„F.P.1 antwortet nicht“ (1932) und die frühen Hans-Albers-Tonfilme

Eineinhalb Stunden, das ist für mich im Grunde schon zu viel. Selten hält mich ein Film derart lang auf dem Sessel. Mindestens, daß ich in irgend einer Szene geistig abdrifte und über etwas vermeintlich Interessanteres nachdenke, wenn so ein Film mal wieder ein Drehbuchloch hat (oder geradewegs absurd wird). Daher unterhalten mich die meist nur einstündigen Sherlock-Holmes-Filme mit Basil Rathbone recht gut: Knapp, gewitzt, fertig.

Um so erstaunlicher, daß mich gestern geschlagene zwei Stunden Film vor dem Bildschirm gefesselt haben: „F.P. 1 antwortet nicht“ – eigentlich der Titel eines gähnend langweiligen Abenteuer-Groschen-Romans. Aber es kam alles ganz anders.

Ich ließ mich ohnehin nur von der Eingangsszene packen, die so ganz unabenteuerlich eine der typischen 30er-Jahre-Frackszenen zeigt. Das schafft Vertrauen in das Machwerk, wenigstens bei mir. Und dann geht es auch schon mit Volldampf los, oder vielmehr mit einem Lausbubenstreich, der aber derart offiziersmäßig, schalkhaft wie überraschend ausgeführt ist, daß es eigentlich kaum noch hätte besser werden… ach, falls Sie so gar nichts verraten bekommen wollen, wäre jetzt eine gute Zeit, den Film selbst anzusehen.

Überhaupt trifft sich neben alter Umgangssprache, wie sie heute nur noch wenige sprechen, viel Offiziersjargon der alten Schule darin, oder wenigstens riecht der ganze Habitus des Fliegers Ellisson (Hans Albers) danach. So, wenn er seine werdende Herzensdame, die ihm auf den Fersen ist, mit einem Telefongespräch beschäftigt, das zur Auflösung seines eigenen Verbrechens führen soll, wobei er, mit der Zigarre in der Hand beschwingt-bedeutungsvoll am Bartresen auf und ab spaziert:

Nur Ruhe, gnäd’jes Frollein, das wird sich jetzt alles gleich historisch entwickeln… so, jetzt werden die Herrn Brüder gleich oben sein, die Tür ist sowieso offen, die hab ich nämlich vorhin ein bißchen aufgebrochen… und nun sollen sie ihre vier Kulleraugen mal gehörig weit aufreißen!

Auch das Detail, der Schnitt, die einzelnen Bewegungsabläufe und Kameraeinstellungen sind meisterhaft geführt, nicht nur in dieser Telefonszene.

Aber zurück zu dem typischen alten Wortwitz, den man meist erst schnallt, wenn der Satz zuendegesprochen ist:

Ich mache eine riesengroße Expedition: Kanada, Grönland, Alaska und umliegende Ortschaften, und bin’s einzige Flugzeug.

Auch bei seiner Bestellung des Liebesdiners, zu dem es freilich nie kommt, und das er im Morgenmantel auf seinem Hotelzimmer dem stenographierenden Ober aufgibt, ist der alte Fliegeroffizier des Weltkrieges in seinem Element:

Also mein lieber Ober, pünktlich wie’s Gewitter, präzise 10 Uhr, zwei Gedecke, am vierten Tisch in der Bar, links vom Flügel, der Tastenquäler soll sofort wenn ich komme den Fliegermarsch spielen! Und dann das Suppé, he: schöner großer Helgoländer Hummer, kleines Hamburger Stubenkücken – brrraaaack, back, back! – et cetera, et cetera, Salat romaine, na sie wissen doch Bescheid! Mit andern Worten, so n richtiggehendes, solides Hamburjer Abendbrot. Dann bringen Sie ne schöne Flasche Mosel, ne gute Pulle Sekt, und mir bringen Sie heimlich n halben Liter Bier dazu, ha? Na, auf’n Tisch natürlich den üblichen Klimbim, Blümelein, schöne Blümelein, stell auf den Tisch die duftenden Reseden, mein guter Ober, alles erstklassig, Punkt zehn, machen Se sich schön, damit mir keine Klagen kommen!

