Was ist und zu welchem Ende wird man Kulturmensch . Migration und die Kultur Europas . Teil 3

 

Auf dem verlorenen Posten ausharren ohne Hoffnung, ohne Rettung, ist Pflicht. So endet „Der Mensch und die Technik“ von Oswald Spengler. Und damit ist gewissermaßen die Anleitung gegeben, was dem Kulturmenschen in Zeiten des Verfalls noch übrigbleibt: Ausharren!

Das klingt freilich nicht wenig pessimistisch, und es ist unter den Lesern von Migration und die Kultur Europas bemerkt worden, daß das Ende hier deutlich optimistischer ausfalle. Einer meiner Leser sagte:

„Schaffen, schaffen, nochmals schaffen“ [Mig S. 45] hat aber jedenfalls einen schöneren Klang als Standhalten wie der römische Soldat in Pompej.

Und in der Tat, die beiden Schriften, von denen mir erst im Nachhinein bemerklich wurde, wie viel sie gemein haben, scheinen in dieser Frage uneins zu sein. Während beide ein in der Zeit ihres Erscheinens bereits seit Jahrzehnten im vollen Gange befindliches Phänomen untersuchen – die industrialisierte Technik hier, die Massenmigration dort –, die allgemeine Auffassung dieses Problems überdenken und zu einer neuen Anschauung dessen kommen, was den Vorgang eigentllich ausmache und wo er sich herschreibe – die Technik als allg. Problemlösung hier, die Massenmigration als reines Mittel der Machtakkumulation dort –, schließen beide mit der Beantwortung der Frage, was für den Kulturmenschen in einer solchen Lage zu tun sei, in scheinbarer Opposition. Spengler plädiert für’s Ausharren, ich für schaffen, schaffen, nochmals schaffen.

Doch diese Differenz beruht im Grunde auf der etwas irreführenden Wahl des Bildes bei Spengler. Denn oblgeich jenes Ausharren recht passiv schein, ist es – der Bezug zur Pflicht ist explizit gegeben – ein Ausharren nicht durch Passivität, sondern durch das Bestehen auf die Kulturprinzipien, etwa der Pflicht. Dabei kann das Beharren auf einer Kulturhaltung freilich auch kämpferisch sein, was der Soldat natürlich schon als Figur impliziert. Da es aber der bloß wachende Soldat ist, der das Bild zeichnet, kommt – bei aller Größe dieser Metapher – doch ein falscher Gedanke auf, eben der des Nichtstuns.

Haben wir aber diese Differenz, die nur recht scheinbar eine ist, verstanden, so wollen wir uns nun mit der konkreten Form dieses Aufrufs schaffen, schaffen, nochmals schaffen auseinandersetzen. Denn zurecht wurde gegen den Schluß meines Heftes eingewandt:

Hinsichtlich des Fazits einer notwendigen Neuerrichtung der europäischen Kultur, mit dem ich grundsätzlich übereinstimme, stellt sich für mich jedoch die Frage, welchen Beitrag man als einzelner dazu leisten kann… Ihre weiteren Ausführungen – auch im Buch – bleiben leider sehr allgemein: dass Produktivsein in jedem Lebensbereich möglich ist, ist mir klar, aber was heißt das konkret? Wie müsste diese Produktivität beschaffen sein, um parallel zu den nach meinem Eindruck immer weiter fortschreitenden Verfallserscheinungen einen Neuanfang zu ermöglichen?

Die Dame hat recht. Freilich kann etwas auch je nach Definition des Begriffs Produktivität gerade beim Zerstören der Kultur besonders produktiv sein, statt sie zu erhalten. Was also ist Kulturproduktion? lautet die eigentliche Frage.

Der Kultur gehört das Nachhaltige an, so könnte ich kurz antworten. Das bedeutet zugleich: Kulturgut ist das Qualitätsvollste. Denn nur das Beste wird auch lang bestehen, also nachhaltig sein. Dieses Prinzip, das auch auf menschliche Beziehungen und Geistig-Ideelles übertragbar ist, werde ich Ihnen dennoch anhand materieller Dinge begreiflich zu machen suchen. Das ist schon deshalb keine Einschränkungen, da Spengler sehr richtig sagt: Luxus ist nichts als Kultur in anspruchsvollster Form.

