Nietzsche richtig mißverstehen . Eine Anleitung

In den vergangenen Wochen sind mir von dreierlei Seite Fragen zu Nietzsche angetragen worden – jedes Mal aus einer anderen weltanschaulichen Ecke gelugt. Und trotz der so verschieden ausgerichteten Leser wurde das, was man da in Nietzsche erkannte, jedes Mal für positiv befunden, obwohl es doch ein und derselbe Mann war, der freilich nicht dreier Weltanschauungen huldigte.

Zugegeben, es handelte sich jedesmal um eine andere Facette seines Werkes. Und doch zeigt es mir, daß Nietzsche von Allen gerade so gelesen wird, wie es in die jeweilige weltanschauliche Blase paßt. Selbstredend, daß es nicht dreimal Nietzsche sein kann, der hier richtig verstanden wurde. Vielmehr scheint er dreimal mißverstanden worden zu sein. Und wenn Sie über den Röckener ab und an diskutieren, dann werden Sie diese Prototypen der Nietzsche-Konversation sicher kennen: Die Konservativen freuen sich des martialisch-militanten Tons, die Progressiven jubilieren bei den anti-deutschnationalen Ausfällen und die Atheisten feiern den schärfsten anti-christlich-kirchlichen Ton seit Marx oder besser: Strauß? Aber wie kann das sein, bei doch ein und demselben Mann und Werk? So widersprüchlich ist Nietzsche ja nun auch nicht – oder doch?

In einem der Fälle, die wir uns gleich genauer besehen wollen, war es das bloße Problem der metaphorischen Sprache Nietzsches, in den beiden übrigen die unkritische Übernahme Nietzscheanischer Schlußfolgerungen, die offensichtlich inkonsistent waren und daher einer außertextlichen Prüfung hätten unterzogen werden müssen. Und der dritte Fall bezieht sich daneben noch auf eine unzureichende Textkenntnis oder mindestens Textwahrnehmung.

Zunächst geht es mir aber nicht um die Fehler, die gemacht wurden. Im Gegenteil, ich bin froh, daß man sich an mich wendet, da ich freilich glaube, Nietzsche sehr wohl verstanden zu haben und ich nicht wünschen kann, daß sich die falschen Interpretationen bei jenen, die ernsthaft und mit den besten Absichten über Nietzsche nachdenken, überhaupt festsetzen oder ungehört keine Korrektur erfahren. Gleichwohl möchte ich für alle Übrigen hier diese Gedanken nochmals wiedergeben:

*

Wir beginnen mit dem einfachen Fall der mißverstandenen Metaphorik Nietzsches. Da hieß es in der ersten Frage, derer wir uns annehmen wollen, ob jene Stelle aus dem Zarathustra, namentlich „Vom Krieg und Kriegsvolke“ tatsächlich vom Krieg handle oder metaphorisch zu verstehen sei. Das war die Streitlage, zu der man mich heranzog.

Zugegeben, ich mußte mich schon sehr wundern, wie man überhaupt auf die Idee kommen konnte, daß es hier tatsächlich um Krieg gehe. Vielleicht muß man dazu Jünger gelesen haben. Aber ich glaube, es handelt sich tatsächlich um die Freude daran, daß ein so tiefsinniger Denker so ungeschönt auf Krawall gebürstet ist. Nun verstehe man mich nicht falsch: Nietzsche ist das. Aber eben auf eine etwas subtilere Art und Weise.

