Das große Filmduell: Die Oscar-Gewinner der 30er-Jahre und die Ufa-Produktionen, oder: Wie die Deutschen das Kino erfanden.

Zuletzt, als ich über ein wieder einmal großartiges Drehbuch eines deutschen Films der 30er-Jahre berichten konnte, gab ich – etwas bescheiden – an, ich würde vielleicht nicht genügend Hollywood-Filme der Zeit kennen. Das war freilich etwas untertrieben. Und doch wollte ich einmal systematisch sehen, ob ich nichts übersehen hätte. Also nahm ich mir vor, die Oscar-Gewinner der 30er Jahre, also der ersten Tonfilme, anzusehen.

Aber schon bei der Ausführung dieses mir selbst gestellten Auftrags kam ich schnell zum deutschen Film zurück. Denn die erneute Erfahrung lehrte mich nur, was ich bereits aus vielerlei Beispielen zuvor ersehen hatte: Der deutsche Tonfilm der frühen Jahre ist eine Liga für sich.

Ich habe bereits früher von einzelnen Filmen den Vergleich zu ihren westlichen Konkurrenten gezogen, so etwa bei Bomben auf Monte Carlo oder F.P.1 antwortet nicht. Ich möchte diese Gegenüberstellungen nun erweitern und daraus manchen Schluß für die Filmentwicklung im Ganzen ziehen.

Um Ihnen einen Einstieg in das völlig disparate Verhältnis des deutschen Films zu den amerikanischen Produktionen der Zeit vor Augen zu führen, ist der Kontrast zweier Streifen, die ich zuletzt hintereinander sah, bezeichnend, wenngleich sie fünf Jahre auseinanderliegen: Broadway Melody (1929) und Gold (1934).

Gold handelt von einem guten Freund und Mitarbeiter eines deutschen Professors, der es mit hochmoderner Technik (statt der hergebrachten Alchemie) versucht, aus Blei Gold herzustellen. Nicht der Erlangung von Reichtum wegen, sondern zum Wohle des wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritts… Man nimmt, um ehrlich zu sein, Hans Albers diese Rolle nicht ganz ab. Aber vielleicht sage ich zunächst ein paar Sätze zu Albers im Allgemeinen:

Ich kenne Hans Albers natürlich wie jeder schon seit recht frühen Jahren. Allerdings mochte ich ihn in seinen Zerrwanst-Nachkriegsfilmen gar überhaupt nicht gut leiden. Die ständige Tränendrückerei war mir unsympathisch – zumindest als Jugendlichem. Es ist eben die Knickrichkeit und Provinzialität der Nachkriegszeit, die nicht nur im Film, sondern auch in der Mode usw. bis heute angehalten hat.

In den 30er-Jahre-Filmen jedoch ist er ein ganz anderer und hat sich daher zu einem meiner Lieblingsschauspieler entwickelt, je mehr der frühen Tonfilme ich von ihm sah. Und das geht von der Draufgängerkomödie Der Mann der Sherlock Holmes war oder der Tragikkomödie Bomben auf Monte Carlo, jeweils mit Heinz Rühmann in der akkompagnierenden Zweitrolle, über den Märchenfilm Münchhausen, die melancholische Heldengeschichte aus F.P. 1 antwortet nicht bis hin zum reinen Agenten-Abenteuer-Film Ein gewisser Herr Gran. All das beherrscht Albers famos.

Ich schiebe das ein, damit mir niemand denkt, ich würde Albers das schauspielerische Talent absprechen, wenn ich sage, als Werner Holk habe er in Gold seine Idealrolle nicht gerade gefunden. Man kauft ihm den Agenten, den Hochstapler, den einsamen Helden, den Kapitän usw. bestens ab. Aber den wissenschaftlichen Assistenten? Nicht so recht. Es ist aber bezeichnend, welche fesselnde Wirkung der Film dennoch entfaltet. Und das liegt wie immer nicht allein und nicht einmal hauptsächlich an den Schauspielern, die in Deutschland unbedingt besser gewesen wären als in Amerika, nein: Es sind die großartigen Drehbücher, die hierzulande für die frühen Tonfilme geschrieben wurden.

