Luther und Nietzsche . Analogien zweier Religionskritiker und Zeitalter („Kultur und Ingenium“, Einleitung zu Kapitel X)

 

Inhalt:

1. Der Titel des Kapitels X (Kultur und Ingenium): „Willensphilosophie…“, soll hier der Oberbegriff für sowohl den scholastischen Voluntarismus als auch die Willensphilosophie des 19. Jh. bedeuten, also Schopenhauers („Die Welt als Wille und Vorstellung“), Nietzsches („Der Wile zur Macht“) bis hin zu Spenglers Ursymbolen als Willensausdrücken verschiedener Kulturseelen. Die spät-scholastische Philosophie, welche den Kern des Kapitels ausmacht, wird also in Analogie zur Willensphilosophie des 19. Jahrhunderts gesetzt. Genauer: Der Übergang aus der Gotik in die Renaissance sowie der Übergang aus der Romantik in den Rationalismus des späteren 19. Jahrhunderts erweisen sich als Analogien, nämlich je als Übergang aus tief-ingenen Vorstellungen in eine kultische Weltanschauung.

2. Allgemeiner Einschub: Wie an vielen Stellen von „Kultur und Ingenium“ dienen gerade hier, in den einleitenden zwei Seiten dieses Kapitels, Anekdoten zur Darstellung der Analogien. Das ist – im Vergleich zu den konkreten Ausführungen im Kapitel selbst – natürllich äußerst vage. Die Einleitung dient insofern lediglich der Einstimmung in das Problem. Daß dennoch bei genauem Lesen schon eine Fülle von Feinheiten herauslesbar ist, was später erst zur Ausführung kommt, wird im Folgenden deutlich werden.

3. Die erzählten Anekdoten sind also nicht um ihrer selbst willen hier zu finden, sondern haben einen Sinn. Nämlich die geschichtsphilosophischen Analogien aufzuzeigen, welche auf den folgenden 50 Seiten zur konkreten Behandlung herangezogen werden. Schauen wir in den Text:

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4. Zunächst lesen wir von einem nicht näher bezeichneten Studenten, der offenbar in vorindustrieller Zeit von Norden gen Erfurt marschiert. Er nimmt den Anblick des Dombergs mit den beiden Kirchen aus erhabener Entfernung war. Ein ähnliches Bild habe sich nun auch dem jungen Nietzsche als sechsjährigem Knabe gezeigt, als er von Röcken her kommend – nach dem Tod des Vaters mußte die Familie das Pfarrhaus verlassen – zum ersten Mal Naumburg sah, dessen Anblick ebenfalls von einem erhöht stehenden Dom geprägt wird. Diese zunächst recht oberflächlichliche Ähnlichkeit erhält nun aber eine geschichtsphilosophische Bedeutung.

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5. Denn für alle Leser, die bereits oben geahnt haben, daß es sich bei dem Erfurter Studenten, der von Norden her kommt, nur um Luther handeln kann, muß die Bezeichnung Naumburgs als Renaissance-Stadt, die tiefmittelalterlich überformt sei, bereits Aufmerksamkeit erregen. Nach 300 Seiten „Kultur und Ingenium“, worin die Wiederkehr der gotischen in der romantischen Architektur und auch die Wiederkehr der Renaissance in der Neo-Renaissance des mittleren 19. Jahrhunderts zu einer der wesentlilchen Analogien zählt, wird also diese Identität des architektonischen Eindrucks im Anblick zweier völlig verschiedener Zeiten zum geschichtsphilosophischen Phänomen erhoben. Hier kommt ausnahmsweise hinzu, daß es sich in Naumburg nicht um wiederbelebte Architekturstile handelt, sondern die Stadt nach der Renaissance derart an Bedeutung verlor, daß sich die alte Architektur 300 Jahre lang hielt. Die architektonischen Eindrücke Luthers und Nietzsches als junge Männer sind also ausgesprochen ähnlich.

6. Dazu gesellt sich aber nun die religiöse Gefühlswelt Nietzsches, der den Tod Gottes – neben seiner Freude über den Untergang des Christentums – auch als Verlust empfindet, nämlich indem dieser Niedergang der Religion den Weg für den letzten Menschen bereitet. (Dies übrigens in KuI das Auseinandertreten der kultischen Mitte in die ingene Spreizung, bestehend aus Masse: letzte Menschen, und den ingenen Herrscher: die Übermenschen.) Dazu die kurze Ausführung wie es aus der zumeist katholischen Romantik (Nazarener) zum Realismus, zum Rationalismus des späten 19. Jahrhunderts kommt.

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7. Diese religiöse Unsicherheit, Verwirrung oder Verlustangst trete aber ganz ebenso in der Zeit Luthers auf, wie der folgende Absatz berichtet, also 350 Jahre zuvor. Die religiösen Reform-Bewegungen, die bereits aus dem 10. Jahrhundert herrühren und zum Teil von der Kirche als Ordensbewegung integriert werden können, teils als Ketzerbewegung verfolgt werden müssen, wenn sie allzu fern der politischen und religiösen Ordnung erscheinen, verstärken sich zusehends im Mittelalter. Nicht aber die Geißler usw. reformieren das Christentum, sondern eine Rationalisierung, eine alttestamentarische Interpretation der gotischen Glaubenswelt, die (wie vor allem das Kapitel VI, S. 186 ff zeigt) zutiefst neutestamentarisch gebildet ist. Die religiösen Empfindungen also zeigen dieselbe Analogie, wie die Verhältnisse der Architektur. Sie führen auch zu ähnlichen Ergebnissen: So ist es Luther, der eine neue Religion begründet und Nietzsche tut dies ebenfalls, indem er den Zarathustra schreibt, der – wie sich wenige Jahre später herausstellt, als man weitere Teile des Thomas-Evangeliums wiederentdeckt – sehr nach diesem nicht in die Evangelien aufgenommenen Text klingt.

