Rheinreise auf den Spuren Goethes . Die Neue Frankfurter Altstadt und Goethes Vaterhaus . Teil 3

Am vierten Tag – der dritte oder vielmehr zweite ging auf Kosten des letzten städtischen Weinbergs in Frankfurt, den Lohrberg mit seiner großartigen Aussicht auf die Stadt – galt’s nun Frankfurt selbst. Aus den Randgebieten der Stadt muß man wohl oder übel mit der U-Bahn ins Zentrum, wenngleich zum Sonntag auch das Auto möglich gewesen wäre (aber man will ja einmal die ganze Palette Lokalcolorit einatmen).

Ich nehme es vorweg: Man kann auch Gutes über die U-Bahn sagen. Z.B. daß immer eine bereitsteht und innerhalb kürzester Zeit losfährt. Ansonsten nimmt sich die Sache eher gruselig aus. Zunächst die optische Erscheinung selbst: Das Blechkleid der Bahn ist in einem dezenten knalltürkis gehalten, im Inneren gibt es Warnsignal-orange Verkleidungen und rapsgelbe Haltestangen, zusammen mit blauen Sitzbezügen, in denen von unregelmäßigem Muster sehr stillvoll das harmonische Türkis der Außenhaut wiederaufgenommen wird, und natürlich giftgrüne Schrift auf den Anzeigetafeln. Das dürfte so etwa die Farbkombination sein, die von einem durchschnittlichen Subsahara-Königshaus bei Rolls-Royce geordert wird? Aber man will ja auch in diesem Sinne die neuankömmlichen Steppenvölker herzlich willkommen heißen. Ich fürchte jedoch, man ist selbst so degeneriert.

Ich solle nichts anfassen, wird mir gesagt. Auch den Türöffner solle ich immer andere bedienen lassen. Früher machte man sich als beflissener Galantier ganz nach vorn, um die widerspenstigen Türen den alten und jüngeren Damen zu öffnen, die wirklich schwer aufgingen. Aber daß sie heute elektrisch öffnen, ist offenbar ein Zugeständnis daran, daß man hier eben nichts mehr anfassen sollte. Und angesichts der zusteigenden Fahrgäste, allzu oft einem Panoptikum aus der Geisterbahn gleichend, nehme ich die Empfehlung instinktiv warm auf. Aber wir wollen keinen Haß verbreiten. Höchstens Ekel. Und ich kenne ja nichts, weshalb ich es wage, mich zu setzen. Ich denke mir: Es kann ja dann beim Laufen wieder auslüften – auch der Geruch des Nachbarn.

Das Sitzen aber beinhaltet noch eine ganz andere Herausforderung in diesen U-Bahnen. Denn obgleich die Plätze aussehen, als seien sie zum Sitzen da, könnte man just im Moment des Niederlassens über diese Zweckabsicht in Zweifel geraten. Denn die Polsterung – Verzeihung, das ist der falsche Ausdruck –, der Bezug – ja, das ist es –, der Bezug deutet, sage ich, seinerseits gewissermaßen aus Gewohnheit, auf eine Polsterung. Doch weit gefehlt: Man sitzt auf einer Plasteschale, die mit einem ultrastrapazierfähigen Industriestoff beklebt ist. Ja, beklebt, denn zu überspannen gibt’s hier nichts. Jeder POS-Stuhl war bequemer, Sie wissen: Polytechnische Oberschule. Denn deren Holzsitzfläche war wenigstens ansatzweise ergonomisch geformt, was man von diesen Sitzen schlichtweg nicht behaupten kann. — Aber selbstverständlich setze ich Ihnen dergleichen nicht ohne einen Hintergedanken auseinander. Und der Hintergedanke heißt: Deutsche Reichsbahn!

Ja, die gute, alte Reichsbahn. Nein, nicht die unter Adolf, sondern unter Honecker. DR stand da noch auf den Waggons und Gläser gab’s in der Mitropa: 150 Jahre Deutsche Reichsbahn. Aber uns geht’s ja um’s Sitzen! Wissen Sie noch, wie man in den alten Reichsbahnwaggons saß? Nein? Haben Sie je in einem solchen Waggon gesessen?

