Rheinreise auf den Spuren Goethes . Nach Winkel am Rhein und zum Brentano-Haus . Teil 2

Langenwinkel folgt unmittelbar; den Beinamen des Langen verdient es, ein Ort bis zur Ungeduld der Durchfahrenden in die Länge gezogen, Winkelhaftes läßt sich dagegen nichts bemerken.

So mockiert sich Goethe über den kleinen Ort, der sich zwischen Wiesbaden und Bingen am Rhein entlangzieht und den er Ende August 1814 von Wiesbaden kommend, nach Bingen, das Rochusfest im Visier, durchfährt. Kein Wort davon, daß er hier am damaligen Ortsausgang, im Hause der Brentanos, einer reichen, adligen, ehemals Comer Weinbau-, später Frankfurter Kaufmanns- und Diplomatenfamilie acht Tage unterkam und die Gegend bereiste. Aber dazu später mehr.

Eine gewaltige Bundesstraße ist heute am Rhein entlanggezogen. Sie führt an allen Orten vorbei statt hindurch, man kann sie als Fußgänger unmöglich überqueren – zu viele Autos, zu breit der Asphalt –, sie schneidet den Zugang zum Fluß ab…, aber dafür gibt es extra lange Spuren zum Auffahren. Das ist so etwa an der Metapher einer Straße das Dilemma des ganzen Westens Deutschlands.

Jeder Landstraßenreisende – die Autobahnfahrer bemerken davon natürlich nichts – kann auf Hinweis-Schilder, die Grenzanlagen betreffend, völlig verzichten. Der Übergang aus Thüringen nach Bayern oder (etwas anders geartet) nach Hessen, ist jedem feinen Beobachter geradezu ein Schlag ins Gesicht. In Thüringen befinden sie sich, wenn ein Fachwerkhaus am anderen steht, wenn alte Bauernhöfe sich in Hufeisen um ihre großzügigen Tore wölben, wenn immerhin noch irgend ein altes, großes, verfallenes Gebäude die ehemalige Gastwirtschaft anzeigt. Im Westen sind sie angekommen, wenn vielleicht vereinzelt ein altes Gebäude steht und im übrigen ein 70er und 80er-Jahre Neubau in seiner ganzen seelenlosen Häßlichkeit neben dem anderen steht, schnurgerade Pflasterung, Garagen und Glasstein-Treppenhäuser inklusive. Fahren Sie einmal: Die Grenzscheide kann man ästhetisch nicht übersehen und das ist zuverlässiger als jede Karte. Sie könnten zielsicher eine Grenzfahrt bestreiten, indem Sie sich auf der linken Seite des gedankenlosen Modernismus versicherten, auf der rechten der Kulturlandschaft.

Und warum aber diese monströsen Straßen und endlosen Neubausiedlungen um die alten Dörfer und Städte nun? Ganz einfach: Der Westen ist letztlich zu dicht besiedelt, er braucht diesen Wahnsinn. Ja, da macht es bei Ihnen als Leser von „Migration und die Kultur Europas“ natürlich klick! Ja, eine Kulturlandschaft braucht Raum. Ohne jahrzehntelange Migration hätten wir den auch im Westen. So nicht. Die Grenzdichte für ein Kulturnation ist durch die Migration auch in diesem Sinne längst überschritten.

Freilich Hessen, das ist gewissermaßen noch eine Ausnahme. Das hessische Fachwerk ist geradezu sprichwörtlicher Natur. Und doch ist dieser Übergang allzu deutlich. Immerhin, man vermeint sich nicht in fremdem Land, wenigstens in den Ortskernen. Und doch ist die Stimmung eine andere, wo das Auto und die Breite der Straßen das Bild dominieren, nicht der Mensch oder seine Bauten, in denen er haust.

Und so ist es auch am Rhein. Es wäre eine seelenlose Einöde, wenn man nicht die kleinen Nebensträßchen nähme, die noch direkt durch die alten Dörfer führen. Hattenheim zum Beispiel.

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Hattenheim . Ortskern

Enge Straßen, herrlich ausgemalte Fächer in den Fachwerken, alles Höfe aus Zeiten, die weit vor Goethe liegen, und auch der Verfallsgrad ist natürlich. Bis auf die Bepflasterung unterscheidet sich diese Ansicht von einer ostdeutschen nur dadurch, daß es vor Jahrhunderten hier besser zuging als anderswo in Deutschland. Alter, unprätentiöser Provinz-Reichtum. Das richtige Geleit für eine gelassene Kutschpartie.