Ich könnte freilich sagen, aus dem gesamten Zusammenhang des Zarathustra ergibt sich zweifelsfrei, daß es sich bei den militärischen Begriffen um Metaphern handelt. Aber das wäre ebensowenig Beweis wie überzeugend und schon gar nicht lehrreich, obwohl es wahr ist. Versuchen wir also klare Gründe im Text zu finden. Daß es sich etwa niemals um echte Waffenbrüderschaft handeln kann, zeigt schon folgende Stelle im zweiten Absatz:

„Meine Brüder im Kriege! Ich liebe euch von Grund aus, ich bin und war euresgleichen. Und ich bin auch euer bester Feind.“

Nun, wie kann das sein, der beste Feind? Kann sich jemand, der vom Militär, vom Kriegsvolk redet allen Ernstes nicht nur vom Desertieren, sondern bewußtem friendly fire schwadronieren, dessen er seine Kameraden aussetzen will? Wohl kaum. Selbstverständlich ruft Zarathustra hier seine Jünger auf, die Auseinandersetzung nicht zu scheuen, nicht einmal mit ihm, Zarathustra, selbst. Übermenschen sind Kämpfernaturen, die auch ihren Lehrer noch überwinden sollen, das ist die Botschaft.

Nun sagen Sie vielleicht: „Ich bin auch euer bester Feind“, das könnte ein gemeiner Uffz. vielleicht auch zu seinen Rekruten gesagt haben. Ja, da ist was dran. Aber was folgt darauf?

Zentral ist nämlich hier die Unterordnungsfrage. Weiter heißt es:

„Ich sehe viel Soldaten: möchte ich viel Kriegsmänner sehn! »Einform« nennt man’s, was sie tragen: möge es nicht Ein-form sein, was sie damit verstecken!“

Das wird der Uffz. nun ganz gewiß nicht sagen. Denn die Frage des gemeinsamen Kampfes in Unterordnung unter Zarathustra wird ja nun geradezu verneint. Aber warum sollen die Kriegsmänner nicht ein-förmig sein? Ganz klar, da jeder der Jünger Individualist sein möge, ein Übermensch, der sich in Uniform zwängen muß, um Zarathustra zu folgen, aber doch Übermensch bleibt. Die Ambivalenz aus Gehorsam und Übermenschen wird durch die Metapher der Uniform verbildlicht (vgl. Götzendämmerung: Was den Deutschen abgeht – interessanterweise führt er anfangs aus, was den Deutschen gerade nicht abgeht, eben u.a. das).

Hier könnten Sie wieder einwenden: Die Selbständigkeit der Soldaten hat doch spätestens Napoleon als Kriegsmittel erkannt. Auch das ist also streng genommen auf das Militär übertragbar. Ja, richtig, das ist es, wenngleich man dem Text immer ferner liegende Konstruktionen heranziehen muß. Die Interpretation des Militärischen ist auch keineswegs völlig ausgeschlossen. Nur ist der erste Zusammenhang freilich der der Predigt und Erziehung des Übermenschen, die den ganzen Zarathustra durchzieht. Daß es weitere Interpretationen geben kann und die Metapher natürlich auch gerade deshalb gewählt ist, weil sie so hervorragend paßt und also auch so verstanden werden kann, sollte selbstverständlich sein.

Auch darf man bitte nicht glauben, daß jeder Abschnitt und Unterpunkt im Nietzscheschen Werk ein selbständiges Einsprengsel darstellt, Nietzsche also für den Zarathustra u.a. Werke letztlich nur seinen Notizzettelkasten ausgekippt hat. Freilich kommen gelegentlich größere Sprünge vor, aber auch hier endet der vorausgehende Abschnitt mit genau dem Gegenteil dessen, was er in dieser Kriegsvolk-Metapher beackert: der Lebensmüdigkeit.

*

Kommen wir zum zweiten Fall: Nietzsche der Anti-Deutsche. Hier drehte sich die Auseinandersetzung um die Unzeitgemäßen Betrachtungen, insbesondere Nr. 1 und 2. Die konkrete Frage war nun,

ob die Kulturkritik am Bildungsphilister, was Nietzsche auch Deutschtümelei nenne, übrigens auch bei Spengler vorkäme.

Nun, beginnen wir mit der Beantwortung der Frage selbst – obwohl das mit Nietzsche nicht unmittelbar zu tun hat – bevor wir uns darum kümmern, welche grundsätziche Fehlinterpretation in der Frage selbst steckt.

