Die 3. Staffel von Babylon Berlin . realistisch oder kreationistisch? . Teil 2

Die erste Regel jedes Drehbuchautors sollte sein: Versuche Dich nicht an etwas, woran schon Shakespeare gescheitert ist. Woran, werden Sie entrüstet fragen, ist denn bitte Shakespeare gescheitert? Am Spiel im Spiel, meine Damen und Herren.

Zugegeben, im Sommernachtstraum ist das köstlich gelungen! Aber das ist ja auch eine Komödie. Doch denken Sie an den Hamlet! Nein, das zerstört in seiner Gestelztheit und auch der grundsätzlichen Unersthaftigkeit, die jedem Spielmanns-Einzug in jener Zeit anhängt, alle tiefe Erzählung. Das Spiel im Spiel ist anti-tragisch. Eben weil es dem Zuschauer vor Augen führt, daß auch die Handlung des Schauspiels in dem er selbst sitzt, nicht die Realität vor ihm abspult, sondern ein Gemachtes, Fingiertes. Und gerade darauf sollte man den Zuschauer weder mit der Nase stoßen, noch sonst im geringsten hinweisen – wenn, ja, wenn man es ernst meint.

Hinzu kommt, daß Schauspieler schauspielern können mögen, aber eben nicht in der Lage sind, Schauspieler zu spielen. Ich kenne kein erfolgreiches Unfangen dieser Art. Alle haben in Unernst geendet. Und wenngleich die ganze Staffel unseres konkreten corpus delicti – denn es ist ein Delikt, um nicht erzäherisch-historisches Kapitalverbrechen zu sagen – eher einer ironischen Selbstreferenz gleichzukommen scheint, so liegt doch hier wohl nicht die Absicht vor, eine Komödie zu produzieren, sondern schlicht die Produktion einer fehlgeschlagenen Tragödie oder eben Kriminalerzählung.

So wirkte denn – obgleich ich gerade immerhin die erzählerischen Qualitäten der ersten beiden Staffeln für sehr gelungen hielt – der Beginn der 3. Staffel von Babylon Berlin auf mich bereits wenig verheißend, als nach kurzem klar wurde, daß ein Mord in den Babelsberger Filmstudios geschehen sei. Leider wurde ich bis zum bitteren Ende in dieser Sache bestätigt. Man kann es ja noch als einen witzigen Einfall ansehen, wenn die reale Tatortuntersuchung mit der Assistenten-Prüfung Fräulein Ritters parallelisiert wird, aber auch das paßt schon zu einer ernsthaften Mordsache nicht. Obgleich die Sorge, hier würde etwas zerstört, gar nicht aufkommen kann, denn das Spiel im Spiel, also die Dreharbeiten an jenem angeblichen ersten Tonfilm, sind für jeden, der schon einmal einen Film um 1930 gesehen hat, einfach nur grotesk. Und ja, am Ende der Staffel verfaßt der Kritiker der Tempo durchaus einen Veriß, das seien alles alte Kamellen. Nur ist eben allzu deutlich, daß es sich bei dem, was man da sah, eher um eine Laientruppe zu handeln schien, die expressionistischen Film nachahmen wollte, aber in einer Fremdscham-Manier, wie man sie selbst in einem Schülertheater ausgebuht hätte. Das ist nicht einmal albern – was es schon nicht sein soll – sondern mit lächerlich noch schmeichelnd umschrieben. Wie man 1930 tatsächlich getanzt und Musik im frühen Tonfilm gemacht hat? So, meine Damen und Herren.

Aber jetzt hängen Sie sich doch an dieser Nebensächlichkeit nicht auf, Herr Wangenheim! Wahrlich, muß man nicht, obwohl das dem Zuschauer schon einige Gutmütigkeit abverlangt. Aber ich bin freilich gutmütig und daher noch beim Aufwärmen. Auch lasse ich unerwähnt, daß nicht nur auf dem Filmgelände bereits in der 1. Folge ein Mercedes aus den mittleren 30er-Jahren stand, sondern mit eben diesem Wagen später die Frau des Armeniers abgeholt wird, bei welcher Gelegenheit man den Wagen insbesondere von seinem um 1930 unmöglich so abgerundeten Heck her in voller Schönheit präsentiert bekommt. Gut, das merkt und interessiert kaum jemanden. Aber schaut sich das Endergebnis nicht noch einmal ein Kenner an, der wenigstens ein bißchen Ahnung hat? Wäre doch schön, nicht wahr?

