The Mandalorian . Staffel 2 (& 1) . eine Drehbuchkritik

Kennen Sie noch die guten, ich meine die sehr guten 90er-Jahre-Adventures? Das läßt sich leicht prüfen. Wenn Ihnen die Namen Guybrush Threepwood, Sophia Hapgood und Dr. Fred etwas sagen, Roger Wilco nicht zu vergessen, dann gehören Sie zu jener glücklichen Teilmenge der Menschheit, die noch echte Computerspiele erlebt hat (als ob das etwas bedeuten würde!). Und natürlich mußten diese Adventures in den rauhen Lüften der 11-diskettigen, festplattenlosen Amiga-Plattform durchlitten werden. „Öffne Tür“: Bitte legen Sie Diskette Nr. 3 ein!

Das waren noch Zeiten. Hunger, Müdigkeit, endloses Rätseln, welche absurden, weit über jede Sherlock-Holmes-Kombination hinausreichenden Geniestreiche noch blieben, um weiterzukommen. Alle Orte zehnmal besucht, alles elfmal angeschaut, alle Gespräche drölfzigmal geführt… und doch keinen Schimmer, wie es weitergehen sollte. Das waren lange Nächte. Ähnlich lang wie jene, in denen wir zum achtundzwanzigsten, ich meine achtundzwanzigtausendsten Mal R-Type von vorn begonnen haben, um im dritten Level zu scheitern. Speichern war nicht. Und es gab gefühlt 100 Level.

Ach so, The Mandalorian! Richtig, Verzeihung. Was ich sagen wollte war, wenn Sie diese Adventures kennen, dann hatten Sie – und zwar schon in der ersten Staffel – manches Déjà-vu. Denn in diesen Spielen gibt es freilich am laufenden Band Rätsel zu lösen. Manchmal schlicht indem man etwas zusammenbaute oder Werkzeuge benutze, meistens aber lächerliches wie: „benutze Gummi-Huhn mit Karabinerhaken“, um dann an einem Seil und eben jenem Gummihuhn hängend über eine Schlucht zu sausen. Und wer erinnert sich nicht an das Beleidigungsfechten oder die Prügeleien bei Indiana Jones.

Aber nicht selten war auch gefragt, mit den anderen Figuren einen Handel auszumachen: Lederjacke gegen Artefakt zum Beispiel… ach, nein, das war die Option, die nie funktionierte. Also kurz und gut: Fast jeder Figur konnte man durch Tausch oder Erfüllung einer Gefälligkeit einen wichtigen Gegenstand entlocken. Es blieb die Aufgabe, sich des Handelsobjekts zu bemächtigen (meist einer ganz anderen Sache, die witzigerweise denselben Zweck erfüllte) und den Deal perfekt zu machen.

Und genau solche – und zwar wenig verschleierte – Deals machte der Mandalorianer bereits in der 1. Staffel. Erinnern Sie sich an die Jawas, die sein Schiff demontiert hatten und die gestohlenen Teile nur gegen das Ei eines Mud-Horns herausrücken wollten. Das war so eine 1:1 aus einem 90er-Jahre-Adventure genommene, ziemlich unbeholfene Drehbuchkonzeption: Held braucht Teil, Besitzer des Teils stellt ziemlich absurde, aber wahnsinnig gefährliche Aufgabe. Held obsiegt und bekommt im Tausch erhofftes Objekt.

Sie werden vielleicht sagen: Aber was für die besten Adventures der Weltgeschichte gut genug ist, wird doch wohl für eine Star-Wars-Serie reichen! Nun ja, eigentlich nicht. Denn auch die ernster positionierten Spiele dieser Art waren im Bezug auf ihre Rätsel häufig witzig angelegt, spaßhaft. Und ich gebe zu, daß auch Mandalorian einen guten Schuß Komik enthält, sehr angenehme sogar, nicht aufgesetzt, sehr kalt und trocken, wie sich das für den seit Han Solo etablierten Star-Wars-Humor gehört, den man angelegentlich der neueren Star-Wars-Filme schon für ausgestorben halten mußte. Aber die Serie hat eben doch einen ernsten Kern, der mit einer derart lausigen Drehbuchkonstruktion nicht kompatibel ist. Es wirkt, als hätte man mit Hilfe einiger Variablen eben bloß auf jenem Grundgerüst eines Adventure-Generators das Drehbuch ausgemittelt. Freilich kann man das machen, aber ist das einer Dutzend Millionen Dollar teueren Episode würdig? — Moment mal, das ist eigentlich recht preiswert…

Richtig lächerlich wird es jedoch eigentlich erst, wenn man soetwas wiederholt. Aber genau das geschieht. Und hier wird es kitschig. Denn was folgt wenig später in der ersten Staffel, als der Mandalorianer das Yoda-Kind in einem Dorf versteckt, das in ständiger Angst vor irgendwelchen Ork-Horden steht, die auch noch im Besitz eines zweibeinigen Walker sind? Zugegeben, das hat eigentlich weniger mit Adventures der 90er als mit dem A-Team zu tun.