Vor 15 Jahren – ob’s heute noch so ist, vermag ich nicht zu sagen – holte man ab unter 15 Grad minus, weil die modernen Diesel-Elektroloks nicht ansprangen (eine Ironie der Technikgeschichte), mit durchschnittlich eineinhalb Stunden Verspätung die alten russischen Taigatrommeln aus den Lokschuppen, die im Zweifel wahrscheinlich auch mit Harnstoff laufen würden, und hängte alte Reichsbahnwaggons dran. Aber was liefert uns das abgesehen von Kindheitserinnerungen?

Im Zusammenhang mit der Frankfurter U-Bahn ist es mir um die Sitzpolsterung zu tun. Hier sehen Sie, wie hoch, also dick, diese Sitzflächen damals waren. Das müssen Federkernsitze gewesen sein, denn man konnte als Kind herrlich darauf herumspringen, also natürlich im Sitzen. Einziger Nachteil: Wenn ein beleibter Passagier neben einem saß (was angesichts der geringeren allgemeinen Fettleibkeit selten genug vorkam), kullerten alle Anderen in dessen Richtung. Federkern, verstehen Sie? Das gab’s zuletzt im W140. Ich schweige von der Hochglanz-Holzvertäfelung der Wagen und den immerhin gediegenen Farben.

Jetzt werden Sie fragen: Wo sind wir bloß hingekommen? Warum gibt es keine Sitzpolsterung mehr, warum sitzt man auch im ICE zweiter Klasse alles andere als bequem, in der ersten so-lala, und selbst die 80er-Jahre IC-Waggons sind im Vergleich eine Klasse für sich? Ich schweige davon, daß der Preisanstieg in den letzten 30 Jahren über 230% beträgt, während heute ein Dacia so viel kostet, wie 1990 ein Citroen AX, nämlich 15.000 Mark, aber offensichtlich trotz der veralteten Technik bei Dacia das deutlich bessere und auch größere Auto bei Inflation 0% zu haben ist. Und während in Automobilen heute Sitze verbaut werden, die z.T. tausende von Euro kosten und selbst in günstigeren Modellen stundenlang ausgesprochen bequem sind, verbreitet sich in den viel teurer gewordenen öffentlichen Verkehrsmitteln rudimentärer Holzklassenkomfort.

Stellt da noch jemand ernsthaft die Frage, warum die Menschen ungern mit der Bahn reisen? Ganz davon abgesehen, daß man von ihr, erwischt man den letzten Zug des Tages nicht, einfach so in der Pampa ausgesetzt wird, was einem mit dem Auto schon aufgrund der Mobilitätsgarantie nicht mehr passieren kann und auch technisch ganz praktisch nicht mehr geschieht.

Aber das beantwortet Ihre Frage freilich nicht: Warum? — Und natürlich wissen Sie’s! Wie lang würde in unserer mittlerweile beispiellosen High-Trust-Society (vulgo: bürgerliche Gesellschaft) wohl so eine dick gepolsterte Bank durchhalten? Eine Nacht, zwei Nächte? Vielleicht eine ganze Woche auf mancher Linie in die Gated Communities. Aber das ist natürlich ein recht ungünstiger Abschreibungszeitraum für ein nicht ganz billiges Einrichtungsstück, wie einen Federkernsitz. Man kann so die häufigen Fälle ausversehenen Durchstechens von Taschenmessern, die einem angesichts der örtlichen Zustände in der Hose aufgehen, einfach wirtschaftlich nicht abdecken. Sie verstehen.

Das ist wie mit öffentlichen Obstbäumen in einer Stadt. Am Ende kriegt keiner einen reifen Apfel in die Hand, weil alle – auf daß man überhaupt noch einen abkriegt – die Früchte zu früh, also unreif ernten. Kommunistische Elemente einer Gesellschaft funktionieren nur im Verbund mit höchster Disziplin. Also dort, wo man sich an der Bushaltestelle noch in Reih und Glied aufgestellt hat, weil das Recht jedes anderen selbstverständlich geschätzt wurde. Wann ist das eigentlich untergegangen? Wohl auch 1990.

