Der Herren-Hut . Teil 3 . Kreissäge (Boater) und Panamahut

[unbezahlte Werbung] wegen Nennung von Herstellern

Ich hänge diesen dritten Teil zum Sommerhut nur aus Spaß an der Freude an, da ich eine Kreissäge geschenkt bekommen habe und überdies einige Resonanz zur Frage des richtigen Sommerhutes erhalten habe.

Der Panamahut, der im Grunde nichts anderes als ein grasgeflochtener Fedora mit breiter Krempe ist, sollte im Idealfall dieselben Kriterien erfüllen, wie der Fedora, den wir in Teil 2 besprochen haben, darf aber durchaus auch gekrümmte Kronenflanken haben. Die Preise können für sehr fein geflochtene Hüte exorbitant werden, aber für 100-200€ (oder gebraucht wesentlich billiger bei Ebay) bekommt man durchaus vernünftige Ware.

Die Kreissäge wird heute noch immer produziert, vermutlich weil englische und amerikanische Privatschulen und -Universitäten sie zu Ihren Hausuniformen zählen. Bei Lock & Co. Hatters kostet der Boater 135 Pfund. Die Flechtung ist verhältnismäßig grob, aber so auch historisch vorhanden. Eine andere Quelle ist J. J. Hat Center (175$). Billiger ist der Boater von Olney (50 Pfund) oder der von Gamble & Gunn (55 Pfund). Zur Qualität kann ich nichts sagen. Auch sind diese Hüte als Vintage-Ware – also gebraucht und etliche Jahrzehnte alt – auf Ebay nicht sonderlich selten und werden immer wieder recht günstig gehandelt, vor allem in den USA.

Achten Sie darauf, daß der Boater ein steifer Hut ist und sich deshalb nicht im geringsten an Ihre Kopfform anpaßt, wie etwa der Panamahut oder der Fedora. Er muß also im Zweifel etwas weiter gekauft werden. Die Freiräume werden dann mit Korkstreifen (hinter dem Hutband) ausgefüllt, sodaß der Hut nach Wunsch paßt. Dazu ist das Hutband auch gar nicht direkt mit dem Stroh vernäht, sondern häufig eine Art Netz dazwischengefügt, sodaß Platz für Korkstreifen bleibt.

Schweißband Kreissäge.JPG
locker angenähtes Schweißband in einer Kreissäge (Boater) um 1900 oder 1920er zum Hinterlegen von Korkstreifen

Daß der Boater ein ausgesprochener Hochsommerhut ist, zeigt sich an der verhältnismäßig schmalen Krempe, die auch ihrer Geradheit wegen bei niedrig stehender Sonne kaum Blendschutz bietet. Es ist der Hut für den wolkenfreien Hochsommertag. Übrigens ist der Boater der einzige Hut, der mit bunten Hutbändern getragen werden darf (z.B. der Link zum Olney oben). Zumindest zeugen historische Werbeanzeigen davon, so von Leyendecker, bei Stetson oder bei Knapp. Allerdings ist dergleichen auf historischen Photos meiner Erfahrung nach nicht zu sehen (von schmalen roten oder weißen Mittelstreifen abgesehen). Immerhin ist mir neulich aufgefallen, daß Hans Albers als Geheimagent im Ur-Bond Ein gewisser Herr Gran von 1933 gleich in seiner Eröffnungsszene auf dem Wassertaxi in Vendig (ab Minute 6:00) ein offensichtlich dreifarbiges Hutband auf seiner Kreissäge trägt, vielleicht sogar in den italienischen Nationalfarben.

Die Formalität der Kreissäge, ihre Geradheit und Rechtwinklichkeit, wird deutlich durch das Material und den sommerlichen Einsatz gebrochen, d.i. die Freizeitanmutung, die sie aus ihrer Herkunft als Segelhut mitbringt. Das macht sie zu einer recht ambivalenten Kopfbedeckung. Dieser Punkt setzt sich darin fort, daß die Kreissäge, wie die Melone, gern von Comedians getragen wurde, z.B. Buster Keaton oder Harold Lloyd in Safety last!

Daß der Boater dennoch kein Clownshut ist, wie die Melone, die, wie ich schon in den voraufgehenden Teilen sagte, aus diesem Grund schon in den 20er-Jahren aus der Mode kam, erkennt man bereits daran, daß Keaton und Lloyd keine eigentlichen Clownsfiguren sind, sondern im Grunde waghalsige Draufgänger, die sich lediglich durch weitgehende Unbefangenheit in die unmöglichsten Situation versetzt sehen, diese dann aber mit Wagemut meistern. Diese Sympathieträger haben womöglich gerade in den USA die Beliebtheit des Boaters noch gesteigert. Aber schon 1921, also vor der Filmhysterie, ist der Times Square in New York voll von Tausenden Kreissägen, als die Radioübertragung eines Boxkampfes öffentlich zu Gehör gebracht wird. Es ist schwer, auf dem Photo einen Kopf zu finden, der keine Kreissäge trägt. Aber auch 1932 ist sie im Stadtbild noch allerorten präsent.

Wie beim Fedora hat sich das Huttragen in Amerika länger gehalten, sodaß uns Europäer die Kreissäge mehr noch an die Belle Époque erinnert als an die 20er-Jahre, was meiner Auffassung nach auch die besondere Wirkung dieses Hutes herbeiführt: Man denkt sofort an die gute alte Zeit, nämlich noch vor dem Ersten Weltkrieg, was dem Ganzen neben der spaßhaften Nonchalance, die er bereits historisch hatte, noch einen besonders interessanten Zeitmaschinen-Effekt beschert.

Nichtsdestoweniger ist es freilich ein auffälliger Hut. Wer im Sommer mit Hut wenig Aufsehen machen will, der wählt natürlich einen Panama. Wer aber die draufgängerische Witzigkeit liebt, der setzt sich eine Kreissäge auf. Wäre doch gelacht, meine Herren!

Hier geht’s zum vierten Teil zur der Serie: Hut-Etikette.

IMG_3646.JPG
mit der Kreissäge auf Wanderschaft

*

4 Gedanken zu “Der Herren-Hut . Teil 3 . Kreissäge (Boater) und Panamahut

  1. Pingback: Der gute, elegante Herren-Hut . Welches Modell sollten Sie wählen? – Teil 2 – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

  2. Pingback: Der Herren-Hut . Wie Sie ihn richtig tragen . Teil 1 . Voraussetzungen – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

  3. Nils Mühlbrandt

    Danke an den Pudel für das tolle Bild „Kreissäge auf Wanderschaft“ und herzliche Grüße von Maxi Weiher und Nils Mühlbrandt.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.