Natürlich hat sich Spengler kritisch gegenüber dem sogenannten Bildungsphilister geäußert, sehr prominent in der Einleitung des UdA. Nicht nur, weil er Nietzsche selbstredend gut kannte, sondern dieselbe Außenseiterposition gegenüber der allgemein akzeptierten Wissenschaft einnahm. Denn selbstverständlich ist der Bildungsphilister nicht etwa irgend ein bedeutungsloser Dilettant, der sonntags vor allem seine Kakteen gießt und freizeitlich außerdem der Wissenschaft huldigt, also das, was heutigentags Populärwissenschaft genannt wird, auch ist es nicht der Philister des 16. Jahrhunderts, ein Bürger, der sich (auch rechtlich) im Gegensatz zum Studenten findet (so wie es noch Schopenhauer versteht), sondern es geht (wie die 1. UB zeigt) um die herrschende Auffassung und Wissenschaft, die glaubt, gelehrt und gebildet zu sein, tatsächlich aber nur in der Illusion einer wahrhaftigen Erkenntnis lebt.

Sie werden vielleicht sagen, die Erste Unzeitgemäße Betrachtung richte sich ja gegen Strauß, also den Leben-Jesu-Strauß, der doch kein Vertreter des Akademismus sein könne, eher ein Ausgestoßener. Nun, so halb und halb. Daß er letztlich keine akademische Karriere gemacht hat, war lediglich in seinen Anschauungen zum Christentum begründet, die, wie die weiche Landung und der Professorenruf wenige Jahre später zeigt, eher inner-akademisch umstritten, aber nicht unmöglich waren. 1873 jedenfalls, als Nietzsche ihm diese Spottschrift widmet, war Strauß bereits etabliert.

Auch die im Anschluß erschienene 2. Unzeitgemäße Betrachtung zeigt, wes anti-akademischen Geistes Nietzsche in dieser Zeit war. Eine solche Abfuhr an die historische Wissenschaft und die Philologie aus den eigenen Reihen (N. ist zu dieser Zeit noch Professor) war freilich ein Unding. All das ist Kritik am Zeitgeschehen, sowohl in akademischer, als auch in populärer Hinsicht. Also, mit Verlaub das, was sich ohnehin jeder denken kann. Nicht umsonst heißen die Schriften ja unzeitgemäß.

In der Ersten Unzeitgemäßen Betrachtung ist der Begriff, um auf die Frage des Philisterums zurückzukommen, sehr präzise definiert. Hier gibt es also nicht den geringsten Spielraum der Interpretation. Es handelt sich um die anti-etablierte und wie wir gerade gesehen haben auch anti-akademische Haltung, die seit Schillers Antrittsvorlesung alle denkerischen Dissidenten mit Freude und Abscheu geäußert haben, und wie ich erst zuletzt in einem Video am Beispiel Goethes, Schopenhauers, Nietzsches und Spenglers zeigte.

Um Deutschtümelei aber geht es in der 2. und auch in der 1. Unzeitgemäßen Betrachtung keineswegs. Der Bildungsphilister (also der Philister, der sich aufgrund formaler Bildung fälschlich für einen Kulturmenschen hält) ist vollkommen ohne den Begriff des Deutschen definiert, ja „deutsch“ taucht bis zur Definition im Text gar nicht auf.

Danach, um es auszuschmücken, durchaus. Aber was heißt das? Es heißt schlicht, daß Nietzsche keine nicht-deutschen Bildungsphilister kennt. Wie auch? Wenn er später Strauß (nicht im Zusammenhang mit der Definition des Bildungsphilisters) zum vollkommenen Gegensatz der deutschen Klassik abwertet, dann kann das schon deswegen mit den Franzosen nicht geschehen, da deren Aufklärungsliteratur oder auch die französische Romantik bei weitem eine andere Bedeutung für die französische Literatur hat. Hier fehlt das ausgeprägte Genie-Zeitalter und seine Rezeption.

