Rheinreise auf den Spuren Goethes . Die Anfahrt als Grand Tour . Teil 1

Ich hatte meine Fahrerlaubnis noch nicht lang und war zu Besuch bei meinem Münchner Onkel, einem Kürschner, von dem ich noch heute einige Arbeiten besitzen, und meiner Münchner Tante, deren Haare so wunderbar meliert waren, wie die Innenseiten der Fernsehturmkugeln, die es zu DDR-Zeiten als Spielzeug gab. Aber das tut hier freilich nichts zur Sache.

Ich wollte heimfahren und befand mich östlich von München, in Anzing (dort wo Sepp Maier ein Tennis-Zentrum betrieb oder noch betreibt?). Auf stundenlanges Autobahnfahren nach Thüringen hatte ich keine Lust und legte also auf meine 1:150.000 Deutschlandkarte, die ich heute noch nutze und dabei all die seitdem gebauten Straßen mich verwirren, ein langes Lineal, um meine Route abzustecken, die ich glücklich an einigen Sehenswürdigenkeiten vorbeischrammen ließ, wie etwa der Befreiungshalle in Kelheim. Kurz werden Sie gedacht haben: Was für ein Hinterwäldler. Aber kein Navi der Welt zeigt Ihnen eine solche Strecke an.

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Serpentinen nach Suhl (Thüringer Wald)

Ich kann nicht sagen, ob ich damals bereits an die guten, alten Zeiten dachte, da es noch keine Autobahnen gab und gewissermaßen eine 20er-Jahre-Tour vorhatte oder einfach meiner Liebe für Landschaften und Architektur nachhing. Bedeutender, wenn auch unterschwellig war dennoch jenes Freiheitsgefühl, von dem beim Automobil so viel die Rede ist, und von der sich jeder fragt, wo sie eigentlich hin sei. Schließlich zeugt weder das Ampelstehen, noch das brave, stundenlange Fahren auf zwei oder drei Spuren, das sich drängeln und ausbremsen lassen, das immer den Schildern der großen Straßen folgen müssen von irgendeiner auch nur entfernten Form von Freiheit.

Freiheit beim Autofahren ist lang vorbei, so schließt man dann schnell, gehört in die Zeit, als die Straßen noch frei waren und man seine Ruhe hatte. Nun, in der Tat, daß man stundenlang fährt, ohne einen anderen Automobilisten zu treffen, das ist allerdings vorbei. Aber wochentags auf Ortsverbindungsstraßen nach und vorm Berufsverkehr ist man durchaus recht allein. Schon deshalb, weil alle schnell sein wollen, keine Zeit für’s Tingeln über’s Land haben und die nächste Bundesstraße suchen, wo sie dann aufeinanderhocken und sich gegenseitig belästigen.

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Herbstlicher Sonnenschein auf einer deutschen Landstraße

Aber Freiheit ist auch viel weniger, nicht gedrängelt oder ausgebremst zu werden, sondern in diesem Fall des automobilen Lustwandelns im Grunde über einen ganz anderen Aspekt definiert, nämlich die Freiheit des Erkundens. Wir kennen im Grunde die Welt nicht, wenn wir nur die Ballungsräume sehen, die großen Monumente und Denkmäler. Vor allem kennen nicht nur wir sie schon von Fotos und Videos, sondern alle anderen kennen diese Orte auch… so wie die unzähligen Autobahnkilometer. Erst Erkundung des Fremden ist Freiheit. Dazu muß man aber erkunden, was man noch nicht kennt, und das sind die unzähligen Quadratkilometer zwischen den Autobahnen.

Freilich hat das auch gewisse Nachteile. Nicht nur müssen Sie sich die Karte im Voraus ein paar Abzweige lang merken, um nicht in jedem Ort wieder anhalten zu müssen (außer Sie haben den unschätzbaren Vorteil eines kartenlesefähigen Beifahrers), vor allem werden Sie auch auf jeder Tour, die halbwegs ein paar hundert Kilometer lang ist, auch irgendeine empfindliche Straßensperrung vorfinden, die einen unschönen Umweg nötig macht. Das sollte Sie aber nicht aus der Fassung bringen, denn für Umwege sind Sie ja hier.