Denn während der oben erwähnte Oscar-Gewinner des Jahres 1930 Broadway Melody eine ziemlich verhurte Liebesgeschichte vor dem Hintergrund einer Broadway-Musical-Produktion zeigt, deren einziger Kniff ist, daß das ursprüngliche Paar sich trennt und die beste Freundin der ehemals Geliebten zur neuen Affaire wird, entwickelt sich Gold neben dem persönlichen Rachefeldzuges des Werner Holk gegen den skrupellosen schottischen Minen-Millardär Wills zu einer tiefgründigen Abhandlung der gesellschaftlichen Folgen einer Goldinflation, die ganz offen einer Gelddruckerei gleichgesetzt wird und damit natürlich deutsche Erinnerungen der Inflationszeit heraufbeschwört, nicht weniger aber auch in unsere Zeit des Gelddruckens der Zentralbanken paßt. Nebenbei bemerkt sind die technischen Anlagen besonders der gigantischen Maschine im schottischen Bergwerk auch kulissentechnisch derart überzeugend, daß man über manche Jahrzehnte später entstandene Kulisse aus Bond-Filmen nur müde lächeln kann.

Während also in Amerika eine Stunde vierzig mit vielen langweiligen, ja absurden und moralisch widerwärtigen Minuten (die in Spenglers Beschreibung der Beziehungsprobleme der modernen Großstadtdame wie die Faust auf’s Auge passen), in denen eine scheinbar glückliche Liebschaft, die kurz vor der Heirat steht, (nebenbei von Bessie Love großartig verkörpert) als Spielerei entlarvt und die ganze Zeit betrogen, gelogen und Oberflächlichkeit zur Schau getragen wird, geht die Liebesgeschichte in Gold ganz anders aus: Während die Verlobte in der Heimat zurückbleiben muß und der Held in der Ferne die gewandte und sympathische Tochter des Magnaten kennenlernt, die so ganz anders als ihr Vater ist, kommt dort bei aller Hin- und Hergerissenheit nicht einmal eine Affaire zustande – und freilich beibt die moralisch-wirtschaftlich-wissenschaftliche Frage der Rechtmäßigkeit einer solchen Erfindung dominant. Über eine solche echte Erzählung, auf die man sich parallel beziehen könnte, verfügt aber das amerikanische Pendant gar nicht.

Ich will nicht sagen, daß man im Hollywood der 30er-Jahre den Schnitt oder Szenenfolgen nicht verstanden hätte, aber es ist schlicht kein Material da, um das ganze wirkungsvoll anzuwenden. Die Abfolge von Musical-Nummern im hysterischen Beziehungs-Wirrwarr, das doch immer gleich ist und praktisch keine Entwickung kennt, ist an Gleichförmigkeit kaum zu übertreffen, und kann von ein paar Wortwitzen auch nicht ausgeglichen werden. Aber dieser Film, der einen nicht selten aus Langeweile ungeduldig auf dem Sessel herumrutschen läßt, ist allen ernstes der Oscar-Gewinner des Jahres 1930!

Zugegeben: Viele der mir teils deutlich besser gefallenden Musikfilme mit Fred Astaire basieren auf demselben einfachen Schema, aber hier ist doch dann wenigstens der Hays Code in Hollywood in Anwendung, was die lächerliche Hurerei in den ganz frühen Tonfilmen wenigstens ausgesondert hat. Und das heißt, daß Astaire eben der galante und moralisch integre Charmeur ist, die Dame mehr oder weniger keck oder schwer zu gewinnen, je nach Plot, und sehr gute Tanznummern und Musik durchaus für ein bis zwei Stunden gute Unterhaltung sorgen.

Nun sind die beiden Beispiele, die ich Ihnen angeführt habe, zwar völlig verschiedene Genres, aber 1. zeige ich Ihnen noch, daß dergleichen durchaus repräsentativ ist und 2. gibt es das „Genre“ des wirklich innovativen Drehbuchs in Amerika einfach nicht. Zumindest hat es davon keiner zu einem Oscar „Bester Film“ geschafft. Denn welche Filme haben diesen denn noch gewonnen, außer jene Broadway Melody?