Erinnern Sie sich an das A-Team? Die Drehbuchautoren müssen in den 90ern groß geworden sein. Irgendwo im mittleren Westen der USA, in einer amerikanischen Kleinstadt weit entfernt von jeder Zivilisation, wird die arme Bevölkerung oder auch nur eine einzelne Farm wiederholt von irgendwelchen Bösewichten heimgesucht. And if you have a problem, maybe you can hire: the A-Team! Also kommen die feshen Jungs vom A-Team oder eben Michael Knight mit seinem Wunderauto KITT vorbei und helfen den guten armen Bürgern. Genauso fühlte sich diese Mandalorianer-Folge an. Zumal, da ebenso der Bau von Verteidigungsanlagen und die Ausbildung der Unbedarften an Waffen und Fallen, wie in einer typischen A-Team-Schluß-Sequenz aufgefahren wurden. Ich hoffte eigentlich, das verdrängt zu haben…

Ich schweige davon, daß zu Beginn dieser 4. Folge der ultra-harte Mandalorianer, der bis dahin schon die übelsten Kerle der Galaxis und schändlichsten Überreste des Imperiums im Handumdrehen 1:10 oder in noch ärgeren Mannverhältnissen überwältigte, das erste Mal einen scheinbar für ihn doch so simplen Zweikampf verliert. „Gegen welchen Über-Hulk denn?“ werden Sie fragen. Haha, der vollgerüstete Mandalorianer unterliegt einem mit Ledergamaschen und bloßen Fäusten kämpfenden Weib. Ja, er verliert gegen Xena. Xena, nein, daran will ich Sie eigentlich nicht erinnern. Aber Sie sehen, solchen Frauen-sind-Männern-praktisch-überall-überlegen-Gehirngulasch gibt es nicht erst seit ein paar Jahren. Die 90er waren auch schon verseucht. Nur galt das damals noch als Nachmittags-Serien-Schund für abgehalfterte Mitt-50er.

Immerhin folgen dann einige schön in sich geschlossene und gut geschriebene Folgen. Der Schluß der Staffel enttäuscht nur insofern ein wenig als die verfahrenen Situationen, in die der Mandalorianer gerät, immer öfter durch bloßen Zufall gelöst werden, statt mithilfe nachvollziehbarer Wendungen oder Kniffe des Helden. Dennoch, alles in allem, gerade auch unter dem Eindruck vieler einzelner schöner Ideen im Detail und nur ganz weniger grober Fehlgriffe, war die erste Staffel – schon weil hier erstmals wieder die seit den letzten Kinofilmen verlorengeglaubte Star-Wars-Atmosphäre aufkommt – ein Lichtstreif am Serienhorizont.

Erlauben Sie mir hier den Einschub zur Frage, was eigentlich diese Star-Wars-Atmosphäre sei. Ich komme darauf, da ein witziger Haudrauf-Kritiker, der sich übrigens ebenfalls an alte Adventure-Games erinnert fühlte, den Kern derselben in der Freiheit erblickt, mit der die Helden durch den Raum reisen und Abenteuer bestehen. Mir scheint das eine falsche Fährte zu sein, die am eigentlichen Phänomen vorbeigeht. Denn richtig sagt er, die letzten Kinofilme hätten das nicht transportiert. Aber durch den Raum gereist ist man dort auch, es gab viele verschiedene außerirdische Rassen und Abenteuer doch ebenfalls. Warum aber wollte so gar keine Star-Wars-Atmosphäre aufkommen?

