Über integrative und elitäre Bildungsysteme – der Boomerang-Effekt

Womöglich hätte ich Ihnen das Folgende als Video aufgenommen, wenn nicht derzeit ein größerer Vortrag in meinem Kopfe herumsausen würde, nämlich wie es kommen konnte, daß „Kultur und Ingenium“ diejenige Theorie wurde, auf welche die Überlegungen aller großen geschichtsphilosophisch-zyklischen Denker des 19. und 20. Jahrhunderts hinsteuerten und ohne mein Wissen bereits Einzelteile dieses Gedankengebäudes vorlegten, was mir erst durch Nachforschungen im nachhinein bekannt geworden ist. Sie dürfen also gespannt sein.

Nun aber ein Gedanke, der in seiner Einfachheit die Frage nahelegt, ob dergleichen schon geäußert wurde. Ich weiß es nicht, und doch wäre er recht unbekannt, da die üblicherweise vertretenen Positionen beider Seiten dieser Anschauung zuwiderlaufen. Die Chancen stehen also gut, daß Sie diesen Gedanken noch nie gehört haben.

In der Frage der Volksbildung (wir nehmen diesen alten Begriff einmal her) gibt es im Wesentlichen zwei Ansätze, wie diese Bildung zu organisieren sei. Entweder stark differenziert oder möglichst einheitlich. Das kann sowohl eine zeitliche Frage sein als auch eine gesamtheitliche. So waren Schüler in der DDR 10 Jahre lang zusammen, ohne daß (meistens jedenfalls) eine Differenzierung in Schulen oder Sonderklassen stattgefunden hätte. Noch extremer war es kurz nach dem Krieg, als mehrere Altersstufen aus Lehrermangel zumindest auf den Dörfern zusammen unterrichtet wurden. Der Gegenentwurf ist derjenige eines ausdifferenzierten Bildungssystems, in welchem aller Fußbreit neu evaluiert und in Begabten-, Durchschnitts- oder Abgehängten-Klassen aufgeteilt wird.

Vertreter beider Systeme meinen freilich, ihres führe zum besseren Ergebnis. Es stellt sich jedoch die durchaus nicht triviale Frage, was denn eigentlich das Ziel sei, welches also das bessere Ergebnis. Ich denke, wir gehen nicht zu weit, wenn wir behaupten, die Befürworter des integrativen Lernens wollen

  1. eine größere Gleichmäßigkeit der Leistungen erzielen und
  2. auch das Gesamtniveau heben.

Weiters lehnen wir uns nicht zu weit aus dem Fenster, wenn wir behaupten, daß die Verfechter des differenzierten Systems

  1. eine bessere Förderung der Begabten zu erreichen hoffen und
  2. weniger Verluste auch in der Masse erzielen wollen, indem das Moment des Herabziehens minimiert wird.

Ich glaube nun, daß beide Anschauungen einen wichtigen Punkt übersehen, der allerdings die integrative Bildung insofern stärker betrifft, als sie damit in ihr Gegenteil verkehrt wird.

Denn freilich ist es richtig, daß differenzierter Unterricht auf einzelne Begabungen besser eingehen kann (auf Schwächen schon weniger, weil hier meist nicht die Lernmethode, sondern überhaupt die Frage der Motivation und Disziplin überwiegt). Und freilich ist es wahr, daß man in erster Näherung bei gleichmäßigem Unterricht auch gleichmäßigere Ergebnisse erzielt (wobei hier freilich die Frage der Vergleichmäßigung nach oben oder nach unten aufkommt). Was beide Anschauungen aber übersehen ist, daß die Wirkung auf den Schüler je nach seiner Begabung eine völlig verschiedene ist.

Die Behauptung, die ich zu begründen suche, klingt vielleicht auf den ersten Blick nicht kontrovers, aber doch eine ganz zum oben Gesagten gegenteilige. Sie lautet nämlich: Die integrative Form der Bildung, also ein möglichst breites Band an Begabungen in der gleichen Weise zu unterrichten, vulgo in die selben Klassen und Schulen zu stecken, führt nicht zu geringeren, sondern zu größeren Bildungsdifferenzen.