Bedenken Sie, daß alle große Kunst des Mittelalters Werke für den Luxus des Adels sind, die bedeutendsten Renaissance-Gemälde werden von den Medici in Auftrag gegeben, der katholische Barockdom ist ganz augenscheinlich ein vor Luxus und Exuberanz strotzdendes Kunstwerk. Jede Philosophie ist Luxus des Müßigganges usw.

Und nahe mit diesem Phänomen der Kultur als Luxus hängt zusammen, daß Kultur Ästhetik ist. Im Video gebe ich das Beispiel meines Biedermeiersessels. Dieser hat nicht wegen der stabilen Konstruktion die letzten 200 Jahre Neuerungen überlebt, wurde nicht deshalb nicht ausgetauscht, weil es nun weniger stabile Sessel gegeben hätte, sondern schlicht, weil er so schön ist. Niemand hat im Verlaufe von 200 Jahren daran gedacht, diesen Sessel durch einen neueren zu ersetzen und diesen wegzuwerfen. Selbst wundervolle Neuentwürfe des Jugendstils haben das nicht vermocht. Und zwar deshalb, weil er seine ganz eigene, nicht zu ersetzende Schönheit hat.

Aber dergleichen gilt ebenfalls von sehr viel profaneren Dingen. In den Staaten lebt (hoffentlich noch) eine 2011 einhundertundein Jahr alte Dame mit Namen Margaret Dunning, die zwar nicht, wie ich im Vortrag sage, noch den Wagen fährt, mit dem sie Fahren lernte, sondern seit 1953 einen 1930er Straight-Eight (also Reihenachtzylinder) Packard 740. Aber das Filmchen, mit dem ich es verwechselte, zeigt eine andere Amerikanerin, die seit immerhin 53 Jahren dasselbe Auto fährt, einen Chevy.

Wir gehen spaßenshalber noch einen Schritt tiefer, denn auch beim Automobil, d.h. beim Oldtimer, werden Sie sagen, das erkenne ja sogar der Gesetzgeber als Kulturgut an und ermögliche Sonderkonditionen bei der Steuer. Nehmen wir eine fünfzig Jahre alte Standluftpumpe.

Luftpumpe.JPG
Stand-Luftpumpe, 60er-Jahre

Der Lack hat etwas gelitten, der Holzgriff sitzt aber auch nach 50 Jahren noch fest, das Metall-Feingewinde dreht sich perfekt, selbst die originale Lederdichtung braucht bei aller Porosität nur ein paar Züge, also Reibungswärme, um zu greifen, wodurch eine einwandfreie Pumpleistung einsetzt. Suchen Sie heute einmal eine derart solide Standpumpe. Nicht, daß ich mich auskennen würde, aber ich schätze, das wird teuer. Und nein, damals waren Qualitätsprodukte gemessen an den Löhnen an auch nicht billiger.

Dasselbe Prinzip gilt für höchste Kulturproduktion, z.B. die Architektur: Warum stehen nach 800 Jahren diese komischen gotischen Dome noch? Aufgrund ihrer hohen Qualität! Bautechnisch, ja, aber vor allem auch ästhetisch. Niemand war in Jahrhunderten fähig, etwas besseres an deren Stelle zu setzen. All diese Dinge wurden unter dem Kriterium errichtet, nie wieder ersetzt werden zu müssen, mindestens erst in sehr entfernter Zeit. Und das ist das Nachhaltigkeitskritierium der Kultur.

Wer ein eigengenutzes Haus baut, nimmt derart viel Geld von seinem Vermögen in die Hand, daß er sehr sorgsam zu jener Entscheidung, welche Art Haus er bauen möchte, kommt. Das Haus, das er baut, muß ihm auch in 40 Jahren noch gefallen. Wie aber kommt man darauf, was einem in 50 Jahren noch gefällt? Woher weiß man, was in 50 Jahren als gut empfunden wird? Ganz einfach: Was in den letzten 50 Jahren als gut empfunden wurde, das wird auch in den nächsten 50 Jahren noch als gut empfunden werden. Der Blick nach rückwärts ist der Blick nach vorn: KuI. Das ist der eigentliche Grund für alle sog. konservativen Einstellungen: Man lernt aus der Geschichte. Man mag Anpassungen vornehmen, nicht zu groß, sodaß noch das Gute der Vergangenheit erhalten bleibt, und so kann in einer Art Evolution durch kleinste Mutationen unter Beibehaltung der allgemeinen Nutzbarkeit eine Anpassung stattfinden.