Nietzsche stellt auch den Bildungsphilister definitionsgemäß gerade nicht gegen das klassische Weimar, wie mir entgegengehalten wurde. Denn er zitiert Goethe an jener Stelle mit einer Aussage, deutsche Kultur bedürfe durchaus noch einiger Jahrhunderte Entwicklung. Nun, wenn um 1800 nicht, wann dann? Aber dieses Zitat ist bedeutungsvoll. Denn woher kommt eine solche Goethe-Äußerung (zu Eckermann)? Natürlich aus dem aristokratischen Sinn Goethes. Freilich gibt es für Goethe deutsche Kultur, und diese ist in Weimar ansässig, ist ein elitäres Phänomen. Und genau dasselbe Bild malt uns nun Nietzsche von seiner eigenen Zeit: Er, das Genie, ist von Mittelmäßigen, von Philistern und Bildunsgphilistern umgeben (Denken Sie an den Beginn des Ecce homo: Ich brauche nur irgend einen „Gebildeten“ zu sprechen…).

Aber es kommt noch dicker. Denn warum wettert Nietzsche denn tatsächlich gegen die siegreichen Deutschen, die Frankreich geschlagen haben? Hier kommt nun alles, seine persönliche Abneigung gegen die herrschenden Strömungen der Zeit und seine ausweichende Franzosenliebe zusammen. Was ist in der 1. UB das Zeichen der Kulturlosigkeit der Deutschen? Daß alles völlig vereinzelt ist, zusammengewürfelt ohne einheitlichen künstlerischen Stil. Aber ist das ein deutsches Phämomen? Nein, es ist ein gesamteuropäisches Phänomen seiner Zeit. Es tritt nur z.B. in der Architektur in Deutschland sehr viel stärker als in Frankreich auf, weil hier die Bevölkerung explodiert, also auch die Städte umgebaut werden, wozu es in Frankreich nicht den geringsten Anlaß gibt (Ich verweise hier auf die Ausführungen am Ende des ersten Kapitels in „Migration und die Kultur Europas“). Auch deshalb entwickelt sich die französische Literatur des 19. Jahrhunderts sehr viel anders als die deutsche, wo junge Kräfte arbeiten und revolutionieren.

Nun geht es nicht darum, Nietzsche Fehler nachzuweisen, sondern zu verstehen, warum es zu jenen Kaiserreichs-feindlichen Äußerungen bei ihm kommt und daraus zu ermessen, was der eigentliche Hintergrund der Kritik ist.

Dieser von Nietzsche aufgeführte Widerstreit zwischen Deutschland und Frankreich nämlich wird nun durch den deutsch-französisch Krieg empfindlich gestört. Wenn diese ihn intellektuell und habituell nicht verstehenden Deutschen nun einen Krieg gegen die idealisierten, fremden Franzosen gewinnen, dann kann selbstverständlich nicht der deutsche Geist, sondern nur die deutsche Barbarei gesiegt haben – so der unbedingte Schluß Nietzsches.

Bei den Weltbeherrschern aus Rom sieht das ganz anders aus. Denken Sie an: Götzen-Dämmerung: Was ich den Alten verdanke. Was an den Römern übermenschlich ist, was den Spenglerschen Tatsachenmenschen auszeichnet (etwa Antichrist 58), das ist nun dummerweise gerade in den Deutschen zu finden, als diese das Reich im Krieg gegen Napoleon III. (und ein im Ganzen schon damals nicht ohne Grund als dekadent angeschautes Land) einen. Man kann nicht Rom bewundern und das Deutsche Kaiserreich verteufeln, das in so gleichartiger Manier agiert. Also vergleicht er andere: Macedonien mit Griechenland, die barbarischen Macedonen sind für ihn die Preußen, das gebildete Griechenland die Franzosen. Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, daß Friedrich der Große, der in seinen Considération jenen Vergleich der Franzosen und Deutschen mit Makedonen und Griechen ebenfalls anbringt, ihn ausgerechnet mit vertauschten Rollen vornimmt. Dort also wären die Deutschen schon im 18. Jahrhundert das Kulturvolk, das Nietzsche noch im 19. am selben Ort vergeblich sucht und die Barbaren säßen in Paris. Nichts als Bilder freilich und doch für den unentschiedenen Zeitkritiker Nietzsche ein Netz, in dem er sich unglücklich verheddert hat.

