Babylon Berlin – realistisch oder kreationistisch?

Vor zwei Jahren, als ich zufällig im Vorbeigehen an einem Fernseher die Vorschau zu Babylon Berlin sah, dachte ich: Hier ham se aber ins Erziehungsfernsehen diesmal ausgenommen viel Geld gesteckt! Ich dachte man will uns mal wieder, wie in Gewaltfrieden, Geschichte umdeuten, genauer gesagt, das Tagebuch von Harry Graf Kessler (man denke an die unsägliche Szene mit dem von Kessler verabscheuten Erzberger, die das Tagebuch und damit die politischen Ansichten Kesslers völlig verfälscht).

Aber es sollte wohl eine Kriminalserie im Jahr 1929 sein. Also wollte ich mal nicht so sein und schaute hinein. Ich will hier nicht als Filmkritiker (obwohl ich ja über Vorkriegsfilme auch ab und zu schreibe), sondern als historisch Interessierter kurz darlegen, weshalb ich nach nur wenigen Folgen die Lust verloren hatte, aber auch, weshalb ich nun, zwei Jahre später, die beiden Staffeln dennoch nachholte und einen zunehmend positiven Eindruck erhielt, der sich gerade am Schluß noch einmal auf’s Beste bestätigte.

Mir ist freilich völlig klar, daß der gebotene Realismus für 99% der Zuschauer vollauf ausgereicht hat und ich in der unschönen Lage war als historisch ein wenig kenntnisreicherer Zuschauer alle möglichen Ungereimtheiten zu erspähen. Das ist das Schicksal all derer, die übermäßig viel historisches Bild- und Filmmaterial kennen, die Zeit nicht nur aus Lehrbüchern, sondern auch zeitgenössischen Tagebüchern, Zeitungen, Schriften usw. kennen und daher ein ausgeprägtes Gefühl für die Art und Handhabe der Zeit entwickelt haben, sodaß sie sehr schnell erkennen, wenn irgend etwas nicht ins historische Bild paßt, wenn stattdessen Entleihungen aus der Gegenwart, aus anderen historischen Zusammenhängen auftauchen oder aus noch anderen Gründen dort nicht hingehören.

Ich könnte nun lange Listen von Fehlern aller Art herunterbeten und dabei den Eindruck erwecken, daß an den Bildern nichts glaubwürdig gewesen sei. Dieser Eindruck wäre jedoch für die meisten Zuschauer völlig irrelevant, und auch der Kenner registriert es natürlich bloß – ohne deshalb wie ein Pedant zu nörgeln. So mußte etwa die knallgrüne Farbe des Glockenhuts der Lotte Ritter in den ersten Folgen abschrecken. Ob man sie nur im Bild sofort erkennbar machen wollte oder ob jemand tatsächlich vorhatte, sie eine solche Rundumleuchte die ganze Staffel hindurch tragen zu lassen, ist aufgrund der Absurditäten, die heutzutage ins Fernsehen kommen, nicht mit Sicherheit zu entscheiden. Auch daß, wie ich einem Making-of entnahm, der Schauspieler des Gereon Rath seinen grauen Fedora selbst aussuchte, und dabei ein Modell wählte, daß Sie vermutlich nur nach stundenlangem Suchen auf irgendeinem Foto der 20er- oder 30er-Jahre finden werden, schlicht, weil die Krempe zu schmal und zu wenig von der Krone abgeknickt ist, also eher den 50er-Jahren angehört, ergibt auf der Garderoben- oder sagen wir auf der Hut-Wahl-Skala allerhöchstens eine 5/10. Dafür haben die sonstigen Bullen vernünftige Homburger auf. Immerhin.

Sie erwarten freilich, daß ich mich zu den Anzügen äußere, zu Recht! Und da darf man im Großen und Ganzen von ordentlicher Arbeit reden. Zumindest Rath trägt immer einen zeitgenössischen, schweren Dreiteiler mit typischem Muster und Schnitt. Das gilt allerdings nicht von allen Figuren. So ist ja offensichtlich, daß der Bösewicht aus dem Mokka-Efti mit seinem 2015er-Bart und den hautengen Hemden eher einem mittelmäßigen deutschen Musikvideo der Jahrtausendwende entsprungen zu sein scheint als dem Jahr 1929. Auch das tanzende Publikum in besagtem Lokal gleicht einer von diesen merkwürdigen 20er-Jahre-Partys aufgesammelten Horde von Spaßvögeln, die allen Ernstes glauben, daß Hosenträger und Schiebermütze die 20er-Jahre ergeben. Daß bis auf die Gangster auch 50% der Männer trotz Krawatte immer wieder einmal den Hemdkragen offen tragen, auch Rath… naja, Sie verstehen. Und der Nachwuchsdirektor des größten deutschen Rüstungskonzerns läuft unter keinen Umständen in ausgefallenen, wenn auch in dieser Zeit kurz aufgekommenen Schlaghosen in der Öffentlichkeit herum. Ach ja, und die Frisuren stimmen auch nur zu 50%. Es gab einfach Sachen, die gab es nicht.

