Die Heirats-Annonce – Lasser und Stubbendorff in Saint Mammès . Teil 2

Teil 1

Nachdem man sich gegenseitig vorgestellt und Stubbendorff ein paar Worte mit Frau Lasser über die Gemäldesammlung getauscht hatte, ließ sie sich mit einer kurzen Bemerkung an Ihren Gatten entschuldigen, um wieder ins Haus zurückzukehren. Stubbendorff setzt sich auf einen der Gartenstühle.

Stubbendorff: Mein lieber Herr Doktor, Sie werden mir die verwunderte Nachfrage erlauben: Wie kommen Sie denn zu einer solch famosen Gattin? Sie sind doch gar nicht der rechte Typus? Sie verstehen…

Lasser: Na, Stubbendorff, seien Sie mal nicht zu keck!

Stubbendorff: Im Vertrauen! Wie?

Lasser: Gar nicht, sie ist zu mir gekommen.

Stubbendorff: Kolossal! Spricht sie italienisch?

Lasser: Nein, spanisch. Wie kommen Sie darauf?

Stubbendorff: Sehen Sie, meine Ansprüche sind einfach zu hoch!

Lasser: Aber italienisch? Was ist das für ein merkwürdiges Kriterium.

Stubbendorff: Und französisch freilich. Die wichtigsten kunsthistorischen Ausflugsziele, verstehen Sie? Ich bin doch ein Sprachbanause…

Lasser: Wie Sie alles verkomplizieren, Stubbendorff! Geben Sie sich doch als Engländer aus und gut ist. Oder reden Sie mit deutschem Akzent englisch, wie jeder normale Tourist!

Stubbendorff: Ich bitte Sie, mein Wertester! Ich ein Tourist? Sie kränken mich. Und für den Engländer fehlt mir der englische Wagen.

Lasser: Sie müssen als Engländer doch keinen englischen Wagen fahren!

Stubbendorff setzt die Miene eines ernsthaft völlig Verdutzen auf.

Stubbendorff: Einen gewissen Akzent kann man als Deutscher nie ganz verbergen, sodaß es immer nach altenglischem Landadel klingt. Da kann ich doch nicht in einer deutschen Blechschüssel vorfahren.

Lasser: Die von Ihnen durchsonnenen Feinheiten, Verehrtester, ist kein einziger Hotelpage oder Concierge der Welt zu erfassen fähig, glauben Sie mir das.

Stubbendorff: Aber es könnten andere Reisende zugegen sein.

Lasser (lächelnd): Nun, dann werden Sie wohl doch eine dreisprachige Dolmetscherin an Land ziehen müssen.

Stubbendorff: Ja, wenn es nur das wäre, Herr Doktor!

Lasser sieht verschmitzt zu dem halbernst grübelnden Freund hinüber.

Lasser: Geben Sie doch eine internationale Heirats-Annonce in der Zeitung auf…

Stubbendorff: Sie liest mit Bestimmtheit keine Zeitung.

Lasser: Wer weiß, ob nicht irgend eine gebildete Engländerin aus familiärer Gewohnheit den Spectator oder die Times liest?

Stubbendorff: Um Gottes willen! Diese Feigenblätter…

Lasser: (lacht) Sehr schön! Ich meinte ja eben bloß aus Gewohnheit.

Stubbendorff: Das werd‘ ich ihr abgewöhnen!

Lasser: Sie müssen großzügiger werden, Stubbendorff! Sie lassen ja nichts gelten, man kann mit Ihnen kaum zum Punkt kommen! Lassen Sie sich doch vorlesen…

Stubbendorff: Zugegeben, das gefällt mir. In der Tat könnte sie mir das Unerträgliche ausblenden.

Lasser: Ach, ich weiß nicht, das kommt mir schon wieder sehr unfein vor, ihre Frau derartig zu benutzen.

Stubbendorff: Keineswegs, Frauen wissen gern mehr als ihre Männer. Sie könnte das hierin nach Herzenslust ausleben.

Lasser: Sie wissen alles zu drehen, mein Bester! Also, wie schreiben wir dann? Suche sprachbegabte Gattin (dt., frz., it.)… Wie ist’s eigentlich mit Latein und altgriechisch?

Stubbendorff: Nein, Inschriften kriege ich selbst raus. Nur gegen neugriechisch hätte ich natürlich nichts.

Lasser: Was denn, in Griechenland sind Sie dann Deutscher? Und überhaupt, was ist mit tschechisch?

Stubbendorff: Ja, ein guter Punkt, aber wenn Sie dort nicht den Eindruck erwecken, die Grenze in Kompaniestärke überwunden zu haben, ist Böhmen deutsches Sprachgebiet. Das geht schon.

