Goethe, Spengler, Düren und Ligeti bestätigen „Kultur und Ingenium“

 

Ich erkläre, wie 200 Jahre zyklisch-geschichtsphilosophischer Ideen direkt in die Theorie von Kultur und Ingenium münden.

Wilhelm Düren, der als einer der wenigen echten Spengler-Kritiker, der sich nicht um kleinliches Kritteln, sondern um die Konzeption des Untergangs des Abendlandes gekümmert hat, wirft Spengler vor, seine Theorie nicht nach der, sondern gegen die Goethesche Pflanzenmorphologie konstruiert zu haben. Das stellt sich tatsächlich als wahr heraus, indem Düren eine Schrift (Über die Spiraltendenz in der Vegetation), die Spengler offenbar unbekannt war und in der Goethe zwei gegensätzliche Kräfte innerhalb des Pflanzenwachstums darstellt, auf die Architekturgeschichte anwendet.

Hierbei konstatiert er die wesentliche Differenz zwischen Gotik und Barock, etwas, worüber die Spenglersche Theorie in ihrer Einheitlichkeit des Stils innerhalb einer Kultur (nämlich hier das faustische Ursymbol), nichts zu sagen vermag. Das ist der erste Schritt in Richtung einer konkreten Stiltheorie, wie sie auch „Kultur und Ingenium“ enthält.

Goethe stellt sich damit – aber freilich auch durch seine sonstige Denkungsart – als Dualist heraus, was die Grundlage von „Kultur und Ingenium“ darstellt. Gesprächsaufzeichnungen aus den Jahren 1806-1815 zeigen sogar ganz konkrete Gedanken zu historischen Umwälzungen, die er auf das Prinzip der Abwechslung von Weltanschauungen zurückführt, nämlich beispielhaft im Übergang der scholastischen Philosophie in die der Renaissance. Eine ähnliche Diskrepanz diskutiert er mit Boisserée anhand der Gotik- und der Renaissance-Architektur (gleicher Ausgangspunkt wie auch in „Kultur und Ingenium“).

Spengler selbst macht allein bezüglich der Renaissance korrekte Aussagen zur Stilgeschichte, allerdings nur, um die Merkwürdigkeit der Inkongruenz mit seiner Theorie festzustellen („Verirrung der Renaissance“). Die eigentliche Größenordnung der Spenglerschen Theorie ist die der Kultur als Ganzem. Auch darin ist er der Wegbereiter der richtigen Betrachtung, wie sehr die Kulturen untereinander differieren (was bei Carl Vollgraff noch keineswegs vorkam, als alle Kulturen gleich geartet waren), nämlich vor allem am Beispiel der Antike in ihrem Gegensatz zum Abendland, was seinerzeit durchaus nicht üblich war. Exakt diese Gegensetzung bleibt als „Spezialfall“ in der verallgemeinerten Theorie von „Kultur und Ingenium“ erhalten. Dasselbe gilt für die Ähnlichkeit von ägyptischer und abendländischer Kultur.

Schließlich ist es Paul Ligeti (Karl Baur), der in „Zeitgeist und Geschichte“ in den 20er-Jahren den Gedanken der Gegeneinandersetzung verschiedener Kräfte in der Geschichte mit Schwingungskurven analogisiert und sogar Schwingungen verschiedener Wellenlängen, also historischer Größenordnungen, superpositioniert, also exakt das tut, was in „Kultur und Ingenium“ dann die fraktale Morphologie genannt wird.

 

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2 Gedanken zu “Goethe, Spengler, Düren und Ligeti bestätigen „Kultur und Ingenium“

  1. Dr. Caligari

    Sehr geehrter Herr Wangenheim,

    vielen Dank für den Artikel.
    Mir fallen zu diesem Video zwei Dinge ein:
    1. Goethe könnte mit seiner unterteilung in Vertikal- und Spiraltrieb eine wichtige Entdeckung vorweg genommen haben:
    »Die Eigenschaft der Selbstähnlichkeit hat unvermeidlich zur Folge, dass Fraktale mit den klassischen Maßen Länge, Fläche und Volumen nicht angemessen beschreibbar sind. Die Kochsche Schneeflockenkurve (oben links) hat unendliche Länge. Die mathematische Idealisierung eines Blutgefäßbaums mit unendlich dünnen Ästen hat das Volumen null, erreicht aber jeden Punkt im Inneren des Organs. Weitere Eigenschaften laufen der Intuition so heftig zuwider, dass die Mathematiker noch um 1900 die Fraktale als „Monster“ fürchteten (Spektrum der Wissenschaft 3/1992, S. 72).« (1)

    Ich habe vor einigen Jahren mal einen TV-Bericht gehört, in dem die Rede davon war, dass einige Wissenschaftler die Theorie aufgestellt haben, dass die Natur quasi „fraktale Bauanleitungen“ in der DNA speichert. Das sei wegen der Komprimierung ideal.
    Goethes Spiraltrieb der Pflanze könnte damit beschrieben werden.
    Vertikal geht es für die Pflanzen natürlich in erster Linie zur Sonne, wie wir schon in der Schule experimentiert haben.
    2. Das logische vs. das analogische Denken verstehe ich immer noch nicht ganz. Könnten Sie das bitte näher ausführen?
    Vielleicht liegt es auch an mir.

    Über den Unterschied zwischen Geistes- und Naturwissenschaft ist ja viel philosophiert worden. Fest steht jedenfalls, dass Gegenstand der Betrachtung ein anderer ist.
    Wenn man z. B. Goethe verstehen will, dann hilft alles Experiment nichts, ebenso ist es mit der Natur. Will man diese verstehen, dann muss man zwangsläufig experimentieren, logisch gesehen also gewisse Regelmäßigkeiten schon voraussetzen.

    Quellen:
    (1) https://www.spektrum.de/magazin/die-fraktale-geometrie-des-lebendigen/826605

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  2. Also Fraktalität sehe ich durch diesen Dualismus allerdings noch nicht eingeführt.

    Ganz einfach:

    Logik: Nach den Regeln der Logik- und Argumentationslehre denkend.

    Analogik: Ähnlichkeiten (also nicht Identitäten) entdecken und in Relation setzen.

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