Aber ich will auf etwas anderes hinaus. Gerade die ersten Episoden – weshalb ich es anfänglich ja auch nicht durchhielt – sind auf Deiwel komm raus darauf gebürstet, dem geneigten Fellachenpublikum ins Ohr zu flüstern, daß Berlin schon 1929 ein derartiges Dreckloch war, wie es das heute ist. Ich weiß nicht, ob der Verlust von 50% der Einschaltquoten während der 1. Staffel damit zu tun hat oder ob drgl. normal ist, aber ganz abwegig scheint mir nicht, daß auch andere Zuschauer wenig überzeugt waren.

Ich will nicht sagen, daß es bspw. keine Prostitution im alten Berlin gab. Freilich gab es die. Aber das Wie ist eben entscheidend. Auch will ich nicht behaupten, daß es keine runtergekommenen, versifften Arbeiterwohnungen gegeben habe. Aber es muß sich schon um ziemlich verlorene Menschen gehandelt haben, wenn das alles nicht in erster Linie nach Armut, sondern Faulheit aussieht, alles schmutzig und unaufgeräumt ist, wo ganz offensichtlich eine Sauwirtschaft herrscht. Auch das, verstehen Sie mich nicht falsch, hat es freilich gegeben, aber drgl. wird eben – ob nun gewollt unterschwellig oder zufällig – in Kontrast zu schnieken Bürgerwohnungen gesetzt. Aber die Differenz wäre eine sehr viel andere, wenn man neben die noblen Villeneinrichtungen wenigstens ordentliche, saubere Arbeiterwohnungen gestellt hätte, die mit Sicherheit die Mehrzahl ausgemacht haben. Aber das „zieht“ eben nicht so gut…

Verzeihen Sie, verehrte Leser, wir sind noch immer nicht dort, wo ich hinmöchte. Es ist ein Kreuz! Denn all das könnte man als exemplarisch abtun. Eines aber ist leider – auch wieder vor allem zu Beginn der Serie – allzu offensichtlich: Daß die Menschen sich vornehmlich eben wie solche des Jahres 2020, nicht des Jahres 1929 verhalten. Ich müßte nun in der Tat alles noch einmal schauen, wenn ich Ihnen konkrete Beispiele geben wollte… Aber nehmen wir eine späte Szene, die mir noch im Gedächtnis ist. Da kommt der Referent des Reichspräsidenten im Stechschritt ins Bureau des Polizeipräsidenten, der eine Verhaftung hoher Generäle angeordnet hat, und knallt ihm den Handschuh ins Gesicht, um daraufhin wieder zu gehen. Mein lieber Herr Gesangverein. Glaubt man wirklich…? Wahrscheinlich sollte das besonders offiziersmäßig aussehen oder Herrenreiter-Attitüde ausstrahlen. Man weiß eben nicht mehr, wie so etwas in der alten Zeit ausgemacht wurde, stattdessen stellt man sich einen unbeholfenen Stiefellecker eines Comic-Dikators vor. Man kann sich kein unsinnigeres Verhalten eines Offiziers ausdenken. Aber wer will das heutigen Autoren vorwerfen, sie haben ja kein Anschauungsmaterial mehr.

Selbstverständlich gesellt sich dazu auch, daß das Prinzip des Reichspräsidenten, der hohe Offiziere der Reichswehr am Ende persönlich aus dem Polizeipräsidium abholt, als diktatorisches Element der Weimarer Verfassung gebrandmarkt wird. Schließlich wählen wir Bundesrepublikaner den Bundespräsidenten nicht selbst als Volk, sondern lassen ihn von der politischen Klasse wählen, wie sich das für einen Parteienstaat – Verzeihung – eine Demokratie gehört.

Bedeutende Männer wie Max Weber, Zeitungen wie die DAZ und ein gesünderes Demokratieverständnis hatten 1919 zu breiten Protesten geführt, als das Parlament sich erdreistete, den Reichspräsidenten selbst zu ernennen. Erst daraufhin wird die Wahl durch das Volk eingeführt. Bei uns ist seit 1949 natürlich kein einziger der versammelten Intelligenzler zur Stelle, dieselbe Forderung nach vollständiger Demokratie auch nur zu formulieren. Aber ich drifte ab, meine Damen und Herren!