Lasser: Also, sprachbegabte Gattin von schlanker Gestalt und feingeschnittenem Gesicht…

Stubbendorff: (den Kopf zu ihm wendend)

Lasser: …entnehme ich ihren historisch bevorzugten Frauengestalten… ich dachte an die Uta des Naumburger Doms etwa?

Stubbendorff: (mit einer Gebärde leichter Verwunderung zustimmend)

Lasser: … spitze Zunge, dominant…

Stubbendorff: Das könnte falsch verstanden werden!

Lasser: …dann aufgeweckt?

Stubbendorff: Ein bißchen altmodisch, wenn Sie mich fragen…

Lasser: Sie beschweren sich, der Begriff sei zu altmodisch? Daß ich das noch erleben darf! Also aristokratischer Habitus, oder vorlaute Distinguiertheit mit gouvernantenhaften Zügen…

Stubbendorff: Gouvernantenhaft? Jetzt übertreiben Sie aber! Sagen wir: widerspenstig oder mit leiser Ironie durchzogene Überheblichkeit, wenn Sie die Provokation schon unbedingt beibehalten wollen.

Lasser: Was für eine Heiratsanzeige!

Stubbendorff: Großartig, nicht wahr? Mich dünkt schon, ich sei verliebt!

Lasser: Dann bliebe nur noch zu klären, ob elegant oder extravagant? Vielmehr: intro- oder extravertiert?

Stubbendorff: Muß man sich derart festlegen? Es wird doch wohl möglich sein, daß sie statt Katalogsware zu sein, mal das, dann wieder das ist. Am Ende könnte ich ihr womöglich noch vorsagen…

Lasser: Das wäre freilich schrecklich. Aber fänden Sie es nicht der Stabilität der Beziehung wegen günstig, wenn wenigstens ein Part gesellschaftsfähig wäre?

Stubbendorff: Für die spitzen Bemerkungen bin aber ich zuständig, mein guter Herr Doktor! Sie muß übrigens Autofahren können!

Lasser: Wieso das denn?

Stubbendorff: Ja, die Dame fährt natürlich.

Lasser: Ich dachte, Sie seien Patriarch?

Stubbendorff: Ach, Ihre Vorstellungen! Und wenn, dann nicht von gestern, sondern vorgestern. Entweder man hat einen Fahrer oder eine moderne Frau. So war das zu meiner Zeit.

Lasser: Das darf sie natürlich nicht merken, daß sie den Chauffeur ersetzt.

Stubbendorff: Natürlich soll sie das merken, das ist bei ihrer Intelligenz auch gar nicht zu verhindern.

Lasser: Aber, mein Lieber, das ist ja schon wieder entwürdigend!

Stubbendorff: Ganz und gar nicht, ganz und gar nicht! Darüber ist sie längst hinaus. Sie hat die Hosen an. Das muß so sein.

Lasser: Also doch dominant.

Stubbendorff: Ja, wie gesagt, tagsüber delegiere ich mitunter die Exekutive. Das ist sogar ausgenommen erfrischend. Sonst müßte ich ja selbst den ganzen Tag ridikül sein.

Lasser: (mit breitem lächeln) Also gebildete, ironisch gebrochene Gouvernante, blendenes Äußeres, konversationssicher in frz. und ital., Führerschein, vorlaut, mit Hang zu ausgenommen alt wirkenden, verhinderten Grandseigneurs zwecks Heirat gesucht. Trauung nach beliebiger Konfession.

Stubbendorff: Sie machen aus einem Lebemann einen Opportunisten.

Lasser: Harter Kern, weiche Schale… wenn sich da keine Dame findet, ist die Liebe und die halbe Welt am Ende.

Man lacht und schenkt sich aus einer alten Flasche Vouvray Doux ein.

*

3 Gedanken zu “Die Heirats-Annonce – Lasser und Stubbendorff in Saint Mammès . Teil 2

  1. Pingback: Ein Plausch der Herren Stubbendorff und Lasser auf der Terrasse von Lassers Sommersitz in Saint Mammès mit Blick auf die Seine – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

  2. E. H.

    Sehr geehrter Herr Wangenheim,

    erst dachte ich, Stubbendorf gibt hier eine 1:1 Beschreibung von Lisa Eckhart ab, aber dann kam die Stelle mit dem Führerschein. Als großer Fan dieser vorzüglichen Kaberettistin weiß ich allerdings, daß sie nur Zug fährt. Nun bin ich ob meiner falschen Assoziation traurig. Oder ließe sich da ein Auge zudrücken?

    Mit einem Augenzwinkern, Ihr begeisterter Leser

    E. H.

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