Und hätten Sie gewußt, daß „Stell auf den Tisch die duftenden Reseden“ der Beginn des Allerseelen-Gedichts von Rosenegg ist? Na, ich auch nicht, ham’Se noch mal Chlück jehabt, meine Herrn! Alte Schule, wa?

Aber das sind ja alles Nebensächlichkeiten, meine verehrte Leserschaft. Und doch, dieses Nebenbei, ein solch grandioser Einstieg, ein Scharmützel, das sich in Luft auflöst, ganz fern des Themas, so scheint’s, das dann, unerwartet, die Handlung mit einem Mal in Bewegung setzt, da zeigt sich schon ein ausgezeichnetes Drehbuch. Vermutlich schon die gute Romanvorlage, aber wer weiß das schon?

Der Film wurde übrigens, wie das ja auch bei „Die Drei von der Tankstelle“ (1930) schon war, in drei Sprachen gedreht. D.h. gleiche Kulisse für je ein Tripel an Schauspielern. Identische Szenen, aber: verschiedene Schauspielleistung, wie Sie an der englischen Variante sehen können. Auch die Übersetzung ist recht schwach. Aber woher soll der Engländer auch den deutschen Offizierston haben? In der Tat, die Bestellszene ist gar nicht dabei.

Das ganze Abenteuer ist natürlich, wie gesagt, in eine Liebesgeschichte eingewoben. Aber, und das ist nun das bald typische an den frühen Albers-Filmen, nicht mit Zielgerade und Happy-End, sondern einem bittersüßen, melancholisch-nachdenklichen Ende, das man vielleicht dem sonstigen Schwung der Erzählung nicht zugetraut hätte. Dasselbe geschieht ja im Grunde in „Bomben auf Monte Carlo“, dessen Besprechung Sie hier finden. Auch stellt freilich das technische Hauptthema des Films, die Ozeanplattform F.P. 1 eine gewisse Vorahnung auf den ein Jahr später gedrehten Film „Ein gewisser Herr Gran“ dar, worin jedoch das Technische gegenüber der Spionage- und Agenten-Handlung völlig untergeht. Und Sie wissen vielleicht, daß der erste Bond-Film eben nicht 1962, sondern 1933 gedreht wurde und in der Hauptrolle Hans Albers, eben als Herrn Gran, zeigte. Der Schluß des Gran (oder vielmehr Bergal, wie er richtig heißt) dagegen ist allerdings doch auch ganz Bond, wenngleich mangels Fortsetzungen die obligatorische Liebschaft des Geheimdiensthauptmanns ewig (und auch so angedacht) ist.

Das ganze Genre offenbart natürlich, wie der deutsche Film damals positioniert war. Vielleicht kenne ich nicht genügend gute Hollywood-Filme der Zeit, aber wie ich schon in meinem Beitrag zu „Bomben auf Monte Carlo“ sage, ist der Ufa-Film dieser Zeit mindestens auf Hollywood-Niveau, wenn nicht noch darüber anzusiedeln. Und daher kommen die utopischen, auch in der Themenwahl Weltgeltung ausstrahlenden Filme eben aus Babelsberg.

Wenn ich immerzu vom Ende der Filme her rede, dann geschieht das freilich in Übergehung einer recht umfangreichen Mittenhandlung der F.P. 1, die teils vorhersehbar, teils jedoch auch völlig überraschend in den Schluß mündet. Nun erzählt sich aber die ganze Atmosphäre des Films durchaus vom Schluß her. Am Ende steht nämlich der Held der Erzählung, der in Bomben auf Monte Carlo noch freiwillig Draufgänger bleiben will und flieht, als der eigentlich Gelackmeierte da, nachdem er schon nach seiner Rückkehr von einer gescheiterten Flug-Umrundung der Welt als gebrochener Mann auftritt. Seine einstige Strahlkraft kann allein durch das scheinbar wiederkehrende Interesse seiner einstmals Geliebten erneut aufflammen. Doch es ist ein kurzes Strohfeuer, denn er rettet mit seinem Einsatz als Luftkutscher letztlich nur die Liebe, die in seiner Abwesenheit gewachsen ist. — Und eine Abwesenheit welcher Art war das? Es war die Zeit, die er seiner Leidenschaft widmete, statt der Frau, die er liebte.