Das trifft nun zunächst das integrative Denken, aber doch auch, wenn das Differenzierungslager eigentlich (zumindest im Ergebnis) die größeren Bildungsdifferenzen (nämlich nach oben) wünscht, die Differenzierer.

Und die Antwort ist zunächst ganz einfach: Während der durchschnittliche Schüler in einer integrativen Schule bei einem genügend hohen Anteil schwacher Lerner, wie man längst weiß, mit nach unten gezogen wird und damit das Gesamtniveau gleichmäßiger wird (und etwas niedriger), so gibt es doch eine Gruppe, die jenes Ausleveln nach unten nicht mitmacht. Und das sind die wirklich Begabten, von mir aus Hochbegabten. Da hier oftmals überhoher Ehrgeiz oder gar autistische Züge mit von der Partie sind, läßt sich dieser Schüler von seiner sehr anderen Lernart oder Wißbegier natürlich nicht abbringen, höchstens auf andere Gebiete leiten (was freilich die Schule eigentlich in die richtigen Bahnen lenken soll). Er ist schon deshalb der Niveauabsenkung nicht ausgeliefert, weil er ohnehin tendentiell Einzelgänger ist. Während also die Allgemeinheit durch solcherlei Integration durchaus vereinheitlicht (und herabgezogen) wird, also die Mitte des Klassenraums (tendentiell nach unten) integriert wird, so bleibt doch der Nerd ein Nerd – egal wo genau sich der Rest mehr oder weniger eng um irgendeinen Grad der Bildung schart.

Und freilich, die sich hieruas ergebende Differenzierung ist eine andere als selbst die Differenzierer erstreben. Denn hier wird nicht gleichmäßig aufgefächert, sondern in diesem System setzt sich nur noch eine ausgenommen schwache Überbegabungsschicht durch. Alle anderen intergrieren sich mehr oder weniger nach unten. Und exakt das beobachten wir ja seit Jahrzehnten in der gesellschaftlichen Verteilung von Einkommen und Wohlstand (siehe die gute alte Elefantenkurve). Sie könnte damit durchaus ein mit dieser Integrationstendenz einhergehender Effekt sein, insofern der Bildungsgrad große Teile des wirtschaftlichen Erfolgs bestimmt.

Und es wäre nicht das erste Mal, daß der Versuch einer Gleichmacherei in eine höhere Volk-Eliten-Spreizung mündet (siehe meinen Vortrag zur gesellschaftlichen Spreizung durch Demokratie – Ein anderes Beispiel wäre das Verbot einer Ware, welche sodann mit um ein Vielfaches gesteigerten Gewinnen schwarz gehandelt wird). Solche gegenläufigen Effekte sind es dann freilich auch, die dergleichen Vereinheitlichungs-Politik verzweifelt nach noch mehr Ausgleich rufen läßt, da sich das gewünschte Ergebnis einfach nicht einzustellen erdreistet.

Und auch das möchte dann eine Bestätigung für meine Darstellung (Kultur und Ingenium, Kap. XII) sein, daß Kommunismus und Kapitalismus nur zwei Seiten ein und derselben Medaille sind, daß also die Bestrebung nach einer sozialeren Welt die Schere zwischen arm und reich, zwischen dumm und intelligent immer größer werden läßt, statt sie zusammenzuführen, was auch hier immer größere Anstrengungen in die noch immer falsche Richtung befeuert.

Man könnte sagen, die Natur wehrt sich gegen Eingriffe in ihre natürlichen Unterschiede, indem sie den Versuch der Vereinheitlichung mit noch schärferer Differenzierung kontert. Und auch das ist ein vielfach zu beobachtendes Phänomen. Wer einen Staudamm baut, ohne je die Absicht zu haben, noch Wasser hindurchzulassen, wird erfahren, daß sich die Natur nichts vorschreiben läßt. Regelung ist möglich, solang man den natürlichen Wegen Raum läßt. Restloses Bekämpfen derselben weckt den Zorn der Physik. Bekämpfen Sie die Natur unerbittlich, und sie wird fürchterlich, wenn auch manchmal spät und auf einer ganz anderen Ebene, zurückschlagen. Die Nornen weben ihr Tuch der Geschichte so oder so auf gleiche Weise leise fort.