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Nun, vor allem Historienfilme. 1929 Im Westen nichts Neues, also ein Kriegsdrama, das ich zugegeben nie gesehen habe. 1934 Cavalcade: Das ist gewissermaßen ein Downton-Abbey des Jahres 1934. Die generationenübergreifende Geschichte einer gut situierten englischen Offiziersfamilie mit zwei Söhnen wird erzählt, dazu die des Personals downstairs. Die Jahre von 1899 (zweiter Burenkrieg) und 1933, inlusive Titanic-Tragödie und Weltkrieg, sowie die Verlotterungen in der neu anbrechende Zeit sind die Themen des Handlungszeitraum. Und obgleich das alles sehr nahtlos und gekonnt fabriziert ist, fehlt dem Film freilich ein eigentliches Drehbuch. Überraschend kann es bei solchen Historiendramen ja ohnehin nicht zugehen – die Geschichte steht nun mal fest –, außer eben, was die Feinheiten des persönlichen Erlebnisses betrifft. Diese Feinheiten aber hat der Film gar nicht Zeit ausreichend zu motivieren. Die Figuren können ja offensichtlich jeweils nur in kurzen Lebensausschnitten gezeigt werden, woraufhin sie in der nächsten Szene gewissermaßen schon ganz andere, nämlich ältere Menschen sind. Diese Zusammendrängung zu einem Film, was bei Downton-Abbey über etliche Episoden aufgebaut wird, läßt den Film zu einer Art Chronik verkümmern. Hat das Ganze dennoch seine wirkungvollen Momente? Ja. Hat es abgesehen von diesem historischen Element etwas Eigenständiges? Kaum.

Was also zunächst nach einer Art amerikanisch-englischen Buddenbrooks in Filmform aussieht, wird schlicht zu einem Panorama über die guten alten Zeiten. Auch die Meuterei auf der Bounty (Oscar 1936) ist ein Historienfilm, so wie Das Leben des Emile Zola (Oscar 1938). Solche Biografischen und Historienfilme hat es natürlich auch in Deutschland gegeben, vom alten Fritz, von Tschaikowski, von Robert Koch, Friedrich Schiller usw. – aber das sind eben auch die uninteressanteren deutschen Filme.

Übrig bleibt in Hollywood It happened one Night (Oscar 1934), was eine schöne Roadtrip-Liebesgeschichte ist, aber auch jeder höheren Idee entbehrt, ein Western und die ziemlich schwache Geschichte von Grand Hotel (Oscar 1932). Auch das ist ein Paradebeispiel eines schwachen und doch außergewöhnich erfolgreichen Fims.

Grand Hotel beginnt mit einer Reihe von Telefongesprächen in den Zellen des Hotels, womit die Figuren vorgestellt werden, deren sehr verschiedene Lebensläufe und Absichten sie ins Hotel brachten. Das ist zugegeben eine interessante Einführung. Auch entwickelt sich recht schnell der eine oder andere Charakter. Ausgezeichnet gespielt ist Baron von Gaigern (John Berrymore) und das bezaubernde Fräulein Flämm, genannt Flämmchen (Joan Crawford). Auch bildet sich mit der Zeit eine wirrwarrne Verstrickung zwischen den Charakteren, die allesamt konträre Ziele und Möglichkeiten haben. Der eine braucht Geld, der andere eine Frau, die nächste Ruhm, der eine hat Geld, will aber keine Frau, pfeift auf’s Ansehen usw. Und während auch sympathische Charaktere letztlich unglücklich scheitern, steht nach einem inmitten dieser Rangeleien geschehenen Mord das unwahrscheinlichste Pärchen allein glücklich da. Man weiß nicht recht wie viel hier Komödie, wie viel ernste Tragödie sein soll. Das wird auch durch das schlechte (aber meist sehr gelobte) Schauspiel der Great Gabo (die eine exzentrische Tänzerin verkörpert) unterstützt. Für den Komödiencharakter spricht überhaupt der Schauort eines deutschen Hotels mit komischen deutschen Namen, was dem Ganzen gerade für amerikansiche Ohren einen heiteren Grundton verleiht.

Ist es unterhaltsam? Meistenteils ja. Und doch wartet man, wann nun all die Handlung schließlich einmal greift, die Stränge zusammengführt werden und das Ganze über das Operettenhafte hinaus überraschend oder ergreifend, wenigstens spannend wird. Und freilich, das ist alles gar nicht so gedacht. Der erste und letzte Sprechkommentar des Films lautet nämlich selbstredend: Grand Hotel. Always the same. People come. People go. Nothing ever happens.

Was mir an Filmen der Depressions-Ära übrigens schon immer mißfallen hat und nur in den Astaire-Filmen und manchen Komödien ausbleibt, das ist der sozial-moralische Zeigefinger (in Grand Hotel zwischen dem plumpen Direktor Preysing (Wallace Beery) und Otto Kringelein (Lionel Barrymore), einem Fabrikbesitzer und seinem Angestellten). Die Gerichts- und Erbschaftsfilme der Zeit sind voll davon. Am Ende gewinnen immer überaus plump und vollkommen unrealistisch die Interessen der armen Gebeutelten. Man kann das aus der historischen Situation heraus verstehen, aber für gute Filme hat das nicht gesorgt.

