Eine gotische Reise in die Renaissance . Das Vorhangbogenfenster . Zyklik und Fortschritt

 

Ich erkläre anhand der Entwicklung des Vorhangbogenfensters im Übergang der Gotik in die Renaissance. Zur Sprache kommen dabei sowohl das einerseits Zyklische als auch andererseits Fortschrittshafte dieses historischen Vorgangs (die Identität zwischen Fortschrittstheorie und Zyklik in KuI S. 19 ff).

Der uns erwartende analogische Gedankengang rührt diesmal von einer Reise her, genauer von der Vorbereitung auf dieselbe. Denn die angekündigten gotischen Vorhangbogenfenster an mancher Dorfkirche haben mich die Frage stellen lassen, was an diesen Fenster eigentllich noch gotisch sei. Es stellt sich heraus, daß es sich um den Versuch handelt, die zukünftigen, die Renaissancefenster mit gotischen Mitteln gewissermaßen zu simulieren. Im Übermaß gotischer Filigranität entsteht die Glattheit der Renaissance.

Dazu stelle ich die gleichartigen Analogien aus dem Kapitel „Römische Morphologie“ (KuI S. 112ff.) vor, welche an den Beispielen der römischen Wandmalerei, der gotischen Strebepfeiler und des überwuchernden Rokoko-Ornaments dasselbe Phänomen der Überspitzung eines Stils darstellen, der gerade durch dieses Exzess zu seiner Auflösung, d.h. zum Gegenstil, also den früheren und zukünftigen übergeht.

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2 Gedanken zu “Eine gotische Reise in die Renaissance . Das Vorhangbogenfenster . Zyklik und Fortschritt

  1. Rico Kiel

    Sehr geehrter Herr Wangenheim,

    ein hochinteressanter Beitrag. Gestatten Sie mir dazu ein paar Reflektionen…:

    Die gotische Fensterform erscheint als Kulturelle Abfolge des Symbols ‚Tanit‘, welches sich als geometrisches Delta Δ auch in der Pyramide wiederfindet. Das Delta – resp. Tanit – bezeichnet in abstrakter geometrischer Form die Erde, alias einen Berggipfel (tragender Atlas), über den die Gestirne passieren. Die Spitze des Tanit, Tempelberges, Delta, in Pyramidion, Obelisk, Gnomon etc…, ist Ur-motivische Huldigung des Aufstiegs, der Horizontalen Apotheose, wie auch der Planetar und Solaren Apoapsis entsprungen.
    Die Abfolgeform des hoch geschwungen, aber Spitz zulaufenden gotischen Fensters hält ebenfalls astralen Bezug zu Gestirnpassierungen. Es zeigt sich also – wie Sie auch vermuten – eine Kulturelle Entwicklung.
    Das Vorhangfenster ist demnach auch eine philosophische Auseinandersetzung in der Epoche der „Aufklärung“. Hier streitet architektonisch die protestantische Kirche mit der römischen Kirche. Eine Kathedrale, Dom oder Kirche bezeichnet in tiefsten Sinne ein „Raumschiff“ auf kosmischer Fahrt. Gleicht der Argo, Barke, Arche oder eben einem Erdschiff. Gotische Fenster, resp. Vorhangfenster, wirken auf den Betrachtenden „Durchblickenden“ wie ein Johari-Fenster in eben einem solchen ‚Erdschiff‘. Denn der Betrachter ist Passagier des Kirchenschiff(!) und durchreißt Gottes Raum ( Galaxie) mit dem Solargestirn im Westen voran. Aus diesem Grunde sind Kirchen meist in Ost-West Axiom* ausgerichtet. Das Portal weist gen Ost zum Gestirnaufgang, wo das Eingangsportal ist. Während sich im Westteil des Baus die Apsis mit dem Altar der Sonnengöttin Anna (vormals Helena, Hel, Thesan usw…) befindet. Schaut der Passagier nun durch ein Vorhangfenster von außen in das ‚Kirchenschiff‘, so blickt er wie ein ‚Göttlicher Beobachter‘ in den Innenraum eines ‚Welt-Theaters‘, will heißen des Sonnenschiffes/Erdschiffes. Gleichsam schaut ein Betrachter vom inneren der Weltbühne – wie ein Mensch in den Himmel – auf die erschaffene Außenwelt, da deren Vorhang aufgezogen ist.

    (*Zudem zeigt der oft ausgeführte Achsknick im Fundament eines Kirchbaus eine einstige Achsverschiebung der Erdachse, will bedeuten der ‚Fahrtrichtung‘ des Kirchenschiffes (Erde). Hierin schlummert – Chronologiekritisch verkürzt – auch die Ursache für die ‚Schlacht bei Actium‘ und 300 Jahre währenden Kreuzzügen, resp. des Kreuzigungsokkults = Gestirnfixierung.)

    Auch Ihre mathematischer Vergleich ist hochinteressant und die Abfolge der Fensterformen stellt sich auch nach der numerisch ‚Vollständigen Induktion‘ logisch dar. Ist darum als abstrakter Ausdruck wie Beweis von ‚Kultur & Ingenium‘ anzunehmen. Auf Grundlage dessen ließe sich noch viel tiefer graben um all die unbewußt aufgeführten Kulte in ihrer Ursache freizulegen.
    Alles in allem manifestiert sich im Vorhangfenster auch der unendlich kausale Kosmos des Pythagoreers Giordano Bruno.
    Geschwungene Formen, wie bspw. Florale Ornamentik im Jugendstil, sind Abbilder von kausal Fraktalen Strukturen, die sich Ähnlich aber nicht gleich sind. Der geschwungene Vorhang manifestiert sich in Beweisführender Induktion und hebt sich galant über alle korrelative Mechanik hinweg.
    Unendlichen Formgebungen, die die Natur allsichtbar bereithält, stehen jedoch im Gegensatz zum geometrischen Dogma der korrelativen Ptolemäer, – was sich bis zur Abstraktion des Tanit und Delta Δ zurückführen lässt. Alle geschwungene Form frei denkender Pythagoreer ist Antipode des weltlichen Diktates heut übermächtiger Ptolemäer. Deren Engstirnig simulierte Betrachtung alles – weil im singulären Zwange wirkend – vereinheitlichen muss. Ob Bau, Rede, Gesellschaft oder Subjekt, alle Unsymetrie gilt es zu nihillieren, glatt zu bügeln, in Würfel pressend zu nivellieren. Dies sprach schon Luther (Eleutherios = ‚der Freie‘!) deutlichst aus, wie natürlich auch Nietzsche polternd an.

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