*

4 Gedanken zu “Über integrative und elitäre Bildungsysteme – der Boomerang-Effekt

  1. Dr. Caligari

    Sehr geehrter Herr Wangenheim,

    danke für Ihre Beitrag.

    Ich bin da ein wenig skeptisch. Entschuldigen Sie daher, wenn ich noch fragen habe, aber: Die Darstellung des Intelligenten als Nerd mag in der Popkultur fest verankert sein, aber entspricht sie auch der empirischen Realität?
    Im Grunde der gesamte Effekt, dass die Hochbegabten durch das Herunterziehen nicht beeinflusst werden, müsste eigentlich empirisch-statisch nachweisbar sein.

    Meine Erinnerung kramt mir grade einmal die Aussage eines Intelligenzforschers heraus, der aussagte (in einem Interview), dass intelligente Menschen sich eher ein intelligentes Umfeld schaffen, während weniger intelligente das eben nicht tun. (Leider finde ich es nicht mehr.)
    Demnach wird dann ein Intelligenter eher in die Bibliothek gehen oder mit intelligenten Menschen diskutieren oder selbst experimentieren oder basteln oder heute programmieren, während ein Doofie eher Unfug bauen wird.

    Dass das derzeitige deutsche Bildungssystem sich fatal auswirkt, das glaube ich auch. Da ich aber aktuell nicht betroffen bin, macht mir das ganz einfach weniger aus.
    Sollte sich das ändern hoffe ich genug Geld oder einfallsreichtum zu haben, um den zu entkommen.

    Mit freundlichen Gruß

    Caligari.

    P.S.: Krass, eine deutsche Google-Suche zum Thema Intelligenzforschung förderte mir in erster Linie die Ansicht zu tage, dass die Intelligenz eh konstruiert sei. Meist von Soziologen und/oder Journalisten.
    Bitte nicht falsch verstehen, die Theorie, dass zumindest ein guter Teil der Intelligenz vom Umfeld abhängt, ist nicht indiskutabel. Die Hegemonie überrascht mich nur wieder ein wenig.
    P.P.S.: Ich setze voraus, dass bei einem Mann ihres Formates kritische Nachfragen für eine Theorie nicht persönlich genommen werden.

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  2. Sie sagen, Sie seien skeptisch, was ich begrüße. Aber Ihre Darstellung vom sich selbst belehrenden oder wenigstens seine Umwelt selbst zu seinem Vorteil gestaltenden Begabten bestägt doch, was ich sage. Er wird von sich verschlechternden Umgebungsbedingungen weniger beeinflußt, da er in diesem Fall eben dorthin geht, wo sein Intellekt gedeihen kann. Die Masse der Mitte tut das aber nicht.

    Ich verstehe daher nicht, wo wir auseinanderliegen sollen.

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  3. Dr. Caligari

    Entschuldigen Sie bitte vielmals. Ja, das war unklar strukturiert. Denken Sie sich bei meinem 2. Absatz bitte so etwas wie „für Ihre These spricht aber…“ oder dergleichen.

    Ich finde die Quelle, wie gesagt, nicht mehr.

    Grundsätzlich dürfte aber auch die Leistung von Intelligenten vom Umfeld abhängen. Das zumindest lese ich aus den Biographien von Newton, von v. Mayer usw. heraus.
    Newton zum Beispiel war ein schlechter Schafhirte, in den damals tonangebenden Fächern eher mäßig, aber ein absolut genialer Methematiker u. Naturwissenschaftler. Wäre Newton nicht auf England, sondern irgendwo in Amerika oder Afrika geboren worden, seine Leistung wäre wohl nie zum Vorschein gekommen, jedenfalls nicht in dem Ausmaß.
    Auf der anderen Seite haben wir den Fall von Wunderkindern wie Gauß oder Mozart, der ziemlich eindeutig auf eine Komponente jenseits der Erziehung verweist.