Zu konsumieren und zu produzieren für den Gebrauch in größten Zeiträumen ist daher das Kriterium des Kulturmenschen. Im Zwischenmenschlichen gilt genau dasselbe. Es gibt sogar einen Fall, in dem das besagte Kriterium, der Wichtigkeit der Entscheidung wegen, ganz offen ausgesprochen wird, vorm Altar: Bis daß der Tod euch scheidet.

Um derartige Entscheidungen überhaupt treffen zu können, muß man den Gegenstand gut kennen: z.B. die Frau, die neben Ihnen vorm Altar steht, die Idee, der Sie sich denkerisch verschreiben wollen, das Produkt, das Sie herstellen oder kaufen wollen. Und genau das macht die Entscheidungen des Kulturmenschen so schwer. Sie müssen sich gut auskennen.

Beispiel: Holzsäge. Die üblicherweise erwerbbaren Sägen sind gehärtet. Das macht eine lange Lebensdauer ohne Nachschärfen möglich, aber ist sie dann stumpf, kann sie auch nicht mehr geschärft werden. Wollen Sie dagegen die nachhaltige Variante, so müssen Sie zunächst in Erfahrung bringen, wie dergleichen fürher gemacht wurde, nämlich daß Sie ein ungehärtetes Blatt benötigen und dazu eine Feile, mit der Sie nachschärfen können. Derartige Lösungen werden Ihnen aber heute selten angeboten, Sie müssen danach suchen, Sie müssen sich mit dem Problem, der Geschichte dieser Technik usw. vertraut machen.

Das braucht Zeit. Daher müssen solche Entscheidungen reifen. Sie werden nicht ad hoc und aus einem Spleen heraus getroffen, sondern sorgfältig abgewogen. Daher ist der Kauf auf Kredit auch eine so nachteilige Sache. Hier folgt einer unüberlegten Entscheidung bereits der Kauf, dessen Preis dann lang abgestottert wird. In dieser Zeit bemerkt man womöglich, daß man gerade dafür sein Geld gar nicht ausgeben wollte. Muß man jedoch jahrelang auf etwas sparen, so macht man sich womöglich erst in dieser Zeit, in der die Entscheidung reift, klar, daß man die Sache gar nicht will oder daß sie die Kriterien eines Kulturgutes nicht erfüllt. Die Reifung der Entscheidung kann nicht abgekürzt werden. Denn die Frage nach dem Kulturgut ist gerade bei produkten, die nicht Etabliert sind, eine komplexe. (Daher ist die Kaufentscheidung bei historischen Stücken schneller getroffen. Die Qualität wird einen selten enttäuschen, und wenn, dann mehr dem Erhaltungszustand geschuldet.)

Im Alltag bedeutet das durchaus, daß das Kulturgut unerschwinglich teuer ist oder gar nicht angeboten wird. Dann müssen Sie womöglich verzichten. Auch das ist eine Kulturentscheidung: statt das Minderwertige zu wählen, zu verzichten. Nicht wenig auch dann, wenn man bereits etwas Gutes besitzt und gedrängt wird, es zu erneuern, weil etwas der dernier cri sein soll. Nein, man hat einmal solide gewählt und es gibt keinen Grund davon abzugehen. Wenn Sie das schönste Porzellan-Service bereits besitzen, wieso sollten Sie es ersetzen? Sie sind ja schon vollkommen befriedigt.

Und das ist das schöne Gefühl der Solidität, das einen umgibt, wenn man von Kulturgütern umgeben ist: Alles ist vollkommen. Es ist vielleicht nicht übermäßig viel, aber das, was man besitzt, ist über jeden Zweifel erhaben. Mehr noch, da Sie immer für die Zukunft kaufen und sich zu fragen haben, ob es ihnen in 20 Jahren noch genügt, so werden Sie im Jetzt schon erwerben, was erst Ihr (hoffentich) fortgeschrittenes Ich verlangen würde. Die Zunkunft wird Gegenwart.

*

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2 Gedanken zu “Was ist und zu welchem Ende wird man Kulturmensch . Migration und die Kultur Europas . Teil 3

  1. Finalität auf deutsch gesagt: nicht „zu welchem Zweck“ oder „mit welchem Sinn“, sondern wieder mal das gute alte „zu welchem Ende“.
    Allein, ich bin kein Kulturmensch in dem Sinne, wie dieser hier beschrieben wird; ich kann und will keiner mehr sein oder werden. Kultur viel elementarer und viel weniger umfangreich, ja.
    Auch schön: „mir wurde bemerklich“.
    Achtung Fehler: unseins.

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