Der Abenteurer, der alles im Leben anders macht, bekommt, so zeigt’s der Film, am Ende die Frauen nicht. Nein, der langweilige Ingenieur, der eigentlich keine Leidenschaft hat, wenigstens keine offensichtliche, der Mann mit ständiger Adresse und Steuernummer schnappt ihm die Braut vor der Nase weg oder vielmehr nutzt die Gelegenheit, oder eigentlich: hat leichtes Spiel, da der Draufgänger die Chance zugunsten einer Idée fixe nicht ergriffen hat. (Ich werde trotzdem nichts draus lernen, falls das ein pädagogischer Subtext sein soll : )

Und so endet er nicht einmal nur als Luftkutscher, sondern schließlich als Kahnkutscher auf dem Schiff, über dem er aus seinem Flugzeug abspringt, um der F.P. 1 Hilfe zu senden. Condore will die Mannschaft jagen. Und immerhin, das ziemlich unnötige Wissen, wo es die noch gibt, das hat der geschlagene Weltenbummler. So endet sein glanzvolles Leben als Schiffslotse einer einsam im Ozean driftenden Nuckelpinne.

Nun werden Sie sich noch fragen, warum das Titelbild Albers und Goethe zeigt. Nun, weil mir in der Schlußszene, wie Ellisson in den Tauen seiner neuen Schiffsheimat liegt, seine frappierende Ähnlichkeit mit Goethe ins Auge stach. Schon die Haare, sehr Hauptmannsch, erinnern arg an den Olympier, dann sind da die ausdrucksstarken Augen, der schmale, breite Mund und die lang heruntergezogene Nase. Das ist doch erstaunlich. Auch wenn der komische Wangenheim in Windgassen ebenfalls Goethe sieht und manchmal in Goethe den ollen Wagner.

*

 

 

 

 

9 Gedanken zu “„F.P.1 antwortet nicht“ (1932) und die frühen Hans-Albers-Tonfilme

  1. Pholym

    Herrlich, der bislang beste Blog-Beitrag in dieser Woche, den ich lesen durfte und der mal nicht Corona als Thema hatte.

    Diese Film-Tipps fehlten mir in der aktuellen Zeit, wo die modernen Filme meist nur noch Explosionen, Bäche voller Blut und sinnfreie, platte Dialoge mit drittklassigen Schauspielern aneinanderreihen.

    Die Filme damals wurden noch mit sehr viel Liebe und Details erzeugt und kamen (ganz wichtig) noch ohne moderne Hilfsmittel wie Computer & Co. aus. Die Filme erzählten Geschichten, in denen man sich fangen lassen konnte und auch noch spannend waren.

    Von meiner Seite finde ich diese alten Schwarz-Weiß-Krimis besonders spannend, weil hier der Fokus auf die Geschichte gesetzt wird. In Farbe würden die einfach nicht passen und einen Teil der Spannung nehmen.

    Danke für diese tollen Tipps und die Beschreibung und Einschätzung dazu.

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  2. Es freut mich, daß Sie sich für diese Filme erwärmen können. Es gibt die Holmes-Filme auch in Farbe, d.h. nachcoloriert, das funktioniert eigentlich ganz gut. Aber man wird sagen müssen, so schön diese Filme mit Rathbone gelegentlich sind sind: An die grandiose Machart von „FP1 antwortet nicht“ kommen sie weder dialogisch, noch kameratechnisch oder regiemäßig heran.

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  3. Na Christian Drosten und der Drosten-Podcast des NDR, die sind doch inzwischen schon Kult. Und ich finde, mit allem Recht.da findet einfach mal Bildung auf hohem Niveau statt. Und das ist auch noch populär. Das gefällt mir sehr.

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  4. Pingback: Das große Filmduell: Die Oscar-Gewinner der 30er-Jahre und die Ufa-Produktionen: Wie die Deutschen das Kino erfanden. – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

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