Weil diese in etwas anderem begründet liegt, nämlich der Unsicherheit, der Unterlegenheit, der scheinbar unmöglichen Beherrschung des Weltgeschehens durch unsere Helden. Denken Sie an den ersten Kinofilm: Ein Schmuggler und ein Bauernjunge dringen mit einer Blechschüssel von Raumschiff und einem zotteligen Etwas heimlich in die bestgeschütze Kampfstation der Galaxis, den Todesstern ein, um das ganze System des Imperiums ins Wanken zu bringen – sie werden ja auch letztlich entdeckt und können nur mit Müh und Not fliehen. Aber die blanke Tatsache dieser kellertiefen Unterlegenheit, des ständigen Auffliegenkönnens, es aber dennoch zu wagen und daher ständig in höchster Anspannung zu sein, die man mit Witz, Geschmeidigkeit und schier irrem Mut zu seinen Gunsten nutzen muß, das ist die Atmophäre der Star-Wars-Filme.

Übrigens herrscht dasselbe Phänomen bei Indy vor: Ein einzelner Mann gegen eine Armee von Feinden, immer auf der Flucht und dann doch im entscheidenden Moment am Hebel der Weltgeschichte. Und nur das ist echte Freiheit. Freiheit ohne Unsicherheit ist Scheinfreiheit. Diese notwendige Unterlegenheit wird aber nicht, wie in den jüngsten Star-Wars-Filmen, durch eine verlorene Schlacht o.ä. angezeigt, sondern durch die Unterlegenheit des Helden selbst, der eben nicht, wie Ray, ständig Herr der Lage sein darf, sondern selbst in die Bredouille kommen muß und auf seiner Gratwanderung zwischen den Klippen der fremden Übermacht und seiner eigenen Unfähigkeit nur Spitz auf Knopf siegen darf, weniger durch Kraft und Geschicklichkeit als durch Kniffe, Tricks und den einen oder anderen glücklichen Umstand. Weil das mit der unfehlbar kämpfenden und mit jeder passenden Superkraft ausgestatteten Ray gefühlt nie der Fall ist, kommt mit ihr trotz aller Bewegung und Action in der Galaxis kein Freiheitsgefühl im Sinne dieser Gefahrenfreiheit auf, eben weil das Risiko fehlt. Der Mandalorianer hingegen ist exakt so ein Gratwanderer ohne Sicherheitsnetz, der zwar ein paar lustige Waffen dabei hat, aber letztlich als Einzelkämpfer doch unterlegen ist und zum Verfolgten wird, als er zufällig dieses einzigartige Yoda-Baby in die Hände bekommt und – indem er es rettet – Weltgeschichte im Star-Wars-Universum schreibt.

Aber zurück zur Serie, d.i. vielmehr zur allgemeinen Qualität heutiger Revitalisierungen. Obwohl ich sonst solche Serien nicht schaue, so erlaube ich mir durchaus ab und an bei Fortsetzungen älterer Franchises, die ich noch aus Jugendtagen kenne, einen Blick zu riskieren. Das geht in der Regel vollkommen schief, wie im Falle von Picard, wo man an irrsinnigen Drehbüchern und einer politischen Korrektheit nach der anderen im Verbund mit unglaublich schlechter Optik und ernüchternd dümmlichen Dialogen schon nach wenigen Folgen verzweifelt aufgibt. Dagegen waren selbst die letzten Star-Wars-Filme immerhin durchschnittliches Popcorn-Kino, wenn auch mit einem bunten Strauß an Absurditäten.

Nun habe ich aber auch beim Beginn der zweiten Mandalorianer-Staffel ein schlechtes Gefühl bekommen. Denn erneut mutet man uns Zuschauern eine solche Adventure-Side-Quest-Absurdität zu. Als unser Held auf der Suche nach einem überlebenden Gildenmitglied ist, das sich als ein unberechtigter Träger einer Mando-Rüstung entpuppt, wird wieder einmal ein solcher Deal fällig. Zunächst will er, wie sich das gehört, dem Möchtegern-Mandalorianer, der die viel zu kleine Rüstung wie einen Konfirmationsanzug trägt und darin reichlich lächerlich aussieht, dieselbe einfach im Duell abnehmen. Aber in diesem Moment kommt Monsignore Sandwurm aus Dune die Staub-Avenue des Wild-West-Dorfes auf Tatooine hinunter gekrochen, um ein angebundenes Bantha-Mammut zu verspeisen.

