Märchendeutschland in Bamberg

Es ist ein großes Geschenk, wenn man in meinem Alter noch Entdeckungen machen kann. Und freilich, im kleineren Maßstab tue ich das unentwegt, in der Musik, bezüglich Landschaften, dann und wann Menschen, häufig in der Literatur, immer wieder Architektur, ja mir scheint, des Lebens Sinn, sofern es einen gibt, ist die Entdeckung der Welt. Aber zweifellos gibt es die kleineren und die größeren Entdeckungen. Bamberg ist eine größere, um nicht ganz große zu sagen.

Nun lächeln Sie vielleicht ein wenig: Bamberg? Das ist alles, Herr Wangenheim? Ein fränkisches Kaff? Nun, gewiß reise ich nicht im Sinne herkömmlicher Urlaubsfahrten und des Jetsetting, sondern im wesentlichen nach viel schärferen Kriterien des Seltenen. Nicht bedeutende Kirchen sind mein erstes und einziges Ziel (wenngleich Bamberg davon reichlich besitzt, insbesondere italienisch anmutende Fassadenbauten des Barock), nicht Schlösser und Burgen, obwohl ich sie freilich alle mitnehme, sondern der im Grunde seltenere Bauernhof des 18. Jahrhunderts, das Bürgerhaus des 16. und die gelungene Jugendstilfassade in irgend einer Nebenstraße. Und vieles mag selten sein, das Seltenste aber ist das Nicht-mehr-Vorhandene. Und das ist Märchendeutschland.

Da können Sie die einsamste Insel mit einem 12-Millionen-Dollar-Anwesen danebenstellen und es verblaßt vor Bedeutungslosigkeit, Sie können einen Wolkenkratzer von 800, von mir aus 1200 oder 1800m Höhe vorbringen und er schrumpf dabei zur Gleichgültigkeit eines Garagenbaus zusammen, Sie können selbst die Pyramiden zur Vergleichung heranschleppen – all das mag oberflächlich mehr beeindrucken, aber der wahre Genießer, der Kenner und Sehnsüchtige der Geschichte, des gänzlich Anderen, des ausgenommen Unbekannten und doch so nahen, des nämlich endgültig (oder doch nicht?) Verlorenen wird ohne mit der Wimper zu zucken ein Weltreich für einen Nachmittagsspaziergang durch eine wiederauferstandene mitteleuropäische Stadt vergangener Jahrhunderte geben. Und genau dieses Genusses wird man in Bamberg teilhaftig.

Freilich, in etlichen deutschen Städten – und wir reden ja deshalb über Deutschland, weswegen auch die englischen Grand-Tourer des 19. und sogar noch des 20. Jahrhunderts zunehmend nach Deutschland statt nur Italien fuhren, nämlich weil das romantische Zentrum Europas, das in den Grenzen des frühen Heiligen Römisches Reiches lag (von Amsterdam bis Wien und von Danzig über Prag bis Straßburg), eben ein ästhetisches Feuerwerk von einer nirgendwo auf der Welt erreichten Mannigfaltigkeit darstellt –, in etlichen deutschen Städten also, wollte ich sagen, finden Sie natürlich viele Einzelgebäude, manchmal eine ganze Ansicht, ein Fotomotiv, das Ihnen sehr historisch vorkommen mag. Und gelegentlich ist es das auch.

Vielleicht aber auch nicht. Denn ein bißchen verbaut ist dann doch alles. Und seien es nur die Schornsteine. So ist eben der Blick des etwas feineren Beobachters durchaus entzückt, wenn das Dach des Bamberger Hofs noch den schmiedeeisernen Orginal-Schriftzug des ausgehenden 19. Jahrhunderts trägt, wenn die uns heute verschwenderisch erscheinende Zahl von Gauben in den Dächern noch vorhanden ist, die vielen Fensterläden und eben auch die historischen Schornsteine.