    Das größte Versagen des deutschen Bildungssystems in der Gegenwart dürfte meines Erachtens schon sein, dass in einigen Schulen ein Unterricht überhaupt nicht mehr durchgeführt werden kann. Insbesondere sog. „Problemhauptschulen“. Es ist daher wahrscheinlich auch keine besonders gute Idee, alle Problemkinder in eine Schule zu stecken in der Hoffnung, es werde schon nicht schiefgehen. Das Ergebnis sind dann Rütli-Schulen.
    Ich sehe da einen Zusammenhang darin, dass die Hauptschulen zumindest theoretisch, so war es jedenfalls zu meiner Zeit, die Kinder darauf vorbereitet, Handwerks- und technische Berufe zu erlernen. Bitte, man muss sich das einmal vorstellen, man „drittelt“ die Schüler nach Leistung in Schulen und wählt dann die Kinder der schwächsten Gruppe aus, um sie zu Handwerkern zu machen. Was für eine Geringschätzung für manuelle Tätigkeiten kommt darin zu ausdruck! Was für ein Hohn. Als ob derjenige, der schulisch nicht so gut wäre, dafür aber körperlich super arbeiten könnte.
    Klar, das Gymnasium sollte traditionell nur auf das Hochschulstudium vorbereiten, daher wird man diese Personengruppe ungern zu einem Meister schicken, aber beispielsweise Realschüler sollten sich nicht zu fein für ein gutes Handwerk sein.
    Inzwischen ist die Theorie ja fast komplett überholt und die Hauptschulen sind Resteschulen für die Schüler, die nicht mitkommen.

    P.S.: Ein Aspekt, der auch immer wieder übersehen oder einfach nicht besprochen wird, ist die Erblichkeit von Persönlichkeitsmerkmalen. Zwillingsstudien legen nahe, dass selbst die Persönlichkeitsmerkmale zu einem bestimmten Grad erblich sein könnten. Es gibt zwar gute Einwände auch dagegen, aber völlig unplausibel ist es nicht.
    Wenn also in einer „Familie“ (oder einem sozialen Milieu) hartnäcktiges Schulversagen vorliegt, trotz vorhandener Intelligenz und Förderung, könnte es theoretisch einfach damit zusammenhängen, dass diese „Familie“ nicht über die sekundären Skills verfügt, sich an einer Schule zu behaupten. Ich weiß nicht, ob sich das an einer Hochschule nicht auch auswirkt. Spätestens wenn das gesamte Umfeld keinen Wert auf Bildung oder Disziplin usw. legt, wird es auch unwahrscheinlicher, dass jemand, der diese Fähigkeiten zumindest grundsätzlich hätte, das auch auslebt.
    P.P.S.: Entschuldigen Sie, die Frage ist politisch nicht korrekt aber… Wie wirkt sich Erblichkeit wohl auf das Sexualverhalten aus?

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  4. Da gebe ich Ihnen natürlich recht: Das gute Umfeld ist für den Begabten ebenfalls sehr wichtig. Aber, und das ist das entscheidende Argument gewesen: Im Gegensatz zu den Schwächeren ist er tendentiell viel eher darauf erpicht, sich diese Umstände selbst zu schaffen, wenn er sie nicht von allein vorfindet – und wenn diese Umgebung nur Bücher sind (was sicherlich die schlechteste aber meist einzige Variante ist). Die Abhängigkeit von der Umgebung ist also beim Begabten nicht geringer, aber er weiß im Zweifel diese Umgebung zurechtzubiegen, um sie seiner Begabung anzupassen.

    Ich glaube übrigens nicht, daß Hauptschüler vor allem Handwerker werden sollen, vielmehr die geistig weniger fordernden Tätigkeiten im Visier haben müssen. Das istfreilich manches Handwerk, aber vor allem einfache Hilfstätigkeiten. Insofern ist die Sache, denke ich, schon in der Ordnung. Daß Hauptschulen verkommen sind, ist dann eine ganz andere Frage. Das gilt für die Gymnasien ja genauso. Der Trend ist also einheitlich.

    Ich denke, man liegt recht gut, wenn man bei allen Fragen der Erblichkeit von etwa 50% Einfluß ausgeht. Der Rest ist dann Umgebungsbedingung.

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