Und hier haben sich die Drehbuchautoren wieder die lächerlichste Sinneswendung ihres Helden aus den Rippen geschnitten. Denn plötzlich will der Mandalorianer ihm die Rüstung nicht mehr mit Gewalt abnehmen, sondern als Handelsware empfangen, wenn er mit dem Möchtegern zusammen den Sandwurm tötet, der das Dorf bedroht. — Wie bitte? Warum sollte er das tun? Nimm dem Knaben die Rüstung ab und mach dich vom Acker! Was hat der Mandalorianer davon, mal wieder gegen ein Ungeheuer zu kämpfen? Altruismus?

Exakt wegen solch uneinsichtiger, zur Figur nicht recht passender Beweggründe kommt hier erneut der unmotivierte, von außen, durch eine künstliche Aufgabenstellung herbeigeführte Adventure-Handel in seiner ganzen clownesken Art des Storytelling kreischend vor uns zum Einsatz. Womit haben wir das verdient?

Gut, Sie könnten sagen, der Mandalorianer ist ja gar nicht so kaltherzig. Er hilft durchaus wo er kann. Das mag ja sein. Aber deshalb sein Leben auf’s Spiel setzen? Er ist doch nicht Luke, der die Welt retten will. Oder eben das A-Team, das einem unbedeutenden Dorf gegen eine dunkle Bedrohung hilft. Ein solches Verhalten ist nur dann gerechtfertigt, wenn ein höheres Moment ihn dazu bewegt, beispielsweise das Yoda-Kind zu beschützen, einen Kerl dingfest zu machen, auf den Kopfgeld ausgesetzt ist, oder eben zur Ehre der Gilde im allgemeinen. Wenn hingegen nichts dergleichen dafür spricht und die reine Menschenliebe herhalten muß, dann bricht die Figur, die nicht wenig von ihrer Kälte und Wortkargheit lebt, in all ihrer hehren Heldenhaftigkeit zusammen. Daher ist der Mandalorianer ja überhaupt eine viel interessantere Figur als der weichgespülte Luke, so wie schon Han Solo immer der lässigere, abgeklärtere und damit beliebtere Charakter aus der Star-Wars-Reihe war. Behaupte ich zumindest.

Zugegeben, immerhin ist der Rest ausgezeichnet gelungen. Denn wie immer ist das Detail des Drehbuchs exzellent ausgearbeitet, will sagen das Arrangement der Einzelszenen, aber auch verblüffende und witzige Wendungen innerhalb der Szenen. Daß ich mich dennoch frage, warum in der zweiten Folge der neuen Staffel durch eine ziemlich absurde Flucht der halbblinde Echsen-Passagier zusammen mit der etwas überstrapazierten Freßsucht von Baby-Yoda eine Spinnenarmee aufgewiegelt wird, nur um wenigstens irgendwie jene ungewollte Zwischenlandung auf dem Eisplaneten mit einer CGI-Actionszene krönen zu können… nun ja, das sind und bleiben allzu banale Schwächen des Drehbbuchs. Daß zum Überfall der Achtbeiner aller Größenordnungen am Ende auch noch – wieder aus reinem Altruismus – die einstigen Verfolger in ihren X-Wings im exakt richtigen Moment zur Stelle sind und ex machina die Befreiung herbeiführen, zudem mit einer romanhaft langen Erklärung, weshalb sie dem Mandalorianer geholfen haben, ihn dann aber doch gestrandet mit seinem Wrack von Raumschiff zurücklassen — ja, was soll man dazu sagen?

Was weiterhin zur dritten Folge, da gleich zweimal kurz hintereinander (innerhalb von 2 Minuten!) erneut deus ex machina drei Mandalorianer, die merkwürdigerweise die Helme abnehmen, unseren Helden aus zwei verschiedenen Gefahrensiuationen befreien, in die er sich bringt? So erzählt vielleicht ein Kleinkind hastig eine Geschichte, die es nicht ganz verstanden hat. Und das ist freilich bei einem Kind sehr süß. Aber hier? Auch die Hilfe des Mandalorianers beim Überfall des Waffentransporters, in den er letztlich einwilligt, ist mal wieder ein typischer Adventure-Handel (Kampfhilfe gegen Information), der just möglich wird, als es unseren Helden ganz zufällig auf diesen Planten verschlägt. Ja, was soll man da sagen!

