Logik bei Goethe, Schopenhauer, Nietzsche und Spengler – eine Verwechslungsgeschichte mit der Begriffsphilosophie

Ein logischer Fehler in einer Diskussion mit einem jungen Nietzscheaner hat mich auf diese Richtigstellung der Bedeutung der Logik in der nicht-akademischen Philosophie gebracht.

Was man weder mit dem Dichterfürsten, noch Nietzsche oder Spengler assoziieren würde, ist in der Tat die wesentliche Leistung der alternativen, will heißen nicht-akademischen Philosophie des 19. Jahrhunderts: das Hochhalten der Logik.

Schopenhauer ist nicht nur mit seiner Sprachpedanterie, der logisch ausgesprochen akuraten Sprache der Welt als Wille und Vorstellung, sondern ganz zweifellos mit seiner ersten Schrift, der Vierfachen Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde ein echter Logiker – wenngleich das selten Erwähnung findet. Bedeutender aber ist die Tatsache, daß er trotz des Gesellschaftsabends, den seine Mutter im Weimar der Jahre 1806 ff. hält und zu denen u.a. auch Goethe regelmäßig anwesend ist, erst durch diese Doktorarbeit in näheren Kontakt zum großen Dichter gerät. Und das deshalb, weil Goethe von der Schrift begeistert ist.

Daß gerade er, der Feind des akademischen Denkens und der Logik – wie man oft fälschlich interpretiert hat – dieses ausgenommen trockene Buch Schopenahauers begierig liest, ist nur so lang sonderbar, wie man Goethes Äußerungen zur Logik falsch versteht. Da ist in Dichtung und Wahrheit (6) durchaus nicht von einer ungenügenden oder sinnlosen Beschäftigung mit der collegium logicum die Rede, sondern von einer außerordentlichen Leichtigkeit, mit der er die Logik von Jugendjahren an beherrscht habe.

In ganz gleicher Weise spricht Nietzsche in Jenseits von Gut und Böse – als würde er mit Goethe im hohen Geistergespräch (Schopenhauer) stehen – über das tänzelnd-leichte Denken in presto (213). Zugleich eröffnet er einen genaueren Blick auf die Differenz zur akademischen Behandlung des Denkens. Leidvoll, langsam und gezwungen seien die Denkoperationen der Gelehrten gegen die Leichtigkeit des echten Denkers. Woher jedoch diese Schwierigkeit kommt, die sich dem Akademiker auftut, vermag er nicht zu sagen. Freilich würde Nietzsche antworten: Sie sind eben kein Dynamit. Doch es gibt einen guten Grund, der übrigens weit über die Behäbigkeit des Brodgelehrten bei Schiller hinausgeht.

Am Beispiel Hegels, dessen definitorisch setzende Sprache ich der logischen Fortentwicklung bei Schopenhauer entgegenstelle, wird die Lage besonders deutlich. Der Akademiker, der Professor, der Brotgelehrte, er tut sich deshalb im Denken mit der Logik schwer, weil ihm die Freiheit fehlt, unbedarft mit der Logik fortzuschreiten. Der Monarch als Letztentscheider, das ist kein Zufall in Hegels Rechtphilosophie. Er muß dorthin kommen. Hätte ihn die Logik dazu geführt, dem Volk gebühre die Letzte Entscheidung, so wäre er seine Professur freilich losgewesen.

Nur der freie Denker, groß genug, wie Geothe, finanziell über ein Erbe abgesichtert, wie Schopenhauer und Spengler, oder in Pension, wie Nietzsche, kann sich die ungeschönten Konsequenzen der Logik leisten. Während der Akademiker gewisse Ergebnisse des Denkens, die gesellschaftlich oder bei der Obrigkeit ungern gesehen sind, mit falscher Logik übertünchen, sich Verrenken und Verbiegen muß im Reich der Logik, was freilich eine schwere Aufgabe und mit leicht-tänzelnder Denkungsart nichts zu tun hat, kann allein der unabhängige Philosoph frei heraus der Notwendigkeit der Logik folgen als wäre es sein eigener Wille.

Und so kommt es, daß gerade jene Philosophen, die als Sprachkünstler, Analogiker oder überhaupt nicht als ernstzunehmende Denker aus dem curriculum der Universitäten mehr oder weniger verbannt sind, die eigentlichen Fakelhalter der Logik, der denkerischen Präzision sind. Nämlich immer dann, wenn es wirklich brenzlig, also interessant wird. Und so geht das hohe Geistergespräch der geistigen Riesen fort, die sich durch die öden Zwischenräume der Zeit ihr Denken zurufen, während unten, wie Nietzsche Schopenhauer zitierend bemerkt, das mutwillig lärmende Gezwerg hinweg kriecht.

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