Die Kunst des Briefeschreibens

Wenn Theodor Wolff in seiner „Wilhelminischen Epoche“ über den epistolaren Stil Fürst Bülows redet, dann will diese Ouvertüre ein derartiges Genie der Briefkunst erwarten lassen, daß – ja erwarten lassen; denn wie sollte Wolff nicht selbst bemerkt haben, daß seine große Liebeshymne an die Episteln des Fürsten schwanenhalsiger ist als der Brief Bülows selbst, den er schließlich zum falschen Beweise, ja falschen Beweise, anhängt?

Zweifelsohne ist Wolff allerdings ein geschmeidiger, eleganter und wortzauberischer Autor, der sich eigentlich leisten können sollte, so dick dann doch nicht aufzutragen. Aber die Sache liegt hier anders. Denn der Beispielbrief des Reichslanzlers, den er daraufhin abdruckt, ist eine Kritik an Wolffs „Vorspiel“, einer öffentlichen Abrechnung mit dem doch recht eitlen Kanzler a. D. Der leckt manchmal spitz, dann wieder sehr zahm, seine verletzte Ehre als selbsternannter Kriegsverhinderer im Ruhestand, der eigentlich alles immer besser gewußt hätte, nachdem er aus dem Spiel war, und Wolff kann schließlich nach nur einer kleinen Richtigstellung die rein polemische Natur der Antwort auf sich beruhen lassen, indem er allzu ausführlich bemerkt, ja allzu ausführlich, daß man gegen Verstorbene keine selbstgefälligen Antworten mehr verfaßt, womit er zwar freilich recht hat, aber doch bei der sonstigen Feinheit seiner Denkungsart so ausführlich über diese Selbstverständlichkeit reflektiert, daß also mehr Begründung findet, weshalb er nun doch den Sieg davonzutragen sich rühmen darf. Es bleibt ein unwohler Geschmack zurück.

Er weiß es eben, den scharfen Piesacker und den verlegen machenden Schmeichler in einer Bravour zu geben, die sich auch in seinen Darstellungen des Grafen Monts oder des Fürsten Pückler-Muskau wiederspiegelt. Über Wolff jedoch wollte ich gar nicht sprechen. Vielmehr über die von ihm aufgeworfene Frage des gelungenen Briefes, der Kunst, einen Brief zu verfassen. Und da ich aus ganz verschiedenen Richtungen, also wesentlich vielgestaltigerer Herkunft Leserbriefe bekomme, als Wolff, der offenbar immer bloß mit wenn auch hochrangigen Diplomaten zu tun hatte, sind meine Stücke sicherlich oft schlechter, aber eben auch hier und da deutlich besser als das, was zumindest in diesem, wie Sie bemerkt haben, etwas pikanten Fall von Fürst Bülow auf den Wolffschen Schreibtisch flatterte.

Freilich strotzt hier nichts von Zitaten, was Bülows Spezialgebiet gewesen zu sein scheint, keine Masse an franzöischen Sprichwörtern und literarischen Anekdoten. Aber das zählt wohl auch nicht zum eigentlichen Können des Briefeverfassens, wenngleich es ungeheuer schmückt. Mehr noch aber schmückt, wer ähnlich Gutes schreibt, indem er sich selbst zitiert. Weshalb also bei viel erborgtem Blendwerk schon Zweifel angebracht ist, ob der Verfasser der epistolarischen Schönheit sich nicht vor allem mit fremden Federn schmückt und wie es nach Abzug solcher addierten Nullen mit dem Briefe aussieht – und ich sage das freilich aus Enttäuschung vor dem abgedruckten Bülow-Brief, der bei aller Richtigkeit doch eigentlich recht gewöhnlich daherkommt.

*

Es wundert mich zunächst einmal keineswegs, daß man früher das Personal wohl zielsicher aus den Bewerbungsschreiben auszusuchen imstande war. Es spricht von der graphologischen Analyse ganz abgesehen (die auch ich meist nicht zur Verfügung habe: Sie wissen, die Elektropost) derart viel aus einem gut oder nur mittelmäßig bis albern verfaßten Briefe, daß er sowohl breite Stil- als auch Charakterkritik ermöglicht – wenngleich ein Bewebungsschreiben im Grunde wenig Raum läßt, zumal der gelungene Brief ja Bildung voraussetzt, welche beim Personal freilich… also, Sie wissen, was ich sagen will: Ein guter Brief ist ein Zeichen klarer Gemüts- und Geistesverfassung, sowie charakterlicher Substanz.