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Dagegen sind die gekonnten Erzählungen und Drehbücher der deutschen Filme eine Genugtuung von ungeahntem Ausmaß. Und dabei will ich das Wohlgefühl, daß hier alles auf den deutschen Zuschauer zugeschnitten ist, daß der Wortwitz natürlich deutsch ist, daß die Ernsthaftigkeit in der Sache, der Witz am Rande unserem Gemüt entspricht, daß die Charakterstärke der Figuren ganz unser ist – alles Dinge, die im amerikanischen Film nie vorkommen und sich allerhöchstens in oberflächlicher Moral ergießen – gar nicht in Anschlag bringen, obwohl diese Gewißheit, daß die großen Ideen, die weltbewegenden Draufgänger und auch der technisch und erzählerisch tiefste Beitrag seinerzeit aus unserer Filmschmiede kam, das sehr angenehme Gefühl vermittelt, daß diese Filme nicht nur von uns, sondern auch für uns gemacht wurden.

Man fühlt sich daheim und unter den Seinigen. Das ist etwas anderes als laufend Filme anzuschauen, die ein fremdes Volk, nämlich die Amerikaner hervorbringen – wenngleich nicht zuletzt Astaire ein halber Deutscher ist, wie die Amerikaner überhaupt, nachdem Ende des 19. Jh. Millionen Deutsche ausgewandert waren. Es ist aber doch etwas anderes, wenn es aus Eigenem stammt und das Eigene zeigt. Man fühlt sich als Zuschauer ganz anders mit den Figuren verbunden.

Nun kommt diese Tiefgründigkeit des deutschen Tonfilms freilich nicht aus heiterem Himmel. Denken Sie etwa an den frühen, ja ersten Kunstfilm Der Student von Prag (1913) oder Nosferatu (1922), eine schauerlich-mystischen Reise- und Romantik-Saga der Stummfilmzeit. Metropolis (1927) ist das wohl erste Beispiel des ernsthaft-futuristischen, also Science-Fiction-Films, wie er in Gold (1934) wieder auftaucht.

Das heißt nun nicht, daß es den leichten Film in Deutschland nicht gäbe. Im Gegenteil. Vom Gassenfeger Die Drei von der Tankstelle (1930) über Der Mustergatte (1937), Viktor und Viktoria (1933), Ungeküßt soll man nicht schafen gehn (1936), Liebesbriefe aus dem Engadin (1938), Nanu, Sie kennen Korff noch nicht? (1938), Münchhausen (1943), Die Feuerzangenbowle (1944) könnte man eine bald endlose Reihe von heiteren Unterhaltungsfilmen herbeten. Selbst Filme mit frivolen Themen und sogar mehr nackter Haut als Sie in amerikanischen Filmen je sehen werden, sind eben doch anständig und eigentlich dramatisch-tragisch, wie das Beispiel Der Postmeister (1940) zeigt – die entfernte Verfilmung einer Puschkin-Erzählung.

Selbst die Neuverfilmung eines französischen Stummfilms, wie Der Florentiner Hut (1939), ist so erfrischend voll von witzigen Kniffen und filmerischen Ideen, daß man gelegentlich über die Experimentierfreude baß erstaunt ist. Ein schönes Zeichen dieser nonchalanten Probierkunst ist auch die Filmvorschau für Ein gewisser Herr Gran: witzig und keck, obwohl der Film es doch nur am Rande ist.

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Und zu jenem Gran will ich am Schluß dieser Betrachtung noch ein paar Zeilen anfügen. Denn das ist ja gewisermaßen der amerikanischste Film unter den deutschen Vorkriegsstreifen. Immerhin ist hier alles, was man von einem klassischen Bond-Movie erwartet, enthalten: Schnelle Autos (der legendäre Alfa Romeo 2300 8C, ein Rennwagen für die Straße, heute Millionen wert), grandiose Weltstadtkulissen (Rom & Venedig), der gut gekleidete Agent und Verbrecherjäger (Gran, alias Bergal) mitsamt einem Gehilfen, der Ablenk- und Verbindungsmann ist, eine entzückende Frau, die er unwissend in die Lösung des Falles einbindet und sie obendrein noch erobert, Schießerei, Verfolgungsjagd, der Held sich durch’s Feuer hangelnd usw.