Eigentlich nur, daß solch lausige Drehbücher wahrscheinlich ausschließlich dem feinen Beobachter auffallen, da die Mehrheit der Zuschauer von einer Unzahl witziger Kleinigkeiten weitgehend davon abgelenkt wird. Und das sind freilich nette Einfälle von der um ihre Eier besorgten Mutter bis hin zum Feinschmecker Yoda-Baby, der diese Eier ausgenommen schätzt. Oder wie zu Beginn der zweiten Folge – sozusagen als witziger Teaser – der Mandalorianer einen ganz und gar nicht adventure-haften Deal um seinen Raketen-Rucksack macht, um ihn dann an seinem neuen Besitzer fernzusteuern, der daher an dem Geschäft und an seinem Leben nur noch sehr kurze Freude findet.

Und selbstverständlich ist die große, wirklich geradezu geniale Idee eines Baby-Yoda, um das sich wenige eingeweihte Figuren der Galaxis reißen, derart kraftvoll, daß man sich im Anschluß einige Fehltritte leisten kann, ohne die Großidee dabei merklich zu beschädigen. Zusammen mit sehr überzeugender Optik und Akustik schafft es das Gesamtpaket die oben erörterten Scharten für die meisten Zuschauer genügend zu übertünchen. Außerdem bleibt die Sache dadurch auch für den, der die Schwächen erkennt, noch mit Genuß konsumierbar, obwohl ich nun, in der zweiten Staffel, insbesondere nach der dritten Folge arg zu zweifeln beginne. Wirklich großes Storytelling wird es so jedenfalls bestimmt nicht. Noch ist für den Rest der Staffel 2 also Luft sowohl nach oben als nach unten.

*

6 Gedanken zu “The Mandalorian . Staffel 2 (& 1) . eine Drehbuchkritik

  1. René Schneider

    Zum Thema Star-Wars-Atmosphäre.

    Star Wars war damals Religionsersatz für Jugendliche – das machte den Unterschied zum 0815 Blockbuster jener Zeit: Gut gegen Böse, Treue gegen Verrat, Freundschaft, Leben und Tod, ferne Welten, Technik gegen Mystik, märchenhafte Gestalten, Wagner-esque Musik – alles in einer Form, die (vordergründig) nichts Märchenhaftes an sich hatte, eben science fiction und nicht fairy-tale fiction, dazu eine recht klare/einfache Geschichte und atemberaubende Bilder. Damit konnte man etwas anfangen, damit konnte man träumen, staunen und raunen und sich den „großen Fragen“ viel einfacher nähern als mit den sperrigen Werken irgendwelcher Philosophien oder Religionen. (Indy’s Erfolg beruht auf dem gleichen Prinzip!)

    Unsicherheit oder Unterlegenheit des/der Helden gab und gibt es in jeder populären Geschichte, das machte nicht das „gewisse“ Star-Wars-Flair aus, jedenfalls nach meiner Meinung.

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  2. Sie widersprechen sich ja bereits grundlegend selbst, indem Sie Indy zur selben Kategorie zählen wie Star Wars, aber dort weder Treue und Verrat, noch Freundschaft, noch Technik gegen Mystik (sondern nur Mystik) und auch keine Märchengestalten entscheidend sind. In meiner Betrachtung macht Indy in derselben Kategorie Sinn, in Ihrer dagegen keineswegs.

    Außerdem scheinen Sie die sonstigen Blockbuster und Ikonen des Films dieser Zeit nicht zu kennen, denn die widersprechen Ihrer zweiten Vermutung, daß Unterlegenheit jede populäre Geschichte betreffe: z.B. Superman, Batmann, Star Trek, James Bond. Dort sind die Helden keineswegs kategorisch unterlegen, sondern gerade das Gegenteil. Superman trägt seine Überlegenheit bereits im Namen, Batman ist ebenfalls bestens ausgestattet und gut vorbereitet, es mit Kriminellen aufzunehmen, die Föderation stellt die größten Raumschiffe der Galaxis, und auch Bond ist mit seinen Ausrüstungen durch Q meist überlegen. Das ist alles nicht vergleichbar mit dem Schmuggler, der einen Schrotthaufen fliegt, zusammen mit einem hochnäsigen Möchtegernhelden, die geradezu ausversehen Prinzessin Leia von den Herrschern der Galaxis befreien. Ebenso verhält es sich mit Indy, der ständig als Einzelkämpfer verzweifelt versucht, seinen völlig überlegenen Gegnern Mückenstiche zu verpassen und unentdeckt bei ihnen unterzutauchen. Sie haben also einfach unrecht, wenn Sie glauben, kategorische Unterlegenheit der Helden sei der Standard.