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8. Da also nun neben der architektonischen auch die religöse Ähnlichkeit anschaulich gemacht ist, folgt nun die eigentliche Anekdote, welche sich um Luther bekümmert, der nun noch einmal klarer als der Jurastudent des Jahres 1505 bezeichnet ist. Er gerät nämlich, wie wir erfahren auf dieser Wanderung ins neue Semester ungeschützt auf freiem Feld in ein fürchterliches Gewitter. Warum aber ist das ein wichtiges Ereignis? Das soll uns die folgende Neben-Anekdote zeigen:

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9. Um die Nachvollziehbarkeit der hohen Bedeutung dieses Erlebnisses zu verstärken, folgt hier der Einschub eines anderen, für das religöse Empfinden eindrücklichen Ereignisses, das sich 342 in Ravenna zugetragen hat, als ein einfacher Mann, der zur Papstwahl auf den Marktplatz kam, zu ebendiesem Papst gewählt wurde, weil sich vor aller Augen eine weißte Taube auf seine Schulter setzte. Zufälligerweise lagern seine Gebeine heute ausgerechnet im Domberg zu Erfurt. So wie hier das Naturereignis religiös interpretiert wurde, so nun auch dieses Gewitter, dem der junge Luther sich ausgesetzt sah, denn er empfindet sich darin den widergöttlichsten Kräften ausgesetzt. Außerdem zeigt diese Analogie die durchaus altertümliche Glaubensauffassung, von der Luther ausgeht, eine, die bereits antik war (siehe das Datum 342 n. Chr.) und bei Luther wieder eine strafende, alttestamentarische Form erhält, als er in der Natur überall das Teufelselement erblickt.

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10. Das Ergebnis dieser ängstigenden Naturerfahrung, gepaart mit dem oben erwähnten Verlust seines Freundes und der unbefriedigenden Oberflächlichkeit seines Jurastudiums und seines Lebens überhaupt ist nun die Anrufung des Himmels und der Entschluß, sich dem Glauben hinzugeben, als er schließlich die heilige Anna anruft und um Hilfe bittet.

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11. Endlich werde – so der Schlußabsatz – Luthers Auffassung des Christentums zum Zeichen der neuen Weltanschauung seiner Zeit, nämlich des Übergangs aus der ingenen Gotik in die kultische Renaissance, indem zwar alles folgerichtig aus den Ketzerbestrebungen und der spät-scholastischen Philosophie der Gotik (dem Hauptthema des Kapitels, das schließlich mit der Reformation endet) heraustritt, aber nun, im Gegensatz zu allen mittelalterlichen Reformbestrebungen Luther eine weltliche Stütze unter seinen anti-kirchlichen Bestrebungen findet, namentlich Kurfürst Friedrich III. (der Weise), worin nun der entscheidende Unterschied zu allen früheren Reformbestrebungen liegt (sofern sie nicht nur Armutsbewegungen waren, sondern andere theologische Auffassungen verfolgten als die Kirche sie vertrat).

12. Diese weltliche Stütze aber zwang Luther auch zu ganz erheblichen Zugeständnissen an die Macht. Illustrativ ist dabei der sehr viel andere Lebensweg seines Mitstreiters Karlstadt (Andreas Bodenstein), der bei seinen sozialistischen, aufrührerischen, sozusagen extremen, ur-christlichen Positionen bleibt und daher letztlich von Luther fallen gelassen werden muß. Die Reformation siegt im Sinne der neuen weltlichen, kultischen Epoche des Abendlandes, der Frühen Neuzeit, insonders der nordischen Renaissance. In derselben Weise aber siegt bei Nietzsche die weltliche, die Machtposition des „Willens zur Macht“, des Tatmenschen gegen den religiösen Schwärmer. Dazu auch seine Abwendung von Wagner, der ein lebensunfähiges Christentum propagiere (Parsifal).

Das ist die Haupt-Analogie, die hier für das kommende Kapitel vorausgedeutet wird und dem aufmerksamen Leser schon in vielfältiger Weise bewußt werden kann, bevor die eigentliche Ausführung der Gedanken folgt.

*

Ein Gedanke zu “Luther und Nietzsche . Analogien zweier Religionskritiker und Zeitalter („Kultur und Ingenium“, Einleitung zu Kapitel X)

  1. Rico Kiel

    Vielen Dank verehrter Herr Wangenheim für die nachträgliche Erläuterung!
    Ihre Gegenüberstellungen sind überaus interessant und mir beim Lesen nicht aufgefallen. Erfüllen sie doch den determinativen Duktus als von Ihnen durchschautes, sich wiederholendes Schicksal. Als ein bis dato stetig fehlgedeutetes Metanarrativ erglaubten Unfreien Willens verführter Massen.

    Gefällt 1 Person

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