Wenn ich also sage, der Film mute amerikanisch an, so muß es eigentlich heißen: Die Bond-Filme muten deutsch an. Denn der deutsche Film hat dieses Genre erfunden. Eben mit Ein gewisser Herr Gran. Und das ist schon erstaunlich, wie dieses Drehbuch nicht nur alle Elemente des modernen Agentenfilms erschafft, sondern auch die Erzählstränge etabliert, verwebt und auflöst, als hätte man bereits ein Dutzend solcher Kinospielfilme gestemmt und nun den ultimativen auf die Leinwand gebracht:

Die fieberhafte Einführung mit dem Abschuß des fahrenden Autos, daraufhin durch die geheime militärische Vorführung des Geräts, dessen Pläne aus dem Auto gestohlen wurden, die Erklärung der Tat. Dann der Befehl des Generals: Bitte, den Chef der Spionage-Abwehr! Es muß sofort jemand nach Venedig! – Schnitt – Albers in heller Kombination und Kreissäge auf einem Taxi-Boot stehend, das durch den Canal Grande fährt, dazu die charakteristische Fahrtmusik, die später mit dem Alfa Romeo wieder auftaucht. Allein diese wenigen Minuten sind großartig erzählt und geschnitten, modern wie ein Film, der gestern in die Kinos kam. Wie bei F.P. 1 antwortet nicht, spürt man die sichere Hand am Drehbuch und im Schnittraum. Es ist ein Genuß. Dazu die Aussicht auf die Kulisse Venedigs und man ist unweigerlich im Film.

Auch die Folgeszene der Ankunft im Hotel ist meisterhaft ausgeführt: Mit vorgeschützem Aberglauben und Zimmernummer-Quersummen schafft er es, unauffällig das Appartement neben dem Spionageziel Herrn Gordon zu bekommen, dem auch gerade der Schlüssel eingehändigt wird. Als dieser amüsiert und ohne jeden Verdacht den Concierge fragt, was das denn für ein komischer Herr sei, erhält er nach einem Blick auf die Karte, auf denen der Gast sich eingetragen hat, die Antwort: Ein gewisser Herr Gran. Hat sich als Artist eingetragen. Et voilà, Figur subtil, aber vollständig etabliert.

Als er dann das Personal im Zimmer noch mit einem Hut-Kunststück verwundert und später mit seinem Verbindungsmann (von beiden sehr gut gespielt) das geheime Gespräch über die jetzt zu tätigenden Schritte gegenüber dem wiedereintretenden Personal fortzuführen sucht, als würden sie sich nicht kennen, und dabei beide doch alles Nötige austauschen, ist die Einführung des Films perfekt: Sagen Sie, Hausdiener, es ist so schönes Wetter draußen, können sie mir vielleicht ein kleines Segelboot besorgen? – [aufgesetzt:] Aaaber selbstverständlich, mein Herr. Kennt sich der Herr schon aus? Ich glaube eine Spazierfahrt zum Lido ist doch sehr zu empfehlen! – Na, dann werd ich mich da drüben mal n bißchen um-sehen…

Erst hier sind alle Vorlagen beendet und die eigentliche Spionageverwicklung kann beginnen. Und auch dieser größere Schnitt wird absolut gekonnt durch das Zwischenspiel der Wasser-Ski-Einlage des Fräulein Dolleen und der ruhigen Schipperfahrt Grans vermittelt, inklusive des wirklich herrlichen Kennenlernens der beiden: Dann können wir ja eventuell noch mal heiraten! – Aber ich kann nicht kochen! – Macht nichts, wir essen kalt!

So könnte man den gesamten Film durchgehen und würde im Kleinen wie im Großen eine gute Szene nach der anderen, mit spitzer Feder verfaßte Dialoge und auch im Ganzen eine ausgeklügelte Erzählung ausmachen, die sich nicht wenig gekonnt der herrlichen Natur- und Metropol-Aufnahmen Italiens bedient und nur durch eine einzige Tatsache traurig stimmt: Daß es nämlich nie eine Fortsetzung dieses Meisterstückes gab.

Übrigens: Daß solcherlei Streifen heute restauriert und in guter Qualität verfügbar sind, haben wir nicht selten der Murnau-Stiftung zu verdanken. Und falls Sie in der Nähe von Wiesbaden wohnen, haben Sie das Glück, in deren Kino auch Filme der 30er-Jahre auf Leinwand zu sehen. Glücklicherweise gibt’s das aber alles auf DVD und Sie können sich das ausgezeichnete 30er-Jahre-Kino nach Hause holen. Viel Vergnügen!

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