Warum hat die richtige Sakkolänge mit dem Schnitt der Hose zu tun?

Sie kennen die schon Jahre, vielleicht Jahrzehnte dauernde Schelte der sartorial gebildeten Kreise auf die immer kürzer werdenden Sakkos. Tatsächlich sieht man kaum noch einen Hersteller, der wenigstens seine Werbefotos mit ausreichend langes Sakkos arrangiert. Wo man schaut, sind die Sakkos zu kurz. Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht, denn ob ein Sakko zu kurz ist, das mißt sich nicht allein an der bloßen Länge des Sakkos.

Wer die Mode der 30er-Jahre kennt, wird nämlich nicht umhinkommen, dieser doch im allgemeinen modisch anerkannten Zeit, das ebengleiche nachsagen zu müssen: Die Sakkos sind zu kurz! Schauen Sie einmal die Garderobe von Heinz Rühmann in der Feuerzangenbowle an, oder Theo Lingens in „Ungeküßt soll man nicht schlafen gehn“, wo die Ärmel kaum kürzer, teils sogar länger sind als die Sakkoschöße. Das würde heute ohne weiteres als zu kurz angesehen. Warum aber nicht in den 30er-Jahren? Schlicht, weil hier andere, nämlich weite Hosen getragen wurden.

Die eigentliche Abneinung gegen zu kurze Sakkos kommt im wesentlichen von der Rückansicht her, wo die engen Hosen der Gegenwart beim Übergang vom Gesäß zum Oberschenkel unschöne Falten erzeugen. Und falten sind der Feind einer eleganten Anzugs-Silhouette. Solche Falten kann es jedoch bei den weiten Hosen der 30er-Jahre nicht geben. Folglich kann hier das Sakko kürzer getragen werden.

Nun stellt sich allerdings die Frage, weshalb jemand überhaupt auf die Idee kommen sollte, ein kürzeres Sakko zu tragen. Aber „kurz“ oder „lang“ sind natürlich keine guten und schlechten Macharten, sondern jede Variation hat freilich seine Vor- und Nachteile. Und das kurze Sakko, das den Oberkörper verkürzt, die Hose aber, also damit die Beine, optisch verlängert, sorgt gerade dadurch für eine gestreckte, große, sportliche Silhouette. Damensakkos der Zeit und auch heute sind noch stärker verkürzt, eben um die Beine zu verlängern. Aber das ist freilich eine allgemein-menschliche Proportionsfrage, die nicht nur Frauen betrifft.

Am Frack ist das Phänomen besonders gut zu sehen. Dieses Jackett ist ja im Grunde so kurz (und nur hinten lang), daß die gesamte Länge der Hose sichtbar wird, die damals eine derartige Leibhöhe hatte (und das gilt auch für Bundfaltenhosen bis in die 90er-Jahre), daß die Hose erst in der Taille endet. Eine solche Hose sitzt nicht nur gut und benötigt im Grunde keine Hosenträger, sondern es kann auch die Weste und eben die Jacke kürzer ausfallen, sodaß die Frackhosen und damit die Beine des Trägers immer besonders lang und elegant wirken (heutige Fracks besitzen diese Proportionen im allgemeinen nicht mehr). Unterstützt wird die Streckung der Hose durch die Bundfalten, die jede Frackhose in den 20er- und 30er-Jahren besaß, also der letzten Zeit, in der der Frack noch eine gewisse gesellschaftliche Bedeutung hatte. Denn sie zeichnen die vom Becken (der breitesten Stelle) hin zur Taille laufenden äußeren Konturen nach und bieten auch einen schönen Kontrast zu den gegenläufigen Linien der Frackschöße vorn und der Kontour der Weste. Noch deutlicher gehen die kurzen Piccolo-Jacken, die bis in den 20er- und 30er-Jahren von Obern und Liftboys getragen wurden in diese Richtung.

Übrigens zeigt Ihnen nicht zuletzt die Tatsache der ausschließlich verwendeten Bundfaltenhosen früherer Zeit (abgesehen von Militär- und Skihosen vielleicht), daß die Hände durchaus in die Hosentaschen wandern dürfen, denn einzig, um diesen Vorgang bequemer zu gestalten, sind die Bundfalten da. Taschentücher herauszuholen war auch eher ungewöhnlich, falls Sie daran denken, die verstaute man nämlich lieber in den Westen- oder Sakkotaschen (daher kommt ja auch das Einstecktuch, das vor 100 Jahren noch die Funktion des Schweißtuches hatte). Das man Kindern das Gegenteil eintrichtert, hat schlicht damit zu tun, daß sie bei Begrüßungen und im Umgang mit Respektspersonen (was für Kinder alle Erwachsenen sind), die Hände nicht verstecken sollen. Denn diese Lässigkeit ist auch bei der Begrüßung unter Bürgern freilich völlig unangebracht. Sein Herkommen hat es natürlich von der Gefahr, in der Hosentasche eine Waffe verstecken zu können (heute im Umgang mit gewissen Bevölkerungsgruppen aktuell wie vor 1000 Jahren), woher ja auch überhaupt das Händegeben und der Gruß mit offener Handfläche rühren. Sobald die Situation umgänglicher wird, darf die Hand dann in die Hosentasche.

Auf die Weite der Hose haben allerdings die Bundfalten kaum Auswirkung, denn sie enden ja bereits auf der Höhe der Tascheneinschübe. Vielmehr sind Bundfaltenhosen generell etwas weiter geschnitten, sodaß auch im Sitzen das Tuch nicht um den Oberschenkel spannt. Und mit dieser Oberschenkelweite ist dann beim Stehen auch mit einem guten Fall des Tuches am Gesäß zu rechnen.

Und exakt darum ging es uns ja, um das Sakko eventuell von der völligen Bedeckung des Gesäßes nur noch bis zur weitesten Stelle der Pobacken gehen zu lassen. Denn von da ab fällt das Tuch der Hose glatt nach unten und bildet keine Falten. Damit ist die gewünschte optische Streckung der Beine vollzogen.

Das Gegenteil, nämlich ein längeres Sakko, führt natürlich zum gegenteiligen Proportionseffekt: Der Träger wirkt untersetzt, weil seine Beine verkürzt und sein Oberkörper verlängert wird. Außerdem tendieren Sakkos mit zu langen Schößen dazu, Wellen am Saum auszubilden, wie ein Damenrock. Es handelt sich also immer um eine Abwägungsfrage zwischen den Extremen.

Übrigens ist auch deshalb die Taille bei Mänteln so bedeutend. Denn der Mantel als überlanges Sakko verschandelt eigentlich die Proportionen. Indem er aber tailliert ist, was heute selten passiert, wird damit natürlich die Höhe der Taille und damit die Länge der Beine indirekt durch die Silhouette angegeben.

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Ein Gedanke zu “Warum hat die richtige Sakkolänge mit dem Schnitt der Hose zu tun?

  1. Dr. Caligari

    Sehr geehrter Herr Wangenheim,

    vielen Dank für Ihren Beitrag über ein Thema, das bisher nicht in das Zentrum meiner Aufmerksamkeit gerückt ist.

    Mir ist aufgefallen, dass ich mit Frack über den Hemd irgendwie besser ankomme als ohne.

    Ein ernst gemeintes „frohes neues Jahr“,

    Ihr Caligari.

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