Ja, die ganze Zweite Unzeitgemäße Betrachtung Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben ist doch wohl eine große Absage an das historische Grübeln und philologische Pinzettenfechten. Es ist der Aufruf zur Tat. Und just als die Deutschen noch vor Nietzsche eben diesen Nachteil der Historie für das Leben erkannt haben und statt der Feder nun das Schwert schwingen, da paßt es ihm wieder nicht! Ja eben, weil hier seine intellektuellen Gegner, nämlich die Bildungsphilister, die den etablierten Kulturbetrieb und die Akademie beherrschen, im Schlepptau des Staates, der sie alimentiert und repräsentiert, gesiegt haben. Das ist Nietzsches Problem, nicht die Deutschen. Die Pseudogelehrten und ihre Schuhputzer haben einen Sieg davon getragen und berufen sich wenigstens auf dieselben – das ist es, was er nicht nicht verwinden kann.

Doch Sie als aufmerksame, wenn auch unbedingt wohlmeinende Leser müssen dieser Widersprüche gewahr werden. Nicht um über Nietzsche zu lachen, sondern zu sehen, was hinter den oberflächlichen Anschuldigungen steht. Hier ist es eben die Abneigung gegen den philisterhaften, ja bildungsphilisterhaften etablierten Zeitgeist. Und in der Tat, das ist Goethesch, ist aristokratisch, herabsehend auf den Tausendmenschen, von denen er sich umgeben wähnt, ist übermenschlich.

*

Eine andere, ebenfalls von einer gewissermaßen halb-blinden Wut Nietzsches überdeckte Feinheit seines eigentlichen Denkens, kommt uns in seiner Kritik des Christentums entgegen und damit der dritten Frage, um die es heute gehen soll: Nietzsche der Antichrist.

Keine Angst, ich werde mir keine so ausführliche Darstellung wie bei den vorhergehenden Fällen erlauben, ja, ich kann sie gar nicht leisten, da es sich in diesem Fall um ein Gespräch handelte, das ich weder in der Genauigkeit rekonstruieren kann, wie es mir lieb wäre, noch ist es so präzise überhaupt geführt worden, da die fraglichen Bücher gar nicht zur Hand waren. Es mußte daher unter Berufung auf die beiderseitige Textkenntnis ganz allgemein argumentiert werden. Was also lag nun das Problem?

Nichts weiter, als daß ich einem Nietzsche-Begeisterten seine Nietzsche-Begeisterung auszutreiben hatte. Wenigstens insofern als sie auf der Freude über die Gehässigkeit Nietzsches gegenüber dem Christentum ruhte. Um es ganz kurz zu machen: Zwei Momente, wie ich sie anfangs bereits geschildert hatte, sind hier wieder heranzuziehen. Das erste ist die bloße Textkenntnis, die sich nicht an einzelnen Aussagen, kommen sie auch immerfort wieder und durchscheinen sie auch alle Werke gleichmäßig (so der Christen- und Kirchenhaß), so ist es eben kein Zufall, wenn dennoch immer wieder kurz und vereinzelt auch die kritische Gegendarstellung dazu fällt. Das ist gewissermaßen trivial, sofern jeder Leser auch die kleinsten Zweifelsäußerungen des Autors ernst zu nehmen hat, um so mehr, je seltener sie vorkommen. Denn gerade dann hat es rechtfertigenden Grund, daß er diese andere Seite nicht überhaupt gänzlich ausgeblendet hat. Und so ehrlich ist Nietzsche jedenfalls.