Nein, ich will auf andere Dinge hinaus. Zum Beispiel wie man die ganzen Unernsthaftigkeiten, derer noch weitere sind, wie Sie sehen werden, offenbar auszugleichen hoffte: mit einer unendlichen Geschichte brutaler Schockmomente, die man immer dann einsetzt, wenn die Erzählung sonst nichts hergibt. Messer durch die Handfläche, Messer durch die Backe, Kopfschuß aus nächster Nähe, Kopfschuß aus einigen Metern Distanz, Brustschuß aus nächster Nähe, Exekution per Beil, Messerstich tief in die Halsschlagader mit lustig spritzendem, ja fontänierendem Blut, und ein ständiges, fröhliches Vomitieren aller Beteiligten.

Aber auch die genitale Phase, welche die Regisseure oder Drehbuchautoren offenbar gerade durchlaufen, kam nicht zu kurz. Oder wie deuten Sie es psychologisch, daß am laufenden Band tertiäre Charaktere, die nie wieder auftauchen, in Perversionen verwickelt werden, offenbar nur, um eben genau soetwas zeigen zu können? Freilich, man will uns sagen: Als sich die Menschen damals äußerlich so anständig verhalten haben, war hinter der Fassade alles pervers. Ja, wenn die Figuren wenigstens äußerlich so agieren würden, wie es um 1930 üblich war! Aber vielleicht ist es ja auch bloß das gute alte sex sells. Wir haben verstanden. Womit ich übrigens nicht sagen will, daß man sexuell prüde gewesen sei, sondern nur, daß diese Darstellung an Unbeholfenheit und ungelenkem Müssen kaum zu überbieten ist. Denken Sie daran, wie der Reichswehr-General tatsächlich zu seiner Bordellinszenierung, die er sich einiges hat kosten lassen, in Uniform erscheint… ach so, sonst sähen wir Zuschauer ja nicht, daß hier ein Reichswehr-General pervers ist. Und darum scheint es ja gerade zu gehen. Ich Dummerchen, ich vergaß! Auch bei der Polizei kennen sich vom Tatort-Photographen bis zum Archiv-Wärter alle noch aus alten Bordelltagen. Ist euch wirklich nichts besseres eingefallen? Offenbar nicht.

Dabei hätte die Geschichte um die ungeklärten Morde wirklich interessant werden können. Daß aber schließlich (Achtung ich verrate den Mörder oder wenigstens den Strippenzieher) die Figur, der man einzig über alle Folgen hinweg merkwürdiges Verhalten mitgegeben hat, schließlich auch tatsächlich der völlig durchgeknallte Psychopat ist, der den ersten Mord zur Serie ausdehnte und obendrauf noch einen handgemachten folgen läßt, inkl. einer Reihe von Mordversuchen, ist nun wirklich einer Kriminalgeschichte nicht würdig. Wenn ich auch nur ein Autorenseminar für Kriminalromane an der Volkshochschule geben würde, wäre mein erster Hinweis doch der, daß man eine Reihe von Verdächtigen schaffen müsse und dann einen relativ unverdächtigen hernähme, statt es so offensichtlich zu machen. Aber: Details, meine Damen und Herren.

Kein Detail hingegen ist, daß nicht nur der Kollege von der Spurensicherung zum kapitalen Mehrfachmörder wird, sondern gleich darauf der Konkurrent Raths um die Führung der Mordkommission durchdreht und immerhin zum Geiselnehmer werden will, weil er mit dem Zusammenbruch der Börse sein ganzes, von der Bank geliehenes Geld an einem einzigen Tag verliert. Wie überraschend: ein Guter ist ein Böser. Hatten wir das nicht gerade vollständig ausgelutscht? (Eigentlich auch schon mit Wolter in Staffel 1 & 2). Der Armenier mit seiner gesetzestreuen Filmproduktion wird neidisch: Mehr Kriminelle bei der Polizei als bei den Ganoven. Oberst Wendt gar nicht einkalkuliert. Aber der ist ja auch von der Reichswehr, dem anderen kriminell-perversen Haufen im Berlin des Jahres 1929. Und nun sagen Sie nicht, es sei doch nur ein Film, der sich gewissermaßen bloß auf ein historisches Bühnenbild stütze. Zum Trauerzug Stresemanns werden nämlich (in dieser Vereinzelung auch bei sonst historisch akurater Darstellung absurd genug) plötzlich Originalaufnahmen in schwarzweiß eingeblendet – offenbar doch, um den Grad des Realismus zu unterstreichen. Vermutlich glauben die wirklich, daß sie etwas Historisches verfilmt hätten. Kannste dir nicht ausdenken.