Während also der politische Zeigefinger ständig erhoben bleibt – man ist die Volkserziehung gewöhnt – ist es aber die blanke Nonchalance, das Benehmen, was – ob nun gewollt oder übersehen – nicht ins Zeitbild paßt. Und nun kommen Sie mir nicht, daß man früher nicht so steif gewesen sei! Das ist doch der Vorwurf genau derer, die jene Zeit überwunden sehen wollen. Oder richtiger gesagt: sie überwunden zu haben sich rühmen. Also, wie Sie es auch drehen, es ist inkonsistent. Und freilich verstehe ich, daß gerade diese Kommensurabilität das Ziel der Operation gewesen sein mag. Gut, habe verstanden. Andererseits will die Serie jedoch sehr deutlich sichtbar historisch vertrauenswürdig sein. Man darf also wenigstens darauf hinweisen, wo die Realität aufhört und wo das durchaus tendenziöse Bild der Macher anfängt.

Was will ich mit alldem nun sagen. Schlicht, daß um 1930 nach allem, was man aus Filmen, Literatur, aber auch Straßenaufnahmen ohne irgendwelche Drehbücher oder Idealisierungen kennen kann, sich die Menschen anders gebärdet haben, anders geredet haben, anders umgegangen sind. Nicht daß die Serie diesbezüglich durchgängig daneben haut, aber doch allzuoft. Es war bei aller Neuerung in den 20er-Jahren doch eine sehr andere Zeit. Wenn man das Verhalten der Polizisten bspw. nicht einmal in die DDR hinein imaginieren kann – freilich unter anderen politischen Vorzeichen – dann stimmt etwas nicht. Nehmen Sie die Dinge also nicht zu ernst.

Aber ich sage auch: Schauen Sie es sich ruhig an und lassen Sie sich nicht so sehr vom Beginn erschrecken, es wird besser im Verlauf. Sollten Sie also auch ausgestiegen sein: Geben Sie der Serie vielleicht eine zweite Chance. Sie endet sogar erzählerisch sehr gekonnt und in einer ausgenommen schönen Wiedervereinigung aller Stränge, wie man es von heutigen Drehbuchautoren kaum noch kennt. Schöne Bilder gibt es obendrein, und mit etwas Umgebungswissen blenden Sie die Ungereimtheiten erfolgreich aus.

In Kürze übrigens soll eine dritte Staffel beginnen. Aber dafür lege ich meine Hand natürlich nicht ins Feuer — Feuer? Auch für die ersten nicht!

*

5 Gedanken zu “Babylon Berlin – realistisch oder kreationistisch?

  1. Fjodor von Reußigk

    Guter Herr Wangenheim,

    ihre Ausführungen kann ich nur bestätigen. Als es vor etwa zwei, drei Jahren mit der Serie losging, hatte ich natürlich schon einen mulmiges Vorgefühl, vor allem weil sich die Serie bei vielen meiner nicht sonderlich geschichtsinteressierten (bzw. -bewanderten) Mitmenschen großer Beliebtheit erfreute. Ich gab mir – wie Sie sich – einen Ruck und war dann auch höchst zufrieden. Sehr verärgert, wenn auch nicht sehr überrascht hat mich die Figur der Generalstochter, welche natürlich nebenbei die armen Kommunisten vor der bösen Kaiserreichspolizei mitbeschützt….
    Danke für ihre Meinung zur Serie!

    Schöne Grüße,

    ihr mit Spannung auf neues Ihrerseits wartender

    Fjodor von Reußigk

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  2. Fjodor von Reußigk

    Ich sprach von der Tochter des Generals von(?) Seegers (wohl eine Anspielung auf Hans von Seeckt), die neben ihrem Studium bei dem Anwalt Litten aushilft und im weiteren Verlauf der Serie die Umsturzpläne ihres Vaters und seiner Kameraden der Schwarzen Reichswehr ausplaudert.
    Link zur Schauspielerin: https://de.wikipedia.org/wiki/Saskia_Rosendahl
    Ich hoffe, sie wissen jetzt, welche junge Dame ich meinte.

    Schöne Grüße!

    Gefällt 1 Person

  3. Pingback: Die 3. Staffel von Babylon Berlin . realistisch oder kreationistisch? . Teil 2 – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

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