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Gesperrt!

Denn sobald Sie die Autobahn verlassen (die ersten Kilometer von zuhaus kennen Sie ja, da gibt es nichts zu erkunden, also schruppen Sie die Kilometer auf der Bahn), sobald Sie also abfahren, beginnt der Urlaub, nicht erst, wenn Sie ankommen. Denn auf diesen Strecken werden Sie alles mögliche entdecken: schöne Dörfer, ungewöhnliche Kirchen, herrliche Landschaften, Bergkapellen, Klöster, Ruinen, Burgen, Museen usw. Die oben erwähnte Karte zeigt schon das meiste an, für den Rest hilft gern ein historischer Baedeker aus (wie gut die gegenwärtigen sind, kann ich nicht sagen).

Aber nicht nur das, sobald Ihre Fahrt weit durchs Land geht, werden Sie auch die allmählichen Veränderungen in den Dorfanlagen und der Struktur der Landstädte wahrnehmen, den Wandel in den regionalen Architekturstilen, ja sogar der Dialekte, wenn Sie ab und an nach dem Weg fragen oder zu Mittag einkehren. Und während alles dort an seinem Platze ist, durchstreifen Sie all diese sich mit jedem Kilometer wandelnden Welten. Vielleicht halten Sie das für langweilig, für mich ist das der Reisehimmel auf Erden, fast wie Goethe mit der Kutsche touren (siehe „Aus einer Reise am Rhein, Main und Nackar“ – weit ausführlicher und mit Anreise in dem neu erschienenen Band „Goethe – Begegnungen und Gespräche“ Bd. von 1814/15).

Ich ziehe es jedenfalls dem braven Sitzen auf der Auto- oder Eisenbahn vor. Wer eine solche Reise tut, der hat was zu erzählen. So viel ist sicher.

*

Ich schiebe hier noch ein paar Worte zur Wahl des Fahrzeugs ein. Grundsätzlich können Sie diese Fahrten freilich mit allen Autos oder Motorrädern anstellen. In speziellen Fällen allerdings, wie dem diesmaligen, als ich erst um 10 Uhr loskommen konnte und noch 300km Landstraße und 50km Autobahn vor mir hatte, obgleich schon Mitte Oktober angebrochen war, wo 18 Uhr die Dämmerung einsetzt, war eine gewisse Durchschnittsgeschwindigkeit nötig. Um aber bequem und komfortabel und zugleich zügig vorwärts zu kommen, braucht es eine Limousine. Nein, nicht die Karosserieform – obwohl die immer zu bevorzugen ist –, sondern einen Limousinen-Motor. Was meine ich damit?

Ich meine damit, daß Sie völlig entspannt und gelassen fahren können. Dazu muß die Kraft, wie der Engländer sagt, effortless kommen. Der Wagen muß Fahrt gewinnen, ohne Geräuschentwicklung, so etwa wie ein Elektroauto. Aber das gibt es natürlich schon immer auch mit Verbrennermaschinen. Nämlich dann, wenn soviel Leistung auch bei niedrigen Drehzahlen vorhanden ist, daß auch in diesem Fahrzustand merklich beschleunigt werden kann und Berge verschwinden.

Das war bis vor einem Jahrzehnt nur mit sehr großen, d.h. großvolumigen Motoren (oder aber Dieselmotoren) möglich. Seitdem aber auch Benziner mit Turbos ausgestattet werden, bekommen auch die kleinsten Aggregate schon knapp über Leerlaufdrehzahl ausreichend Leistung. Ich sage Leistung und nicht Drehmoment, weil die Konfusion noch immer enorm scheint. Als Einschub also nochmals die Klarstellung, was Drehmoment und was Leistung bedeutet:

