Rheinreise auf den Spuren Goethes . Die Heimreise . Teil 4

Üblicherweise nehme ich mir einen ganzen Reisetag auch am Ausgang einer Tour, weil ich die eine oder andere Burg, ein Städtchen oder sonst etwas genauer besehen will. Von Frankfurt, das ich nach dem Frühstück verließ, bis nach Fulda allerdings habe ich alle Sehenswürdigkeiten verpaßt, weil ich so unbeschwert und einsam durch den Vogelsberg und angrenzende Hügellandschaften dahinglitt, daß ich schlicht nicht mehr daran dachte, auch einmal anzuhalten.

Es ging fort und fort durch anständige Dörfer, wenngleich die größeren Straßen immer wieder die typische westdeutsche Kleinstadt tangential umgingen, was der Ansichten doch schönere hätten sein können. Aber sobald ich auf die kleineren Sträßchen auswich, will ich mit Franzos sagen: Mir war fröhlich um’s Herz, und freier kann sich kein Vogel fühlen, der sich zum Flug erhebt – so sagt er gelegentlich einer Fußwanderung am Ostrand der Karpathen –, denn ich hatte keinen Zweck als das liebe Wandern, und keine Sorge… Darum bog ich auch bald von der staubigen Straße ab und folgte den Nebenwegen, die mir beliebten…

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hessische Landstraße

Freilich, in der Marmaros wandern ist zwanzig Vollkommenheitsstufen schöner als durch den Vogelsberg fahren, aber eben auch mit fünf Tagen nicht getan. Und wenn einen das Glück ereilt, eine gesperrte Straße nehmen zu können, auf der das Laub des fehlenden Fahrtwindes wegen ungeniert die künstlichen Straßenränder zudeckt, dann wollen wir’s als erträglich hinnehmen, daß wir nicht im Jahr 1925 in einem offenen Tourenwagen unterwegs sind.

Die Eröffnung des Fulda-Tals von Westen her bot für den Abschluß einen herrlichen Blick, der leider – hach! nichts ist ohne Wermutstropfen dieser Tage – durch den Umstand vermaledeit wurde, daß die ursprünglich gerade in die Stadt führende Haupstraße – Sie entsinnen sich des Alters meiner Landkarte – vierspurig verbreitert in großem Bogen natürlich auf die falsche Stadtseite führte, von wo aus ich, ohne freilich die Innensatdt gesehn zu haben, das ganze Stadtgebiet durchfahren mußte. Aber es ging behend und noch immer waren die Straßen des mittäglichen Montags frei, sodaß es nun zügig heraus Richtung Eisenach ging.

 

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der Gehilfsberg über Rasdorf

Denn ich hatte vor, wenigstens noch eine kleine Wanderung auf die Wartburg zu machen. Dann aber, wie ich auf der großen Ausfallstraße neidisch nach Osten auf die Rhönkegel blickend reichlich unzufrieden wurde mit dem gemachten Plan, bog ich kurzerhand rechts ab – und kaum, daß ich hineinkam in die Miniaturvulkanlandschaft, entschied ich, den erstbesten Hügel, der neben einer Waldkappe eine Kapelle zu tragen schien, zu besteigen. Als ich ausstieg, nahm ich einen wunderbaren Holsteiner Orange aus meinem Marschproviant – und was soll ich sagen? Wandernd bei Regenstimmung in einen der besten Äpfel der Welt zu beißen… unbezahlbar.

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Auf dem Gehilfsberg

Ich erklomm nun auch wirklich den Hügel und genoß die malerische Aussicht am Waldrand, von wo aus der Weg nun zu einem Pilgerpfad wurde, der mit allerlei Stelen und Sprüchen bis hinauf begleitet wurde.

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vom Gehilfsberg Richtung Osten

Beim Herbabsteigen begann es kurz zu regnen und ich erinnerte mich der nunmehr knappen Zeit, denn ich hatte um 17 Uhr zuhause zu sein, um mit dem Rad noch zwei Bücher zur Post zu fahren, die über’s Wochenende bestellt wurden und doch ordnungsgemäß Montag das Haus verlassen sollten. Gleichwohl war keine Hast geboten. Vorerst.

Ich hielt sogar noch einmal in Geisa, einem kleinen Städtchen direkt hinter der Grenze. Und das machte mir noch einmal in ganzer Breite deutlich, wie wenig es der Grenzanlagen bedurfte, um das zu erkennen. Die Dörfer und Städte vor der Thüringischen Grenze tragen einen so ganz anderen Charakter in sich, daß ich mit einem Mal wußte: Ich wieder wieder daheim.

