Der Herren-Hut . Teil 4 . Hut-Etikette

 

Im vierten Teil unserer Hut-Reihe soll es schließlich ausführlicher um die Regeln gehen, die beim Tragen des Hutes aus Anstandsgründen vorgeschrieben sind.

Ich beschreibe zunächst die Alternativen beim Grüßen mit Hut: Lüften, Antippen, Abnehmen, außerdem die Möglichkeit, das Abnehmen des Hutes bereits vor der Begrüßung vorzunehmen, um dem Vorgang etwas die altbackene, vielleicht heute aufgesetzte Formalität zu nehmen. Beachten Sie beim Abnehmen des Hutes für Begrüßungen auch, daß Sie den Hut mit der nicht-führenden Hand abnehmen müssen, da Sie mit der freibleibenden Hand den Handschlag ausführen müssen, was freilich Ihre führende, also dominante Hand ist.

Antippen der Fedorakrempe ist dabei die am wenigsten formale Grußart, das Lüften semi-formal, das Abnehmen die eigentliche Grußform. Das Lüften hat den Nachteil, die Haare im Luftsog anzuheben und ungeordnet zu lassen, da man den Hut unmittelbar wieder aufsetzt, ohne nochmals mit der Hand durchzustreichen. Es ist also nicht für alle, insbesondere nicht für längere Haarschnitte geeignet.

In geschlossenen Räumen: Die gelegentlich vorgebrachte Regel, man solle innerhalb geschlossener Räumen sogenannte öffentliche und private Räume unterscheiden und nur in letzteren den Hut abnehmen, ist leider wenig hilfreich, da sie schlicht falsche Schlüsse liefert. Das Restaurant ist ohne Zweifel ein öffentlicher Raum, der Hut ist jedoch abzunehmen, der Hörsaal ist ebenfalls ein öffentllicher Raum, und doch muß auch in ihm der Hut abgenommen werden.

Ich gebe hier drei Regeln, die weitgehend deckungsgleich sind und alle recht einfach anwendbar. Suchen Sie sich eine Regel heraus, die ihnen am Besten gefällt. Nehmen Sie den Hut ab:

  1. in Räumen, die dem Hauptzweck des Sitzens dienen, oder
  2. in Räumen, in denen die Anwesenden die Garderobe abgelegt haben, oder
  3. in Räumen, die Sackgassenräume darstellen, also Räume des Ankommens sind (d.i. keine Durchgangsräume)

Diese Regeln leiten sich leicht aus der Grundregel der bürgerlichen Gesellschaft und der Bedeutung des Hutes ab. In der bürgerlichen Gesellschaft sind alle Mitbürger gleich, d.h. erhalten dieselbe Respektsbezeugung. Der Hut aber ist in seiner Kronenhaftigkeit ein Symbol von Überordnung und Befehlsgewalt (Beispiel: Königskrone und der nicht vorhandene Helm des „Hauptmanns von Köpenick“ von Zuckmayer). Um diesen Eindruck der Überhöhung im direkten Kontakt nicht entstehen zu lassen, wird bei Begrüßungen der Hut von beiden Seiten kurz abgenommen, und zwar als symbolische Geste der Gleichsetzung der Begrüßenden untereinander. In Räumen, in denen man sitzt, in denen man abgelegt hat oder die dem endgültigen Niederlassen dienen, findet zudem ebenfalls eine Art Begrüßung statt, wenngleich nicht persönlicher Art.

Im Fall der ersten Regel tritt hinzu, daß Stehen und Sitzen – wie das Tragen von Kopfbedeckungen – eine hierarchische Symbolik haben: Der König sitzt auf dem Thron, seine Untergebenen und Bediensteten stehen um ihn, der Kellner steht an der Wand und wird von den sitzenden Gästen des Restaurants herbeigerufen. Auch das Umgekehrte ist möglich: So ist der stehende Professor der den Hörern übergeordnete Inhaber des Hausrechts im Hörsaals.

Diese hierarchische Bedeutung von Stehen und Sitzen ist auch der Grund dafür, daß Sie im Falle eines Privatbesuches, bei welchem Sie mit dem Gastgeber am Tisch plaudern, und der sich entscheidet, den Gästen ein Mahl zu servieren, anbieten, mitzuhelfen. Denn er steht auf und übernimmt damit Haltung und Aufgabe des Kellners. Sie sind als Gast aber nicht in der Position sich bedienen zu lassen als hätten Sie bezahlt. Daher bieten Sie Ihre Hilfe an, indem Sie sich auf die gleiche Stufe Ihres Gastgebers herablassen.