Und das Günstige ist nun politisch, daß der Niedergang einer Kultur so ausgenommen langsam vonstatten geht, daß es nur die wenigsten bemerken. So langsam, daß ich wette, daß die meisten meiner Leser eben doch nicht mehr wissen, wie bequem es früher im Zug war, als noch richtiges Mittagessen im Speisewagen der Mitropa serviert wurde.

Sie hören sicher auch immer wieder, heute gehe die Kultur viel schneller unter als in Rom damals (das ist übrigens ein anderes Damals als das Reichsbahn-Damals).  Aber seien Sie versichert, oder besser: Ich versichere Sie, die Kultur geht genauso langsam unter. Sie strauchelt schon ein- bis zweihundert Jahre und Sie ahnen gar nicht, wieviel Selbstverständliches hier noch zerfallen kann. Oder: Vielleicht ahnen Sie es, seitdem in der Kulturpraxis wenig Geübte das Land vermehrt aufzusuchen pflegen, um es vorsichtig auszudrücken. Da gehen also nochmal gut ein- bis zweihundert Jahre hin. Voilà: 400 Jahre Untergang des Abendlandes.

Meine Damen und Herren! Was rede ich? Wir wollen doch nach Frankfurt! Sind wir schon, das ist das Traurige. Zur Aufmunterung und endgültigen Hinführung zu den Sehenswürdigkeiten ein Foto aus der wirklich schönen Gemäldegalerie, die an das Goethe-Museum angeschlossen ist. Nein, es ist leider nicht der echte Tischbein, sondern eine Kopie eines mir unbekannten Malers.

Campagna.jpg
Auch ich in Arkadien! also neben Arcadien, d.h. neben einem Bild von… also der Kopie eines… naja.

Nun aber ernsthaft, ins Goethehaus. Jeder, der Dichtung und Wahrheit gelesen hat oder es lesen will, muß hier her kommen, um zu erfahren, wo die ersten Bücher spielen. Das berühmte Mansardgeschoß, wo der Schuljunge Goethe mit der Malerei überhaupt und Trautmanns Josephs-Zyklus im besonderen bekannt wird, die väterliche Bibliothek, die Stiche Roms, das Puppentheater Goethes, überhaupt die Raumaufteilung und der Blick auf die (nunmehr verschandelte) Straße. Ich treffe bei Federkiel und Tinte – Verzeihung: Dinte – eine Dame, die ihre Kindheit in Weimar verbracht hat, auch heute noch oft hinfährt, Weimar als die allerschönste Stadt bezeichnet, aber ihr Frankfurt auch sehr mag. Da kann man streiten. Eine Germanistin.

Mansarde.jpg
Mansarde im Goetheschen Vaterhaus mit den dort entstandenen Gemälden Trautmanns

Neben berühmten Goethe-Portraits werden u.a. Winckelmann, Wieland, Brentanos, Landschaften von Hackert und Portraits von Graff gezeigt. Auch ein paar kleine Friedrichs, also Caspar-Davids sind dabei.

Hackert2.JPG
Jakob Philipp Hackert (glaube ich)

Sehr gefreut hat mich, daß eine Büste der Lebendmaske Goethes von 1806 aufgestellt ist. So also hat Goethe tatsächlich ausgesehen.

Goethe
Goethe . Büste nach der Lebendmaske von 1806

Besonders stolz bin ich auf die ausgeprägte Stirnwulst über dem linken Auge. Vergleichen Sie mal mit dem Foto in Arcadien, d.h. vor Arcadien, also… na, Sie wissen schon. Phrenologisch einwandfrei: Der Wangenheim muß eine Reinkarnation von G… naja, hätte er gern.

Hackert
Das ist aber ganz sicher ein Hackert.