Sehen Sie, auch über das westdeutsche Land fährt man zu solchen Zeiten allein und weltverloren, alles ist entschlafen und einsam, auch die Dörfer, was seltsam genug ist und in vergangenen Tagen natürlich unvostellbar – weshalb man sich über spielende Kinder gar seltsam freut. Aber die Ursprünglichkeit, wenngleich auch schon im Osten stark mitgenommen, die nach der Grenze plötzlich einsetzt, hat keine einzige der West-Ortschaften noch an sich. Daß noch die alten Fachwerkfassaden stehen, daß hier und da ein alter Sandsteinanbau oder eine Gartenmauer stehen geblieben ist, daß mir sogar scheint, das Vieh auf der Weide von Schaf über Kuh bis Pferd würde in Thrüingen erst sichtbar, hier eine halb zerfallene Scheune, dort ein wenig Putz bröckelt – so also, wie das Leben nun einmal ist, wenn man nicht überhaupt zu wenig Sorgen hat. Und das ist Heimat. Nicht weil es meine ist, sondern weil es unser aller Heimat ist, jene Heimat, die wir alle nur noch dürftig und der Ostdeutsche besser als der Westdeutsche kennt, nämlich das, was ich einst Märchendeutschland nannte.

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Geisa . alter Schloßhof, und könnte auch ein gewöhnlicher Bauernhofstall sein

Hier ist nichts geleckt, hier stehen keine Mercedesse vor den Betonfassaden der 70er-Jahre-Einfamilienhäuser, hier ist man noch auf dem Dorf oder in einer Kleinstadt, wie sich’s gehört. Das hat nichts von den allmählichen Übergängen, die man sonst bei Überlandfahrten erlebt. Der Osten, das ist eben doch etwas ganz anderes. Und vielleicht haben auch deswegen die Menschen kaum mehr als die Sprache gemein, die da auf den beiden Seiten wohnen.

Daß ich durch zwei weiträumige Umleitungen um Zella-Mehlis dann doch noch in Zeitverzug kam, den ich nur durch die A71 ausgleichen konnte, hat nur insofern noch zur Verschönerung des Tages beigetragen, als ich, zuhause angekommen, mich sodann gleich auf’s Rad schwang und – die beiden grauen Bücher im Gepäck – eine nette Abendrunde mit dem Rad drehte, kurz bevor uns nun die Zeitumstellung bereits um vier Uhr in die Häuser scheucht.

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Die schönste Umeitung meines Lebens um Zella-Mehlis

Um so eher muß man im jetzt einsetzenden Winter los und daher gilt kaum eine Ausrede: Fahren Sie Landstraße!

*

 

 

2 Gedanken zu “Rheinreise auf den Spuren Goethes . Die Heimreise . Teil 4

  1. E. Neumann

    Lieber Herr Wangenheim,
    zu dem Abschnitt, welcher mit „Sehen Sie“ beginnt, erlauben Sie mir eine Bemerkung, weil Ihre Sätze etwas in mir berührt und wieder in die Erinnerung gerufen haben. Als ich im zeitigen Frühjahr 1990 zum ersten Mal nach Weimar reiste (das war ja mit West-Berliner „Behelfsmäßigem Personalausweis“ nicht möglich gewesen) oder in Richtung Bad Kösen („da ist ja Schulpforta!“), da erfasste mich immer ein ganz besonderes Gefühl, in dem sich Erstaunen, eine Art Euphorie, und ein Sich-heimisch-Fühlen verbanden. Keine dieser Landschaften und Städte hatte ich je zuvor gesehen, an die Zeit vor dem Mauerbau keinerlei bewußte Erinnerungen; dennoch war mir so vieles ur-vertraut. Das ist doch seltsam, nicht wahr?
    Man kann natürlich sagen, wer mit Weimar und Schulpforta etwas verbindet, der sah nun die Wirklichkeit, nicht nur Abbildungen in Büchern über Goethe und Nietzsche. – Aber es war eben nicht nur das, sondern auch die „Gartenmauer“, die Sie erwähnen und die für so vieles andere steht. Ur-vertraut…

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  2. Ich weiß sehr genau, was Sie meinen. Ich habe an der fraglichen Stelle nun meinen alten Beitrag zu Märchendeutschland verknüpft. Dieser endet mit exakt Ihrer Beobachtung: „Das ist eigentlich unsere Heimat. Kein Ort, sondern eine Zeit, eine verlorene Zeit. Und wer weiß, wie viele diese Heimat noch spüren, wie viele sich an die Zeit vor ihrer Zeit erinnern, so wie wir platonisch alles memorieren, was unsere Vorfahren in sich trugen und plötzlich wiedererkennen, was wir nie leibhaftig sahen, fühlten. Diese Anamnesis ist vielleicht mehr als jede Erinnerung das große, unbändige Freiheitsgefühl – und die Sehnsucht, die einen ergreift, wenn man solcher Ansichten gewahr wird.“ https://thwangenheim.wordpress.com/2017/01/01/maerchendeutschland-teil-1/

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