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Bamberger Hof mit historischem Werbeschriftzug als Dachreiter

Das alles macht aber noch nicht die Ansichten des alten Märchendeutschland aus. Denn es fehlt das entscheidende: Die gewachsene, ja ich möchte sagen Komposition der Stadtanlage, die von den ersten Siedlern und ihren mittelalterlichen Grundrissen begründet, über Jahrhunderte in Mauern beengt, sich hinauf und hinüberhangelte, zu einer Bachschen Architektur-Fuge gesetzt von Dutzenden und Hunderten Bauherren, selbstbewußten und strebsamen Handwerkern, Bürgern, Geistlichen und Adligen der Frühen Neuzeit, die es verstanden ein Mischmasch der Stile zu Schatzkammern zu arrangieren – und hoffentlich nur behutsam oder in den Speckgürteln neubauenden Architekten des Historismus.

Selbst aber wenn dergleichen bis heute erhalten blieb, haben wir doch nur eine schöne historische Altstadt. Märchendeutschland, also Spitzweg’sch (von mir aus Schwindt’sch oder Hey’sch) wird es erst, wenn Landschaft, wenn Höhenunterschiede, die historischen Flußarme hinzutreten, selbst kleine Inseln mit Häusern und Burgen beschenkt werden, wenn also die Gebäude sich nicht nur selbst gegenseitig bedingen, sondern zusätzlich der Formgeber der Natur hinzutritt. Sprich: Wenn Prunk und Gemeinheit sich nicht mehr beliebig auf der Fläche ausbreiten können, sondern auf engen Raum, in Winkel und Gassen gezwungen werden, wo Sie uns plötzlich noch dreimal lieblicher vorkommen, ja wo wir die bürgerliche Gesellschaft, das Miteinander und Gegeneinander historisch verbürgt zu Stein geworden sehen.

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Unterer Stephansberg in Bamberg

Nehmen wir diese Spitzweg-Ansicht am unteren Stephansberg: links der steile Hang, von Mauern abgefangen, aus dem das Grün satt und saftig heraus-exuberiert; obenauf, hinter einer Balustrade, die Terrasse des vornehmem Chorherrenhofs des 18. Jahrhunderts, rechts die einfachen Bürgerhäuser des vorangegangenen und mit der Biegung der Gasse, das Palais eines reichen Kaufmanns, das barocke Böttingerhaus, das mit historistischer Fülle und gemäldehaft verspielten, schmalen Giebelchen, Giebelfenstern und Kolossalsäulen, die das erneut Vertikale dieses ingenen Stils wiedergeben (siehe Kultur und Ingenium), das Ensemble mit seiner etwas betretenen Pracht in den engen Gassenlauf eingeengt, um nicht verschüchtert zu sagen, abrundet. Und bitte beachten Sie: Das ausdrücklich Gemäldehafte an dieser Ansicht ist nicht zu geringen Teilen dem kleinen Wald an verzierten und gelochten Schornsteinen zu verdanken, die das Böttingerhaus akurat historisch trägt. Diese Ansicht hat in der Tat selbst vor 200 Jahren, also in der guten alten Zeit, nicht anders ausgesehen.

Übrigens ist auch dieses barocke Haus ein herrliches Gegenbeispiel für all jene Argumente der angeblich zu großen Verspieltheit des Historismus, die uns mancher Purist des Klassizsimus einreden will. Und vielleicht hätten auch Sie zunächst getippt, daß dieses Haus genau das ist, was nach deren Geschichtsbild einzig noch übrig bleibt, nachdem doch alles echt Vorindustrielle zurückhaltend sei: ein Bau des Historismus. Nein, nein, Herr Schultze-Naumburg, das ist die Baukunst des Jahres 1713 – und ein fantastisches Beispiel derselben dazu.

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Rathausbrücke . Bamberg

Das Titelbild, das das alte Rathaus Bambergs mit seiner Fassadenmalerei als Brückenbau mitten in der Regnitz durch zwei Doppelbrücken mit den beiden Stadtteilen verbunden, zeigt, ist sicherlich inmitten der rein historischen Umgebungsbauten der Höhepunkt des ganzen Stadtkerns, ein reines Abbild der Blütezeit abendländischen Stadtarchitektur. Hinzu kommt aber auch der Domberg mit seinem geschlossen historischen Bild und die verschiendenen Märkte.

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Neue Residenz auf dem Domberg (ebenfalls mit historischen Schornsteinen) . Bamberg

Und doch, neben all den beeindruckenden Großbauten ist das endgültig Frappierende an Bamberg, daß man stundenlang umherlaufen kann und mit jeder Einbiegung wieder geradezu vor den Kopf gestoßen wird, da sich eben keine moderne Fassade zwischen die historischen Gebäude quetscht (obwohl es die vereinzelt im Zentrum gibt), sondern schon wieder alles nach dem märchendeutschen Reinheitsgebot gestaltet ist. Das ist letztlich auch der Grund, weshalb man hier mit nur zwei Tagen völlig überfordert ist.