Ich beginne gar nicht damit, diese Stellen herauszusuchen, die jeder hoffentlich im Hinterkopf hat. Denn der ganze Zarathustra ist doch eine einzige Verherrlichung des Bibeltons, ein variiertes Thomas-Evangelium. Kann ein umfänglicher Christenhasser dergleichen verfassen? Und zwar bevor man dies Evangelium 1897 aus dem ägyptischen Wüstensand grub. Nietzsche schreibt eher ein neues, lebendiges Christentum herbei, wenn man ihn sehr gutmütig verstehen will (siehe die Auseinandersetzung mit Wagners Parsifal).

Das andere Moment ist wieder ein außertextliches. Nämlich die völlige Überzeichnung des Schwächlichkeitsmoments, der Hinterhältigkeit und weibischen Art des Christentums, das Nietzsche immer wieder herausstellt. Jeder, der mit einem Mindestmaß an historischen Kenntnissen ausgestattet derartige Urteile an die christliche Geschichte der letzten 1000 Jahre anlegt, kann allein und einzig zu dem Schluß kommen, daß all das, was Nietzsche hierzu vorbringt, keine Kritik am allgemeinen Christentum, sondern nur an seiner persönlichen, örtlich und zeitlich wieder wie oben im Falle Frankreichs und Deutschlands beschränkten Wahrnehmung der Welt sein kann.

Denn freilich haben sich die Christen mit blanken Waffen gegen äußere Feinde, untereinander und in allen nur erdenklichen Formen als stark und lebendig erwiesen. Und selbst das Kaiserreich, dessen Tatmenschentum er oben aus persönlichen Gründen verachten mußte, obgleich er sonst an jeder erdenklichen Stelle demselben huldigt, wäre wohl noch als christliches Reich durchgegangen (wogegen sonst würde Nietzsche mit seinem Antichristen agitieren, wenn nicht Deutschland noch zu christlich gewesen wäre?) und also doch wohl schwächlich – aber warum dann siegreich? Woher also diese Fehleinschätzung Nietzsches?

Pforta. Das ist die kurze Antwort. Eine tiefchristliche, vielleicht überzogen-christliche Erziehung. Vieles ist bei Nietzsche auf sie, sein Leiden unter ihr und seine Rebellion dagegen zurückzuführen. Und wie es bei derartigen persönlichen Beweggründen nur zu verständlich ist, schießt gelegentlich das freiwaltende Urteil über alle Tatsachen hinaus.

Selbst das, ich betone es, ist keine Korrektur Nietzsches. Um dergleichen geht es nicht. Gerade die Schärfe des Tons macht auch die Qualität seiner Schriften. Aber gerade das führt zu jenen Rezeptionsproblemen: Nietzsche dort, wo es einem ins Weltbild paßt, zu wörtlich nehmen.

Denn Nietzsche wird womöglich deshalb als besonders radikal aufgefaßt, eben weil er radikal aufgefaßt wird. Der eine freut sich, wie ich anfangs bemerkte, wie brutal er ist (und ja, er preist die Rücksichtslosigkeit des Übermenschen), der nächste ist entzückt, wie anti-deutsch er sich gibt (ja, er ist kein Freund des Pöbels), der dritte frohlockt, wie anti-christlich er poltert (ja, er hat das Moralisieren satt). Doch am Ende will er keinem der Drei zustimmen, auch wenn seine dichterischen Überspitzungen jeder extremen Auffassung Futter liefern.

Tatsächlich, so will ich Ihnen hiermit versichert haben, ist Nietzsche weder auf Ihrer, Ihrer noch Ihrer Seite, die Sie alle irgend eine mehr oder weniger populäre Auffassung von der Welt und den Dingen haben. Nietzsche hat auch gegen Sie alle etwas, insofern Sie einer gemeinen Anschauung angehören, die eine gewisse Anhängerschaft besitzt. Nietzsche war ein extremer Einzelgänger und verkannter Aristokrat. Er beugt sich keiner Ihrer landläufigen und mehr oder weniger etablierten Positionen – je etablierter desto weniger. Und mit dieser Gewißheit sollten Sie ihn auch ohne Ausnahme lesen.

 

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