Dasselbe gilt für das Aufstehen, wenn Mitglieder der Tafel (insbesondere Damen und bedeutende oder ältere Herren) sich erheben – etwa um zu gehen (teils beim vorübergehenden und immer beim endgültigen Verlassen der Gesellschaft). Darauf beruhen viele Scherze der Stummfilmkomödien der 20er-Jahre, wenn eine Dame Bewegungen am Tisch ausführt, als wolle sie aufstehen, die sich jedoch als zufällig erweisen, gleichwohl die versammelten Frackträger wie ein Mann in die Höhe schnellen lassen, um sich nachher schließlich etwas belämmert wieder niederzulassen. Gern in mehrfacher Wiederholung, bevor die Herren nicht mehr reagieren, während die Damen mit dem Erheben nun ernst macht.

Betreten Sie nun also einen Raum, der dem Sitzen dient, so haben Sie im Grunde durch das Eintreten bereits die falsche Haltung – was freilich unvermeidlich ist. Setzen Sie aber nun noch einen Hut auf, so ist der Befehlsgestus perfekt (Beispiel des Feuerwehrmanns, der das Restaurant evakuiert) – aber genau diesen Eindruck wollen Sie in der bürgerlichen Gesellschaft vermeiden. Also nehmen Sie den Hut in solchen Räumen ab, noch während Sie eintreten oder unmittellbar danach.

Besonders einfach ist die Regel, welche sich an der Garderobe der im Raum Anwesenden orientiert. Haben diese abgelegt – was mit dem Platzeinnehmen meist identisch ist und ebenfalls den Sackgassenraum anzeigt (die Regeln sind eben nahezu identisch) – so legen auch Sie ab, was zu allererst das Ablegen des Hutes bedeutet. Freilich ist diese Regel nur vom Herbst bis ins Frühjahr praktikabel, da im Sommer selten überhaupt abgelegt wird.

Daß alle Büros, Theatersäle, Versammlungsräume, Restaurants, Bibliotheken, Wohnungen usw. Sackgassenräume sind, versteht sich von selbst, und sind somit ohne Hut zu betreten. Diese Regel hat den Vorteil die Kaufhalle auszuschließen, die zwar früher nicht zum Hut-Abnehmen gezwungen hat, ich es aber heute, der Ungewöhnlichkeit wegen, doch empfehllen würde.

Bedenken Sie, daß die Regel des Hutabnehmens beim Grüßen durch diese Regeln für geschlossene Räume nicht außer Kraft gesetzt wird. Da beispielsweise die ersten beiden Regeln auch für Kaufhallen gilt und Sie daraus schließen könnten, in allen Läden den Hut aufbehalten zu können, so zwingt Sie doch ein kleiner Laden beim Eintritt obgleich nicht zum Abnehmen des Hutes im Sinne der geschlossenen Räume, sehr wohl aber, um den Ladeninhaber oder andere Kunden zu begrüßen. Gleichwohl können Sie ihn sodann wieder aufsetzen. Dasselbe gilt für eine Hotel-Lobby, die freilich ein Durchgangsraum ist (die Sitzgelegenheiten sind ein Nebenzweck), an der Rezeption werden Sie jedoch vom Rezeptionisten begrüßt. Wobei hier Mancher anführen wird, daß vorm Rezeptionisten der Hut ohnehin nicht abzunehmen ist. Das war früher durchaus der Fall – man lüftet den Hut ja auch nicht vorm Liftboy – aber in dieser Beziehung hat sich wohl einiges verändert. Dergleichen liegt vielleicht heute eher im Ermessen des Einzelnen.

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6 Gedanken zu “Der Herren-Hut . Teil 4 . Hut-Etikette

  1. Mr. Caligari

    Sehr geehrter Herr,

    können Sie eventuell noch etwas zu allgemeinen Benimmkultur sagen? Der Knigge scheint mir nicht mehr sehr geläufig, zudem auch nicht mehr den traditionellen Maßstäben entsprechend.
    Der Herr hält der Dame die Tür auf, die Dame lässt den Herren im Treppenhaus vorangehen beispielsweise.

