Ein Plausch der Herren Stubbendorff und Lasser auf der Terrasse von Lassers Sommersitz in Saint Mammès mit Blick auf die Seine

Stubbendorff und Lasser treten aus der doppelflügligen Terrassentür eines klassizistischen Landhauses auf die durch große Terrazzoplatten gebildete Freifläche vor dem Gebäude, welche sich von halbhohen Feldsteinmauern umgeben nahe über’s Wasser hin ausbreitet.

Stubbendorff (sich umwendend): Eine nette Gemäldesammlung haben Sie da, mein lieber Lasser! Ich sträube mich ja gelegentlich gegen den Pointillismus, gerade wenn er in den Formen so nachlässig ist, weil er glaubt, die Technik und Farbwirkung überstrahle alles. Aber Ihre Auswahl ist offenbar von feinem Gespür begleitet worden.

Lasser: Meine Gattin war zugegen! — Scherz beiseite: Ich danke Ihnen, Stubbendorff, auf Ihr Urteil bilde ich mir nämlich mit Ihrer Erlaubnis einiges ein!

Stubbendorff: Erlaubnis erteilt, allerdings unter der Voraussetzung, daß sie mich statt morgen auch noch übermorgen hier ertragen wollen!

Lasser: Nichts lieber als das! Obwohl Sie sonst doch so schnell wieder heim wollen?

Stubbendorff: Wußte ja nicht, daß Sie’s hier so nett haben…

Lasser: Ich ahnte, daß es ganz nach Ihrem Geschmack wäre. Aber gleich so sehr?

Stubbendorff: Ach, wissen Sie, Lasser, ich habe diese deutsche Provinzialität so ordentlich satt! Immer die gleichen Ideenwelten, nicht die leiseste Variation der Anschauungen, alles bis zum Sankt Nimmerleinstags vorhersehbar, es ist doch mittlerweile solchermaßen ennuyierend, daß man jede Konversation, wenn sie über den heiteren Plausch im Vorbeigehen hinausgeht, so schnell wie irgend möglich zu ersäufen hofft, auf daß bloß diese Doudez-Ansichten nicht schon wieder auf einen prasseln.

Sie setzen sich auf die Gartenstühle an der Brüstung.

Lasser: Suchen Sie etwa Frondeure? Da mache ich Ihnen bei Ihrer Kapazität wirklich keine Hoffnung, Graf.

Stubbendorff: Ach, Sie Charmeur! Wenn es wenigstens den Geist beleidigen würde, aber da ist ja nicht einmal Schwung genug, um immerhin eine Kränkung hervorzurufen. Man möchte vielleicht auch einmal wenigstens verschnupft sein. Aber selbst darin scheitert der kleingeistige Deutsche.

Lasser: Na, mein Lieber, ob das nun grad die Deutschen sind? Das ginge Ihnen doch in Engeland nicht anders, oder wo immer Sie hindenken.

Stubbendorff: Nein, nein, keineswegs. Aber die deutsche Trotteligkeit hat schon ihre besondere Breite und Behäbigkeit. Ein Franzose wüßte es freilich auch nicht besser, aber er besäße die Ausdauer und Energie gar nicht, seine Bedeutungslosigkeiten so nimmermüde zu wiederholen, was immerhin eine leichte Sorglosigkeit übrig läßt.

Lasser: Ha! Deutscher Fleiß und deutsche Pedanterie… wem sagen Sie das! Aber man muß sich derweil eben abzulenken wissen. Denken Sie an etwas Schönes, Stubbendorff, simulieren Sie!

Stubbendorff: Ja, zu meiner Zeit konnte man auf das Gesagte bei solchen Gelegenheiten immerhin eine gedankenlose Träumerei verwenden, indem man den Schaulustigen an der gespielten Mimik oder gezierten Gestik spielte, in flatternden Kleidern oder dem Lichtspiel der Hüte versank, um unterdessen mit Allgemeinplätzen der jovialsten Art den Konversationsdrang der Dame in eine nimmer enden wollenden Wurstkette fortzugeleiten. Herrlich!

Lasser: Wurstkette? (lacht) Na, nun reden Sie aber von Zeiten vor ihrer Zeit!

Stubbendorff: Gar nicht! Kam aber auf Ort und Gesellschaft an.

Lasser: Und daß Sie ausgerechnet von Frauen reden… ich dachte, Sie schimpfen auf unsere Geschlechtsgenossen?

Stubbendorff: Verstehen Sie mich nicht falsch, ich träumte nur ein wenig. Männer glauben ja obendrein an die Bedeutsamkeit ihrer Rede. Ein sinnendes Mädchen plaudert einfach Bewußtseinsströme aus, die so unschuldig wie unprätentiös sind. Das haben wenige Männer. Meist nur die mit Geld und viel Langeweile. Dann stimmt aber auch zuweilen der Stil.