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  3. René Schneider

    Ich sehe in Ihren Beispielen ausnahmslos Unterlegenheit, derer sich die Protagonisten nur durch Glück, Tricks oder Gadgets befreien können. Statt vieler: Bond. Der agiert allein gegen einen Bösewicht mit Komplizen. Am Anfang sieht es für ihn regelmäßig mau aus, meist kommt er in eine ausweglose Situation und dann kann er – mit Hilfe seiner Gadgets – fliehen, um sodann den Spieß umzudrehen. Er ist also am Anfang immer unterlegen…und dann geht’s bergauf.

    Bei Indy sehe ich in der Tat viel Verrat (Elsa, Äffchen), Freundschaft (Daddy) und gaaanz viel Mystik (Gral, Lade). Und die Märchengestalten? Das sind bei Indy die karikierten Nazis.

    Zugegeben, man kann darüber trefflich streiten. Viel interessanter scheint mir da die Frage: Welche Serie(n) bekommen denn vom Wangenheim das Gütesiegel ‚besonders wertvoll‘? Babylon Berlin und Mandalorian ja schonmal nicht…. Breaking Bad? Lost (1. Staffel)? GoT (1.-5. Staffel)? Star Trek Next G?

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  4. Daß alle Helden immer in prekäre Situationen kommen müssen, da es sonst keine Spannung gibt, ist doch trivial. Deswegen erläuterte ich Ihnen ja, daß es sich hier um die Frage kategorischer Unterlegenheit handelt. Bond ist, wie all die anderen Figuren, mit dem Auftrag ausgestattet, die Welt zu retten, entsprechend ausgebildet und ausgerüstet. Die Figuren in Star Wars stolpern in ihre Heldenrolle und sind daher auf nichts vorbereitet. Das ist kategorische und prinzipielle Unterlegenheit.

    Wie bitte, das Äffchen? Sie sollten erst einmal zwischen Story-relevanten Figuren und solchen, die es nicht sind, unterscheiden lernen. Ja, Elsa übt Verrat, aber daß man einer solchen Figur in den ersten Teilen nicht bedurfte, zeigt, daß Verrat bei Indy nicht konstitutiv ist. Sicher ist da viel Mystik, aber Sie hatten behauptet, das besondere an Star Wars sei, daß hier Technik auf Mystik treffe (und Indy genauso funktioniere). Also drehen Sie Ihre Behauptungen nicht einfach, wie es gerade paßt. Und Nazis als Märchengestalten… Sie wollen ernst genommen werden?

    Ich habe Babylon Berlin doch letztlich, wenn auch mit deutlichen Abstrichen, empfohlen. Und auch The Mandalorian bespreche ich nur, weil es im Grunde eine im Gegensatz etwa zu Picard oder den letzten drei Kinofilmen bessere Adaption ist. Darüber hinaus schaue ich solche Serien nicht. Auch jene, die ich kenne, sehe ich nur bei Bekannten. GoT wird mir laufend empfohlen, aber ich glaube, der Trailer hat mich nicht überzeugt. Ansonsten handelt es sich meistens um degenerierte Charaktere oder Geschichten, an denen ich kein Interesse habe. TNG hat viele schlechte und mittelmäßige Folgen und viele gute, das kann man nicht generalisieren. Voyager habe ich gut in Erinnerung, auch wenn da anfangs viel Gefühlsduselei ablenkte. Ich schaue eher Sherlock-Holmes-Serien in s/w oder Vorkriegsfilme.

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  5. Rico Kiel

    Unerwartet, daß Sie auch dieses Thema reflektieren….

    Als letzten Geniestreich empfand ich bspw. „X-COM: Terror from the Deep“. Dessen Thema natürlicher, wie belastender Weiße, mental ungleiche (!!!) Charaktere an ein Zeitlimit band. Zu vollführende Missionen begrenzten eine jeweilige Spielfigur in ihrer Aktion, wie unbewußte Beamte in beengter Stempelbude.

    Was George Lucas Star Wars betrifft sind in der Tat seine frühsten drei Filme viel fesselnder als die nachkommenden Produktionen. Zurecht gestaltet sich die Erzählung atmosphärisch aufgrund ungleicher Charaktere in nahezu aussichtsloser („alternativloser…“) Situation.
    Ein im heutig oberflächlichen Zeitgeist zunehmend unerklärbares Phänomen, was der gegenwärtig unnatürlichen und demnach quasi-faschistischen Gleichmacherei voll und ganz Rechnung zu tragen scheint?
    Diesbezüglich habe ich „The Mandalorian“ noch nicht geschaut, da ich ein Abbild des jüngsten unsäglichen Star Wars Panoptikum befürchte. Was auch eine schöne ‚Ray‘ in keinster Weiße zu kompensieren vermag.