Die Ereignisse um den Börsencrash, in deren Folge sich also der zweite, ach nein, der mittlerweile dritte Polizist als kriminell erweist, sind daher auch einer der gekonnteren Teile der Geschichte, da der Sohn Nüssen (der damit bald zur interessantesten Figur avanciert) hinter dem Rücken seiner Mutter 100 Millionen RM auf fallende Kurse gesetzt hat und zunächst einmal 10 Millionen verliert, um dafür von seiner Mutter auf sein Zimmer geschickt zu werden : ) – gut, ja, er wird von ihr für geisteskrank erklärt, und zwar durch den von ihr eingesetzten Psychiater. Aber auch dieser Börsen-Ruck, der durch die Gesellschaft geht, und dem träumerischen, aber auch allzu nüchtern-gewieften Nüssen die größte Bestätigung gibt, nachdem er bereits einen Selbstmordversuch hinter sich hat, verpufft völlig in der Geiselnahme des Polizeikollegen. Damit sind selbst die guten Ideen am Ende zugunsten kurzer Effekte in Nichts zergangen. Da nützt auch die psychedelische Schlußszene in der Börse nichts, die man ja bereits vom Beginn her kennt.

Einzig mittig war die Staffel spannend, solang man die ziemlich lieblose Auflösung der Geschichte nicht kannte und sich noch selbst den Kopf zerbrach, wer denn nun eigentlich dahinter stehen konnte. Immerhin, daß es der Kompagnon des Mokka-Efti-Chefs gewesen sein sollte, war eine schöne Vorauswendung, die dann effektvoll zerstört wurde. Alles danach war wie gewollt und nicht gekonnt.

Auch die Figur des österreichischen Journalisten Kattelbach hatte viel Farbe – aber alle diese guten Seiten sind eben doch nur Details, während das Große danabenging. Ja, danebenging. Bis zu jener lächerlich-absurden Premiere des Films, in der der merkwürdige Emo-Hauptdarsteller – so wie das ein durchschnittlicher Regisseur heute eben nicht anders kennt – in einem besonders ausgefallenen Outfit, nämlich lächerlich breitkrempigem Hut, schwarzem Hemd (!) und schwarzer Krawatte erscheint. Ja, so mag das bei heutigen Hollywood-Pappnasen vielleicht vorkommen. Aber doch nicht 1930! Wollen Sie sehen, wie eine Filmpremiere damals aussah? Zum Beispiel so. Selbst Chaplin erscheint natürlich im Smoking und ohne jede hinrissige Selbstdarstellung. Die Ausschnitte des produzierten Films übrigens, die man in der Finalfolge von Babylon Berlin in ganzer gesanglicher und tänzerischer Idiotie zu sehen bekommt, erhalten von mir auf der Fremdschäm-Skala ebenfalls eine solide 9/10.

Noch eine absurde Szene gefällig? Während sich der Kreis um Seegers im Anwesen der Nüssens konspirativ trifft, stolziert – unangemeldet und von niemandem des Personals aufgehalten – Stresemann in die Versammlung. Allerdings nicht, weil irgend etwas Wichtiges anstünde oder eine ultimative Aussprache der Gegner folgen würde. Nein, er kommt, um zwei selbstverständliche Sätze seiner politischen Position loszuwerden, die ohnehin in diesem Kreis bekannt sind und keine Resonanz finden können, um daraufhin wieder so belämmert zu gehen, wie er gekommen war. Ganz großes Kino! Was zur Hölle soll so etwas?

Na, Sie, der Zuschauer, sollen wissen, wie die Guten damals dachten, da wir ja sonst nur die Bösen Ränke schmieden sehen. Das ist das Problem des Zuschauerdrifts zu den bösen Charakteren. Etwas, das im Fiktionalen sehr schön das Merchandising ankurbelt, aber da wir es ja hier mit einer leicht ersichtlich auch politisch motivierten Serie zu tun haben, hat es den Autoren offenbar schlaflose Nächte bereitet, wie wenig Sendezeit die Guten bekamen – ohne ihnen allerdings einzugeben, wie man solche Inbalancen etwas subtiler ausgleichen könnte. Infolgedessen ist man solchen Szenen ausgesetzt. Man schaut rechts, schaut links, ob auch niemand gesehen hat, daß man tatsächlich gerade diese groteske Serie anschaut und tut so als sei das ganze beruflicher Natur.