    Für mich noch wichtig wäre eine Art „Regelwerk für Publizisten“. Welche Regeln gibt es für Schriftsteller und Autoren? Beides selbstredend im weitesten Sinne gemeint, so wie Frege ja vom „wissenschaftlichen Schriftsteller“ schrieb.
    Sehe ich das richtig, dass man kritische Einwände und Anmerkungen in der Regel vorab per Brief (oder eMail) an den Autor zu adressieren hat? Muss man einen Autoren nebenher über eine kritische Besprechung informieren, wenn diese in einer Zeitschrift erscheint?
    Wie ging man traditionell mit Zitaten um? Bei Schopenhauer oder anderen Autoren sehen die ja doch sehr anders aus als bei unseren heutigen Wissenschaftlern.

    Es scheint sich von selbst zu ergeben, dass eine anonyme oder pseudonyme Schrift persönliche Angriffe um jeden Preis zu vermeiden sucht, aber welche Anstandsregeln gab es da?

    Danke im Voraus; ich hoffe, Sie betrachten das als Anregung.

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  2. Der Knigge gilt eigentlich nach wie vor, denn er spricht ja nicht von Fragen des Türaufhaltens oder wo Messer und Gabel liegen, sondern von den Verpflichtungen beim Tischgespräch und ganz allgemeine Benehmensfragen. Das ist im Grunde noch ganz genauso gültig, wie vor 200 Jahren.

    Ich denke, das Beispiel des Türaufhaltens zeigt recht gut, woran man sich orientieren kann. Wenn die Dame den Herren nicht vorauseilen läßt, sodaß er überhaupt die Chance erhält, ihr die Tür aufzuhalten oder etwa mit Eile zur Garderobe drängt, sodaß Sie ihr gar nicht in den Mantel helfen können, würde ich kein Rennen veranstalten, sondern dann weiß sie es nicht oder wünscht es nicht und also läßt man es.

    Kritische Rezensionen sind schon immer auch anonym verfaßt worden, auch von den ganz Großen. Eher informiert man den Autor, wenn man eine positive Rezension verfaßt hat. Die negative Rezension interessiert den Autor auch nur selten: Goethe sagt, man solle noch nicht einmal auf eine Rezension antworten, wenn einem darin vorgeworfen werde, Silberlöffel gestohlen zu haben. Allerdings muß man heute natürlich acht geben, ob nicht Verleumdungen oder Beleidigungen vorkommen, die justiziabel sind.

    Schopenhauer zitiert sehr präzise, da war er Pedant. Indirekte Zitate sind früher, würde ich meinen, eher genauer gewesen als heute, wo gelegentlich diese Methode verwendet wird, um unrichtige Dinge zu unterstellen. Aber mit harten Bandagen wurde im Zweifel immer gekämpft. Lesen Sie bspw. die Auseinandersetzungen zwischen Götze und Lessing oder Schopenhauer und Brockhaus – da werden persönliche Angriffe geradezu gesucht. Und das war gerade bei anonymen Rezensionen schon immer noch leichter. Aber es wirft natürlich kein gutes Licht auf den Autor. Ob man dergleichen veröffentlichen will, ist also vielmehr eine Persönlichkeitsfrage.

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  3. Mr. Caligari

    Sehr geehrter Hr. Wangenheim,

    ich hoffe, dass Sie mir eine Folgefrage gestatten.

    Zur Frage des Türaufhaltens haben Sie meines Erachtens alles wesentliche gesagt. Diese Auffassung kann man durchaus übernehmen. Es stellt sich jedoch die Frage, ob solche Regeln nicht de facto an Bedeutung verlieren, wenn die Unterschiede zwischen den Geschlechtern, zwischen Alten und Jungen und allgemein das Gefühl für Autorität immer mehr verloren geht. Welcher junge Mann bietet einer alten Dame von sich aus noch den Sitzplatz an? Ich selbst tue es häufig schon nicht, zumal dieses Verhalten nicht erwartet wird. Nun bin ich aber auch nicht mehr „jung“.

    Was die Publikation angeht, sehe ich eher Bedarf nach weiterer Klärung, falls dies gestattet ist.
    Die Briefe Schopenhauers an Brockhaus waren – meinem Kenntnisstand nach – privater Briefverkehr, der niemals für die Öffentlichkeit bestimmt war. Das die beiden Männer sich darin durchaus nicht den besten Anschein geben, scheint mir vor diesem Hintergrund verständlich.