    Zudem zeigt sich die „schmutzige“ StarWars Fiktion als Antipode zur „sterilen“ StarTrek Vision. Letztere ist eine viel fatalere Vision, da sie die leidliche Entwicklung hin zu einer unnatürlich sterilen Silicon Valley Perspektive schauerlich vorspielt. Der analoge Charakter Picard wirkt wie ein beliebiges Abziehbild von Steve Jobs, dessen digitale Vision eine durchleuchtete Personalgemeinschaft im viel zu kleinen Weltschiff transportiert. StarTrek mündet exakt in Huxleys „Schöne neue Welt“, deren Endzustand sich heute abzeichnet und wiederum George Lucas in seinem frühen Film „THX 1138“ portraitierte.

    Einzig die jüngste Verfilmung „Solo: A Star Wars Story“ wollte wohl mit der schlimmen Entwicklung der StarWars Saga brechen. Wobei der neuerliche Charakter Han Solos eher blass daher kommt, was aber durch den ambivalenten und gerade darum interessanten Charakter seiner Gefährtin Qi’ra kompensiert zu werden scheint.
    So findet sich der seiner Majorität unterlegene urspüngliche Charakter Han Solos bspw. auch latent angelegt im Protagonisten des 1993er Computerspiels „Privateer“ von C. & E. Roberts.
    Es sei zudem erwähnt das George Lucas gnadenlos bei J.R.R.Tolkien kopierte und dessen Gesamtwerk, vom „Silmarillion“ bis zum „Herr der Ringe“, sprichwörtlich in den „Sternen(t)raum“ projizierte.
    Ein gleiches Unterfangen gilt übrigens für „Games of Thrones“, was den Niedergang kopierender Film-Unkultur ganz nach Spenglers Gesetzmäßigkeit in all ihrer irdischen Fatalistik komplettiert.
    All diese Postproduktionen populärer Popkultur erreichen nie mehr die Tiefe ursächlicher Meister; auch da ihnen das astrale Ur-Motiv nicht mehr bewußt ist. Das Publikum wird gleichsam durch die Macht der Bilder indoktriniert und somit domestiziert. Wer nicht selbst denkt ist diesem Scha(er)spiel hoffnungslos verfallen wie eine fliege dem sengenden Sonnenlicht.
    Die degenerierende – kybernetische Wirkung von Kopien gilt übrigens für alle unbewußt wirkenden Kopisten von bspw. Ovids, Wagners oder Tolkiens Werken….
    Wie ein Erstes Bauwerk oder Bauteil ist die Urform stets die vollkommenste, ob gerade(!) ihrer unexaktheit die echteste. Alles hernach kopierte, simmulierte ins manisch exakte verzogene ist nur mehr analoger Abklatsch, ist Roboterhafte Kopie jeder Kopie.
    Ein metathematischer Umstand der noch völlig brach liegt und umfassend bewiesen werden will… 😉

    Ambivalente, mythisch astrale Charaktere wie bspw. Homers Achill, Wagners Fricka > jüngst Qi’ra, Tolkiens Faustgleicher Feanor, Boromir oder Isildur, G. Lucas Indiana Jones, Han Solo… usw. stellen ergo die Natürlichkeit des Unterlegenen, doch gerade darum Freien Individuum jenseits unmündiger Masse dar.
    So stahl auch Tolkien mit Frodo & Sauron den Ur-Sinn bei David & Goliath, Wie Wagner sich der Nibelungen bediente. Doch das neu aufgegossene Ergebnis ist dennoch bekömmlich, da die Unterlegenheit, Unsicherheit und Unbedarftheit der Charaktere die Spannung der Erzählung trägt.
    Demgemäß „…auch der kleinste den Lauf der Welt verändern mag.“
    Einem Attraktor gleich kann auch das kleinste ionisierte Staubkörnchen > gegenwärtig „Virus“ genannt < einen humanen Administrator zerstören. So wie ein aktiver Stern die Galaxie arg frequentieren kann und ein sich darum wandelnder Planet jedes Proteom mutieren lässt. Das kleinste vermag also das Größte zu gestalten, wie umgekehrt auch. Hier ruht das Kernmotiv jeder großen Erzählung, ist astrales Ur-Motiv, welches Goethe und Eckermann zu definieren begannen.
    Ausgestattet mit starken Willen schwankt jede Tat der 'Unbedeutenden, Unterlegenen, Unsicheren, Kleinen aber Freien Protagonisten' permanent zwischen Licht und Schatten. Doch gleichsam Unmaskiert sind sie keine beliebig statis(sti)che Person (griech.: Maske) und wirken durch ihre unberechenbare Dynamik menschlich, allzu menschlich (dynamisch formal: A ≠ A).
    Dergleichen mythische Charaktere bedienen eine uralte Sehnsucht einer in Selbstschuld verharrenden unmündigen Masse, die nach einem unmaskiert Gesicht zeigenden Helden, Tengri, Messias oder Mahdi sucht der ihnen die Leviten ließt.
    Auch Sie sind einer dieser „unbedeutenden“ und darum Freien Charaktere Herr Wangenheim. Exakt deshalb identifizieren Sie sich indirekt mit Han Solo. Sie können diese Behauptung gern versuchen zu widerlegen!

