Geschichtsphilosophie bei Voltaire, Kant, Hegel, Marx, Vollgraff, Chamberlain, Spengler, Toynbee und in „Kultur und Ingenium“

In einem zweiten Teil der Betrachtung der Geschichtsphilosophien der letzten 250 Jahre in Hinsicht auf die „Vorläufer“ von „Kultur und Ingenium“ wollen wir statt der Außenseiter und unbekannten Beiträgen, wie beim letzten Mal getan, die etablierten Autoren in einem überschauenden Sinne betrachten.

Hierin stelle ich erstens die Bewegung von der linaren Fortschrittstheorie der Aufklärung, Hegels und auch noch in der Konzeption Marxens hin zur zyklischen Theorie seit Vollgraff (mit ersten vorsichtigen Hinweisen bei Hegel und einigen Rückfällen in die Lineartheorie bei Breysig und Chamberlain) bis hin zu Spengler und schließlich meinem eigenen Entwurf (Kultur und Ingenium) dar.

Zweitens und interessanter stelle ich eine weitere, fraktal feinere Abwechslung dar, nämlich jene der monistischen und dualistischen Theorien, insofern nur ein Alles verwaltendes Prinzip die Geschichte bedinge, oder zwei widerstreitende Kräfte zu ihrer Bildung notwendig seien. Vergleiche die Betrachtung vom letzten Mal, worin Spenglers Untergang gegen die Goethesche und meine Auffassung stand. Demnach ist die Geschichtsphilosophie der Aufklärung und selbst noch Hegels monistisch verfaßt, die Marxistische hingegen dualistisch, insofern zwei sich bekämpfende Kräfte die Geschichte entwickeln, d.h. vorantreiben. Mit Spenglers monistischer Ursymbol-Theorie findet der zyklische Rückgang in den Monismus statt, worauf mit Kultur und Ingenium der Weg wieder in den Dualismus führt.

Von dieser Differenz der die Theorien bildenden Grundbegriffe ist zu unterscheiden, welche sonstigen Unterteilungen der Geschichte eine Theorie vornehmen mag. So ist die Vollgraffsche Theorie eine der Vierstufigkeit, worauf sie echt philosophisch (fast) alle Aspekte des Weltgeschehens abzubilden in Angriff nimmt, gleichwohl ist die Theorie eine monistische, indem die Geschichte diese vier Stufen ohne Zusatz einer zweiten Kraft durchläuft. Insofern hat ja auch die Spengersche Theorie wenigstens zwei Stufen (Kultur und Zivilisation), welche aber mit dem monistischen Prinzip des Ursymbols „geradlinig“ durchlaufen werden. Freilich wäre in beiden Fällen, insofern das Verfalsmoment wenigstens benannt ist, gleichsam eine zweite Kraft postuliert. Als theoretischer Begriff, der sich als Gegenbegriff etwa zum Ursymbol aufstellt, ist drgl. jedoch nie gehandhabt.

Eine zusätzliche wichtige Unterscheidung bildet die Frage der Umfassung der jeweiligen Theorie. So handelt es sich bei Marx im Grunde, wie im Falle des lingusitic turn zu Beginn des 20. Jahrhunderts (sprachkritische Wende), um eine aus lediglich einem Aspekt heraus schauende Theorie, hier aus dem Winkel der Ökonomie. Chamberlain gehört ebenfalls zu diesen Reduktoren auf ein Spezialthema, aus dem heraus dann alles erklärlich werden soll, indem (ebenfalls dualistisch und linear wie bei Marx/Engels) nun alles aus dem Rassenkampf folgen soll. Aber drgl. sogenannte Turns sind nichts weiter als Ausdruck der Beschränkung des Ausgangsmaterials und damit des Gesichtsfeldes (wenigstens der Theorie, die ausgeführten historischen Phänomene mögen dann weiter gefaßt sein, wie im Falle Chamberlains). Auf welchen Teilbereich des verfügbaren Kenntnisstandes man sich zurückzieht (ecomnomic turn, racial turn, linguistic turn) ist dabei letztlich gleich. Die Welt besteht in allen Fällen noch aus durchaus dutzenden anderen, mindestens ebenso wesentlichen Bereichen, die aus der Perspektive dieser Spezialbetrachtungen unbeachtet bleiben (obwohl man sie vielleicht miterklären zu können behauptet, gehören sie nur zu den Ergebnissen, nicht zum mitwirkenden Material), sodaß auch das philosophische Bild aus derartigen Theorien unvollständig sein muß.

Die echt philosophische Betrachtung muß abstrakte Begriffe bilden, welche, wie im Falle Vollgraffs, auch Spenglers (mit Abstrichen in der Aufklärung) auf alles Sonstige abbildbar sind, aber keinen ausgezeichneten Aspekt der Welt herausgreifen und aus ihm alles zu erklären beabsichtigen.

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Ein Gedanke zu “Geschichtsphilosophie bei Voltaire, Kant, Hegel, Marx, Vollgraff, Chamberlain, Spengler, Toynbee und in „Kultur und Ingenium“

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