Drehmoment ist – vom Drehhebel abgesehen – Kraft. Und Drehmoment pro Zeit ist Leistung. Dieses „pro Zeit“ ist aber nichts als die Drehzahl 1/s. Bei vergleichbarer Drehzahl ist also das Dremoment ein Maß für die Leistung. D.h. ob Sie das Drehmoment zu einer gegebenen Drehzahl oder die Leistung vergeichen, ist derselbe Tatbestand. Der einzige Grund, weshalb das Drehmoment unter Autofahrern eine solche Bedeutungskarriere gemacht hat, ist die bloße Tatsache, daß das Drehmoment immer bei niedrigeren Drehzahlen angegeben wird, als die Höchstleistung – eben weil es schon so früh anliegt (und daß es früher anliegt, ist ein rein mathematischer Effekt, eben weil es über die Drehzahl mit der Leistung zusammenhängt).

Und warum ist das Drehmoment, das nichts anderes ist als eine Leistungsangabe bei geringen Drehzahlen, so wichtig? Eben weil Autofahrern nichts nützt, daß ein Wagen bei 5000 U/min soundsoviel PS hat, da er diese Drehzahlen so gut wie nie fährt. Sehr wohl aber 2000 U/min. Und die Leistung, die dort anliegt, wird indirekt über das dort herrschende Drehmoment angegeben. Daher ist beim Autokauf im Grunde nur und ausschließlich auf das Drehmoment zwischen 1500 und 3000 U/min zu achten. Alle anderen Angaben sind alltagsirrelevant.

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Ich habe den Simson Supra aus dem Suhler Fahrzeugmuseum mitgehen lassen.

Und welche Spezifikationen hat nun ein ausgewachsener Limousinen-Motor? Antwort: 2Nm Drehmoment (bei ca. 2000 U/min) auf 10kg Fahrzeuggewicht. Was heißt das? Ein Kompaktwagen (VW Golf) hat ein Gewicht von ca. 1300kg. Also benötigen Sie hier ca. 260Nm Drehmoment bei ca. 2000 U/min. Eine E-Klasse wiegt etwa 1700kg und bräuchte demnach etwa 340Nm bei 2000 U/min. Im ersten Fall wäre das ein 1.4 TSI (150PS) von VW (oder als Diesel ein 1.6TDI mit 105-115PS) und im zweiten Fall ein E250 (211PS) oder als Diesel ein 200d (150PS). Sie sehen an den sehr verschiedenen PS-Angaben, wie wenig das z.T. miteinander zu tun hat. Eben weil Turbomotoren untenherum viel Leistung entwickeln, Unaufgeladene vor allem (nutzlos) obenherum. Dieselmotoren erfüllen diese Anforderungen meist besser, da ihr Drehzahlniveau ohnehin niedriger ist. Die modernen Benziner haben (für den Fall einer Handschaltung interessant) den Vorteil, daß man beim Überholen durch das breitere Drehzahlband den Gang weiter ausziehen kann als beim Diesel.

Achten Sie übrigens auch nicht auf die 0-100km/h-Zeiten. Dort wird nur im ersten Gang das niedere Drehzahlband genutzt, sonst nur das hohe, das eben am Ende nur ein Maß für die Höchstleistung ist. Früher gab man gern noch die Elastizität an. Wenn diese von 80-120 im höchsten Gang gemessen wird, wäre das relevant, hängt aber letztlich immer so stark von der Übersetzung ab, daß man darauf auch nicht viel geben kann. Das Drehmoment bei niedriger Drehzahl ist entscheidend.

Allerdings ist für Benziner ohne Turbo (also etwa vor 2010) ein solcher Wert von 2Nm/10kg bei so geringen Drehzahlen nur mit großem Hubraum erreichbar, weshalb dort 3 Liter Kindergeburtstag sind. Hier ist in jedem Fall der Diesel zu empfehlen, solang er nicht wie ein Traktor nagelt. Die besagten 2Nm auf 10kg sind auch der Wert, den ein 1936er Mercedes-Benz 540K erreicht hat, nämlich 432Nm bei 2200 U/min und einem Gewicht von 2250kg (180PS). Die typischen Dieselmotoren der letzten 30 Jahre haben übrigens wie die Vorkriegsbenziner ihre Höchstleistung meist bei etwa 4000 U/min und bilden damit den Leistungsverlauf dieser alten Motoren sehr ähnlich ab.