    Runtergebrochen auf Oswald Spenglers elementares Gesetz der Zyklik bedeutet dies lapidar, daß:
    ….jede Epochale Kultserie genauso degeneriert wie eine an sich selbst erstarrende Zivilisation.
    Der ewig gespielte Zusammenbruch ( als filmisch universales Motiv kann auch „Babylon Berlin“ gelten ) ist Nach- wie Vorschau eines parallel aufgeführten kollektiven Sterbeprozesses. Diese Prozessionen spiegeln das ewige christliche Dilemma des untergehenden Abendlandes ab, daß sich als zelebrierte Passion durch Schattenspielende Laienspieler an jede platonische Leinwand projiziert.
    Nur starke, einzelne ambivalente Charakter sind seit Anbeginn im Stande dieses kollektiv zyklische Leichenspiel zu durchbrechen.
    In Wissenschaft wie Kultur treten derartige Charaktere instant abseits hervor um nicht selten ebenso brachial von unmündig unverständiger Masse gerichtet zu werden. Erst danach kommt das Erwachen.
    Und doch ist jedwedes ambivalent Freies Denken und Wirken in gegenwärtiger Epoche des degenerierten Abganges zugleich Auftakt vollständiger Erneuerung. Ob diese Erneuerung jedoch ihrerseits ethisch oder unethisch wirkt steht auf einem ganz anderen Blatt und erfüllt den unberechenbaren Status absoluter Kausalität, will heißen des Zufalles. Nur im grenzenlosen Zufall waltet die Basis eines dynamisch Freien Willens und sei Triebkraft eines beliebigen Hesekiel, Earendil, Oannes, Salomo oder eben Han Solo….

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  6. Sehr richtig, Star Wars war von Beginn an der schmutzige kleine Bruder von Star Trek. Die Raumschiffe und Garderoben haben nicht gefunkelt, sondern (zumindest bei den Rebellen) vor Dreck getrieft. Mit TNG wurde die Differenz noch stärker. Aber auch diese Sterilität hatte etwas für sich. Und es war den 90ern ausgesprochen angemessen.

    Was Sie zum Verfall des Films sagen, sekundiere ich ausdrücklich. Auch der Film, wie die Literatur, ist ja nur Abbild der kulturellen Entwicklung und muß daher bei allgemeiner Degeneration mitgehen. Insofern ist es ja sogar erstaunlich, daß sich in den 70er- und 80er-Jahren noch einmal so eine Filmkultur aufgebäumt hat. Aber einzelne Nachzügler wie Lucas gibt es eben unvorhersehbarerweise immer mal wieder. Ich würde auch sagen, daß The Mandalorian einen solchen Nachzügler, wenn auch schwächer, darstellt. Und vielleicht haben Sie recht, daß es der Auftakt zu einer neuen, umgekehrten Entwicklung ist. Wir werden es jedenfalls im Zweifel miterleben.

    Was diese Freiheitsambitionen und den unkorrekten Han Solo angeht, will ich Sie freilich gar nicht widerlegen. Er ist sozusagen einer von uns : )

    P.S.: Ufo, der Vorgänger von X-Com, war tatsächlich eine ganz neue Erweiterung der rundenbasierten Strategiespiele. Ich glaube das fiel auch in die Akte-X-Euphorie. Ebenfalls eine ziemlich gute Serie.

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