Kurz: Selbst wenn ich über den wiegenden Gang Raths, der immer den Eindruck macht, als könne er vor Kraft nicht laufen, hinwegsehe… – das ist übrigens nicht einmal für den SA-Mann, der sich dauernd mit Wendt blicken läßt, angemessen, eben weil es nicht zeitgemäß ist. Lässig zu sein hieß damals schneidig, zackig sein, nicht pseudo-zeitlupend. Daher ist auch der Offizier Wendt, der aus dem sarkastischen Hollywood-Grinsen kaum herauskommt, nicht zeitgenössisch gespielt. Aber das hatte ich im Beitrag zu den ersten beiden Staffeln ja bereits angedeutet.

Schließlich wird in der letzten Folge krampfhaft versucht, noch ein paar offene Fragen zu produzieren, nachdem sich die Sache schon in Folge 11 aufgeklärt und damit erzählerisch ausgepustet hatte. Doch all die kurz angebundenen neuen Problemchen sind, weil sie allerhöchstens einmal zu Beginn der Staffel nebensächliche Erwähnung fanden, eine derart offensichtliche Notlösung – wohl in letzter Minute noch Geld für eine Folgestaffel an Land gezogen? –, daß man ob des unmotivierten erzählerischen Durcheinanders erneut gelangweilt ist. Das Ganze scheint so ähnlich zusammengeflickt worden zu sein, wie es schließlich über die Premiere des verhandelten Kinofilms heißt.

Neben schönen Bildern also, die man wie immer mit besserem historischen Wissen vorm geistigen Auge korrigieren mußte, gab es leider höchstens bei der Hälfte aller Folgen einen echten Zuschauergenuß abzuholen. Der große Bogen ist unterdessen völlig zerbrochen. Abhilfe schaffte nur eine immerhin nicht unwesentliche Reihe netter Einfälle im Detail, was die Einzelfolgen für sich bei allen Abstrichen immerhin konsumierbar machte. Dennoch ein sehr durchwachsenes Bild. Ein Glück, daß ich beim letzten Mal meine Hand für die dritte Staffel nicht ins Feuer gehalten habe. Vorsicht ist eben bei der „Kunst“ unserer Tage die Mutter der Porzellankiste.

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3 Gedanken zu “Die 3. Staffel von Babylon Berlin . realistisch oder kreationistisch? . Teil 2

  1. Pingback: Babylon Berlin – realistisch oder kreationistisch? – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

  2. Paul H. Tribbels

    ich muß Ihnen da voll zustimmen,es hieß bei manchen Zuschauern::::es ist ja keine Dokumentation.Aber mit einigem Hintergrundwissen kann man diese“Produktion“ einfach nicht für „Voll“ nehmen.Außerdem ist diese sagen wir mal:::durch das Drehbuch angepasste Zeit Darstellung….für nachwachsende Generationen problematisch.Die einzige Szene die ich gelungen fand ,war die Geschichte mit H.Wessel Mord,wo sich aber auch die Frage stellt::wer riskiert für so eine „““Dame“““ sein Leben oder seine Reputations soll heissen eine etwas solider aussehende Schauspielerin hätte für das Verständnis der ZUschauer erklärender gewirkt,aber was solls.

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  3. Nun, gerade die Wessel-Geschichte ist aber ein gutes Beispiel dafür, wie Babylon Berlin hintergründig funktioniert. Denn selbst Wikipedia sagt ja, daß Wessel wegen eines Mietstreits und politischer Konflikte von einem KPD-Mann ermordet wurde. Bei Babylon Berlin ist der Mörder aber ein Zuhälter, der die Waffe von einem Polizeimitarbeiter erhält. Man will also den Tod Wessels umdeuten als sozusagen von den eigenen Leuten begangen. Und ich kann mir nur zwei Gruppen von Menschen vorstellen, die an der Umdeutung eines für Ottonormalverbraucher völlig belanglosen historischen Mords ein Interesse haben können: Rechtsextremisten und Linksextremisten. Ich überlasse es Ihnen, wozu die Autoren hier gehören.

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