    Wie sehen Sie es mit der Wahl der Publikationsform?
    Sie machen ja Videos, schreiben Bücher und verfassen Blogbeiträge. Dabei stellt sich doch die Frage, welches Medium für welche Botschaft geeignet ist.
    Nach meinem Gedanken muss man hier drei Gesichtspunkte ins Auge fassen:
    1. Die Verfügbarkeit
    Entgegen althergebrachten Mythen verschwinden Seiten im Internet durchaus spurlos und werden nachher nur noch von Kundigen in Archiven gefunden. Bei Büchern ist es so, dass durch offizielles Erscheinen auf den Buchmarkt (sei es mit, sei es ohne ISB-Nummer) die Bücher archiviert und katalogisiert werden. Es hat sich historisch gezeigt, dass die Werke damit auch für künfige Generationen auffindbar sind.
    Anders sieht das bei Beiträgen für Magazine aus (wer durchsucht schon alte Zeitungen?) oder bei Broschüren, die man herausgibt.
    2. Die Kosten
    Bei Büchern ist es allgemein üblich, dass die Kunden die Kosten für Herstellung, Vertrieb und dergleichen vollständig eingepreist bekommen.
    Bei Zeitschriften ist es zwar üblich, eine gewisse Summe zu bezahlen, aber eigentlich sind diese Werbefinanziert, genauso wie Youtube oder die meisten mir bekannten Blogs.
    Selbstgehostete Blogs und manche Verlage verlangen vom Autoren sogar noch Geld.
    3. Ästhetik
    Ich denke, hier brauche ich keine Erkärung.

    Nach diesen Kriterien scheint mir entweder die Herausgabe in einem Sammelband oder die Publikation eines eigenen kleinen Buches, eventuell im Selbstverlag, sehr verführerisch.

    Danke im Voraus, für Ihre Gedanken.

    Gruß

    C.

    P.S.: Mir geht da eine kleines Essay im Kopf herum, in dem es um die zunehmende Verrechtlichung von politischen oder moralischen Entscheidungen geht. Wenn z. B. das Verfassungsgericht (egal ob deutsch oder europäisch) irgendwelche ethisch heiklen Fragen beantworten muss statt politische Debatte, dann scheint mir eine Verschiebung stattgefunden zu haben. Beispielsweise die vielen Urteile zum Datenschutz, zum sog. „dritten Geschlecht“ oder zur Bankenrettung, die auch als „Eurorettung“ bezeichnet wird.
    Das scheinen mir durchaus alles Fragen zu sein, die in ein Parlament oder sogar in einen philosophsichen Gesprächskreis gehören, nicht vor ein Gericht.
    Anscheind ist mir da jemand schon zuvorgekommen, wenn auch aus angelsächsicher Sicht:
    „Gärditz, Klaus Ferdinand: Nostalgische Justizstaatsskepsis, VerfBlog, 2019/9/03, https://verfassungsblog.de/nostalgische-justizstaatsskepsis/.“

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  6. Ich halte diese Regeln alle für zeitlos, allerdings sind sie natürlich nur in einer bürgerlichen Gesellschft üblich. Von der entfernen wir uns zunehmend. Aber es mag jeder selbst entscheiden, ob er das mitmachen will oder wenigstens selbst dabei bleibt, um ein gutes Bild abzugeben.

    Sobald der Serveranbieter nicht mehr bezahlt wird, pleitiert oder das ganze Netz zusammenbricht, ist ein Internettext natürlich dahin. Daß allerdings ein Buch, das Sie selbst drucken lassen, größere echte Überlebenschancen hat, ergibt sich nicht ohne weiteres. Nur weil es in der Nationalbibliothek liegt, wird es noch lang nicht gefunden. Sie müssen das Buch also auch an den Mann bringen. Wenn es dann eine gewisse Verbreitung hat, dann wird es auch Bestand haben und kann von zukünftigen Generationen in wohlgeordneten Privatbibliotheken vererbt und gefunden werden. Auch das ist ein sehr seltener Vorgang, aber immerhin möglich. Ansonsten gilt: Je mehr Bücher verstreut in der Welt liegen, desto größer sind die Chancen, daß eine zukünftige Generation das Buch noch wahrnimmt.

    Bei Sammelbänden habe ich meine Bedenken. Die lesen ja nichtmal die beteiligten Autoren.

    Ja, diese Verlagerung aus dem selbstverständlichen Rechtsempfinden in das fomale Recht ist in letzter Zeit ein immer merkwürdigerer Vorgang und sicher mancher Analyse wert. Etwas, worüber ich in der Vergangenheit auch gelegentlich nachgedacht habe.

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