Mit einem sogearteten Motor werden auch Gebirgsfahrten leichtfüßig, der Thüringer Wald, die Rhön und der Spessart ebnen sich wundersam ein und man kann schaltfaul und geräuscharm dahingleiten. Ich meine damit übrigens keineswegs Raserei. Im Gegenteil, man ist auf zu schnelles Fahren gar nicht angewiesen, wenn immer zügig die Wunschgeschwindigkeit erreicht ist. Ich bin sogar in Ortskernen meist sehr viel langsamer unterwegs als zulässig. Schon weil ich vom Ort etwas sehen will. Daß ich dennoch diesmal im Örtchen Rhönblick einen Spatz am Kotflügel mitgenommen habe, ist nicht meine Schuld. Ich war bloß mit 30 Sachen unterwegs. Aber der Schwarm kam derart schnell aus einer Seitengasse geschossen, daß es den letzten vor allem aufgrund seiner eigenen Geschwindigkeit erwischt hat. Man sollte Schilder zur Begrenzung der Fluggeschwindigkeit aufstellen.

Haben Sie aber für ein paar Hundert Kilometer Landstraße einen ganzen Sommertag Zeit, brauchen Sie auch so eine Motorisierung nicht. Dann reicht ein 45PS-Citroen ebenfalls aus und Sie können dennoch alle hundert Kilometer einen kleinen Spaziergang machen, um sich die Beine zu vertreten und die kleinen Welten hinter den kleinen Bergen zu erkunden.

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Auf einem Kegel der Rhön

*

Konkret hieß das für meinen Fall der Anfahrt von Jena nach Frankfurt 50km Autobahn bis Erfurt, dann Landstraßen über den herbstlich vernebelten Thüringer Wald, Stop in Suhl, mit Barocker Stadtkirche, netten Einzelgebäuden und dem historischen Fahrzeugmuseum mit Simson-Cabrios aus den 20er-Jahren, einer KG, die schon mein Großvater fuhr, und den üblichen verdächtigen Motorrädern und Autos. Durch das herrschaftliche Meiningen, für das ich keine Zeit hatte, durch die Rhön zum Kloster Kreuzberg, dann in den Spessart zur Ronneburg und mit einbrechender Dunkelheit in Frankfurt.

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Die Ronneburg bei Gelnhausen

Das Freiheitsgefühl, mit dem man auf sanft schwingenden Straßen die Täler entlanggleitet und die Landschaft an sich vorrüberziehen läßt, die kleinen Geschichten, die jeder Ort, jedes Gespräch, das man am Straßenrand kurz erhascht, erzählen, sind unbezahlbar. Aus den verschindelten Orten des Thüringer Waldes, über Residenzstädte und abgelegene Abteien, hinein ins Fachwerk-Hessen und seine so ganz andere Anmutung all das verpassen die Massenfahrer, die nur von Auffahrt zu Abfahrt kommen und von der Welt, von ihrer Heimat nichts sehen. Machen Sie die Anfahrt zum Urlaubstag, fahren Sie Landstraße.

Aber nicht zu zahlreich, schließlich soll es gemütlich bleiben : )

 

*

4 Gedanken zu “Rheinreise auf den Spuren Goethes . Die Anfahrt als Grand Tour . Teil 1

  1. Rhöner

    Als Rhöner möchte ich auf zwei ärgerliche Vertipper hinweisen: Natürlich heißt es „Rhön“ und nicht „Röhn“, anders als es bedauerlicherweise im Fließtext steht. Und das Kloster auf dem Rhöner Kreuzberg heißt auch dementsprechend Kloster Kreuzberg und nicht Kloster Kreuzburg. Der Kreuzberg heißt natürlich so wegen der drei Kreuze, das sollte aber eh klar sein.

    Vielen Dank für die schöne Reiseberichterstattung, ein sehr angenehmes Lesestück.

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