Stürzen Sie also nicht aus dem recht lieblos gemachten Goethemuseum, sondern ersteigen Sie noch die erste Etage des Anbaus, um all die schönen Bildnisse und Landschaften zu sehen. Gegenüber der Büste der Lebendmaske stehen auch verschiedene Entwürfe für das Goethe-Denkmal, das um 1850 in Frankfurt aufgestellt wurde. Schopenhauer hat sich mit einem Memorandum an der Konzeption beteiligt und wurde offenbar erhört, insbesondere was die Schlichtheit der Inschrift anlangt: Nur „Goethe“ sollte auf dem Sockel stehen.

GoetheDenkmal
Goethe-Denkmal . Frankfurt

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, und es mag Gewohnheit sein, aber Goethe so allein heroisiert, das scheint mir unschicklich. Ja, er war ein einsamer Denker, trotz aller Geister um ihn. Aber vielleicht ist gerade deshalb das Doppelbildnis mit Schiller in Weimar so anrührend. Hier, so verloren auf weiter Flur, umstanden von bedeuteungsloser Architektur und einer ihm heute völlig fremden Stadt, schaudert’s mich ein wenig.

architektur.JPG
Großzügige Großstadt-Jugendstilfassade (mitte) . Historismus (außen)

Auch findet sich durchaus hier und da noch eine blasse Erinnerung an die Schönheit Frankfurts vor dem Krieg. Nicht nur die Neue Altstadt aber ist rekonstruiert. Auch etwa das Palais von Thurn & Taxis wurde wiederaufgebaut.

TurnTaxis.JPG
Palais von Thurn & Taxis (1739 & 2009)

Schließlich das kleine Stück Altstadt, der Fachwerk-Faschismus, wie ganz besonders zerfressene Modernisten sich erbrachen, das den Dom und den Römer verbindet und den Prozessionsweg der Kaiserkrönung darstellt, wie ihn auch Goethe in Dichtung und Wahrheit aus dem Jahr 1764 rekapituliert. Kaiser könnten also wieder in alter Manier gekrönt werden. Nur fehlt’s an Kaiser wie Volk dazu.

Was ich zur Neuen Altstadt Frankfurts zu sagen haben, möchte ich hier nicht wiederholen, sondern verweise auf die kurze Zusammenfassung in einem kleinen Strang auf Twitter.

Altstadt.jpg
vor dem Stoltze-Brunnen auf dem Hühnermarkt mit Blick auf den Dom

 

*

4 Gedanken zu “Rheinreise auf den Spuren Goethes . Die Neue Frankfurter Altstadt und Goethes Vaterhaus . Teil 3

  1. Bei Frankfurt denkt jeder an Goethe, niemand an Hölderlin. Frankfurt ist Hölderlin-Stadt. Leider ist das Wohnhaus der Gontards nicht ebenso erhalten wie das Goethe-Haus. Das Gontard-Haus stand aber ganz in der Nähe. Hier in Frankfurt haben Hegel und Hölderlin nächtelang über Philosophie gesprochen. Nach Hölderlin ist Frankfurt der „Nabel der Welt“. So ganz verstehen wir offenbar NOCH nicht, was Hölderlin damit meinte.

    Liken

  2. Wenn es danach geht, ist Frankfurt Schopenhauer-Stadt. Aber da gibt es eben auch nichts zu sehen, nachdem das Schopenhauer-Museum von einer Bombe getroffen wurde.

    P.S.: Goethes Vaterhaus ist nicht erhalten, sondern nach dem Krieg wiederaufgebaut worden.

    Liken

  3. Rico Kiel

    „Panoptikum aus der Geisterbahn…“ ….hahaha… Trefflichst ausgeführt.
    Doch darf ich korrigieren?
    Was Sie mit der BR 130 meinen trägt den Spitznamen ‚Ludmilla‘. Die etwas schwerere Ausführung ‚Taigatrommel‘ ist die BR 220 der DR.
    Beides unverwüstliche Dieseldinos aus Russland.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.