Die letzte Führung im Brentanohaus ist auf 16:00 anberaumt, bis dahin geht es weiter, mehr oder weniger am Rhein entlang – immer getrennt durch die enorme Bundesstraße – bis nach Rüdesheim. Von den vielfältigen landschaftlichen und kulturhistorischen Beobachtungen, die Goethe auf den Fahrten anstellte (Aus einer Reise am Rhein, Main und Neckar in den Jahren 1814 und 1815), ist keine einzige mehr möglich. Alles ist zugebaut, der Rhein unsichtbar (die Straße, Sie erinnern sich), ab und an zwischen den Ortschaften viel Wein im Herbstkleid und die eine odere andere Villa der Gründerzeit.

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Bingen am Rhein . Mündung der Nahe . Herbst

Über dem Ort, im Niedernwald, steht das bekannte Denkmal, das in Erinnerung an den Krieg von 1871 dort errichtet wurde: Germania und die Wacht am Rhein. Wandernd kommt niemand zum Denkmal, daher ein Schock, sobald man an der Seilbahnstation anlangt: Menschenmassen. Übrigens meistensteils Inder und Südostasiaten. Ein paar Deutsche haben sich auch dorthin verirrt. Ich dachte, das würde in Frankfurt schlimmer werden, aber sonntags in der Neuen Altstadt wird – oh ha! – deutsch gesprochen. Hier hingegen hätte man zuerst an irgend ein buddhistisches Heiligtum gedacht.

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Niederwalddenkmal

Ein miserabel ausgeschilderter Wanderweg, der sogleich auch ausgesprochen gering frequentiert ist, führt in einem wunderschönen, knochigen Eichenwald über verschiedene Aussichtspunkte schließlich zum ehemaligen Schloß.

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Der Rhein Richtung Lorch

Ich sagte es, eigentlich war der Ausflug zum Denkmal nur der Zeitvertreib bis das Brentanohaus öffnete. Daher ging es wieder zurück zum Vorverkauf der Karten, wonach noch etwas Zeit für den Ort selbst war, das älteste Wohnhaus Deutschlands, einen romanischen, fast keltischen Bau, und die vielen alten Weingüter des 17. und 18. Jahrhunderts.

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Großes Weingut in Winkel-Oestrich

Schließlich öffnete sich die Haustür für die erstaunlich vielen Besucher (natürlich alle alt und weiß, wie man heute in der Journaille gern betont), was vermutlich daran lag, daß dies die letzte Führung des Jahres und vor der Renovierung des Museums war.

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Großer Salon des Brentanohauses im Originalzustand des frühen 19. Jahrhunderts.

Die Führerin wußte, wovon sie sprach, wenngleich natürlich das Getue, man interessiere sich jetzt auch für die Bettina von Arnim, Frauenforschung, soziales Engagement (als wäre das zu dieser Zeit etwas Neues gewesen) usw., blah, blah, tralala, nicht fehlen durfte. Daß in diesen Räumen die Rheinromantik wortwörtlich lebte, ist Ihnen bekannt und eben Goethe ebenfalls zu Gast war und ein eigenes Schreibzimmer erhielt, erfährt man selbstverständlich auch noch einmal.

Das besondere an diesem Museum ist nun – wie ich es noch nie zuvor in dieser Extreme erlebt habe –, daß hier im Grunde alles nicht etwa im Zustand des Jahres 1820 zu sehen ist – denn der Zahn der Zeit nagt nun mal unablässig –, sondern schlicht verblieben ist, also aus demselben, d.h. dem gleichen Material besteht, wie damals. Die Vorhänge sind folgerichtig zerfetzt und durchgescheuert, die Tapete löst sich, die Elektrifizierung, inkl. Drehschalter, ist hundert Jahre alt, die Klavierbank ist durchgesessen, die Wandvertäfelung und die Fensterrahmen bersten usw. usw.

Aber all dieses und genau dieses Holz, dieser Stoff hat auch schon dem alten Goethe das Licht ins Auge reflektiert. Hier ist der Begriff Authentizität kein Werbe-Register. Und das bemerkt man schon beim Eintreten ins Treppenhaus. Hier ist alles echt, und das spürt jeder wahre Kenner der Zeit. Für den echten Traditionalisten ist das freilich wie ein Bonbongeschäft es für naschsüchtige Kinder ist. Wer weiß, wie es nach der Restaurierung sein wird. Man kann nur hoffen, daß es so bleibt.

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2 Gedanken zu “Rheinreise auf den Spuren Goethes . Nach Winkel am Rhein und zum Brentano-Haus . Teil 2

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