazu noch etwas lesen.
    VI.
    Wir kennen historsiche Epoche meist auch nur durch die Brille der damaligen Literatur und Kunst. Daher wird unser Blick wahrscheinlich ohnehin verzerrt sein, zumindest wenn wir uns nicht solche Mühen machen wie Herr Wangenheim hier.
    Nur, wie viel lernen wir über das Leben, Denken und Aussehn der Zeit von 1700 bis 1830 aus den überlieferten Texten?
    Wie viel werden Menschen in 200 Jahren über unsere Epoche wissen?

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  7. Sie haben natürlich völlig recht, daß historischer Realismus gerade in früheren Jahrhunderten schon aus Mangel an konkretem Wissen oft fehlte. Auch wir können freilich nur eine Annäherung an das versuchen, was einst Realität war. Obgleich die frühe Fotografie bspw. durchweg bestätigt, was wir aus noch früheren Zeiten durch Gemälde erfahren.

    Es gibt aber doch einen wesentlichen Unterschied zu heute: Selten (vielleicht in der Renaissance) hat sich eine Zeit allen früheren so überheblich entgegengestellt, die Vergangenheit derart abgewertet, wie heute. Vielmehr hat man, um der alten Zeit die Verehrung zu erweisen, die eigene Tracht etwa den Griechen oder Römern übergezogen. Natürlich wollte auch bei solchen Spielen niemand ernsthaft in die Vergangenheit zurück. Die Haltung aber, mit der man der Vergangenheit gegenübertrat, war doch eine ganz andere: nicht Abneigung und Haß, sondern interessierte Neutralität bis Ehrerbietung.

    Und mein eigener Antrieb in all diesen Richtigstellungen ist deshalb nicht weniger als ein ausgeprägter Sinn für historische Gerechtigkeit. Ich sehe mich als Anwalt dieser Menschen, die sich nicht mehr wehren können, die von der Gegenwart verleumdet werden, deren Leistungen und Integrität kleingeredet und belächelt wird, obwohl es oft genug umgekehrt sein sollte.

    Daß diese Richtigstellungen auch unbedingt nötig sind, sehen Sie etwa an den Kommentaren, die von den allermeisten unter den Leipziger Straßenbahnfilm gesetzt wurden. Diese Menschen sind allesamt überrascht, wie schön es damals war. Und warum? Weil ihnen das Gegenteil erzählt wurde, weil sie der Gegenwartspropaganda, der Herabwürdigung der Vergangenheit geglaubt und sich ein Horrorbild von der Vergangenheit gemacht haben. Diese Aufklärung tut also bitter not. Und da ich mich mit den Menschen der Vergangenheit auf besondere Weise verbunden fühle, werde ich immer die Stimme für sie erheben.

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