Wie im täglichen Umgang mit Menschen ist heute der Brief manchmal so banal, daß man über den Untergang des Abendlandes lamentieren möchte. Aber verteufeln sollte man die Lage keineswegs. Sie gibt immerhin dem Ungenierten dauerhaft die Freiheit seine fragwürdige Konstitution ganz unverhohlen auszuleben. Und also verschleiert keine Norm, keine gesellschaftliche Gewohnheit und Selbstverständlichkeit seinen vielleicht etwas fragwürdigen Charakter. Kurz: Wenn sich jeder Benehmen kann, wie er will, ohne von der Gesellschaft nachdrücklich mächtig zur Raison gebracht zu werden, dann ist er als Vertreter seiner Klientel eben auch sehr schnell zu identifizieren. Das hat etwas Gutes. Und auch wenn die Übergänge fließend sind, wie jeder aus dem täglichen Umgange weiß, trennt sich an irgend einem Punkt eben doch die Spreu vom Weizen:

Von Form & Stil zunächst abgesehen, fallen die Grundformen des nichtssagenden Briefes & des vielsagenden Briefes auf. Der eine schreibt um des Schreibens, der andere um eines Gedankens willen. So wie es im Gespräch jene gibt, die sich selbst ausgenommen gern reden hören, auch wohl gern ein Gespräch führen wöllten, wenn sie nur wüßten, wie das geht, stattdessen aber produzieren und produzieren, bis der Dauerbeschallte mit Kopfschmerzen das Weite sucht. Das ist nun nicht zu verwechseln mit Menschen, die tatsächlich viel zu sagen haben und auch angenehm zu reden imstande sind, Gedanken äußern und zur Gegenrede anregen und sich dessen auch vollends bewußt sind.

Aber wir wollen ja nicht über die gelungene Konversation sprechen, sondern eigentlich die Briefkunst betrachten. Und diese erste Form des nichtssagenden Briefes hat im Grunde eben nichts mitzuteilen, der Verfasser will auch nichts wissen, er hat nur Tatsachen, seine Tatsachen zu vertreten, von denen er glaubt wunder wie groß oder tief sie sind (wobei hier ausschließlich von nicht-konktroversen Dingen die Rede ist, ich meine also nicht Briefe, deren Inhalt ich nicht teile) und erwartet ohne dabei auch nur ein wenig ins Schmunzeln zu geraten, daß allein das den Empfänger reizen müßte, einem derart mit Einfallsreichtum und Röntgenblick ausgestatteten Menschenkinde huldigungsvoll eine tief interessierte Antwort zuteil werden zu lassen. Doch derartige Selbstgespräche in Briefform nennt man im Artilleristendeutsch: einen Rohrkrepierer.

Der gelungene Brief, der eine Idee, einen Kommentar, eine Frage mit sich führt, also überhaupt einen erwachsenen Menschen an der Feder hängend vermuten läßt, muß in dieser Bezogenheit auf den Empfänger auch begründen, wieso er ihn verfaßte. Warum geht der Brief gerade an ihn und ihn an? Schmeichelt er zu diesem Zweck, vertrocknet er gestelzt oder weiß er es vielleicht doch in einer kenntnisreichen Betrachtung, aber en passant in zwei Nebensätzen fallen zu lassen?

Was erfährt man über den Schreiber? An wem übt er Kritik, ist sie überheblich oder vorsichtig (und dennoch witzig!), fundiert oder äußerlich (und auch darin kann sie immerhin gewitzt sein), worin hat er sich vielleicht getäuscht und teilt dies mit, wo meint er zu wissen, ist drgl. auch wiederum nicht ins Gesicht und gewissermaßen unter Erleuchteten ausgetauscht, sondern natürlich-glaubhaft begründet?

Sie lägen nun völlig falsch, wenn Sie in der allerdings witzigen Überlegung kreisen würden, ob der Wangenheim nicht Anleitung geben wollte, wie man ihm bitte zukünftig keine Briefe mehr schreibe. Ich hoffe Sie überzeugend zu beruhigen, daß ich dergleichen schon aus Gründen der Vielfältigkeit nicht im Auge hatte, auch eine Belehrung in so weitgehenden Dingen wie Charakter und Stil ohnehin etwas mehr erfordert als einen kurzen Aufruf, sondern da ich zuletzt einen Brief der ausgesprochen guten Sorte und vor einger Zeit einen der anderen Sorte erhielt und die frappierende Differenz einfach zu deutlich war, als daß mich dies nicht zu einer Vergleichung herausgefordert hätte.

Es ist dabei für mich weniger das negative Beispiel, das sicher ebenso gut gemeint aber eben nur sehr viel weniger gut ausgeführt war, als die überraschend wohltuende Art, in der Mancher in gemessener Form, gut abgewogen und merklich ungeschult gewissermaßen aus der Parceval’schen Lameng heraus einen Brief in nahezu vollendeter Form niederzuschreiben weiß: Keine Auto-Biographie, kein Aufsatz, sondern alles in eine natürliche und unterhaltsame, gut lesbare und substanzreiche Darstellung zu bringen.

Und dabei überrascht es doch ein wenig, daß es gerade bei literarischen Naturen zu hapern scheint; Naturwissenschaftler, Ökonomen, Juristen & manchmal Philosophen hingegen viel häufiger geborene Briefschreiber sind. Nun mag das eine Auswahl meiner Leser sein. Aber vielleicht hilft es auch hier, in dem Fach, in welches die Arbeit fällt – und die Epistel ist nun mal ein literarisches Genre – nicht verbildet zu sein.

 

*

 

 

 

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.