Lasser: Mir fehlt der Stil der Frauen, Stubbendorff! Aber ohngeachtet: – So unprätentiös kenne ich die Frauen nicht. Wenn sie etwas wollen…

Stubbendorff: …ja, außer freilich sie will etwas. Dann wird’s entweder bedrängend oder amüsant. Sie behalten Recht, Lasser, Frauen sind eben doch nicht die besseren Menschen. Ich vergaß.

Lasser: Vielleicht weil zu wenig Frau noch an ihnen ist?

Frau Lasser, eine vornehme Dame mit hochgestecktem Haar im weißen Kleid mit mittelbreiter, lachsfarbener Schärpe um die Tallie, vom Winde leicht verweht, tritt durch die Terrassentür nach draußen…

Stubbendorff (indem er sich erhebt zu Lasser): Was freilich unter uns bleiben sollte, (mit vielsagender Verschmitztheit hinzusetzend) Sie alter Simulant.

Lasser: Darf ich vorstellen…

*

Teil 2

3 Gedanken zu “Ein Plausch der Herren Stubbendorff und Lasser auf der Terrasse von Lassers Sommersitz in Saint Mammès mit Blick auf die Seine

  1. Dr. Caligari

    Sehr geehrter Herr Wangenheim,

    sehr schöne Rollenprosa, die sie dort verfasst haben. Darf man fragen, welche Absicht das fertige Werk haben soll? Ist es nur eine „literarische Verkleidung“ für eine Idee oder soll eine Geschichte erzählt werden?

    „Immer die gleichen Ideenwelten“, schreiben Sie.
    Nun, die Ideenwelten scheinen sich doch sehr gewandelt zu haben. Selbst ich kann das bei meiner eigenen Lebensspanne mit Sicherheit sagen. Was wird sich erst seit dem Jahre 1900 verändert haben.
    Durch Zufall habe ich die Tage mal wieder ein Lied der Comedian Harmonists gehört. Es handelt sich hierbei um eine jener Gruppen von Künstlern, die aus Deutschland in alle Welt fliehen mussten. „In einem kühlen Grunde“ – keine bloße Kopie oder Übernahme aus dem Ausland, sondern orginäres deutsches Liedgut. Vergleicht man das mal mit dem, was das Radio so alles bereithält, so erkennt man, denke ich, einen deutlichen Unterschied.

    Könnte man sich so etwas heute überhaupt noch vorstellen? Eine populäre Gesangsgruppe, die Werke aus dem Ausland adaptiert, selbst schreibt und zudem Gedichte von Goethe und Co. vertont? Ich glaube, das wäre eine Ungeheuerlichkeit. Es würde mich nicht überraschen, wenn einige Intellektuelle schon da aufschreien würden, was das denn für ein Nationalismus sei. Dabei sehe ich darin nichts spezifisch nationalistisches.

    Was den letzten Abschnitt angeht: Ohja, mir liegt die Konversation mit Frauen inzwischen auch sehr viel mehr als die mit Männern. Selbst wenn man vom geschlechtlichen mal absieht.

    Gruß ins Haus Wangenheim!

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  2. Ich grüße Sie! Die immergleichen Ideenwelten, die Stubbendorff meint, sind natürlich die, die er selbst wahrnimmt, kein Vergleich zu historischen außerhalb seiner Lebensspanne. Und je nachdem, wie alt man ihn schätzt, hat sich auch in seiner Lebensspanne darin nicht viel verändert. Im Übrigen sind hier die Ideenwelten aller weltanschaulichen Seiten gemeint, nicht nur der etablierten Anschauungen. Daher handelt es sich eher um ein Hoch auf die gepflegte, frei von weltanschaulichen Fragen geführte Konversation, die mit Recht einen weiblichen Zug hat.

    Das sind allerdings lediglich Gedankenfetzen. In der Tat steht dieses Gespräch gar nicht im Zusammenhang mit einer größeren Schrift. Und diese, welche Sie meinen, ist nunmehr der Idee nach seit 2013 in „Arbeit“. Ich wäre also nicht verwundert, wenn ich bereits Rentner bin, wenn dieser Roman vollendet ist. Ich habe gar keine Absicht irgend etwas fristgemäß zu beenden. Ich sammle nur und genieße. Aber wenn es denn einmal zu einem Abschluß kommen sollte, so ist es sowohl lebensweltliche Anschaulichkeit einer Idee als auch Geschichte.

    Was die Comedian Harmonists angeht, so muß ich Sie leider enttäuschen: „In einem kühlen Grunde“ ist keine Neuvertonung Eichendorffs. Es handelt sich um eine Volksliedmelodie aus der Feder Friedrich Silchers. Die CH haben es nur neu eingesungen. Zu dieser Melodie wird übrigens auch Kerners „Wanderer in der Sägemühle“ gesungen: https://www.youtube.com/watch?v=EVsr1Nksg6Y

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  3. Pingback: Die Heirats-Annonce – Lasser und Stubbendorff in Saint Mammès . Teil 2 – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

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