„Migration und die Kultur Europas“ . Teil 2 . Verbindungen zu „Kultur und Ingenium“

Zunächst zum allgemeinen Verhältnis der beiden Schriften:

Die auffälligste Gemeinsamkeit der beiden Bücher freilich ist, daß wir es beide Male mit geschichtsphilosophischen Abhandlung zu tun haben. Obwohl also der Titel „Migration und die Kultur Europas“ im Angesicht der Gegenwart wie eine politische Schrift erscheint, so ist sie das gerade nicht. Das übliche Herabsehen auf den politischen Gegner ist hier nämlich aus Gründen der geschichtsphilosophischen Absicht gerade vermieden worden – eben um die rationalen Gründe für die sich gegenüberstehenden Anschauungen offenlegen zu können. Die Geschichtsphilosophie will nicht werten, sondern verstehen, und das heißt jedwede Perspektive einnehmen.

Für die beiden Bücher ist auch genau das die entscheidende Verbindung im konzeptionellen Sinne. Denn das Thema der Migration findet sich im Grunde in „Kultur und Ingenium“ gar nicht, obgleich man meinen könnte, daß esunbedingt zur Geschichtsphilosophie gehöre. Erst dieses kleine Heftchen ergänzt KuI gewissermaßen um jenes Thema als ein Appendix, eine Art Zusatzkapitel. Warum aber fehlt die Migration als Thema in KuI? Das Buch ist 2013 erschienen und in Jena verfaßt. Aber bis 2014 war lebensweltlich niemand in Jena mit dem Thema der Migration konfrontiert. Die Bevölkerungszusammensetzung der Stadt entsprach im wesentlichen (bis auf ein paar Osteuropäer) jener z.B. der 50er-Jahre, ja der 20er Jahre oder sogar noch vor dem ersten Weltkrieg oder wie weit Sie noch zurückgehen wollen. Übrigens hat auch das freilich durchaus zu der oft als altertümlich bezeichneten Anmutung der Schrift und ihrer Ausdrucksweise durchaus beigetragen. Die alte Welt war hier noch nicht untergegangen.

Und selbst 2015 war dieses Migrationsheftchen noch nicht denkbar. Auch hier bedurfte es einer nochmalligen vierjährigen Distanz, um die Abgeklärtheit zu erlangen, die ich schließlich darin niedergelegt habe.

Nun zu den konkreten, inhaltlichen Verbindungen:

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1. Die erste inhaltliche Überschneidung der beiden Schriften ist einem alten Hasen unter den KuI-Lesern aufgefallen, der bemerkte, daß das Moment des „Sogs“ in KuI noch recht unklar begründet war. Dieser Sog, daß also Kulturen nicht durch Druck von außen zerstört werden und untergehen, sondern ihre Gegner regelrecht anziehen, wird auf S. 30 von KuI angedeutet. Die eigentliche und rationale Erklärung für diesen Vorgang hingegen liefert erst das Migrationsheftchen.

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Wangenheim: „Kultur und Ingnium“, S. 30

2. Zweitens ist mir selbst in Erinnerung gekommen, daß jenes Bevölkerungsproblem, das uns im 1. Teil beschäftigt hat, auch sehr prominent an einer Stelle in KuI vorkommt, nämlich als ich Greame Donald Snooks Buch „Was the Industrial Revolution Necessary“ erwähne. Dort ist es die 5-Millionen-Bevölkerungsgrenze Englands, die erst durch die industrielle Revolution freigegeben wurde, nachdem Sie zwei Jahrhunderte nicht überschritten werden konnte. Der eigentliche Grund, warum Snooks hier Erwähnung findet, ist freilich seine Beobachtung der 300-Jahres-Wellen (in KuI die Epochen) in denen das Wirtschaftswachstum der letzten 1000 Jahre in England verläuft, darüber hinaus die Erkenntnis, daß das Wachstum des Mittelalters und der Frühen Neuzeit sich nicht fundamental von dem des 19. Jahrhunderts unterscheidet. Das sind freilich für eine zyklische Geschichtsphilosophie wichtige Beobachtungen, die die sonst meistenteils polit-historischen, philosophischen, kunsthistorischen, militär- und soziohistorischen Betrachtungen ökonomisch ergänzt.

3. Der dritte Verbindungspunkt wird in der Migrationsschrift selbst geliefert, nämlich in der Fußnote der S. 28 als auf das Kapitel „Römische Morphologie“ in KuI verwiesen wird. Das Kapitel beginnt mit der Schlacht bei Actium, also dem Ende des Bürgerkrieges und damit dem Untergang der Römischen Republik. Hier geht die Macht von der senataristokratischen Mitte auf Elite und den stadtrömischen Plebs über. Das ist die immer wieder in KuI auftauchende „ingene Spreizung“. Entscheidend ist aber nun der spiegelsymmetrisch dazu liegende Vorgang der Vertreibung der Könige um 500 vor Christus, als die Republik entsteht, nämlich durch Zusammenziehen der Macht in die Mitte.

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Wangenheim: „Kultur und Ingnium“, S. 102/3

Indem der letzte etruskische König aus Rom vertrieben wird, bricht also die „Herrschaft der Mitte“ an, die kultischer Art ist, Kultur ist. Der Gegensatz war die Königsherrschaft, die sich nur dem Volk gegenüber sah, in welche Kategorie machtpolitisch (auf der Ebene des Staates) im Grunde auch die Aristokratie fiel.

Darauf folgt nun auf S. 103 Darstellung der Ständekämpfe, die auf S. 34 in „Migration und die Kultur Europas“ für die zukünftige Entwicklung prophezeit werden:

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„Migration und die Kultur Europas“, S. 34

Der Aufstieg der Arbeiter in die Bürgerschicht, der hier postuliert wird, entspricht exakt dem Aufstieg der Plebejer zu den Patriziern in den Ständekämpfen der römischen Republik, nur daß es sich im Falle des 21. Jahrhunderts nicht um einen Kampf, sondern einen freiwilligen Zusammenschluß gegenüber dem neuen Fremden und sozial Abgegrenzten ist, dem neu-importierten Prekariat.

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„Kultur und Ingnium“, S. 103

Zusätzlich sei hier angefügt, wie in KuI noch die fraktal gleichzeitigen Übergänge in den anderen Kulturen, nämlich im Abendland, Ägypten und Griechenland zu verstehen sind:

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„Kultur und Ingnium“, S. 103/104

Das alles sind Wege in die Kultur, also in die mittleren, kultischen Epochen. Exakt einen solchen Vorgang postuliere ich nun für die Zukunft, obwohl wir es im Spenglerschen Sinne beim Abendland ja mit einer im Untergang befindlichen Kultur zu tun haben, also mit dem Übergang ins späte Ingenium (in der Sprache von KuI). Inwiefern also das berechtigt ist, zusammen mit der Kontroverse des Schlusses des Migrationsheftchens, werde ich im letzten Teil 3 der Reihe diskutieren.

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