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Obere Karolinenstraße . Domberg . Bamberg

Da jedoch so viele Stunden touristischen Genusses von uns genommen sind, weil Bamberg eben doch keine alltägliche Perle ist, darf man gern wiederkommen, den Eindruck erneuern, das Bild als Ganzes in sich aufnehmen. Ich kam auch nur wieder, insofern ich als Kind schon in Bamberg war, freilich ohne den nötigen Blick besessen zu haben, aber vielleicht doch unter diesem kurzen, unverstandenen Eindruck unterbewußt tief bewegt und von manchem Traumbild ergriffen, bei dem es wohl diesmal zu keinem déjà vu gereicht hat, das jedoch jahrelang reifen konnte und mitgewirkt hat an der Sehnsucht, die nun einmal so ganz gestillt werden konnte.

Auch Nürnberg sah ich als Kind, wer weiß also, was mir noch zu entdecken bleibt. Es gilt daher der weise Satz eines Mannes, den ich ihnen mangels Gedächnisses nicht nennen kann, der aber doch sagte:

Entdecke mit Maß und Besinnung, denn der erste Blick kehrt nicht zurück.

 

*

 

 

 

 

 

 

9 Gedanken zu “Märchendeutschland in Bamberg

  1. Ein Wahlbamberger

    Sehr geehrter Herr Wangenheim,

    ich bedanke mich aufrichtig bei Ihnen für diesen Beitrag! Ob der von Ihnen erwähnten Gründen – sowie wegen der noch lebendingen deutsch-fränkischen Kultur, des Bieres, der Leute, der Beziehung zu Claus von Stauffenberg und anderes mehr – bin ich vor mehr als zehn Jahren nach der Domstadt Bamberg gezogen. Wenn Sie rechts von der Gaststätte Torschuster (Obere Karolinenstraße) in die Michelsberger Straße eingebogen wäre (was vermutlich auch geschah), wäre Ihnen nicht nur die Michaelskirche, sondern ebenfalls ein wunderschönes Barockpalais ins Auge gesprungen. In diesem „fränkischen Kaff“, von dem auch Stefan George dichtete, läßt sich in der Tat gut leben!

    Im Übrigen: Falls Sie momentan noch in Bamberg weilen sollten, dürfen Sie mir gerne hier Bescheid sagen.

    Herzliche Grüße

    Ein Wahlbamberger

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  2. Danke für den Beitrag!
    Ich war mit einer Bekannten vor 20 Jahren in Bamberg wegen des „Katers Murr“…
    Und ich kann es nur bestätigen: wer Ruhe für Augen und Gemüt sucht, findet das in Städten wie Bamberg. Und steht man mittendrin, dann sollte man das „Angebot zum Eindrücke sammeln“ auch annehmen.

    Gefällt 1 Person

  3. Ein Wahlbamberger

    Das ist doch schön! Wie Sie schon geschrieben haben, reichen zwei Tage in Bamberg nicht aus. Falls Sie Zeit und Lust haben sollten, würde ich mich anläßlich Ihres nächsten Aufenthaltes in dem fränkischen Rom über ein persönliches Kennenlernen sehr freuen.

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  4. Ein Wahlbamberger

    Herrlich! Obgleich es etwas dauern wird, ist das kein Problem. Es ist hier derart schön, daß ich nicht daran denke, wegzuziehen. Leider sah E.T.A. Hoffmann das anders. Vielleicht fehlte ihm sein Königsberg! Außerdem war er Weintrinker und, wenngleich Bamberg im Hochmittelalter noch Weinstadt war, änderte sich das ab dem 14. oder 15. Jahrhundert durch eine Klimaänderung. Hegel dagegen lobte den Bamberger Gerstensaft mit den ganz unphilosophischen Worten: „Das Bier hier ist gut“!

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  5. Ein Wahlbamberger

    Da haben Sie aber wiederum Recht! Mein Kommentar wurde allzu eilig und voller Begeisterung verfaßt!

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